Wer ist es?

Der indische Prinz sucht im Familienarchiv nach den Buchstaben A, J und G. Diese hat er auf einem alten, sehr großen Silbermedaillon gefunden, fest montiert an einer langen Rundpanzerkette, die mit der Zahl 84 punziert ist. Das Medaillon kommt ihm in einem Holzkasten entgegen, den er für besondere Briefe umwidmen wollte. Unter Samtbändern, Stickproben und Garnrollen scheppert es hervor, er öffnet es – leer. Nun will er es füllen und tragen, wem will er es widmen? Im Archiv findet er das Foto von Anne datiert mit 24. Mai 1945, sie trägt eine Bluse, deren Stickerei an die Russenkittel genannten Kinderhemden erinnert, die er von Erzählungen der steinalten Sophia kennt. Der Krieg ist gerade vorbei, Anne ist 23 Jahre alt und weiß nicht, was alles noch kommen wird.
Die Punzierung an der Kette des Medaillons weist auf 84 Zolotniki hin, eine russische Stempelung bis 1917, die auf 875er Silber hinweist. Wie kommt ein russisches Medaillon in die Holzkiste? 
Die Mutter von Anne hieß Johanna. Ein A und ein J ist also schon gefunden. Da sieht der Prinz ein briefmarkengroßes Stoffstückchen zwischen weißen, gebügelten Spitzentaschentüchern. Es ist oval mit Schwüngen ausgestattet wie ein Wappen und von winziger Lochstickerei umsäumt. Darauf ein J in einem W verschlungen, aufwändig gestickt. Johannas Mädchenname beginnt mit einem W. Das kleine Pröbchen legt der Prinz behutsam in das Silbermedaillon. Noch etwas muss hinein. Zwischen alten Postkarten, Fotos und Rechnungen findet er einen Bankbeleg. 1961 wurde Annes Vater dieses schmale Papier über einen Kauf von sechs 10-Golddollar-Münzen aus den USA überreicht, genau in der Bank, in der er selbst als Beamter arbeitete. Der Kurs lag bei 86, 5. Er zahlte 519 Deutsche Mark für alle sechs. Heute ist die Münze um 1800 € wert und der Vater hätte 10800 € zahlen müssen. So nimmt der indische Prinz das G für Geld und Gold, das Papier kommt ins russische Silber. Verrückt, wie ich’s gedreht habe, bei der ersten Betrachtung kamen mir die drei Buchstaben auf dem Medaillon sehr christlich vor: Das A für ein Ave, das J für Jesus und das G für Gott. Nun, gerade deswegen faltet der indische Prinz den Beleg sorgfältig, steckt ihn ins Medaillon und es scheppert nicht mehr, sondern lässt sich lautlos tragen.

Silbermedaillon auf Archivunterlagen, teil-invertierte Fotografie RW, 7. August 2026

Die große Kiefer

In der Hoge Veluwe wächst die mächtige Waldkiefer, die vielleicht mit vielen Artgenossen Ende des 19. Jahrhunderts gepflanzt wurde. Die seit Generationen abgeweidete Heidelandschaft mit ihren Flugsanden sollte damals wieder bewaldet werden. Im Jahr 2026 machen der Kiefer die Hitze und die lange Trockenheit zu schaffen und es kommt zum sogenannten Grünastbruch. Große und schwere Äste brechen in vollem Grün.
Die steinalte Sophia steht heute in den Niederlanden an ihrem 75. Geburtstag dem Baum gegenüber. Glücklich, ihn im erfrischenden Morgenwind entdeckt zu haben, denkt sie, hier habe der Blitz eingeschlagen, aber sie sieht keine Verbrennungen im Baum. Das Phänomen des Grünastbruchs kennt sie nicht. Wohl hat sie Angst vor einem Feuer, das in der Hitze aufflackern könnte und nicht nur den Bäumen, sondern auch ihr schaden würde. Pfade werden abgeschnitten, Straßen versperrt, Fluchtrouten geschlossen – wegen einer bedrohlich rollenden Feuersbrunst. Am Mittag hört sie schon eine Sirene, zum Glück ist es ein landesweiter Probealarm.
Wie schön diese Waldkiefer ist – wie prächtig die Schwünge ihrer Arme, wie elegant deren Richtungswechsel. Die gestürzten Äste im helleren Grün der unteren Nadelseite– ein ausgebreitetes, feierliches Gewand. Diese geburtstagliche Baumbetrachtung will die steinalte Sophia im Gedächtnis behalten – sie soll ein Vademecum für mich sein – gerade heute.  

Kiefer mit Grünastbruch im Park Hoge Veluwe nahe Otterlo, NL, Fotografie RW, 3. August 2026

Die Mauersegler sind weg

Der Rhein hat sehr wenig Wasser. Wochenlang hat es nicht geregnet. Ich verabrede mich mit meiner jüngeren Schwester am Ufer in Kaiserswerth. Dazu müssen wir unterhalb der Barbarossa-Pfalz an einem mit Basalt gepflasterten Abhang hinuntersteigen, dann weiter über große Basaltblöcke bis sich das Ufer zu einem Strand erweitert. Hier hören wir direkt über uns die Glocken der nahen Basilika, die zur Sonntagsmesse einladen. Wir danken mit einem Blick zum bewölkten Himmel, dass wir uns hier einfinden dürfen und die Suche beginnt. Jahrhundertlang haben die Kaiserswerther ihren Schutt hier im Fluss entsorgt. Diesen Eindruck vermitteln die vielen Scherben von Keramik und Porzellan und die zahllosen Ziegel-Bruchstücke. Den stinkenden armdicken Aal lassen wir links liegen, fotografiert wird er trotzdem.
Ein Stück findet nach einer Weile des Einsehens meine Aufmerksamkeit. Große Freude – endlich ein Fragment eines Bartmannkrugs! Ich laufe zu meiner Schwester, die schon einen intakten, großen, weißen Pfeifenkopf in Händen hält und zeige ihr das Fragment. Sie zweifelt ein wenig an seinem Alter. Aber ich weiß, das ist etwas Besonderes. Nun, das Gesicht und vor allem die angedeutete Hand sehen anders aus als bei Bartmännern aus dem 17. und 18. Jh.. Zu Hause forsche ich und finde heraus, dass es sich um einen Krugtyp aus Raeren in Belgien, ein Grenzort nahe bei Aachen handeln könnte. Solche Krüge wurden im 15. Jh. hergestellt. Sollte mein Fundstück so alt sein? In Raeren gibt es ein Keramikmuseum, das ähnliche Exemplare besitzt. Da müsste ich einmal nachfragen. Auf Instagram finde ich einen heutigen Töpfer, der solche Krüge nachbaut. Aber die Scherben eines Nachbaus aus unserer Zeit werden wohl nicht den Weg ans Kaiserswerther Rheinufer gefunden haben… Die lustige Scherbe mit der «erotischen» Zeichnung fand ich kurz vorher. Es sind wohl die Zahlen 1 und 8, die dort zu erkennen sind. Also ein jüngeres Fragment als mein Raeren-Stück? Die Schreibweise ähnelt jedoch der des 18. Jhs..
Die Freude über die Funde soll noch lange währen, das wünsche ich mir bitte, denn der Sommer rast und die verbleibende Zeit verkürzt sich – die Mauersegler haben sich schon wieder verabschiedet. Was sonst erst im August geschieht.

Zwei Funde vom Rhein, Fotografie RW, 20 Juli 2026
Internetfoto eines Krugs aus Raeren, Auction Bonhams: A Raeren/Aachen stoneware jug, circa 1475-1525

Nur einmal in meinem Leben

Der Halley’sche Komet kommt alle 75 Jahre in die Nähe der Erde. 1986 hat die steinalte Sophia ihn nicht gesehen, das nächste Mal wird er 2061 erscheinen, da wird sie 110 Jahre alt sein. Unwahrscheinlich, dass sie ihn sehen wird, höchstens aus gleicher Höhe – im Orbit kreisend.
Heute entdeckt sie zufällig eine antike Anstecknadel im Schaufenster eines Juweliers. Die Brosche hat Kopf und Schweif. Wie ein Komet! meint die steinalte Sophia. In den Jahren 1835 und 1910 sah man den Halley’schen Kometen von der Erde aus und eine eigenartige Mode brach in Europa aus. Kleine Kometen, mit Edelsteinen oder Glaspasten besetzt, prangten an Revers und Kragen. Diese typische Form hat sich die sternverliebte Sophia von zahlreichen Abbildungen in alten Juwelenbüchern eingeprägt. Ein dicker Kopf und ein Schweif, der sich verjüngt. Auf Giottos Darstellung der Geburt Christi sieht man ihn so und auch auf dem Teppich von Bayeux, um 1070, allerdings mit anderem Schweif. Meist haben die Broschen des 19. Jahrhunderts Gold- oder Silberfassungen mit kleinen extra S-Bögen. Die von Sophia entdeckte Brosche trägt keine durchsichtigen Steine. Sie ist ausgelegt mit feinstem Mikromosaik aus Glasfädenstückchen, wie sie in Italien für den Souvenirmarkt hergestellt wurden und werden. Millefiori nennen sie sich. Auch Sterne sind auf dem Schweif zu sehen, der Kopf ist mit Rose, Vergissmeinnicht und Margerite geschmückt, Umrahmt wird das ganze mit silbernen Kügelchen und Bögen.
Der Komet Hale-Bopp, den sie im März 1997 um Mitternacht auf einem einsamen Feld nahe Rheinberg bestaunte, wird erst in etwa 2.400 Jahren wieder zurückkehren. Er hat ihr Aufregung, Angst und Unglück gebracht, ihr Auto sprang nicht mehr an, als sie von dem Feldweg wieder wegfahren wollte… ein Handy hatte sie damals nicht dabei. Ein freundlicher Helfer von einem nahegelegenen Bauernhof, auf den sie mit Herzklopfen im Dunkeln zuging, hat ihr Auto schließlich mit einem Starthilfekabel wieder zum Laaufen gebracht.
Endlich habe ich ein himmlisches Kometen-Schmuckstück, dies wird mir Glück bringen und morgen werde ich es dem indischen Prinz zeigen und hoffen, dass er mir dazu einen blauen Ring mit Sternen-Diamanten schenkt.

Antike Brosche mit Mikromosaik, Sammlung RW, Fotografie RW, 9. Juli 2026

Antikenbegeisterung

Der indische Prinz besitzt bereits mehrere Kameen mit fein geschnitzten Köpfen aus der griechischen Mythologie, geschnitten aus der roten Helmschnecke oder aus Lagenstein. Nun wünscht er sich unbedingt eine Kamee mit einer vielfigurigen Szene, am liebsten aus dem Leben der Götter.
Zahlreiche Kameen wurden im 18. Jahrhundert für die Reisenden der Grand Tour geschaffen. Als Material dienten exotische Meeresschnecken, die im Zuge des weltweit florierenden Seehandels der vorangegangenen Jahrhunderte aus fernen Ländern nach Europa gelangt waren. Die Antikenbegeisterung des 18. Jahrhunderts löste einen regelrechten Boom aus: Wer die frisch ausgegrabenen Meisterwerke der Antike bewunderte, wollte deren Motive auch in kleinem Format als Erinnerungsstück mit nach Hause nehmen.
Schließlich wird der Prinz bei einem Juwelier in der Nähe von Aachen fündig. Dieser hat eine Gemmensammlung aus dem Ruhrgebiet angekauft, weiß jedoch weder Näheres über deren Herkunft noch über die dargestellten Motive. Unter den vor ihm ausgebreiteten Stücken entdeckt der indische Prinz das Urteil des Paris, Diana mit ihren Gefährtinnen, Venus mit Gespielinnen neben einer Herme und einem Opferaltar, Aurora auf ihrem von Pferden gezogenen Wagen sowie weitere mythologische Darstellungen. Sogar ein geflügelter Saturn mit Sense ist darunter.
Viele der Gemmen erweisen sich als typische Touristenware – schlicht oder stereotyp gearbeitet. Doch eine besonders fein geschnittene Kamee im Querformat mit vier Figuren zieht sofort seine Aufmerksamkeit auf sich. Sie ist offenbar in der Mitte des 19. Jahrhunderts von einem Gemmenschneider in Torre del Greco bei Neapel gefertigt worden. Ihr Alter lässt sich an der einfachen Nadel mit C-Haken auf der Rückseite erkennen. Die Kamee ist in einen querovalen, vergoldeten Blechrahmen gefasst.
Bei genauerem Betrachten entfaltet sich die Szene: Vulkan steht an seiner Schmiede und bearbeitet mit dem Hammer einen Pfeil. Neben ihm sitzt seine Gemahlin Venus und taucht ihren Pfeil mit der Spitze in eine Schale – ein Liebeszauber? Unter ihrem Stuhl zwei Turteltauben als Sinnbild der Liebe. Amor und Mars, der Geliebte von Venus, der ebenfalls einen Pfeil in der Hand hält, vervollständigen die Darstellung. Die Ausführung ist von schöner Feinheit – selbst die Befiederung der Pfeile ist deutlich zu erkennen. Die Oberfläche ist allerdings etwas abgetragen, besonders das Gesicht der Venus ist verflacht.
Der indische Prinz erkennt sofort, dass das Vorbild für diese vielfigurige Komposition von dem dänischen Bildhauer Bertel Thorvaldsen (1770-1844) stammt. Doch wie gelangte dieses Motiv in die Werkstatt eines neapolitanischen Gemmenschneiders des 19. Jahrhunderts?
Die Erklärung liegt in der außerordentlichen Popularität Thorvaldsens. Seine Kunstwerke wurden schon zu seinen Lebzeiten in Kupferstiche und andere grafische Reproduktionen übertragen, in hohen Auflagen gedruckt und in ganz Europa verbreitet. Gerade im Mittelmeerraum, wo sich die Werkstätten der Kameenschneider befanden und die Reisenden der Grand Tour ihre Erinnerungsstücke erwarben, dienten diese Druckgrafiken häufig als Vorlagen.
Der indische Prinz kauft die Kamee für wenig Geld und zeigt sie am nächsten Tag der steinalten Sophia, die seine Begeisterung zwar teilt, aber lieber über seine Edelsteine sprechen will, in der Hoffnung, dass er ihr bald einen kostbaren Ring schenken wird.

Sogenannte Muschel-Kamee auf Travertin, Sammlung RW, Fotografie RW, 7. Juli 2026,
Marmorrelief nach Thorvaldsen, ausgeführt von Carl Frederik Holbech (1811-1880), Venus, Mars und Vulkan, Modell um 1810, Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek München

Heiße Quellen und Höllenvulkan

1786 beginnt Goethe von Karlsbad aus seine Italienreise. Im böhmischen Kurort hat er gerade seinen 37. Geburtstag gefeiert und bricht am 3. September um drei Uhr morgens heimlich auf, um weiteren Verbindlichkeiten zu entgehen. Karlsbad besucht er insgesamt dreizehn Mal. Als Geologe und Mineraloge legt er sich eine Sammlung von ortstypischen Mineralien an. Besonders begeistert ist er von der Aragonit-Varietät, dem Sprudelstein, einem Kalksinter, der oft sehr schön gebändert ist. Im Goethe Museum Düsseldorf gibt es ein kleines altertümliches Kästchen darinnen eine Sprudelsteinsammlung von 1832, mit einer Einführung von Goethe.
Heute heißt das seit Jahrhunderten berühmte böhmische Karlsbad Karlovy Vary und gehört zu Tschechien. Meine kleine Brosche aus Karlsbad könnte noch aus dem 19. Jahrhundert stammen. Die weiße Farbe in dem Schriftzug ist herausgewittert. Die Brosche ist eine sehr schlichte Pietra-Dura-Arbeit aus Sprudelstein und Malachit. In einer dekorativen Kupferblechfassung wurde sie als Andenken aus dem Heilbad mitgebracht, landete in Berlin und dort erwarb ich sie zusammen mit der Vesuvbrosche für wenig Geld.

Im Februar 1787 hat Goethe Neapel erreicht. Bald fährt er mit der Kutsche Richtung Vesuv, auf einem Maultier reitet er hinauf, das letzte Stück bis an den Kraterrand zu Fuß. Dreimal besucht er den Krater, erlebt dichte Rauchschwaden und Ausbrüche glühender Lava. Er sammelt Lavabrocken und anderes vulkanisches Gestein. Ich besitze einen Vesuvian mit gelblich grünlichen Kristallen auf rötlicher Lava. Der Geologe Abraham Gottlob Werner, den Goethe wohl auch des Öfteren traf, erkennt 1795 Vesuvian als eigenes Mineral. Ich habe den Vesuv auch bestiegen und in den beißenden Krater geblickt. Ebenso war ich bei den Phlegräischen Feldern und habe dort aus den rauchenden Erdlöchern Proben von Schwefel entnommen. Außerdem konnte ich nicht an den lustigen Touristen-Gesteinssammlungen in schrill bunten Kästen vorbeigehen und habe zwei gekauft, unter anderem mit Pioggia di Cenere (Ascheregen) in einem Glasröhrchen.
Vom Maler und Italien-Begleiter Goethes Christoph Heinrich Kniep ist eine aquarellierte Federzeichnung Die Bucht von Neapel mit Blick auf den Vesuv erhalten. Diese Ansicht zeigt auch die kleine Kamee mit der Darstellung des Golfs von Neapel. Sehr einfach geschnitzt aus der Schale einer Meeresschnecke. Deutlich sieht man die beiden Gipfel des Vesuvs, des 79 nach Christus auseinandergebrochenen Monte Somma. Der Vesuv raucht – sehr schön hat der Schnitzer die violette Schicht der Schnecke für die Rauchwolke genutzt. Darunter erkennt man in der weißen Schicht des Schalenaufbaus noch eine Dreiecksform. Ist damit ein Segelboot gemeint oder das Castel dell’Ovo? Ich habe alte Darstellungen der Bucht von Neapel verglichen und tatsächlich gibt es auch Ansichten, näher am Castel aufgenommen, auf denen die massige Burg fast wie ein dreieckiges Gebirge aus dem Wasser ragt.
Es kostet mich große Mühe, heute, gestern und vorgestern diesen Text zu schreiben. Die Konzentration fällt schwer, es passieren Fehler. Schweiß tropft vom Gesicht. Draußen sind es über 37 Grad, drinnen gefühlt dreißig. Wir haben alles verdunkelt, die Ventilatoren laufen den ganzen Tag. Das Gefühl eingesperrt zu sein macht sich breit. Wir trinken viel, viel Wasser.

Zwei antike Schmuckstücke auf dem Buch «Goethe Italienische Reise», Sammlung RW, Fotografie RW, 25. 26. und 27. Juni 2026

 

Fussball, Gott und die 23

Fußballprofi mit Christusfimmel. Platzverweis für Jesus! titelt die tageszeitung zur Geste des Fußballers Nmecha. Das Wort Fimmel gepaart mit dem Wort Christus gefällt mir nicht. Der Fußballer legt eine imaginäre Krone auf den Rasen. In Verehrung Jesu Christi. Hier abgebildet auf einem Foto, das ich gestern in der Rheinischen Post fand. Felix Nmecha ist Christ und zeigt seinen Glauben offen auf dem Fußballfeld. Mitglied der Ballers in God soll er sein. Nach dem 7 zu 1 Sieg gegen Curacao haben er, Spieler der deutschen Mannschaft und Fußballer des Gegner-Teams in einer Runde gemeinsam gebetet.
Allerdings hat Nmecha wohl auch homophobe und transphobe Inhalte in den social media geteilt. Daher die Verurteilung der TAZ.
Mir gefiel das Foto zunächst allein wegen der Trikotnummer 23. Ich rechne die Quersumme der vier zusätzlichen Rückennummern auf dem Foto zusammen: 41, davon die Quersumme ist 5.
Nein, ich will anders rechnen: 7 + 5 +1 + 9 + 1 + 0 = 23, davon die Quersummer ist 5.
Wieder ein sehr schöner Fund für meine 23 Sammlung.
Da freue ich mich und von mir aus darf Nmecha noch viele Kronen auf dem Rasen absetzen.

Sport-Foto in der Rheinischen Post, 16. Juni 2026, Sammlung RW, Fotografie RW

Aufstellung

Heute kommt der Mops aus Goethes Märchen zu besonderen Ehren. Er erscheint als meine Arbeit und wird zwischen unfertigen Objekten mit zerbrochenem Porzellan und Pappmaché-Erfindungen aufgestellt. Der Mops ist noch nicht gebrannt und nicht glasiert. Er steckt jetzt auf einer Vase, die mit Pappmaché überzogen wurde
Meine Arbeit ist noch nicht fertig. Leider gibt es Wartezeiten, die mag ich nicht aushalten. Die Übersicht kann zwischenzeitlich verloren gehen, weil die Dinge sich vermehren. Allerdings sind die Stunden zwischen dem eigentlichen Machen öde, dehnen sich und werden mit Ablenkungsmanövern gefüllt. Dann gehe ich beim vermeintlichen Teilnehmen an Ereignissen verloren, die in der ganzen Welt zu passieren scheinen.
Überreaktion durch zu viele Eindrücke im Hirn: Es fallen mir krude Ideen ein, genährt durch Alice im Wunderland, den Disneyfilm von 1951, den ich gestern Nacht sah: Der Mops ist bei der steinalten Sophia zum Tee eingeladen. Außerdem sind anwesend: drei krumpelige Möchtegerns, zwei verrottete Angeber, ein verwirrter Bauchredner und zwei sehr müde Wanderer.
Haha, Haha – alles Hirngespinste, spontane Dummfälle, einfach aus dem Kopf gesprungen.
Sophie und Noah sind die beliebtesten Namen für Neugeborene, lese ich.
Haha, Haha, Sophia, die alte Weisheit und Noah mit allen Tierpaaren in der Arche. Als größte zwei Titanosaurier und als kleinste zwei reitende Urzwerge (Nanoarchaeum equitans). Haha, Haha.

Aufstellung unfertiger Arbeiten, invertierte Fotografie RW, Sammlung RW, 10. Juni 2026

Johann Kunckel von Löwenstern und das Goldrubinglas

Der indische Prinz ist verliebt. Und zwar in einen Nachfahren des Alchemisten und Glasmachers Johann Kunckel. »Die Wahrheit ist mein Ziel, die guten Künst‘ mein Spiel.«  ist dessen Wahlspruch, er ist Verfasser der Schriften zur Glasmacherkunst »Ars Vitraria Experimentalis« von 1679 und Entwickler eines verbesserten Goldrubinglases. Der Nachfahre heißt allerdings Jan Kunkeln, aber immerhin, der Name seines berühmten Vorfahren aus dem 17. Jahrhundert ist noch zu erkennen. Jan Kunkeln ist Künstler, kein Bildhauer im üblichen Sinne, sondern ein Rätselsteller. Er baut aus Glas, Porzellan und Steinzeug Figuren, die gut in ein Kabinett seltener und kostbarer Dinge passen. Mal ähneln sie Naturdingen, mal technischen Objekten. Seine letzte Arbeit ist eine Kuppa aus Goldrubinglas, auf einem kupfernen Sockel angebracht, der einem Wurzelstück ähnlich sieht. Aus der Kuppa ragen metallene Bögen hervor, diesmal aber aus glänzendem Messing, die wiederum in Glasaugen enden. Der indische Prinz kritisiert das Objekt, es sei zu nah am Kitsch der Wunderkammerdekoration, die man heute, besonders in den Niederlanden, in zahlreichen Style-und-Living-Deco-Stores findet. Wütend und verunsichert schlägt Jan Kunkeln das Objekt im Beisein des Prinzen mit einem Krummhorn entzwei. Das Krummhorn bricht, die Glasaugen splittern. Der indische Prinz ist entsetzt, aber nicht über die zerstörten Dinge, sondern über die Reaktion seines Freundes. Jetzt kannst du das schöne alte Krummhorn nicht mehr spielen, sehr schade, unwiederbringlich zerstört. Wortlos verlässt Jan Kunkeln den Raum, sein Haus und die Straße. Am Rhein versucht er sich zu beruhigen. Als er wiederzurückkehrt, ist der indische Prinz nicht mehr da. Nach drei Tagen bekommt der Künstler ein kleines Paket. Darin findet er ein Briefchen vom indischen Prinz und einen Silberring mit den Initialen JK. An der Schiene hat der Jugendstil-Ring auf beiden Seiten eine plastische Verzierung in Form von Ginkgo-Blättern und -Früchten, ist signiert mit dem Juwelierszeichen von Gustav Hauber. Jan Kunkeln freut sich nur bedingt über den Ring, er trägt keinen Schmuck, ihn stört das bei der Arbeit. Nach einer Weile kehrt er zu seinem Arbeitstisch zurück und steckt die am Rhein gefundenen Holzstücke in die Rubinglas-Kuppa, schneidet aus einer Illustrierten viele Augen aus, die er auf die Äste klebt. Jetzt ist er zufrieden und will bald dem indischen Prinzen die neue Version seiner Arbeit zeigen. Den Ring schenkt er seiner Freundin Klara Jenner, auf dass sie ewig an ihn denke.

Jugendstilring von Gustav Hauber auf Rhodonit, Fotografie RW, Sammlung RW, 29. Mai 2026

23 und 24

Inzwischen ist bekannt, dass ich die Zahl 23 besonders beachte und sammele. Kürzlich dachte ich zurück an die 90er Jahre, als ich, um meine Sammlung der Zahl 23 zu erweitern, an alle an einem 23. Geborene standardisierte Briefe verschickte. Diese Briefe enthielten unter anderem eine Gratulation, dass man jetzt in den Kreis der Betroffenen aufgenommen worden sei.
Auch an meine Künstler-Freundin Claudia hatte ich den Brief geschrieben. Diese ist am 23. Januar 1961 geboren worden und – am 28. Juli 2023 leider schon verstorben. Ich erinnere mich noch so gut an die vielen wunderbaren Feste zu ihrem Geburtstag in dem großen, gastfreundlichen Haus. Dort traf man zahlreiche Freunde aus Künstlerkreisen und wunderte sich, dass auch der berühmte X oder die einflussreiche Y anwesend waren und war froh, ebenfalls zu den Eingeladenen zu gehören.
Heute, am 23. Mai will ich ihrer besonders gedenken. Die 23 ist in ihren Lebensdaten schon zweimal vorhanden. Ich errechne die Quersumme ihres Geburtsdatums – heraus kommt die 23. Dann errechne ich die Quersumme ihres Sterbedatums – heraus kommt die 24. So bin ich mit Claudia besonders verbunden, da ich in meinem Traum die 24 finden sollte, stattdessen aber eine 23 fand.
Mein Traum von 1986 wird in diesem Blog des Öfteren erwähnt und auf meiner Website findet man ihn wortwörtlich. Bald wollen wir im Künstlerverein Malkasten in einem Gespräch ganz besonders an die Künstlerin Claudia van Koolwijk denken. 
Anfang der 2000er Jahre fotografierte sie mich vor violettem Samt. Dazu musste ich, wie auch andere Frauen, die sie alleine oder in Gruppen fotografieren wollte, meinen Kopf durch den Schlitz eines großen Samttuches stecken.

«Ruth Weber, Kopf auf lila Samt», Fotografie Claudia van Koolwijk, Anfang 2000er Jahre, Ausschnitt RW, 23. Mai 2026
AKTUELL IM MALKASTENFORUM Künstlerverein Malkasten Düsseldorf
reMember. Claudia van Koolwijk / Stefan Demary
und Adolph Schroedter (1805-1875) aus dem Malkasten-Archiv
10. Mai – 8. September 2026