Joseph Mallord William Turner

Zu meiner Freude hielt Turner auf seiner Rheinreise auch den Pfalzgrafenstein in seinem Skizzenbuch fest. An den Ufern dieser geschichtsträchtigen Festung mitten im Rhein bei Kaub hatte ich vor mehr als zehn Jahren schöne Flussgerölle und Artefakte gefunden. Unter anderem einen mit Hämatit angereicherten Quarz, bei dem man fächerartig gewachsene Kristalle ausmachen konnte und auch einige abgerollte Keramikscherben von Gefäßen des 18. Jahrhunderts. Diese Fundstücke können durchaus schon da gelegen haben, als Turner vom Schiff aus seine Skizze der ehemaligen Zollfeste fertigte. Ich habe mein Bild ebenso mitten auf dem Rhein aufgenommen, von der Fähre aus, die zur Insel übersetzt.
Im Januar 1814 hatte Blücher mit einer preußisch-russischen Armee von hier aus den Rhein überquert, um die Franzosen aus den Rheingebieten zurückzudrängen. Im August 1817 waren die Napoleonischen Kriege längst beendet, die Kontinentalsperre aufgehoben, so konnte Turner seine Sommerreise nach Holland und Belgien beginnen, um die Schlachtfelder von Waterloo zu besuchen. Weiter ging es an den Mittelrhein. Zeichnungen, unter anderem von der Loreley, St. Goar, Ehrenbreitstein und eben Kaub finden sich in seinen Skizzenbüchern (Tate Collection, London). Insgesamt elfmal fuhr er an den Rhein.
Lord Byron hatte mit seinem Werk Childe Harold’s Pilgrimage die Fahrten zu den Bildungsstätten des Abendlandes und auch an den Rhein sehr populär gemacht. Ein später ausgeführtes und mit landschaftlichen Erfindungen angereichertes Rheinbild Turners mit Burgen, Felsen und dem deutlich zu erkennenden Pfalzgrafenstein diente 1833 als Titelblattvignette dem letzten Band der Werke von Lord Byron. 

 
Fußweg kurz vor Kaub (in Richtung Bingen), Blick auf die Pfalz, Aquarell, 1817
Medium: Wasser und Deckfarbe auf grau laviertem Papier 
Größe: 190 x 305 mm
Sammlung: Privatbesitz, gesehen auf  https://www.turner-route.de/projekt
Mehr zum Thema Artikel «Sacht stromabwärts treiben» in der FAZ von heute
und unter https://www.turner-route.de/projekt
und in der Online-Datenbank tate.org.uk
Der Pfalzgrafenstein bei Kaub, Fotografie RW, 2008
 

Nur einen Tag lang


Abends hatte es am Rhein geschneit, noch in der beginnenden Nacht sah ich die Menschen hinauseilen, um das ungewohnte Bild auszukosten. Die Spaziergänger hörte ich lachen und rufen. Auf dem Deich trudelten die hellen Flocken im Licht der Laternen – nur kurz unter Gefrierpunkt waren sie schwer und legten sich dicht und bräsig auf alle Oberflächen. Am nächsten Morgen sah ich auf den Rheinwiesen Kugelmänner aus schwerem Schnee in allen Größen und Formen, geschmückt mit welkem Laub und abgestorbenen Ästchen. Vater, Mutter und Kinder machten stolz ein Selfie mit ihren Meisterwerken. Dann, als am Nachmittag die Nachzügler kamen, war die ganze Herrlichkeit schon wieder aufgetaut.

Platanenschnitt im Schnee, Fotografie RW, Düsseldorf, 17. Jan. 2021
Zur Lektüre empfohlen: Hanns-Josef Ortheils Blog heute: Fermers Wanderungen 23 und ein paar Tage davor Fermers Wanderungen 22

Meisterhand


Vor Jahrzehnten, genauer vor fast 45 Jahren, plante Joseph Beuys (1921-1986) eine Ausstellung in Frankfurt. Mit Neben Gegen sollte sie heißen. Beuys wollte zusammen mit seinen Studenten ausstellen. Im Vorfeld war er in meinem Atelier, um Arbeiten anzuschauen oder auszusuchen. Ich malte damals, Sigmar Polke war mein Vorbild, auf billigen Kaufhausstoffen mit Acrylfarbe banale Alltagsobjekte, einen Toaster, ein altertümliches Radio. Beuys kommentierte: Maschinen kann man nicht malen. Im Grunde stellte er uns aber frei, mit welchen Arbeiten wir an der Ausstellung teilnehmen wollten.  In einer Gruppe von Beuysschülern trafen wir uns und waren uns einig, dass wir keine Lust zum konventionellen Bilderaufhängen hatten. Zu sechst planten wir andere Beiträge – eine Postkartenedition mit dem ironischen Titel Fluxicards. Außerdem stellte ich mit Hilfe meiner Kommilitonen ein Video her, indem ich von dem Ansinnen eines Freundes erzählte. Er war zur Zeit der Planung der Ausstellung in New York und konnte keine Arbeit für Frankfurt auswählen. Er hatte mich per Luftpostbrief gebeten, einige seiner Zeichnungen aus seinem Atelier zu holen und sie einzuschicken. Im Film sprach ich von diesem Brief, durchsetzt von einer Fantasiesprache, durchmischt mit schwedischen Sätzen, die ich aus einem Sprachbuch vorlas. Im Hintergrund gab es Schreie und Rufe der anderen. Bei den Ausstellungsvorbereitungen im Frankfurter Kunstverein kam es dann zu einem großen Streit zwischen den Studenten, der Meister mittendrin, man war sich uneins über das Konzept, die Hängung und die Aussage. Es gab tagelang politische Diskussionen, fast kam es zur Absage der Ausstellung. Unsere Postkartenedition gefiel Beuys jedoch gut und das Spesengeld, das wir vom Museum erstattet bekamen, gaben wir direkt in Frankurt auf dem Flohmarkt wieder aus.

Apophyllit aus Indien auf Wurzelfundholz aus dem Rhein, Sammlung RW, Fotografie RW 2021

Ein gelungener Tag

Heute Morgen im Osten
seltene Wolken am Rhein.
Sie spalten sich auf
nach Nord und Süd
wie Ypsilon und Vau.
Drei Schiffe heißen
IDEAAL, UNION und VEERMAN.
Später finde ich am Ufer
Scherben aus Porzellan
mit drei blauen Linien
auf weißem Grund.

Wolkenformation am Morgen des 14. Januars 2021, Fotografie RW 2021

Tag der Symmetrie 12 1 21


Seit längerer Zeit bin ich mit Gedichten verwoben, lese und lese, sehe sie direkt zu meinen eigenen neuen Arbeiten: dem Zusammentreffen zweier Stücke aus meiner Sammlung. Fast täglich initiiere ich neue Kombinationen, die in Auswahl, Gleichgewicht, Farbe und Form aufs Genaueste geprüft werden. Damit korrespondieren die Gedichte erstaunlich gut, sie zeigen mir Sprachbilder, die ich in meinen Mineralien eins zu eins wiederfinde. Allerdings ist das heutige symmetrische Datum ein unbeabsichtigtes Gedicht, dem ich meine Kombination von Kristall und Geode widme.

Bergkristall mit einer großen Pyritinklusion aus Brasilien auf einer Feuersteingeode von der Ostsee.
Zum Lesen und Hören: https://www.lyrikline.org/de/startseite/

Poesie

Wie weise, dachte ich, als ich das Schiff mit dem Namen SOPHIA vorbeifahren sah. Dann folgte CASIMIR, der Friedensstifter. Später noch AMICI. Da konnte ich den Rhein nur sehr loben ob seines lyrischen Angebots.
Warum erinnerte ich mich an ein altes Foto, dass ich 2003 am Rhein in Kaiserswerth aufgenommen hatte? Das Winterhochwasser auf den Rheinwiesen war gefroren und Schlittschuhläufer hatten ihre Kreise um die Kopfweiden ins Eis eingeschrieben.

Kaiserwerth am Rhein, Fotografie RW, 2003

Epiphanias

Seit 2006 lädt die steinalte Sophia am 6. Januar zum Dreikönigstag Gäste ein. Jedesmal hatte sie einen traditionellen Dreikönigskuchen gebacken und andere Köstlichkeiten für ihre Freunde parat. Der Tisch war festlich geschmückt und der Weihnachtsbaum wurde ein letztes Mal angezündet. Jedes Jahr kamen andere Gäste, bis auf die treuen Stammgäste der ersten Jahre, die waren immer dabei. Letztes Jahr waren es 33 Freunde und Freundinnen, die sich um den langen Tisch versammelt hatten. In den Dreikönigskuchen war ein Figürchen eingebacken und wer dieses auf dem Teller oder in seinem Mund fand, bekam eine Krone aus goldenem Papier aufgesetzt. Dann wurde Champagner ausgeschenkt und aufs Neue Jahr, auf die Gesundheit und die Freundschaft angestoßen.
Nun, ganz so trauig war die steinalte Sophia nicht, dass heute nicht gefeiert werden konnte. Aber, dachte sie sich, ausgerechnet dieses Jahr, wo ich im Sommer einen runden Geburtstag feiern werde, kann ich meine schöne, alte Tradition nicht fortsetzen. Das wird kein böses Omen sein, denn ich bin voller Pläne und guter Zuversicht, dass mir schon im Frühjahr etwas gelingen wird. So legte sie drei ihrer schönsten, durchscheinenden, goldlichten Kristalle auf einen kostbaren Sockel und gedachte Caspar, Melchior und Balthasar, wie sie dem Stern gefolgt waren.

Fluorapatit, Citrin und Fluorit auf einem Messingschild mit Seidentapete aus einem alten Tapetenmusterbuch Jean Pirat, Lyon, Frankreich, Sammlung RW 2020, Fotografie RW 2020

Künstliche Welt

Schon lange ist es eine Binsenweisheit, dass die Fotografie die Wirlichkeit nicht abbildet. Sie ist auch nicht mehr die Fotografie, die sie noch vor 30 Jahren war. Seit wir digital fotografieren und die Fotos digital bearbeiten, wird immer deutlicher, dass es sich um eine rein künstliche Welt handelt. Und doch hat jedes fotografische Bild, sei es digital oder analog entstanden, eine Referenz zu jener Wirklichkeit, die zumindest ein einzelner  Mensch in einem Bruchteil einer Sekunde gesehen hat.

Straße in Düsseldorf-Oberkassel, invertierte Fotografie RW 2020

2.1.21

Überlegungen zum Blick auf eine Alte Fotografie am Zweiten Tag des Neuen Jahres.
Woran soll der Betrachter einer Fotografie erkennen, in welchem Jahr die Aufnahme gemacht wurde? Wie soll er wissen, um welche Person es sich handelt? Was weiß man über sie? Wie kann er herausfinden, an welchem Ort dieses Foto entstand? Aus welchem Anlass wurde die Aufnahme gemacht? Gibt es Zeitzeugen?
Vor der Person liegen aquarellierte Zeichnungen, das Papier deutlich vom Wasser gewellt, auf einem hölzernen Tisch. Nicht weit davon entfernt spiegelt sich ihre zierliche, vom Handgelenk abgestreifte, goldene Armbanduhr in der Oberfläche des Tisches. Im Vordergrund steht eine Tasse mit Untertasse und Kaffeelöffel, dahinter eine geöffneter Karton mit Vollmilch der Marke VITA. (Diese Marke gibt es heute nicht mehr, die Firmengruppe Milchversorgung Rheinland wechselte den Besitzer. Man findet im Internet eine Abbildung dieser Milch-Packung mit dem Vermerk Entwarnung der Zentralstelle Strahlenschutz. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl war im April 1986.) Im Hintergrund sieht man links einen Planschrank mit vielen Schubladen, ein Papierdrachen hängt an der Wand. Rechts neben der Person sieht man hohe Papierrollen, einen Schrank, einen Drahtkorb und ein Objekt, etwas wie einen Kopf, bemalt mit Blau und Orange. Ein großer Keilrahmen steht mit dem Gesicht zur Wand im Hintergrund ganz rechts. Die Frau mit dem ironisch mürrischen Gesichtsausdruck ist zwischen 20 und 30 Jahre alt, hat ihr Haar mit einem weißen Tuch aus dem Gesicht gebunden. Sie trägt eine schwarz-senf-farbene Strickjacke mit Rhomben-Karo, die nicht zur Massenkonfektion gehörte, vielleicht von Kenzo oder von Sonia Rykiel … Das Foto ist mit Blitz aufgenommen worden und ist in keinem Bereich wirklich scharf.
VOYAGE heißt das Schiff auf dem Rhein, das während der Überlegungen gerade vorbeifährt.

Künstlerin im Atelier, Fotografie aus dem Archiv RW, 1987

Letzter Tag des Jahres

Heute am letzten Tag des Jahres packt mich der dringliche Wunsch, etwas Wichtiges noch zu erledigen. Eine Besonderheit zu erleben. Das Ungewöhnliche zu entdecken. Die gerade vorbeifahrenden Schiffe auf dem Rhein heißen JUDITH CIRCLE SQUARE ARCTIC und RAFFAEL.
An meinem Geburtstag steht im Heiligenkalender Judith. Wäre auch ein schöner Name für mich. Dann werde ich den Kreis in ein Quadrat zwingen. Und der heilige Raffael, der treue Begleiter, wird mich auf meiner Reise – durch das hohe Gebirge zum Anfang der blauen Zone und weiter bis in den Polarkreis – behüten und beschützen.

Montserrat bei Barcelona, Fotografie RW, 2015