Lange Tage, helle Nächte


Im Korallenwald suchte die steinalte Sophia das Gewitter, von dem sie sich Abkühlung versprach. Sie stieg über Jaspis, Achat und Rhyolith. Der Regen sollte die Farben der Steine zum Leuchten bringen, die Blitze das Blut in den Adern gefrieren lassen. Reckt euch, reckt euch, rief sie den roten Ästen zu, damit die Blitze euch treffen. Dann legte sie sich auf den schönsten Stein, der wie ein Lager geformt war. Weiße Quarzflüsse zogen über seine Oberfläche und trafen sich in ihrem Haar. Der Regen kam und sie sah deutlich die Bänder und Streifen der verborgenen Achate und die kleinen Nierenkurven der Chalcedone.

Fünf Korallenästchen auf Rheingeröllen, Fotografie RW, Sammlung RW 2021

1120

Gerade kann man den Platanen wieder beim Wachsen zusehen. Der Juni ist der Monat des grünen Auftritts. Die Triebe schießen aus den im Winter beschnittenen Armen und Köpfen, so dass sie die Rheinsicht mehr und mehr verbergen. So kann ich die Schiffsnamen von meinem Fenster aus nicht mehr leicht erkennen, sondern muss beim Vorbeifahren der Schiffe eine Lücke im Laub abwarten und dann schnell lesen. Heute morgen habe ich die auf der Fensterbank liegenden, verblichenen Listen des Winters und Frühlings weggeräumt und alle noch fehlenden Namen in meine Datenbank eingetragen. Es reicht eigentlich. 1120 Schiffsnamen sind es jetzt, unter anderem diese zufällig herausgesuchten Beispiele
ALTER EGO
HOOP OP ZEGEN
HELIODOR
So kann ich mir über drei Jahre lang einen Namen pro Tag aussuchen und daraus ein Motto für den Tag schreiben: 3 mal 365 ist 1095. Ich habe also noch 25 Namen extra. Für besondere Feiertage nehme ich dann eben zwei Schiffsnamen. An Weihnachten, Ostern Pfingsten, aber auch an Geburtstagen. Herrlich, da kann ich beruhigt in die nächsten drei Jahre schauen und schöne Sprüche erfinden.

Rheinufer mit Mauerseglern, Fotografie RW Juni 2021

Schale mit Krakelee

Gestern las ich im Magazin der FAZ von der Entdeckung der schönen grünblauen Pinselschale, einer seltenen Ru-Keramik der Nördlichen Song-Dynastie (960 – 1127). Die Wissenschaftlerin Regina Krahl war im Depot der Dresdner Staatlichen Kunstsammlungen auf die unscheinbare Schale, angeblich aus Korea stammend, aufmerksam geworden. Die renommierte Kennerin asiatischer Kunst konnte sie der Ru-Keramik zuordnen. Vor über 900 Jahren ist sie wohl exklusiv für den chinesischen Kaiserhof entstanden. Mitarbeiter des Pekinger Palastmuseums hatten schon früher die Vermutung, dass es sich um ein Ru-Stück handeln könnte – nun bekam es die Nr. 88 der weltweit raren Stücke. Die Song-Dynastie wurde damals durch Invasoren in südlichere Gebiete vertrieben und ihre kaiserliche Keramik zu mythisch aufgeladenen Erinnerungen an die einstige Zeit. 1927 war das Stück aus dem Besitz des Arztes Oscar Rücker-Embden für die Porzellansammlung angekauft worden. Die runde flache Schale hat einen Durchmesser von 13 cm und ist mit blaugrüner Glasur und einem zarten Krakelee versehen – ein wunderbarer Fund, so selten und kostbar.

Meine grünblaue Schale mit Krakelee ist wohl aus den 1950er Jahren und hat auf ihrem Boden eine Relief-Marke MW in einem Kreis. Wohl ein Werbegeschenk der nicht mehr existierenden Mannesmann-Werke. Ich habe sie 2018 aus dem Nachlass unserer Familie erhalten.

https://www.skd.museum/presse/2021/eine-echte-sensation-seltene-ru-keramik-aus-china-in-der-porzellansammlung-der-staatlichen-kunstsammlungen-dresden-skd-entdeckt/
Mannesmannschale, Fotografie RW 2021

Dringender Aufruf

Die Drossel singt als erste um 4.30 Uhr und jetzt um 18.43 eigentlich den ganzen Tag und bis tief in den Abend der Schall der Hinterhöfe und Gärten trägts weiter zu mir dringend rufend fordernd turn turn turn around wann ist dein Flehen erhört kannst du nicht schweigen die Nachtigall tut’s doch auch und singt nicht mehr in der Nacht wenn sie den Partner gefunden hat oder hast du noch keinen Partner gibt es ihn nicht für dich und bist du ein verrückter Vogel der sich spiegeln will in seinem Gesang immer und immer da seh ich dich wieder am Futterplatz weiß aber nicht ob du es bist du Sänger.

Perlenthron, Collage RW 2016, Fotografie RW 2021

Früher so, heute so

Heute war die steinalte Sophia schon vor acht Uhr im Freien. Sie ging über die Wiesen am Rhein. In der Sonne kündigte sich schon die Wärme eines Sommertages an. Trotzdem war in allem eine wunderbare Frische. Das hohe Gras noch feucht. Sie beobachtete die blühenden Büsche, Holunder, Heckenrosen, weiße Spieren, in denen Fliegen und Bienen summten. Flieder sah sie nicht. Dann entdeckte sie etwas verborgen einen Busch mit roten Rosen – alle jüngeren Blüten orangerot, die älteren magentafarben. So leuchtend waren die Farben, sie konnte ihren Blick kaum abwenden. Jetzt im Alter liebe ich den Morgen, dachte sie, früher, als junge Frau, war für mich der Abend die liebste Tageszeit und der Herbst meine bevorzugte Jahreszeit. Aber jetzt ist es der Morgen und der Frühling.

Rose am Rhein, Fotografie RW, 2. Juni 2021

Iconic questions

Ich kann gleichzeitig einen Text schreiben und einer Sendung im Fernsehen zuhören (Kopfhörer) mit vereinzelten Augenaufschlägen in Richtung Bildschirm/Projektionsfläche, sonst richten sich die Augen auf den Bildschirm des Notebooks. Ich kann ein Foto mit dem Handi machen und gleichzeitig ein Rheinschiff auf dem Strom beobachten. Ich kann gleichzeitig jemandem zuhören und ein Essen zubereiten. Ich kann eine kleine Abhandlung über die Wirkung von Bildern lesen und in etwa wiedergeben. Hier wird die Aufmerksamkeit durch die im Buch abgebildeten Bildbeispiele nicht abgelenkt, sondern mit einer hohen Emotion befrachtet. Große Freude über die Lieblings-Bilder, die mir in meinen Studien schon begegnet sind. Die ich gesucht und gefunden habe. Und Freude über die im Büchlein zitierten Verweise auf Literatur, die ich auch in meiner Bibliothek wiederfinde. Schwer ist es manchmal schon, zum Beispiel wenn ich die jüngsten französichen Positionen der Kunst- und Bildtheorie nachvollziehen will. Jetzt ziehe ich aber die Kopfhörer ab, um nicht ständig einer fremden Stimme zuhören zu müssen. Der Kopf wird heiß und klopft.

«Die Passion der Bilder» Gottfried Boehm, 2021 Riemschneider lectures und «Bildtheorien aus Frankreich, eine Anthologie», 2011, eikones, Wilhelm Fink Verlag,
Fernsehbild vom Abend des 30. Mai 2021

Herdenverhalten


Am Nachmittag sitzen die Leute auf der Straße vor dem alten Café Muggel, sie trinken Kaffee, Cappuccino oder schon ein Glas Wein. Ein scharfer Wind geht und treibt die Regenschauer vor sich her. Die Leute rücken unter den schwankenden Sonnendächern näher zusammen. Schal und Mütze haben sie dabei. Die Outdoor-Kleidung, sonst auf Bergwanderungen erprobt, wird jetzt auf den Café-Terrassen getragen. Auf Teufel komm raus will man das Ausgehen nach langer Entbehrung genießen. Die Schafe am nahen Rhein kümmerts wenig. Sie fressen das frische Maigras, ihr dickes Fell trotzt Wind und Wetter. Nur die schlecht erzogenen Hunde der Oberkasseler Schickeria bringen sie manchmal aus der Ruhe.

Schafe am Rhein bei Düsseldorf, Fotografie RW, Mai 2021

Verwirrte Rechnerei zu Pfingsten

Der indische Prinz suchte nach weiteren kostbaren Stücken aus seiner Sammlung, um damit sein zerbrochenes Glas zu ehren. Er nahm den runden Moldavit aus der Vitrine, der aus einer alten Sammlung stammte, erkennbar an der Inventarnummer 1486 auf seiner Rückseite. Sofort rechnete er die Quersumme der Zahl aus: 19 – Quersumme 10 – Quersumme 1. Schade, keine 23, dachte der Prinz, heute am 23. Mai hätte eine 23er-Krone für das kaputte Glas gepasst. Aufmerksam betrachtete er das grünliche Tektit. Moldavite sind Gesteinsgläser, die durch den Ries-Impakt vor etwa 14,8 Millionen Jahren entstanden sind. Dieser wurde in Chlum, heute Tschechien, gefunden. Besonders kostbar sind die Moldavite, die wie Tropfen aussehen, gerundet durch einen weiten Flug. Sie stammen nicht vom Material des eingeschlagenen Asteroiden, sondern vom geschmolzenen Gestein des Einschlagortes, dem Nördlinger Ries. Hunderte bis Tausend Kilometer davon entfernt wurden sie in sogenannten Streufeldern entdeckt.
Nun hab ich aber doch etwas gefunden: eine 1, fiel dem Prinzen plötzlich ein, diese fehlt mir ja von 23 zu 24! Und die 24 als Glückszahl sollte ich ja finden in meinem alten Traum von vor 36 Jahren. Frohe Pfingsten am 23. und 24 Mai!

Moldavit auf Bleikristallglas und Austernschale, Sammlung RW, Fotografie RW (Mehr zum Traum auf ruth23weber.de)