Kristall, Licht und die 23

Einem Zuhörer vor Jahren, dem ich meinen Traum von der 23 erzählte, fiel auf, dass ich ja eigentlich auf der Suche nach der Eins sein müsse. Die unbekannte Frau in meinem alten Traum hatte mich aufgefordert die Zahl 24 zu finden, das bringe Glück und dann aber gesagt:
»Deine Zeit ist verstrichen! Hier aber ist die Lösung:
Nimm das Wort
IDEE
Jeder Buchstabe im Alphabet
hat gemäß seiner Stellung
eine ihm zugeordnete Zahl.
Die Quersumme von Idee ist demnach 24.«
Das stimmt nun aber nicht, wie ich beim Aufwachen nachrechnete, die Quersumme ist 9455 und das ergibt 23. Der Zuhörer vor Jahren kam aus England und nun fiel mir neulich mitten in der Nacht auf, dass ich das englische Wort für Idee nehmen könnte, was hat das wohl für eine Quersumme?
IDEA ist 9451 ist 19 ist 10 ist 1

Das Licht auf Kristallen, digital veränderte Fotografie RW, 22. September 2021
Der vollständige Traum zur 23 unter der Kategorie Wort auf ruth23weber.de

Sonntags im Gebirge


Fährt man am Sonntag mit der Bergbahn auf den Hausberg Mittag bei Immenstadt, um dort am ökumenischen Gottesdienst teilzunehmen? Oder nimmt man den Bus nach Hirschegg ins Kleinwalsertal, um in der Pfarrkirche Sankt Anna eine heilige Messe zu feiern?
Nein, man wandert stattdessen nach dem Frühstück in Oberstdorf an der milchig blaugrauen Stillach entlang bis in den Wald bei Schwand, kehrt kurz hinter den Kiesgruben um, da ein Wind sich hebt, die Blätter von den Ebereschen heruntertrudeln, ganze Ästchen sich fallend schnell um die eigenen Achsen drehen. Der Himmel hat sich längst bewölkt, die Gipfel der Berge sind verborgen. Gerade zurück im Haus – setzt der Regen ein. Müde und verschwitzt lässt man sich auf die Betten fallen.
Der Schlaf der vergangenen Nacht war nur von kurzer Dauer. Am Geburtstagsabend davor hatte ein freundlicher Gastgeber wieder und wieder den Wein nachgeschenkt, bis man sich an den immer abstruser werdenden Gesprächen über lokale Dialekte nur noch mit schwerer Zunge beteiligen konnte. Auf dem nächtlichen Weg nach Hause war der Himmel ungewöhnlich klar gewesen und man konnte den Blick nicht abwenden – überwältigt von der Vielzahl der sichtbaren Sterne. Der Orion zeigte sich riesig am Firmament. Solch große Himmel war man im Rheinland nicht mehr gewohnt.

Hinterglasmalerei aus Miltenberg, Fotografie RW, 2021

Im Nass

Der Wald ist nass. Das Wasser trieft von den Bäumen, fließt die Stämme entlang. Der Waldelefant hebt den Rüssel, um ganz langsam die nassen Blätter vom Baum zu ziehen. Er verursacht dabei ein ächzendes Geräusch. Der Puls der steinalten Sophia klopft schneller, aber sie ruft dem Geist nichts zu, ganz langsam, ein wenig keuchend steigt sie den dunklen Weg weiter hinauf. Die aufkommende Dämmerung ist ihr zunehmend unheimlich. Das ächzende Geräusch wird leiser, nun hört sie das Gurgeln und Plätschern eines kleinen Baches, der rechts vom Berghang herunterfließt. Eine schwach schimmernde Kaskade auf steinschwarzen und erdenbraunen Stufen, die ihr so sehr gefällt, dass sie lange dort verweilt. Das Wasser findet seinen Weg, ohne ihr Zutun, fortwährend fließend.

Im Regenwald bei Oberstdorf, Fotografie RW, September 2021

Zeit

So gehts mit der zeit
wird festgehalten
auf deubel komm raus
das haus das fachwerk der brunnen
der markt am schnatterloch in miltenberg
winters wie sommers
vor jahrhunderten erbaut

Der Markt in Miltenberg mit dem Hotel «Schmuckkästchen», Fotografie RW, 2021,
Ausschnitt aus dem Gemälde «Miltenberg Markt» von Jakob Fischer-Rhein, 1947, Museum der Stadt Miltenberg

Brieflesendes Mädchen – mit Amor

Das Bild ist nun ganz anders: hinter der jungen Frau ist das große Wandbild mit dem Amor freigelegt worden. In einem sehr aufwendigen Verfahren wurde unter dem Mikroskop Farbpartikelchen für Farbpartikelchen abgetragen. Die alte weißgraue Übermalung ist nun historisch, historisch ist aber auch, dass sie nicht von Vermeers Hand war. Als das Bild 1742 angekauft wurde, war sie schon da. Der Amor ist uns schon als Bild im Bild bei zwei weiteren Gemälden Vermeers vertraut. Im Londoner Vermeer hält der gleiche Cupido eine kleine Karte in der Hand. Diese und auch die Darstellung eines Liebesgotts mit Masken zu Füßen ist aus alten Emblembüchern bekannt. Im Emblem hält der Amor eine Karte mit der Zahl 1 hoch, auf eine Tafel mit weiteren Zahlen tretend 2 3 4 5 6 7 8 9 10 … Will sagen, nur die eine Liebe zählt. Der Amor, der im Dresdner Bild auf das Innere einer Maske tritt, meint wohl, dass jede Liebe ohne Falsch sein soll, wahre Liebe keine Verkleidung brauche. Im Emblembuch hält er jedoch auch einen Ring hoch in der Hand. Nun ist interessant, was der Amor auf dem Dresdner Bild in der linken Hand halten könnte. Einen Ring oder eine Karte? Und warum tritt er auf die innere Seite einer dunklen Maske, während die zweite goldene, halb verdeckt, richtig herum liegt. Warum verbirgt Vermeer das Bild mit dem Vorhang, der auch auf einen Raum außerhalb des Bildes verweist, das heißt, vor dem eigentlichen Bild hängt?
Ich sehe in diesem Zusammenhang den Vorhang, der das Bild ganz verhüllen könnte, die Spiegelung des brieflesenden Mädchens im Fenster und die beiden Masken in einem Motivkontext. Hier gibt es eine Analogie zwischen Innerem und Äußerem. Zwischen der Möglichkeit einerseits – Innerstes – Gedanken im Kopf – Verborgenes ahnen zu können, oder nur das Abgewandte, das Äußere, die Erscheinung einer Person betrachten zu können.

Ich freue mich auf den Katalog zur Dresdner Ausstellung, die das neue Bild feiert. Habe ihn schon bestellt, leider ist er noch nicht angekommen, bin aber so gespannt auf die Beiträge im Buch.
Es ist von einigen kritisiert worden, dass man den gewohnten Vermeer nicht in seiner seit Jahrhunderten bekannten Gestalt belassen hat. Dass der Amor anwesend ist, wusste man schon seit Röntgenaufnahmen aus den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Hätte man das nun freigelegte Bild nicht rein digital rekonstruieren können und den Vermeer damit nicht solchen Strapazen aussetzen müssen? Ich glaube, so ist es gut jetzt, Vermeer ist wieder der Wahre.

„Johannes Vermeer. Vom Innehalten“ in der Gemäldegalerie Alte Meister Dresden
https://www.skd.museum/besucherservice/presse/2021/ein-liebesgott-taucht-auf-vermeers-brieflesendes-maedchen-am-offenen-fenster-vollstaendig-restauriert/

Zauberspruch

Was sahst? Drei Steine aus der Erde.
Wer hörts? Kein Ohr.
Nun lache, lache! Hols Boot hervor!

Wo singst? Geh unters hohe Zelt.
Brenn Kupfer, Holz und Ton
zu Asche, Asche!
Drei Steine hoch geschnellt.

Drei Türkis-Glücksbringer, Geschenk zum 70. Geburtstag, Fotografie RW, August 2021

Spätsommer

Neuerdings sind meine Träume intensiv und voll. Ich weiß es, kann mich aber an keine Einzelheiten erinnern. Dieses Gefühl, etwas erlebt zu haben mit Freunden und der Familie, ist derart stark, dass ich mich sehr müde fühle – wie nach einer langen Reise.

Im Park von Schloss Dyck, Fotografie RW, 5. September 2021

Gedicht für die Nacht

Heute bekam ich mein (vorläufig) letztes Geburtstagsgeschenk in diesem Jahr – ein Bändchen mit Gedichten von Clemens J. Setz. Eines davon werde ich in der Nacht aufsagen, wenn ich nicht schlafen kann.

Motte
Seit Tagen schon warte ich
dass sie zurückkehrt
aus der Flamme, geheilt
von ihrer gefährlichen Neigung.

Motte, Fotografie RW 2012
Clemens J. Setz, Die Vogelstraußtrompete, Gedichte Suhrkamp, 2014

Glaube Hoffnung Liebe

Vorgestern hatte die steinalte Sophia die alten Kartons auf dem Speicher nach fünf Jahren zum ersten Mal geöffnet. Hier verwahrte sie die hastig zusammengepackten Dinge der verstorbenen Großtante. Nur kleine Dinge – Etuis aus weichem Leder, Fotografien, Briefe, auch Rechnungen. Und ein altes Kästchen mit Knöpfen und Garnrollen. Die Garnrollen trugen die Aufschrift Massard Frères St. Étienne. Die Großtante hatte eine Zeit lang in Lyon gelebt, daher das französiche Garn? Zwischen den Knöpfen lag ein glatt polierter, grauer Stein mit deutlicher Quarzäderung, fast wie auf einem Efeublatt. Sophia kam das Bild des heiligen Stephan in den Sinn, einen Stein in seinen Händen haltend – Zeichen dafür, dass man ihn für seinen Glauben steinigte. Ganz unten am Boden des Kästchens bemerkte sie ein dunkles Seidenband, wollte es hervorziehen, musste mehrmals ziehen – da öffnete sich ein mit grünem Samt ausgeschlagenes, verborgenes Fach. Darin lag ein silbergraues Kreuz mit schwach funkelnden Steinen besetzt. Wie schön, dachte Sophia, das gehörte vielleicht zu einem Rosenkranz. Sie nahm es vorsichtig auf und zeigte es am anderen Tag dem indischen Prinzen, der schon einen wertvollen Ring der Großtante hatte reinigen und umarbeiten lassen. Das ist ein goldenes Kreuz, mit Platin belegt und die Steine darauf sind Diamanten, erkannte der indische Prinz sofort, wer weiß, warum die Großtante es versteckt hielt. Mit der Lupe betrachtet, sah man den Schmutz der Zeit, der sich auf den Steinen und in den Tiefen der Rückseite festgesetzt hatte. Außerdem entdeckte der Prinz, dass drei winzige Diamanten fehlten. Einer oben über dem großen Mittelstein und zwei am Fuße. Drei, dachte die steinalte Sophia bei sich, das sind Glaube, Hoffnung und Liebe.

Efeu und Usambarablätter, invertierte Fotografie RW, August 2021
Diamantkreuz der 20er Jahre, invertierte Fotografie RW, August 2021

Die Zahl π


Die letzten zehn Ziffern von 62,8 Billionen Nachkommastellen der Zahl Pi sind von Schweizer Wissenschaftlern benannt worden. Es sei nicht wichtig, dass man jetzt die Nachkommastellen genau benennen könne, sondern dass man den Weg zur Errechnung der Ziffernfolge wisse. Die Bewältigung riesiger Datenmengen in der Forschung wird mit Hilfe von Mega-Computern erledigt, was noch vor Jahrzehnten nicht möglich war. 108 Tage hat es gedauert, bis man die letzten Ziffern hatte. 7 8 1 7 9 2 4 2 6 4 heißen sie. Das geht aber noch weiter, da die Zahl Pi, wie man heute weiß, unendlich ist.  In der Medizinforschung, in der Astronomie und anderen Wissenschaften, wo Millionen Daten berechnet werden müssen, kann man nun erheblich schneller zu Ergebnissen gelangen.
Ich hab ein bisschen gezählt und gerechnet. Natürlich verbirgt sich die 23 in den hier im Text genannten Zahlen, aber nur fast. Zählt man die ersten 4 Ziffern der letzten zehn Nachkommastellen zusammen ergibt sich 23, zählt man die ersten 5 Zahlen zusammen, kommt man auf 32. Zählt man alle Zahlen zusammen, ist es die 50… die 5 ist die Quersumme von 23 und 32… ein bisschen gertrickstert klar. Aber das macht eben Freude.

Seifenblasen, Fotografie RW, 2021