Bitte um die Gnade des Staunens

Digital konserviert sind die Reste eines alten Dias,
ein Bild, aufgenommen an Ostern Ende der 60er Jahre
auf der Terasse eines großen Hauses.
(Ich weiß, dass es Ostern war, denn es gibt weitere Bilder mit Zeugen.)
Der Blick geht auf den großen Kirschbaum, auf den wir kletterten,
daneben der kleine Pfirsichbaum, den ich immer als Exoten ansah.
Weiter schau ich auf die grünen Felder und Wiesen
bis zu den Büschen des langen Schrebergartens,
den Namen des Besitzers, Jatschek, hab ich nur ungefähr im Kopf.
In der Ferne die mit Bäumen bestandenen Ufer des kleinen Flüsschens Anger.

Frohe Ostern 2021
Altes Dia, aufgenommen vom Vater, Ende der 60er Jahre. Archiv RW
Bitte um die Gnade des Staunens, ausgesprochen von Papst Franziskus, Palmsonntag 2021 

Karfreitag

Ein besonderer Ort hier oben auf dem Friedhof bei St. Peter in Syburg. Die Kirche, umgeben von unzähligen Grabsteinen aus vergangenen Jahrhunderten, schaut in das Tal der Ruhr. Das Gebäude, mit Zeugnissen eines Vorgängerbaus aus dem 8. Jahrhundert, steht hoch über dem zum Hengsteysee gestauten Fluss im Ardeygebirge, nicht unweit der Ruine Hohensyburg mit dem übermächtigen Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Hier auf dem Friedhof geht es ungleich bescheidener zu. Die Grabsteine, viele aus der Barockzeit, mit einfach gehauenen Engelsköpfen, andere, schlichte Kreuze, sogar aus dem 9. Jahrhundert, zeugen mit ihren eingemeißelten Namen von vergangenem Leben. Die Schriftstellerin Gertrud von le Fort hat sich 1907 von dem Namen Hanna auf einem Grabstein zu ihrer tragischen Liebes-Erzählung Spökenkieken anregen lassen.
Nachtrag: der Name des Schiffes ETERNITY, das am Nachmittag auf dem Rhein vorbeifährt, kommentiert die Überlegungen zu der vergangenen Reise nach Syburg von einer übergeordneten Warte aus.

Kirche St. Peter in Syburg, Dortmund, Fotografie RW 2014

Suchbild

Am Morgen beobachtete ich zwei Distelfinken in den alten Platanen am Rhein. Sie flogen mir immer ein paar Meter voraus von Baum zu Baum, knusperten in den verkrüppelten Astenden nach Insekten. Gegen das Licht war es schwierig, sie zu fotografieren. Sie taten mir nicht den Gefallen, ruhig sitzen zu bleiben. Und doch sind sie beide auf dem Bild. Wer findet den zweiten Vogel?
Jetzt denke ich an den jungen Carel Fabritius, der 1654 Het Puttertje malte, den Distelfink, auf einem grauen Holzkästchen sitzend, angekettet. Meine Stieglitze sind frei, am Abend turnen sie zu fünft, acht in den mit zarten Blättchen besetzten Silberpappeln. Zum Schreiben setzte ich mich auf die andere Seite des Hauses auf den Gartenplatz. Hier sehe ich eine Amsel, die wild in einer Schale badet, ein Buchfink jubiliert mit immer gleichem kräftigen Träller, ein Rotkehlchen zwirtelt sehr zart und eine weitere Amsel erfindet eine neue Melodie. Die Singdrossel hat auch angesetzt, schweigt dann aber noch, sie kommt wohl später besser zur Geltung. Aber doch – jetzt – beginnt sie so kunstvoll, dass es mir die Sprache verschlägt. Verzeiht, ihr Tauben, Meisen, Elstern und Krähen, ihr Spechte und unsichtbaren Kleiber und lieber Fites, dass ich euch nur am Rande erwähne.

Stieglitze am Rhein, Fotografie RW, 2021

Das Blau, der Wind

Am frühen Morgen raus an die Luft,
arglos, sorglos und Sonne im Osten.
Ein Wind weht die Haare aus dem Gesicht.
Wärmer ist es geworden.
Blüten und Knospen begleiten,
Buchfinken und Rotkehlchen singen.
Zwei Elstern tschakern beim Nestbau.
Ist ja gut, ist ja gut.

Blüten in der Hecke am Rhein, Fotografie RW 29. März 2021

Eine schöne Blume der Nacht

Schwarzblau
soll meine Lieblingsfarbe sein.
Synonym für Ruhe in der Nacht.
Und siehst du das dunkle Gelbgrün
im Schwarz der rechten Blüte
und das Rosaviolett der Stängel?
Siehst auch die blaue Maserung im Holz,
den weißen Schatten wie Licht?

Weißrosa Blumen, invertierte Fotografie RW, März 2021

Hoop op Zegen

Genau vor zehn Jahren war die steinalte Sophia nach Amsterdam gefahren, um im Concertgebouw die Matthäus Passion zu hören. Es war eine beeindruckende Aufführung in diesem festlichen Haus und wenn sie sich recht erinnerte, war Ton Koopman der Dirigent. Doch sie stellte fest, dass ihr die tiefe Andacht gefehlt hatte und nahm sich vor, die ergreifende Musik nur noch in der Kirche hören zu wollen. Zu Hause in einer Schublade liegen seit fast anderthalb Jahren die Karten für eine weitere Aufführung, die im ersten Pandemiejahr ausgefallen war. Die Osterzeit im zweiten Pandemiejahr schien der alten Sophia bis jetzt seltsam profan. Als aber heute das Schiff HOOP OP ZEGEN auf dem Rhein vorbeifuhr, musste sie urplötzlich weinen.

Im Concertgebouw Amsterdam, Fotografie RW 2011

Jenseits


Der polnische Dichter Adam Zagajewski starb am 21. März 2021 in Krakau. Er wurde 75 Jahre alt. Was ist jetzt, heute am 23. März? Wie sieht sie aus, die umgekehrte Welt? Ich will sie mir vorstellen. Was jetzt ist. Was ist jetzt für ihn? Pokój, w którym pracuję, to camera obscura. (Das Zimmer, in dem ich arbeite, ist eine camera obscura.) Von diesem Schattenzimmer spricht er mit seiner jungen Stimme – ich – kann – sie – hören, konserviert im Internet – Piszę tak powoli, jakbym miał żyć dwieście lat (Ich schreibe so langsam, als hätte ich zweihundert Jahre zu leben.)

Wolken am Rhein, invertierte Fotografie RW, März 2021
Zwei Zeilen aus dem Gedicht von Adam Zagajewski «Pokój» (Das Zimmer), gefunden auf Lyrikline.org

21321 – Gedicht – 21321

unter dem glassturz

noch stehn die magnolien nicht
im zenit doch ist ein druck
auf meinem linken augenlid
u. sendet schauder bis in
mein gehirn als sei der flieder
schon an mir vorbeigegangen

die glocke soll sich nur nicht
wieder senken, um gottes
willen bitte, nicht um mich
ich will auch immer atmen daß
ich luft bekomme, mit tropfen
künstlich die pupillen weiten

daß ich das blühen einmal nicht
versäume, das weiße blitzen
der kastanienbäume
von dem ich eingekapselt
schon u. immerfort mit
allen venen u. arterien träume

Zum heutigen Tag der Poesie ein Gedicht von Norbert Hummelt, gefunden auf Lyrikline.org
Blüte und Nussschale im Kies, Fotografie RW März 2021