Nicht nur ein Jahrhundert, sondern auch ein Jahrtausend

In der Nacht fällt der steinalten Sophia ein: Ich habe in meinem Leben nicht nur schon eine Jahrhundertwende erlebt, sondern auch eine Jahrtausendwende. Das ist doch ein bedeutendes Ereignis für einen Menschen. Seit der Wende vom Jahre 999 zu 1000 ist dies nur einmal geschehen. Alle bedeutenden und unbedeutenden Menschen, die in der Mitte eines Jahrhunderts geboren wurden, haben vielleicht eine Jahrhundertwende erlebt. Jemand der 1900 geboren und biblisch alt wurde, also etwa 1999 starb, hat weder eine Jahrhundertwende erlebt und schon gar nicht eine Jahrtausendwende. Da habe ich nun ein Mehr zu verbuchen als Goethe, Schiller, Bach, Händel, Mozart, Beethoven, Leibniz, Kant, Dürer, Holbein, Rembrandt, Vermeer, Picasso, Manet, meine Großväter und Großmütter und als alle Menschen, die zwischen 1000 und 1900 lebten.
Ende des Jahres 999 n. Chr. habe die Menschheit Angst vor dem Weltuntergang und dem Jüngsten Gericht gehabt. «So wusste der burgundische Mönch Rodulfus Glaber vom Jahr 999 Schreckliches zu berichten: Die Angst der Menschen war so groß wie nie zuvor. Blutrote Kometen drohten am Himmel … Manch einer glaubte, Heere von Teufeln in den Wolken zu erspähen. Weil sich zu dieser Zeit die Geburt unseres Herrn Jesus Christus zum tausendsten Male gejährt hatte, wurden all diese Erscheinungen als Zeichen für den nahen Untergang der Welt genommen. Überall füllten verstörte Christen die Kirchen, verkauften ihr Hab und Gut, bereuten ihre Sünden.»
«Zitterte die Christenheit an der Jahrtausendwende 999/1000 wirklich vor dem Weltuntergang? Ein schöner Mythos. Denn die meisten Menschen wussten gar nichts von diesem besonderen Jahreswechsel.» Nur in Gelehrtenkreisen wurde die Zeitrechnung seit Jahrhunderten erforscht und immer wieder neu berechnet. Zu diesen Gelehrten gehörten zur Jahrtausendwende der aus Frankreich stammende Papst Silvester II., Astronom, Philosoph, Mathematiker und Dichter und der römisch-deutsche Kaiser Otto III. Sie waren zwei bedeutende Menschen, die um 1000 «an der Spitze der Christenheit standen» und an einer «Erneuerung des gesamteuropäischen Christentums» arbeiteten.
Ich finde meine eigene Zeit für ein ganz persönliches Jüngstes Gericht und eine eigene Seelenwaagerei mit dem heiligen Erzengel Michael, sagt die steinalte Sophia, denn im Matthäus Evangelium steht geschrieben: «Seid also wachsam! Denn ihr wisset weder Tag noch Stunde, in welcher des Menschen Sohn kommen wird.» (Matthäus, 25,13)

Baum mit sieben Kreuzen, glasierte Keramik mit Schmuckkreuzen und metallischen Rheinfunden, Sammlung RW, Fotografie RW, 5. September 2026
Zitate aus JAHRESWECHSEL 999/1000 „Die Angst der Menschen war so groß wie nie zuvor“ Von Jan von Flocken, Veröffentlicht in der WELT, 30.12.2015

Aux Amis – zu Goethes Geburtstag

Zu Goethes 77. Geburtstag, genau heute vor 200 Jahren, wird ein Gedicht, vorgetragen, das er selbst zum Geburtstage verfasst haben soll. Sohn August trug es wohl vor – mit weiteren Gratulationsversen ausgeschmückt? Ganz sicher bin ich mir nicht über die Behauptungen, die die künstliche Intelligenz äußert. Die späten Geburtstage Goethes wurden groß und öffentlich mit Vorträgen, Musik und gutem Essen gefeiert und nicht nur in Weimar, sondern auch in Dresden, Leipzig und Frankfurt am Main.
Meinem verdrießlichen Mops aus feinstem, falschen, grünen Serpentin widme ich die erste Strophe des Geburtstag-Gedichtes. Mein grünes Exemplar ist auch dem Mops aus Onyx gewidmet, der im einzigen Märchen Goethes eine Rolle spielt. Bald wird mein Tier jedoch befreit, gesegnet sein, da es in naher Zukunft mit seinen Freunden zu Goethes Ehren aufgestellt werden wird. Fünf Freunde werden es sein – verfünffacht so sich Kraft und Rat.

Den Freunden

Des Menschen Tage sind verflochten,
die schönsten Güter angefochten,
es trübt sich auch der frei’ste Blick;
du wandelst einsam und verdrossen,
der Tag verschwindet ungenossen
in abgesonderten Geschick.

Wenn Freundesantlitz dir begegnet,
so bist du gleich befreit, gesegnet,
gemeinsam freust du dich der Tat.
Ein Zweiter kommt, sich anzuschließen,
mitwirken will er, mitgenießen;
verdreifacht so sich Kraft und Rat.

Von äußerm Drang unangefochten,
bleibt, Freunde, so in eins verflochten,
dem Tage gönnet heitern Blick!
Das Beste schaffet unverdrossen;
Wohlwollen unsrer Zeitgenossen,
das bleibt zuletzt erprobtes Glück.

Grünglasierte Keramik auf bemalter Metall/Pappmaché-Vase, eine von fünf grünen Keramiken für Goethe, Sammlung RW, Fotografie RW, 28.8.2026
Gedicht »Den Freunden« von Johann Wolfgang von Goethe, 28. August 1826, Klassik Stiftung Weimar

 

 

Auge des Maharadscha

Der indische Prinz erzählt von seinem Urgroßonkel, der bis 1947 Herrscher über eines der vielen Fürstentümer Indiens war. Die Familie bewohnte ein kleines Schloss im Punjab und er behauptete immer, dass er ein Gupta sei und nannte sich Bhanugupta. Der indische Prinz weiß, dass das nicht der wahren Historie entspricht. Soweit er sich erinnern kann, hieß der Onkel Raj Amit Singh. Nun, viel ist nicht überliefert. Aber ein paar Anekdoten weiß der indische Prinz noch genau, weil sie in der Familie so oft erzählt wurden. In den 1920er Jahres reist Raj Amit Singh immer wieder nach Paris, lebt dort sogar einen ganzen Frühling und befreundet sich mit der Familie eines stadtbekannten Juweliers von der Place Vendôme an. Dort gibt er zahlreiche Schmuckstücke in Auftrag, so auch eine Turban-Agraffe mit einem großen Smaragd von sicher 46 Carat. Die Edelsteine für diese Schmuckstücke stammen allesamt aus Indien, aber die Fertigungen, Rahmungen und Fassungen aus Paris. Nach seinem Tod zerstreuen sich die kostbaren Stücke, werden verkauft, versteigert, verschenkt. Der indische Prinz erhält aus diesem Schatz schon als Fünfjähriger einen Ring mit dem Namen Auge des Maharadscha. Seine Mutter verwahrt den Ring 13 Jahre bis zu seinem 18. Geburtstag. Als sie ihn überreichen will, ist er nicht am gewohnten Ort. Eine große Suche beginnt im ganzen Haus. Nichts findet sich.
Eine alte Rechnung bringt Gewissheit – sie hat den Ring in den Nachkriegsjahren in einem Pfandhaus beliehen und nicht wieder ausgelöst. Schweren Herzens lässt sie für ihren Sohn das Schmuckstück in Paris nachbauen. Beschreibungen und sogar eine alte Fotografie bezeugen sein Aussehen. Der Ring gehörte zu den ärmeren Juwelen aus dem Erbe, denn der Stein ist ein als Cabochon geschliffener tiefschwarzer Onyx, genannt Sugarloaf-Schliff, da hoch aufragend. Der Stein ist eine häufige Quarzvarietät, auch in Indien nicht so kostbar. Aber die 16 Brillanten, die ihn umgeben und fast zwei Carat wiegen sind wertvoll, dafür musste die Mutter schon tief in die Tasche greifen. Gefasst sind die Steine in einer Weißgoldschiene, die wie ein filigraner Korb alles hält. Der indische Prinz trägt die Kopie des Rings seitdem am kleinen Finger der linken Hand und hat seiner Mutter längst verziehen.

Fossile Muschel mit Vivianit, Onyx-Brillant-Ring auf glasierter Keramik, dabei noch ein Papierauge und ein Operculum einer Meeres-Schnecke, Sammlung RW, Fotografie RW, 20. August 2026

Wer ist es?

Der indische Prinz sucht im Familienarchiv nach den Buchstaben A, J und G. Diese hat er auf einem alten, sehr großen Silbermedaillon gefunden, fest montiert an einer langen Rundpanzerkette, die mit der Zahl 84 punziert ist. Das Medaillon kommt ihm in einem Holzkasten entgegen, den er für besondere Briefe umwidmen wollte. Unter Samtbändern, Stickproben und Garnrollen scheppert es hervor, er öffnet es – leer. Nun will er es füllen und tragen, wem will er es widmen? Im Archiv findet er das Foto von Anne datiert mit 24. Mai 1945, sie trägt eine Bluse, deren Stickerei an die Russenkittel genannten Kinderhemden erinnert, die er von Erzählungen der steinalten Sophia kennt. Der Krieg ist gerade vorbei, Anne ist 23 Jahre alt und weiß nicht, was alles noch kommen wird.
Die Punzierung an der Kette des Medaillons weist auf 84 Zolotniki hin, eine russische Stempelung bis 1917, die auf 875er Silber hinweist. Wie kommt ein russisches Medaillon in die Holzkiste? 
Die Mutter von Anne hieß Johanna. Ein A und ein J ist also schon gefunden. Da sieht der Prinz ein briefmarkengroßes Stoffstückchen zwischen weißen, gebügelten Spitzentaschentüchern. Es ist oval mit Schwüngen ausgestattet wie ein Wappen und von winziger Lochstickerei umsäumt. Darauf ein J in einem W verschlungen, aufwändig gestickt. Johannas Mädchenname beginnt mit einem W. Das kleine Pröbchen legt der Prinz behutsam in das Silbermedaillon. Noch etwas muss hinein. Zwischen alten Postkarten, Fotos und Rechnungen findet er einen Bankbeleg. 1961 wurde Annes Vater dieses schmale Papier über einen Kauf von sechs 10-Golddollar-Münzen aus den USA überreicht, genau in der Bank, in der er selbst als Beamter arbeitete. Der Kurs lag bei 86, 5. Er zahlte 519 Deutsche Mark für alle sechs. Heute ist die Münze um 1800 € wert und der Vater hätte 10800 € zahlen müssen. So nimmt der indische Prinz das G für Geld und Gold, das Papier kommt ins russische Silber. Verrückt, wie ich’s gedreht habe, bei der ersten Betrachtung kamen mir die drei Buchstaben auf dem Medaillon sehr christlich vor: Das A für ein Ave, das J für Jesus und das G für Gott. Nun, gerade deswegen faltet der indische Prinz den Beleg sorgfältig, steckt ihn ins Medaillon und es scheppert nicht mehr, sondern lässt sich lautlos tragen.

Silbermedaillon auf Archivunterlagen, teil-invertierte Fotografie RW, 7. August 2026

Die große Kiefer

In der Hoge Veluwe wächst die mächtige Waldkiefer, die vielleicht mit vielen Artgenossen Ende des 19. Jahrhunderts gepflanzt wurde. Die seit Generationen abgeweidete Heidelandschaft mit ihren Flugsanden sollte damals wieder bewaldet werden. Im Jahr 2026 machen der Kiefer die Hitze und die lange Trockenheit zu schaffen und es kommt zum sogenannten Grünastbruch. Große und schwere Äste brechen in vollem Grün.
Die steinalte Sophia steht heute in den Niederlanden an ihrem 75. Geburtstag dem Baum gegenüber. Glücklich, ihn im erfrischenden Morgenwind entdeckt zu haben, denkt sie, hier habe der Blitz eingeschlagen, aber sie sieht keine Verbrennungen im Baum. Das Phänomen des Grünastbruchs kennt sie nicht. Wohl hat sie Angst vor einem Feuer, das in der Hitze aufflackern könnte und nicht nur den Bäumen, sondern auch ihr schaden würde. Pfade werden abgeschnitten, Straßen versperrt, Fluchtrouten geschlossen – wegen einer bedrohlich rollenden Feuersbrunst. Am Mittag hört sie schon eine Sirene, zum Glück ist es ein landesweiter Probealarm.
Wie schön diese Waldkiefer ist – wie prächtig die Schwünge ihrer Arme, wie elegant deren Richtungswechsel. Die gestürzten Äste im helleren Grün der unteren Nadelseite– ein ausgebreitetes, feierliches Gewand. Diese geburtstagliche Baumbetrachtung will die steinalte Sophia im Gedächtnis behalten – sie soll ein Vademecum für mich sein – gerade heute.  

Kiefer mit Grünastbruch im Park Hoge Veluwe nahe Otterlo, NL, Fotografie RW, 3. August 2026

Die Mauersegler sind weg

Der Rhein hat sehr wenig Wasser. Wochenlang hat es nicht geregnet. Ich verabrede mich mit meiner jüngeren Schwester am Ufer in Kaiserswerth. Dazu müssen wir unterhalb der Barbarossa-Pfalz an einem mit Basalt gepflasterten Abhang hinuntersteigen, dann weiter über große Basaltblöcke bis sich das Ufer zu einem Strand erweitert. Hier hören wir direkt über uns die Glocken der nahen Basilika, die zur Sonntagsmesse einladen. Wir danken mit einem Blick zum bewölkten Himmel, dass wir uns hier einfinden dürfen und die Suche beginnt. Jahrhundertlang haben die Kaiserswerther ihren Schutt hier im Fluss entsorgt. Diesen Eindruck vermitteln die vielen Scherben von Keramik und Porzellan und die zahllosen Ziegel-Bruchstücke. Den stinkenden armdicken Aal lassen wir links liegen, fotografiert wird er trotzdem.
Ein Stück findet nach einer Weile des Einsehens meine Aufmerksamkeit. Große Freude – endlich ein Fragment eines Bartmannkrugs! Ich laufe zu meiner Schwester, die schon einen intakten, großen, weißen Pfeifenkopf in Händen hält und zeige ihr das Fragment. Sie zweifelt ein wenig an seinem Alter. Aber ich weiß, das ist etwas Besonderes. Nun, das Gesicht und vor allem die angedeutete Hand sehen anders aus als bei Bartmännern aus dem 17. und 18. Jh.. Zu Hause forsche ich und finde heraus, dass es sich um einen Krugtyp aus Raeren in Belgien, ein Grenzort nahe bei Aachen handeln könnte. Solche Krüge wurden im 15. Jh. hergestellt. Sollte mein Fundstück so alt sein? In Raeren gibt es ein Keramikmuseum, das ähnliche Exemplare besitzt. Da müsste ich einmal nachfragen. Auf Instagram finde ich einen heutigen Töpfer, der solche Krüge nachbaut. Aber die Scherben eines Nachbaus aus unserer Zeit werden wohl nicht den Weg ans Kaiserswerther Rheinufer gefunden haben… Die lustige Scherbe mit der «erotischen» Zeichnung fand ich kurz vorher. Es sind wohl die Zahlen 1 und 8, die dort zu erkennen sind. Also ein jüngeres Fragment als mein Raeren-Stück? Die Schreibweise ähnelt jedoch der des 18. Jhs..
Die Freude über die Funde soll noch lange währen, das wünsche ich mir bitte, denn der Sommer rast und die verbleibende Zeit verkürzt sich – die Mauersegler haben sich schon wieder verabschiedet. Was sonst erst im August geschieht.

Zwei Funde vom Rhein, Fotografie RW, 20 Juli 2026
Internetfoto eines Krugs aus Raeren, Auction Bonhams: A Raeren/Aachen stoneware jug, circa 1475-1525

Nur einmal in meinem Leben

Der Halley’sche Komet kommt alle 75 Jahre in die Nähe der Erde. 1986 hat die steinalte Sophia ihn nicht gesehen, das nächste Mal wird er 2061 erscheinen, da wird sie 110 Jahre alt sein. Unwahrscheinlich, dass sie ihn sehen wird, höchstens aus gleicher Höhe – im Orbit kreisend.
Heute entdeckt sie zufällig eine antike Anstecknadel im Schaufenster eines Juweliers. Die Brosche hat Kopf und Schweif. Wie ein Komet! meint die steinalte Sophia. In den Jahren 1835 und 1910 sah man den Halley’schen Kometen von der Erde aus und eine eigenartige Mode brach in Europa aus. Kleine Kometen, mit Edelsteinen oder Glaspasten besetzt, prangten an Revers und Kragen. Diese typische Form hat sich die sternverliebte Sophia von zahlreichen Abbildungen in alten Juwelenbüchern eingeprägt. Ein dicker Kopf und ein Schweif, der sich verjüngt. Auf Giottos Darstellung der Geburt Christi sieht man ihn so und auch auf dem Teppich von Bayeux, um 1070, allerdings mit anderem Schweif. Meist haben die Broschen des 19. Jahrhunderts Gold- oder Silberfassungen mit kleinen extra S-Bögen. Die von Sophia entdeckte Brosche trägt keine durchsichtigen Steine. Sie ist ausgelegt mit feinstem Mikromosaik aus Glasfädenstückchen, wie sie in Italien für den Souvenirmarkt hergestellt wurden und werden. Millefiori nennen sie sich. Auch Sterne sind auf dem Schweif zu sehen, der Kopf ist mit Rose, Vergissmeinnicht und Margerite geschmückt, Umrahmt wird das ganze mit silbernen Kügelchen und Bögen.
Der Komet Hale-Bopp, den sie im März 1997 um Mitternacht auf einem einsamen Feld nahe Rheinberg bestaunte, wird erst in etwa 2.400 Jahren wieder zurückkehren. Er hat ihr Aufregung, Angst und Unglück gebracht, ihr Auto sprang nicht mehr an, als sie von dem Feldweg wieder wegfahren wollte… ein Handy hatte sie damals nicht dabei. Ein freundlicher Helfer von einem nahegelegenen Bauernhof, auf den sie mit Herzklopfen im Dunkeln zuging, hat ihr Auto schließlich mit einem Starthilfekabel wieder zum Laaufen gebracht.
Endlich habe ich ein himmlisches Kometen-Schmuckstück, dies wird mir Glück bringen und morgen werde ich es dem indischen Prinz zeigen und hoffen, dass er mir dazu einen blauen Ring mit Sternen-Diamanten schenkt.

Antike Brosche mit Mikromosaik, Sammlung RW, Fotografie RW, 9. Juli 2026

Antikenbegeisterung

Der indische Prinz besitzt bereits mehrere Kameen mit fein geschnitzten Köpfen aus der griechischen Mythologie, geschnitten aus der roten Helmschnecke oder aus Lagenstein. Nun wünscht er sich unbedingt eine Kamee mit einer vielfigurigen Szene, am liebsten aus dem Leben der Götter.
Zahlreiche Kameen wurden im 18. Jahrhundert für die Reisenden der Grand Tour geschaffen. Als Material dienten exotische Meeresschnecken, die im Zuge des weltweit florierenden Seehandels der vorangegangenen Jahrhunderte aus fernen Ländern nach Europa gelangt waren. Die Antikenbegeisterung des 18. Jahrhunderts löste einen regelrechten Boom aus: Wer die frisch ausgegrabenen Meisterwerke der Antike bewunderte, wollte deren Motive auch in kleinem Format als Erinnerungsstück mit nach Hause nehmen.
Schließlich wird der Prinz bei einem Juwelier in der Nähe von Aachen fündig. Dieser hat eine Gemmensammlung aus dem Ruhrgebiet angekauft, weiß jedoch weder Näheres über deren Herkunft noch über die dargestellten Motive. Unter den vor ihm ausgebreiteten Stücken entdeckt der indische Prinz das Urteil des Paris, Diana mit ihren Gefährtinnen, Venus mit Gespielinnen neben einer Herme und einem Opferaltar, Aurora auf ihrem von Pferden gezogenen Wagen sowie weitere mythologische Darstellungen. Sogar ein geflügelter Saturn mit Sense ist darunter.
Viele der Gemmen erweisen sich als typische Touristenware – schlicht oder stereotyp gearbeitet. Doch eine besonders fein geschnittene Kamee im Querformat mit vier Figuren zieht sofort seine Aufmerksamkeit auf sich. Sie ist offenbar in der Mitte des 19. Jahrhunderts von einem Gemmenschneider in Torre del Greco bei Neapel gefertigt worden. Ihr Alter lässt sich an der einfachen Nadel mit C-Haken auf der Rückseite erkennen. Die Kamee ist in einen querovalen, vergoldeten Blechrahmen gefasst.
Bei genauerem Betrachten entfaltet sich die Szene: Vulkan steht an seiner Schmiede und bearbeitet mit dem Hammer einen Pfeil. Neben ihm sitzt seine Gemahlin Venus und taucht ihren Pfeil mit der Spitze in eine Schale – ein Liebeszauber? Unter ihrem Stuhl zwei Turteltauben als Sinnbild der Liebe. Amor und Mars, der Geliebte von Venus, der ebenfalls einen Pfeil in der Hand hält, vervollständigen die Darstellung. Die Ausführung ist von schöner Feinheit – selbst die Befiederung der Pfeile ist deutlich zu erkennen. Die Oberfläche ist allerdings etwas abgetragen, besonders das Gesicht der Venus ist verflacht.
Der indische Prinz erkennt sofort, dass das Vorbild für diese vielfigurige Komposition von dem dänischen Bildhauer Bertel Thorvaldsen (1770-1844) stammt. Doch wie gelangte dieses Motiv in die Werkstatt eines neapolitanischen Gemmenschneiders des 19. Jahrhunderts?
Die Erklärung liegt in der außerordentlichen Popularität Thorvaldsens. Seine Kunstwerke wurden schon zu seinen Lebzeiten in Kupferstiche und andere grafische Reproduktionen übertragen, in hohen Auflagen gedruckt und in ganz Europa verbreitet. Gerade im Mittelmeerraum, wo sich die Werkstätten der Kameenschneider befanden und die Reisenden der Grand Tour ihre Erinnerungsstücke erwarben, dienten diese Druckgrafiken häufig als Vorlagen.
Der indische Prinz kauft die Kamee für wenig Geld und zeigt sie am nächsten Tag der steinalten Sophia, die seine Begeisterung zwar teilt, aber lieber über seine Edelsteine sprechen will, in der Hoffnung, dass er ihr bald einen kostbaren Ring schenken wird.

Sogenannte Muschel-Kamee auf Travertin, Sammlung RW, Fotografie RW, 7. Juli 2026,
Marmorrelief nach Thorvaldsen, ausgeführt von Carl Frederik Holbech (1811-1880), Venus, Mars und Vulkan, Modell um 1810, Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek München

Heiße Quellen und Höllenvulkan

1786 beginnt Goethe von Karlsbad aus seine Italienreise. Im böhmischen Kurort hat er gerade seinen 37. Geburtstag gefeiert und bricht am 3. September um drei Uhr morgens heimlich auf, um weiteren Verbindlichkeiten zu entgehen. Karlsbad besucht er insgesamt dreizehn Mal. Als Geologe und Mineraloge legt er sich eine Sammlung von ortstypischen Mineralien an. Besonders begeistert ist er von der Aragonit-Varietät, dem Sprudelstein, einem Kalksinter, der oft sehr schön gebändert ist. Im Goethe Museum Düsseldorf gibt es ein kleines altertümliches Kästchen darinnen eine Sprudelsteinsammlung von 1832, mit einer Einführung von Goethe.
Heute heißt das seit Jahrhunderten berühmte böhmische Karlsbad Karlovy Vary und gehört zu Tschechien. Meine kleine Brosche aus Karlsbad könnte noch aus dem 19. Jahrhundert stammen. Die weiße Farbe in dem Schriftzug ist herausgewittert. Die Brosche ist eine sehr schlichte Pietra-Dura-Arbeit aus Sprudelstein und Malachit. In einer dekorativen Kupferblechfassung wurde sie als Andenken aus dem Heilbad mitgebracht, landete in Berlin und dort erwarb ich sie zusammen mit der Vesuvbrosche für wenig Geld.

Im Februar 1787 hat Goethe Neapel erreicht. Bald fährt er mit der Kutsche Richtung Vesuv, auf einem Maultier reitet er hinauf, das letzte Stück bis an den Kraterrand zu Fuß. Dreimal besucht er den Krater, erlebt dichte Rauchschwaden und Ausbrüche glühender Lava. Er sammelt Lavabrocken und anderes vulkanisches Gestein. Ich besitze einen Vesuvian mit gelblich grünlichen Kristallen auf rötlicher Lava. Der Geologe Abraham Gottlob Werner, den Goethe wohl auch des Öfteren traf, erkennt 1795 Vesuvian als eigenes Mineral. Ich habe den Vesuv auch bestiegen und in den beißenden Krater geblickt. Ebenso war ich bei den Phlegräischen Feldern und habe dort aus den rauchenden Erdlöchern Proben von Schwefel entnommen. Außerdem konnte ich nicht an den lustigen Touristen-Gesteinssammlungen in schrill bunten Kästen vorbeigehen und habe zwei gekauft, unter anderem mit Pioggia di Cenere (Ascheregen) in einem Glasröhrchen.
Vom Maler und Italien-Begleiter Goethes Christoph Heinrich Kniep ist eine aquarellierte Federzeichnung Die Bucht von Neapel mit Blick auf den Vesuv erhalten. Diese Ansicht zeigt auch die kleine Kamee mit der Darstellung des Golfs von Neapel. Sehr einfach geschnitzt aus der Schale einer Meeresschnecke. Deutlich sieht man die beiden Gipfel des Vesuvs, des 79 nach Christus auseinandergebrochenen Monte Somma. Der Vesuv raucht – sehr schön hat der Schnitzer die violette Schicht der Schnecke für die Rauchwolke genutzt. Darunter erkennt man in der weißen Schicht des Schalenaufbaus noch eine Dreiecksform. Ist damit ein Segelboot gemeint oder das Castel dell’Ovo? Ich habe alte Darstellungen der Bucht von Neapel verglichen und tatsächlich gibt es auch Ansichten, näher am Castel aufgenommen, auf denen die massige Burg fast wie ein dreieckiges Gebirge aus dem Wasser ragt.
Es kostet mich große Mühe, heute, gestern und vorgestern diesen Text zu schreiben. Die Konzentration fällt schwer, es passieren Fehler. Schweiß tropft vom Gesicht. Draußen sind es über 37 Grad, drinnen gefühlt dreißig. Wir haben alles verdunkelt, die Ventilatoren laufen den ganzen Tag. Das Gefühl eingesperrt zu sein macht sich breit. Wir trinken viel, viel Wasser.

Zwei antike Schmuckstücke auf dem Buch «Goethe Italienische Reise», Sammlung RW, Fotografie RW, 25. 26. und 27. Juni 2026

 

Fussball, Gott und die 23

Fußballprofi mit Christusfimmel. Platzverweis für Jesus! titelt die tageszeitung zur Geste des Fußballers Nmecha. Das Wort Fimmel gepaart mit dem Wort Christus gefällt mir nicht. Der Fußballer legt eine imaginäre Krone auf den Rasen. In Verehrung Jesu Christi. Hier abgebildet auf einem Foto, das ich gestern in der Rheinischen Post fand. Felix Nmecha ist Christ und zeigt seinen Glauben offen auf dem Fußballfeld. Mitglied der Ballers in God soll er sein. Nach dem 7 zu 1 Sieg gegen Curacao haben er, Spieler der deutschen Mannschaft und Fußballer des Gegner-Teams in einer Runde gemeinsam gebetet.
Allerdings hat Nmecha wohl auch homophobe und transphobe Inhalte in den social media geteilt. Daher die Verurteilung der TAZ.
Mir gefiel das Foto zunächst allein wegen der Trikotnummer 23. Ich rechne die Quersumme der vier zusätzlichen Rückennummern auf dem Foto zusammen: 41, davon die Quersumme ist 5.
Nein, ich will anders rechnen: 7 + 5 +1 + 9 + 1 + 0 = 23, davon die Quersummer ist 5.
Wieder ein sehr schöner Fund für meine 23 Sammlung.
Da freue ich mich und von mir aus darf Nmecha noch viele Kronen auf dem Rasen absetzen.

Sport-Foto in der Rheinischen Post, 16. Juni 2026, Sammlung RW, Fotografie RW