Grün zu Beginn der Winterzeit

Die Platanen auf dem Rheindeich verlieren ihre Blätter. Sie segeln in großen Formaten von den gestutzten Bäumen. Auf dem Boden angekommen wirken sie noch größer, größer als ein aufgeschlagenes Buch. Bald krümmen sie sich, aus Gelbgrün wird krauses Braun. Sie werden mit Füßen getreten und rascheln dabei laut und deutlich.
Die wilden hohen Pappeln am unteren Ufer des Flusses haben im trockenen Sommer schon Blätter verloren, der Blitz fuhr in sie hinein, um sie zu spalten. Heute recken sie ihre Arme in die Höhe, verstehen etwas von Gruppengefühl.
Das jetzt sehr satte Gras kümmert sich nicht um Jahreszeiten, es glänzt kaiserjadegrün in der leuchtenden Sonne.

Düsseldorfer Rheinufer zu Beginn der Winterzeit, Fotografie RW, 30. 10. 22

Wehrhaft

Der Löwe schaut mich an, er hat die Schlange mit seiner Tatze abgewehrt. Seine Brust ist mächtig aufgebaut. Das Reptil krümmt seinen Körper in fünf Ringe. Es ist jetzt sehr zahm und züngelt nur ein wenig, fast zärtlich die Pfote des Löwen. Auf dem Rand der Schale sind Striche in Gruppen aufgebracht worden. Ich zähle sie, mal sind es elf, mal sind es dreizehn, wie eine Strichliste der abgewehrten Feinde. Dazwischen sind acht Blätter, V-förmig angeordnet – das sind die Siegeszeichen. Die Schale erkläre ich zu meinem Kunstwerk. Ich erlasse ein Dekret, dass sie im Museum von Chersones bei Sewastopol für immer ausgestellt werden und von allen Menschen der Welt in Frieden jederzeit zu besichtigen sein soll.

«Warum Putin Potjomkin wieder exhumieren lassen will
Von Konstantin Akinscha
„Heim ins Reich“: Russland verschleppt kostbare archäologische Objekte und Kunstwerke von der Krim und aus den besetzten Gebieten der Ukraine. Ein Gastbeitrag.»
FAZ 26. 10.22 (Feuilleton S. 11)

Rechthaberei


Das war für die steinalte Sophia schwer zu ertragen. In der prächtigen Ausstellung des Hetjens Museums Gold und tausend Farben in Düsseldorf sah sie zwei Fehler auf den Objektbeschriftungen.
Bergpriester (yamabushi) in eine Muschel blasend, steinzeugartiger Scherben, Japan, Meiji-Zeit, spätes 19.Jh.
Wandvase in Form einer Muschel, Japan, Meiji-Zeit
Und sie konnte nicht anders, sie musste es dem Kurator der Ausstellung persönlich sagen. In beiden Fällen handelt es sich um die Schalen von Meeresschnecken, den Tritonshörnern und ihre Verwandten. Muscheln sind immer mit zwei Klappen versehen, Schnecken haben nur ein zusammenhängendes Gehäuse. Der Kurator reagierte entspannt, ob er die Schildchen umschreiben würde? Sophia ärgerte sich, dass selbst in der kunsthistorischen Fachliteratur von Muschelhörnern die Rede ist, die auf Gemälden und Brunnenskulpturen von den Tritonen und anderen mythologischen Meeresbewohnern geblasen werden. Von den Esoterikern ganz zu schweigen, die wie die asiatischen Priester einst auch hier und heute ins Muschelhorn blasen, um zur Beruhigung aufgeregter Zeitgenossen beizutragen.
Die steinalte Sophia hatte sich lange mit den Meerestieren beschäftigt, um in den Gesprächen mit dem indischen Prinzen über seine Sammlung fossiler Muscheln und Schnecken wissensmäßig mithalten zu können. Zur Klasse der Mollusken gehören unter anderem die Muscheln, die Schnecken, die Cephalopoden und die Brachiopoden. Welch eine Formenvielfalt gab es da. Welche Farben und Muster – Tupfen, Streifen, Flammen. Der indische Prinz hat seine Exemplare in kostbaren Kästen zu symmetrischen Bildern angeordnet. Diese wiederum in einem hohen Schrank untergebracht, der über und über mit zierlichen Perlmuttintarsien besetzt ist.

Hetjens Museum Düsseldorf, Gold und tausend Farben, angewandte Kunst aus Japan, Fotografie RW, Oktober 2022

Lange nichts – dann zuviel

Jetzt will ich schreiben.

Über den Berg des Lichts, den Koo i Nohr, der große Diamant in der Queen Mum Crown, der an seine ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden soll, aber welche sind diese?

Über das schöne Buch, das ich gestern von Lothar Schirmer erhielt. Es heißt Das Becherhaus in Mudersbach und enthält 45 Fotografien von Laurenz Berges und einen Essay von Hanns-Josef Ortheil. Abgebildet sind Bilder eines leer stehenden Fachwerkhauses im Westerwald, in dem einst zwei Tanten von Bernd Becher wohnten.

Über das Gedicht von Christian Lehnert Mitternacht, das heute in der Frankfurter Anthologie von Daniela Danz besprochen wurde.

Über den von mir geliebten Vermeer Mädchen mit Flöte, der keiner mehr sein soll.

Das Buch von Laurenz Berges auf der Tischvitrine mit hellen Mineralien, Fotografie RW 15.10.2022

Rechnen und Weissagung

In der Nacht zu gestern versuchte ich das Alphabet rückwärts aufzusagen. Ich wusste, dass der 23. Buchstabe das W ist und wollte nun herausfinden, welche Zahl das R hat. Es war die 18 – ungeheuer schwer fiel es mir, gleichzeitig die Buchstaben und Zahlen rückwärts zu ordnen. Schließlich nahm ich meine rechte Hand und fing mit dem Daumen an. Er war das R. Der Daumen der anderen Hand bekam durch Aufsagen und Abzählen das W.
23+18=41 Quersumme 5, da gefiel mir. 2+3+1+8=14 Quersumme 5, das gefiel mir auch.
Das Wort IDEE trägt die Zahlen 9 4 5 5 – gibt als Summe 23, Quersumme 5. Das englische Wort FAKE trägt die Zahlen 6 1 11 5 – gibt als Summe 23, Quersumme 5. Das alles gefällt mir sehr und ist meine alte Erfindung.
Da kann die weise Eule noch so drohend gucken, sie weiß auch nicht, wie es weitergeht.

Moped in Hauseinfahrt, Düsseldorf Gerresheim, Fotografie RW, 12. 10. 22

Bergmanns Freude

Genau mein Ding, diese Brosche, gestern morgen im Netz.
Der Stolz des Schürfers in einer Goldpfanne,
begleitet von Spitzhacken und Schaufeln,
echte Nuggets aufgelötet und ein winziger Diamant im Rosenschliff,
immerhin 18 Karat Gold…
aber klein das Ganze, nur 48 mm lang.
Von England aus geschickt, würden Transport- und Zollkosten
noch dazukommen – mindestens 800 Euro am Ende.
Den Kauf überleg ich mir noch… und wer weiß, ob es überhaupt sicher ankommt…

Das ist ja ein Ding, eine Variante gestern Nachmittag bei Bares für Rares!
Der Stolz des Goldschürfers, Legierung nur 14 Karat,
diesmal allein Hacke und Schaufel
mit einem Diamanten im Altschliff
auf dem großen Nugget, verschnürt mit goldenem Seil.
Auf 1250 Euro wird das Schmuckstück hochgesteigert,
obwohl nur um 500 bis 600 Euro taxiert.
Das Erbe des Urgroßvaters.
Nachlass – Haushaltauflösung – Verlust.

Bildschirmfotos von gestern, RW 2022

The Worries of the World

Der indische Prinz wird vom 6. bis zum 11. Oktober nach Paris reisen, um an einigen Auktionen des Hauses Sotheby’s teilzunehmen. Es geht um das prächtige Hôtel Lambert, dessen Gemälde, Möbel, Porzellan, Silber, Juwelen und Wunderkammerobjekte versteigert werden sollen. Das auf der Île Saint-Louis im 4. Arrondissement gelegene Gebäude, das von Louis Le Vau entworfen wurde, ist ursprünglich zwischen 1640 und 1644 für den Finanzier Jean-Baptiste Lambert errichtet worden. Das Stadtpalais gehört inzwischen dem Emir von Quatar, Sheikh Hamad bin Abdullah Al Thani. Schon 2007 hatte der indische Prinz sich geärgert, dass der neue Besitzer das Palais umbauen lassen wollte, inklusive Einbau einer Tiefgarage, von Aufzügen und Sicherheitszäunen. Die Stadt Paris ließ den Emir jedoch nicht gewähren und heute heißt es bei Sotheby’s, dass das Haus nach einer sorgfältigen und einfühlsamen Restaurierung in seinen alten Glanz zurückgeführt und mit wertvollen Schätzen ausgestattet wurde.
Der indische Prinz verbrachte Stunden, um die einzelnen Lots zu studieren. Seine drei Favoriten waren eine Brosche Fleur de Lys des 18. Jahrhunderts mit einem himmelblauen Saphir und Rosendiamanten, eine kleines ovales Gemälde von Robert Hubert, die antike Statue Marc Aurels auf dem Pferde zeigend, an deren Fuße einige Personen römische Altertümer aus einer Erdhöhle herausholen. Sein liebstes war jedoch das dritte Lot, eine Bonbonniere Steinkabinett, von Johann Christian Neuber, um 1780 geschaffen, die über 80 verschiedene edle Gesteinsproben, meist Achate, in Gold gefasst vereinte. Diese waren mit Nummern versehen und man konnte nachlesen, um welche Steine es sich handelte. Die Nummer 23 schien ein bläulich schimmernder Chalcedon zu sein. Der Schätzpreis liegt zwischen 180000 und 250000 Euro.

Bildschirmfoto aus dem Online-Katalog von Sotheby’s, 1. Oktober 2022

Auf dem Gletscher


Als Kind wollte ich Erfinderin werden. Ich baute mir aus Ton eine kleine Gletscherlandschaft. Dachte mir zwei Figuren aus, die in dieser Landschaft etwas bauen sollten. Es waren Herr Japner und Frau Chinois. Die sollten sich nun auf einen Wettbewerb einlassen. Zwei Häuser und ein Turm waren auf dem Gletscher zu errichten. Wer die beste Lösung dieser Aufgabe in einem Modell verwirklichte, wurde mit einer Expedition zum größten Gletscher der Welt, dem Lambert-Gletscher in der Antarktis, belohnt. Herr Japner und Frau Chinois hintergingen meine Wettbewerbsbedingungen und reichten zusammen einen einzigen Entwurf ein. Das leuchtende Kristall-Haus hatten sie knapp auf eine Eiswand gesetzt. Es kippte nicht, war tief im Felsen unter der Eisdecke verankert und sollte in der Nacht Polarlichter aufnehmen, die tagsüber nachglühten und im grüngelben Kristallhaus in Heizkraft umgewandelt wurden.
Im goldenen Turm war ein Perpetuum Mobile untergebracht, das jedes Jahr eine weitere goldene Scheibe generierte. So wuchs der Turm langsam aber stetig. Unter dem Turm im Eis gab es Bereiche mit einem Treibhaus, einem Wohntrakt und einem Schwimmbecken. Die Energie dazu lieferten die Generatoren in den Goldscheiben und das Polarlicht. Der Entwurf wurde vielfach ausgezeichnet, seine Verwirklichung scheiterte aber an der Tatsache, dass es nirgends auf der ganzen Welt kein Perpetuum Mobile gab. Frau Chinois und Herr Japner werden 2023 in die Antarktis reisen.

Tonobjekt mit Citrin, Fluorapatit und Messingplaketten, Erfindung RW 2022, Sammlung RW

23 und ein Irrtum

Das schönste Bild aller Zeiten begegnet mir auf Instagram. Sofort möchte ich nach Paris fahren und wieder einmal das Musée Jacquemart André besuchen, um die Werke meines absoluten Lieblingsmalers Johann Heinrich Füssli zu sehen. Seltsam nur, dass Guy Boyer, der es eigentlich wissen müsste, von Johann Friedrich Füssli spricht. Ein Irrtum. Aber das Datum des Ausstellungsschlusses versöhnt mich mit allem, gerade heute am 23. September.

Bildschirmfoto/Instagram, September 2022