TausendundeinFoto


Von einem Wiederholungstraum kann die steinalte Sophia berichten. Immer wieder hat sie darin eine Kamera in der Hand, mit der sie alles festhält, was sich um sie herum ereignet. Sie überlegt dann aber mehrfach – wieviele Fotos hab ich denn schon gemacht? Ist der Film nicht längst voll, hab ich durch immer neues Auslösen jetzt doppelt und dreifach belichtet, so dass frühere Aufnahmen nicht mehr erkennbar sind? Diese Überlegungen setzen ihr derart zu, dass sie mit einem unguten Gefühl aufwacht. Als ob mit dem Verlust früherer Fotografien ihre Vergangenheit ausgelöscht sei, ihre Erinnerungen beschnitten.
Ich will nicht mehr soviel fotografieren, sagte sich die steinalte Sophia heute Morgen. Auf ihrem Rheinspaziergang beobachtete sie Dutzende von Hummeln, die in den Lavendelbüschen der Vorgärten hin und her taumelten. Die hohe Luftfeuchtigkeit und die Kühle des Morgens schienen ihre Flugrouten zu behindern. Wie betrunken purzelten sie in den violetten Rispen herum, die den intensiven Duft des Südens verströmten.
Die Kamera des Smartphones kann ein Bild herstellen, das das menschliche Auge so nicht gesehen hat. Welche Zaubereien der Computer der Kamera im unscharfen Hintergrund des Bildes dazuerfindet, welche Vergrößerung er bei den fokussierten Motiven erreicht, ist erstaunlich. Das hab‘ ich alles so nicht gesehen, sagte die steinalte Sophia, auf das Display des Smartphones schauend, aber ich kann korrigieren, indem ich das Erlebte aufzuschreiben versuche.

Heute Morgen am Rhein, Fotografie RW 29. Juni 2022

15 mal 𝔄 am 23. Juni

Ich entdecke ein Bild, dass mich sofort in den Bann zieht. Es ist ein kleines Bild nur 14.7 x 12.4 cm groß, auf Eichenholz gemalt, von einem, der auch von der Goldschmiedekunst etwas verstehen muss, dem Petrus Christus.* Er malt die Maria vom dürren Baum, circa 1465. Die Muttergottes steht mit dem Jesuskind auf dem Arm auf der zentralen Astgabel eines Baumes, dessen Zweige, sich oben zu einem Rund verbindend, eine große Gloriole bilden. Das Jesuskind ist als Salvator gekennzeichnet durch die goldene Weltkugel mit dem darauf stehenden Kreuz, die es in Händen hält. In den Zweigen des kahlen Baumes hängen goldene Buchstaben, 15 𝔄’s in einer gotischen Schrift, als Buchstaben in Gold geschmiedet, sogar mit kleinen Ketten versehen als Aufhängevorrichtung. Ich habe mir gotische Schriften angeschaut, das kleine a der Schrift Textur kam mir am ähnlichsten vor, allerdings hier im Bild noch mit einigen kleinen Bögen versehen –  Ave, Ave, 15 mal Ave Maria.
Heute ist wieder der 23. des Monats. Acht goldene 𝔄’s mehr und es wären 23. Ich werde mir selbst 23 goldene Zeichen oder Ziffern formen und sie in ein von mir gebautes kahles Gezweig hängen. Die Mitte wird leer bleiben oder es kommt ein besonders kostbarer Stein hinein, am besten Bergkristall, ganz klar und rein. In 8, 15 und 23 sind Zahlen meines Lebens verborgen.
Dieses wunderbar anrührende Bild von Petrus Christus ist noch nicht gänzlich erforscht, erst 1919 wurde es von einer Kunsthistorikerin eben diesem zugeordnet. Und ob die 𝔄’s nun Ave Maria bedeuten, als Engelsgruß, das ist nicht belegt, vielleicht auch sind es die Initialen eines möglichen Stifters, aber 15 mal Ave macht eher Sinn im Hinblick auf den Rosenkranz – fünf mal zehn Ave Maria. Das Bild wurde wahrscheinlich als Andachtsbild für die Bruderschaft Unserer Lieben Frau vom dürren Baum gemalt und ich denke an das schöne Lied Maria durch ein Dornwald ging Kyrie eleison. (Was aber viel jünger ist…)

*Ich liebe ebenso das von mir in meine Gedächtnisschatzkammer aufgenommene Gemälde von Petrus Christus «Ein Goldschmied in seinem Geschäft, möglicherweise Sankt Eligius» von (Man hat dem Eligius den Heiligenschein wegrestauriert, wie ich auf aktuellen Abbildungen sehen kann.) Im Hintergrund der Werkstatt gibt es Korallen und Natternzungen, Diamanten und Karfunkelsteine und ein schönes Kästchen mit goldenen Fingerringen, besetzt mit Edelssteinen.

Mehr über das Bild «Maria vom dürren Baum» das sich in Madrid befindet, kann man man hier nachlesen: https://www.museothyssen.org/en/collection/artists/christus-petrus/virgin-dry-tree

Korrespondenzen XL


Am längsten Tag des Jahres und zu Sommeranfang sehe ich einen türkisfarbenen Gummifingerling, der hilft, Papier zu blättern und zu zählen. Er liegt unter einem großen Briefkasten an der warmen Mauer eines Atelierhauses der Stadt. Außerdem sehe ich mit dem Fernglas die vielen Badegäste am Rheinufer. Die Hochhäuser haben türkisfarbene Dachgeschosse, Himmel und Rhein sind blau, Gras und Bäume grün.

Zwei Fotografien RW zum 21. Juni 2021

Argus

Das Augenmotiv hatte die steinalte Sophia noch lange beschäftigt. Argusaugen – Pfauenaugen – soviel sie sich erinnern konnte, hatte Juno, die Frau des Jupiter, (oder wenn man möchte Hera, Frau des Zeus) den hundertäugigen Riesen Argus beauftragt, die in eine weiße Kuh verwandelte Geliebte ihres Mannes zu bewachen, dass es ja keinen Grund zur Eifersucht geben könne. Aber Zeus war schlau und schickte Hermes, der den Argus mit seinem Flötenspiel einschläferte und dem Wächter den Kopf abhieb. So konnte Zeus seine Geliebte Io als Stier besteigen und schwängern. Hera aber überließ die hundert Augen des Argus dem Gefieder des stolzen Pfaus.
Da klebte die steinalte Sophia neun der aus Magazinen ausgeschnittenen Augen vom bösen Blick auf die goldene Theaterkoralle und stellte sie umgekehrt auf ein Konglomeratgeröll aus dem Rhein, genannt Puddingstein und eine Citrinstufe vom Ofenpass in der Schweiz. Sehr zufrieden betrachtete sie ihr Werk und überlegte, ob sie aus den Worten Pudding, Ofen, Theater, Blick und Kuh eine neue Geschichte spinnen wollte. Aber dafür war es ihr heute zu heiß und sie blieb still hinter den Jalousien ihres kühlen Hauses.

«Goldene Augenkoralle», Draht, Pappmaché, Illustriertenausschnitte, Rheingeröll, Citrinquarz, Kombination/Sammlung RW, Fotografie RW, Juni 22

6000 Jahre Gold


Zu Hause betrachtete der indische Prinz seine aus Australien mitgebrachten Goldnuggets. Es waren historische Stücke aus einem alten Fund. Sogenanntes Seifengold, das aus Quarzgestein durch Verwitterung herausgelöst wird und sich zum Beispiel in den Ufersanden der Flüsse wiederfindet. Die hochgiftigen Methoden, mit Quecksilber oder Blausäureverbinungen aus zermahlenem Gestein Gold zu gewinnen, lehnte er ab. Seine Nuggets stammten aus dem Fund Welcome Stranger, der 1869 in Australien unter einer Baumwurzel entdeckt wurde. Das circa 70 kg schwere Riesenstück wurde zerschlagen und später durch die Bank von England eingeschmolzen. Über komplizierte Wege hatte der indische Prinz ein paar Stücke, die im Besitz der Nachfahren der Finder waren, erwerben können.
Jetzt sind in Uganda 31 Millionen Tonnen Golderzvorkommen entdeckt worden, aus denen man bis zu 320 000 Tonnen reines Gold fördern könne. Angeblich wurde schon ein chinesisches Unternehmen angesprochen, das in Busia im Osten des Landes eine Bergbaugesellschaft gründen soll. Täglich könnten bis zu 5000 Kilogramm Gold gefördert werden. Der indische Prinz wollte sich genau erkundigen, mit welchen Methoden das Gold gewonnen werden soll. Wenn ganze Gebirge zermahlen werden sollten, um dann in giftigen Schlamm verwandelt zu werden, der ganze Landstriche zerstören würde, wollte er an höchster Stelle intervenieren. Genau so kritisch betrachtete er 4000 bis 5000 Meter tiefe Schächte, die ebenso Demolierungen der Landschaft in gigantischem Ausmaß bedeuten würden. Seine eigene Gier nach Gold und Edelsteinen schob der indische Prinz in die hinterste Ecke seiner Überlegungen. Stattdessen ordnete er seine Nuggets mit einem Citrin und einem antiken Mauerbruchstück zu einem kleinen Nature Morte an.

Fünf vergoldete Nuggets aus gebranntem Ton, Citrin und Ziegelrest, Fotografie RW, Sammlung RW Juni 2022
Goldvorkommen in Uganda, Quelle Handelsblatt

Der böse Blick

Heute schnitt die steinalte Sophia viele Augen aus den Magazinen. Sie wollte einen Abwehrzauber gegen den bösen Blick anfertigen, indem sie die ausgeschnittenen Augen eng auf eine Pappe klebte. Diese wollte sie unter die Windschutzscheibe ihres Autos klemmen, denn gestern, als sie an der roten Ampel warten musste, hatte eine Frau sie unentwegt angestarrt. Dann dachte Sophia an die helige Lucia, die christliche Märterin von Siracusa. Diese soll ihre herausgeschnittenen Augen dem abgelehnten Bräutigam geschickt haben, weil sie ihr jungfräuliches Leben Gott widmen wollte. Daraufhin gab ihr die Jungfrau Maria noch schönere Augen. Auf alten Darstellungen präsentiert Lucia ihre Augen auf einer Schale, oft von goldenen Strahlen umgeben. Da tippte sich die steinalte Sophia mit dem Mittelfinger an die Stirn und schüttelte den Kopf: Weg mit dem alten Aberglauben und den Geschichten. Jetzt gehe ich in die Stadt und kaufe mir eine neue Sonnenbrille.

Ausschnitte am Arbeitsplatz, Fotografie RW 13. Juni 2022

Natur und was ich sehen will

Was soll ich über diese Pfingstrose sagen? Das Geheimnis dieser Fotografie liegt in ihrem Alter, sie wurde wahrscheinlich im Jahr 1999 aufgenommen und zwar im Garten des Elternhauses. Obwohl die Original-Datei sich in einem Ordner mit dem Titel Malkasten befindet, vermute ich den elterlichen Garten als Aufnahmeort. Ich wüsste nicht, wo im Park des Düsseldorfer Künstlervereins Malkasten Pfingstrosen wachsen. Aber die Stelle, wo sie im elterlichen Garten wuchsen, kenne ich genau. Nun blühen alle Pfingstrosen im Juni des Jahres 2022 wieder auf. Der elterliche Garten existiert nicht mehr. Das Haus wurde verkauft und grundsätzlich umgebaut, Gewächse wurden abgeholzt und wohl Neues gepflanzt. Dies will ich aber alles gar nicht sehen und schaue auf das alte Bild. Nun entdecke ich, dass im Hintergrund links eine weitere Blüte wächst. Oder ist es der Kopf meines Vaters, den ich da sehe, wie er im Garten auf dem Liegestuhl ruhend, ein Nickerchen hält?

Pfingstrose im Garten, Juni 1999, Fotografie RW, Archiv RW 2022

Nachbild

FROHE PFINGSTEN

Ich empfehle den Gedichtband von Christian Lehnert:  opus 8 Im Flechtwerk, Suhrkamp Verlag 2022 (und auch andere Publikationen von dem Lyriker und Theologen)
Meinen alten Ring für den kleinen Finger habe ich bei der Lektüre abgelegt…

Beast Of Burden


Auf den Hornstein oder Feuerstein, reichlich oxidiert von eisenhaltigen Erden, den ich am Rande der riesigen Gruben des Tagebaus im rheinischen Braunkohlegebiet fand, setzte ich zwei kleine Kegel, wie kleine Goldhütchen. Und fesselte eine kostbare Rutilquarznadel, die aus Bahia in Brasilien stammt, mittels einer Uhrenkette auf die rechte Schulter der Knolle. Ich mag es sehr, wie die Goldquaste, (auch englisch tassel genannt, mein Lieblingswort) auf der Seite herunterhängt. Die Kette stammt aus dem Erbe des angeheirateten Onkels und den Rutilquarz verschenkte ich zum Geburtstag an meine Schwester.

Hornstein, Rutilquarz, Goldblech und Gold, Sammlung RW, Fotografie RW, Mai 2022

Metalle

Auf dem Schuttfeld unter der Rheinkniebrücke hebt die steinalte Sophia so manches Schrottteilchen auf, lässt es in der Manteltasche verschwinden und untersucht es zu Hause mit der Lupe. Neulich war ein silbern blinkendes Löffelstielchen dabei, auf dem sie schon mit bloßem Auge ein Monogram erkennen konnte. Nach der Reinigung erkannte sie, ein wenig enttäuscht, das Zeichen der Lufthansa. Welche Strecken war das Löffelchen schon geflogen, wo in aller Welt war es abgestürzt, mitgenommen worden von einem Passagier, lebte der noch, war es womöglich sein erster, sein letzter Flug, war er groß, klein, hell- oder dunkelhäutig, blond- oder schwarzhaarig, hatte er grüne oder blaue Augen? War es eine Frau? Kam sie aus New York, Nairobi, Peking, Moskau oder London? Wie gelangte das Löffelchen an den Rhein? Wie und wann wurde es zerbrochen? Die Münze, die die steinalte Sophia ebenso unter der Rheinkniebrücke gefunden hatte, wollte sie mal zu einem Münzhändler bringen, auf dass er sie reinige und begutachte… Sie hatte unter der Lupe schon ein paar verheißungsvolle Zahlen und Zeichen gesehen.

Metallfunde unter der Rheinbrücke, Sammlung RW, Fotografie RW 2022