Achtung Feueralarm!

Verlassen Sie den Tunnel! Achtung Feueralarm! Verlassen Sie den Tunnel! Die steinalte Sophia hört eine schneidende weibliche Stimme, die seit circa 22 Minuten diese Worte stereotyp wiederholt. Dazu kommt Sirenengehäul, aber nur sporadisch. War etwa Feuer im Rheintunnel ausgebrochen? Sie hat Angst, geht nach draußen ans Rheinufer und sieht sich um. Alles scheint normal, sie riecht nichts, Spaziergänger haben keine Eile. Die Sonne scheint so freundlich zum astronomischen Sommerende. Das Symmetriedatum vom heutigen Tag 22-9-22 gefällt ihr besonders gut. Wäre da nicht diese stereotype kalte Automatenstimme mit ihrer unheilvollen Botschaft. Zwischen den Aussagen erklingt ein Gong, die Stimme wird lauter und leiser. Als ginge jemand hin und her. Achtung Feueralarm! Verlassen Sie den Tunnel! Das Wort Verlassen spricht die Stimme besonders unangenehm aus, das RRR rollt sie stark, das AA kommt quer und tief und so schrecklich verächtlich.
Für heute Abend nimmt sich die steinalte Sophia vor, keine Nachrichten zu schauen und stattdessen in ihrer Bibliothek den Atlas der Sterne hervorzunehmen, um die wichtigsten Sternbilder des Herbstes zu studieren.

Detail an einem Haus in Korschenbroich, Fotografie RW, 19. September 22

The Crown


In London stand der indische Prinz 12 Stunden im Queue, um in der Westminster Hall der verstorbenen Königin die letzte Ehre zu erweisen. Als er die Halle mit vielen anderen Wartenden betrat, sah er, dass die Kinder der Queen gerade ihre Vigil hielten. Alle vier hielten die Köpfe gesenkt, ein seltsamer Gegensatz zu ihren prächtigen Galauniformen. Auch die zehn militärischen Wachen hielten die Köpfe gesenkt, besonders eindrucksvoll bei den vier Grenadieren mit den schweren Bärenfellmützen.
Auf dem Sarg lag ein Kissen mit der Imperial State Crown, außerdem noch der Reichsapfel und das Zepter. Der indische Prinz kannte die Krone nur zu gut. Er liebte die eingesetzten Juwelen. Waren doch viele der eingearbeiteten Diamanten aus seinem Heimatland. Er wusste, dass es Forderungen aus Indien gab, den Koh i noor Diamant zurückgeben zu müssen. Dieser war, zerschnitten und geschliffen in mehrere Steine, auf der Krone von Elizabeth, Queen Mum, eingesetzt worden.
Der indische Prinz betrachtete die Krone auf dem Sarg. In diesem Augenblick schossen blaue Lichter aus den 2868 Diamanten und der St. Edward-Saphir im bekrönenden Kreuz steigerte sein Blau zu höchster Intensität. Der große Spinell, seit Jahrhunderten als Rubin des schwarzen Prinzen bekannt, auf der Frontseite der Krone, gab das Blutrot – während der Cullinan II, mit 317,4 Karat einer der größten geschliffenen Diamanten der Welt, auch unter dem Namen „Kleiner Stern von Afrika“ bekannt, dieses Blau und Rot neutralisierte zu klarstem Weiß. So wußte der indische Prinz, dass auch die kalten Edelsteine der Königin ihr wohlgemeintes Farewell gaben. Der indische Prinz nahm die Hände zusammen, führte sie zu Mund und Stirn und verneigte sich tief, bis die Ordner ihn aufforderten, weiterzugehen, um anderen Platz zu machen.

Imperial State Crown auf dem Sarg von Elizabeth II, Bildschirmfoto RW, BBC Live Stream, 17. September 22
Imperial State Crown, Quelle Wikipedia


«Zeige deine Wunde»

Der heilige Rochus zeigt seine Wunde. Er hat die Pest, muss sich isolieren. Ein treuer Hund bringt ihm täglich Brot. Bei Seuchen, Krankheit und Not kann man ihn als Nothelfer um Hilfe bitten. Er ist der Stadtpatron des Eifeler Städtchens Wittlich. Oben am Rathaus steht der Rochus in seiner Nische. Wir sehen ihn vom Eiscafé aus, dessen fleckiger Sonnenschirm heute im Regen den Heiligen wie ein schmutziges Laken verdeckt. Zwei E-Zigaretten-rauchende Tischnachbarn lassen ihre Dackel gellend laut kläffen, während am anderen Tisch sich fünf ältliche Frauen mit Brillen und Steppwesten über Krankheit, Tod und Überforderung beklagen.

Rathaus in Wittlich, Fotografie RW, 14.September 2022
«Zeige deine Wunde» ist der Titel einer Installation von Joseph Beuys von 1976, heute im Lenbachhaus München

An era comes to an end

Fast alles, was die steinalte Sophia im Blogeintrag vom 11. April 2021 zum Tode von Prinz Philip geschrieben hatte, war erfunden. Im Nachhinein schämte sie sich ein wenig, sich fremder Identitäten bedient zu haben.
Gestern Nachmittag kam nun die Nachricht vom Tode Elizabeth II. Die steinalte Sophia war geschockt. Natürlich hatte sie gehört, dass es der 96-jährigen nicht so gut ging und die Familie zu ihr nach Balmoral eilte. Sie hatte jedoch gehofft, noch den hundertsten Geburtstag der Queen erleben zu können. Und wahr ist, dass ihr der Tod der Queen sehr nahe ging, als gehöre sie zur eigenen Familie. Voller Trauer dachte sie an ihre verstorbenen Eltern, Tanten und Onkel, die zu eben dieser Generation der in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts Geborenen gehörten.

Fotografie des Vaters zum Besuch der Queen im Jahre 1965, Erbe und Sammlung RW

Arbeit des Eremiten

Der indische Prinz wollte das Haus nicht mehr verlassen. Die Nachrichten in den social media über Tausende wichtiger Ausstellungen von Künstlerfreunden und weiteren Kunstereignissen in vielen Städten, die er jetzt besuchen sollte, machten ihn krank. Tatsächlich wäre seine erste Reise nach Berlin gegangen zu Donatello in die Gemäldegalerie. Obwohl er viele Werke des seit Jahrzehnten verehrten Künstlers schon in Italien gesehen hatte.
Jetzt beschloss der indische Prinz, eine Weile Eremit zu sein. Er baute sich eine Höhle in seinem Kabinett, wo er in Ruhe Fundstücke und Erwerbungen genau unter die Lupe nehmen konnte. Er drehte und wendete die Scherben. Hatte sich bei einem Henkelfragment ein kleines graues Steinchen in einen Spalt gedrückt? Er wollte es mit dem Messer befreien, da erwies sich das Material als ein sehr weiches Metall, glänzte silbrig, Zinn oder Blei? War es eine zufällige Beigabe des Tons? Oder – da es sich am Henkelansatz befand – der winzige Rest einer ehemaligen Montierung? Darüber, dass er die Fragen nicht beantworten konnte, wurde er traurig, seine neuen Bücher halfen ihm nicht weiter. Er begann die Punkte auf dem Dekor eines besonderen Fragments zu zählen. Seine Freundin hatte behauptet, es wären Filmstreifen abgebildet. Das glaubte er nicht, für ihn waren es seidene Bänder mit Nahtlöchern. Als er dreimal 23 Punkte gezählt hatte, schloss er die Augen und schlief ein.

Scherbe mit Schleifendekor vom Kaiserswerther Rheinufer, Sammlung RW, Fotografie RW, digital manipuliert, 3. September 2022

Symbolbild

In letzter Zeit lese ich in drei Büchern über die Mudlarker in London. Sie kämmen bei Ebbe die Ufer der Themse ab, um Artefakte zu finden, die im Laufe der Jahrhunderte ihren Weg in den Fluss fanden. Neolithisches Werkzeug, römische Scherben aus Terra Sigillata, Gesichtsfragmente von Frechener Bartmannkrügen, Bruchstücke chinesischen Porzellans, Parfümfläschchen aus irisierendem Glas, Mineralwasserflaschen aus Keramik, Münzen aus jeder Epoche, tierische und sogar auch menschliche Knochen, Patronenhülsen und Gewehrkugeln, Knöpfe, Murmeln, Schuhschnallen aus der Zeit George III und Frozen Charlottes aus Biskuitporzellan von 1905.
Vor zwei Wochen waren wir wieder am Rhein in Kaiserswerth. Früh morgens, um der Hitze zu entgehen, kletterten wir an unserer vertrauten Stelle hinunter. Voller Freude sahen wir, dass das Ufer noch im kühlen Schatten der hohen Pfalzmauern lag. Der Rhein hatte noch mehr Wasser verloren, so dass wir direkt am Flusssaum gehen konnten und nicht mühselig über die Basaltbefestigung klettern mussten. Unsere Ausbeute war reich an diesem Tag, wir konnten viele Scherben von Westerwälder Keramiken und früherer Irdenware einsammeln, auch eine Glasscherbe, in die ein Relief mit einem Dreimaster (!) eingeprägt war. Ich fand zudem noch einen Knochen mit einem ausgeprägten Gelenk, das mich an Voluten antiker Kapitelle erinnerte. Es könnte der Mittelfußknochen eines uralten Säugetiers sein.
Da rief meine Freundin mir zu Schau mal das Schiff und sie machte ein Foto. Das Schiff kannte ich. Das fährt jeden Tag bei uns vorbei gab ich an. Meine Freundin glaubte mir nicht und ich verbesserte mich Auf jeden Fall ist es in meiner Schiffsnamensammlung!
Nun – dieses Schiff fuhr gestern tatsächlich bei uns vorbei – als ich nach langen Tagen zum ersten Mal wieder auf der Rheinwiese vor dem Haus spazieren ging.

DEO GRATIAS auf dem Rhein, Fotografie RW, 27. August 2022
Siehe auch meine Beiträge vom 17. April 2020 und 15. Juli 2022

23 Fiebertauben


Die steinalte Sophia konnte von ihrem Bett aus eine Taube sehen, die sich auf einer kleinen waagerechten Astgabel des hohen Gartenbaumes niedergelassen hatte. Hier konnte der Vogel Gleichgewicht halten, wollte ein wenig schlafen, hielt die Augen geschlossen und schaukelte hin und her. Dann nach einer Weile, hob die Taube den Kopf, als hätte sie ihre Betrachterin bemerkt. Sie blickte mit einem Auge in die Richtung des offenen Fensters, hinter dem Sophia halb aufgerichtet lag. Ruckend bewegte der Vogel den Kopf – stör mich nicht, ich brauche Ruhe, lass mich hier in meinem Gleichgewicht. Die steinalte Sophia aber wandte ihren Blick nicht ab, da begann die Taube sich zu putzen. Zerstreifte ihr Gefieder, der Schnabel glitt über die Brust, blieb fast dort kleben – tat sie da etwas Feuchtigkeit aus dem Schnabel hinein? – Die Flügelfedern bekamen unschöne Riefen, sie sah auf einmal räudig aus. Das gefiel der steinalten Sophia nicht, sie wandte sich ab und überließ die Taube ihrem Schicksal.
Das schöne Taubenhaus im Klostergarten von Seligenstadt mit den 23 weißen Tauben kam ihr in den Sinn und sie bat Einardus, Petrus Martyr, Marcellinus und die 14 Nothelfer um eine rasche Genesung.

Taubenhaus im Klostergarten der ehemaligen Benediktinerabtei zu Seligenstadt, Fotografie RW 2022

Wie es ihm wohl gehen mag?

Als der indische Prinz die umfangreiche Sammlung betrachtete, wunderte er sich über die feinen Landschaften in Stein, die direkt vorne am Rand auf dem Planschrank lagen. Wie ist das gemacht, fragte er die Sammlerin, ist da hineingemalt worden? Nein, das hat die Natur geschaffen. Es sind metamorphe Kalksteine aus der Toscana, genannt «paesine», entgegnete sie, durch Druck und Verschiebungen im Berg mehrfach gebrochen und wieder verheilt, die feinen Verheilungen gefärbt durch Eisen- und Mangananteile. Horizontale und vertikale Verwerfungen bilden so die Landschaften. Bei Claude Boullé in Paris haben wir sie entdeckt und das Glück gehabt, mit ihm direkt zu sprechen. Er hat noch André Breton und Roger Callois kennengelernt im Umkreis der Surrealisten in Paris. Schon sie haben bei ihm gekauft. Gerade vor kurzem wurden aus dem Besitz von Karl Lagerfeld zwei «Paesiene» aus dem Nachlass angeboten – Schätzwert zwischen 400 und 600 Euro. Auch er hatte sie bei Claude Boullé erworben.
Sofort wollte der indische Prinz nach Paris reisen in die Rue Jacob 28, um solche magischen Bilder zu kaufen. Hoffentlich gab es den Laden noch und hoffentlich würde er Claude Boullé noch sprechen können. Wie alt ist er, fragte er die Sammlerin. Er ist Jahrgang 1934, in zwei Jahren wird er 90, sagte sie leise. Dann werde ich gleich nächste Wochen nach Paris fahren, so ein beeindruckender Mann! Und er hat die Steine selbst abgebaut, geschnitten und poliert? – Ja, man kann einen Youtube-Film von 2020 über ihn sehen, da erzählt er von den Steinen.

Der Besuch bei der Sammlerin, Fotografie M. Angermair, digital bearbeitet von RW, mehr über Claude Boullé https://www.youtube.com/watch?v=OEjMfSDXvyo

Jubiläum

Dieses Bild, aufgenommen am Vorabend des Geburtstags, mag zeigen, wie festlich mir heute zu Mute ist, zum Jubiläum des schönen Buches, das im August vor einem Jahr herauskam und mein wahrer Schatz ist. Die Lichter werden angezündet, der Mond bleibt noch ein wenig bei seiner Sichel, die blaue Stunde ist da und Blau war mir schon als kleines Kind Synonym für schön und ich höre doch tatsächlich einen Strauss-Walzer, von der schönen blauen Donau. Und blassblau ist der Umschlag des Buches, eine unbeschreiblich schöne Farbe, genauso blassblau wie der schöne Rhein, der unten in Königswinter ganz ruhig dahinfließt. Im Buch betrachte ich immer wieder das Kostbare und Seltene, amüsiere mich über meine kombinatorischen Erfindungen und nehme wahr, wie die Worte der Dichterin und des Dichters sich im Laufe des Jahres mit meinen Stücken verwoben haben und jetzt mit mir verwandt sind. Zur Krönung des Festtags kam heute das Geburtstagsgeschenk – der alte Märchenring – voll besetzt mit leuchtenden Diamanten und grünen Smaragden, so dass der indische Prinz ganz eifersüchtig war, die steinalte Sophia sich aber so herzlich mitfreuen konnte ob der ganzen Herrlichkeit. Das Rosé zwischen dem Blassblau und dem Orange des Himmels lasse ich jetzt zum Abschluss in den Champagnergläsern aufleuchten. Prosit, mein indischer Prinz und meine liebe Sophia!

Blick vom Petersberg auf den Rhein, 2. August 2022, Fotografie RW.
Das Buch «Kostbare Sockel für seltene Dinge» mit Beiträgen von Nora Gomringer, Steffen Popp und Gregor J. M. Weber, kann bei mir bestellt werden, oder im Salon Verlag Köln, oder der Buchhandlung Walther König.
https://www.salon-verlag.de/book/kostbare-sockel-fuer-seltene-dinge/