Das Horoskop der Schiffsnamen

Zwischen den Jahren dachte die steinalte Sophia über ihre Zukunft nach. Sie behauptete, nicht abergläubisch zu sein. Sie war allerdings süchtig nach den Zeichen der alltäglichen Geschehnisse, um sie regelmäßig für sich zu deuten.
Die heute an ihrem Rheinfenster vorbeifahrenden Schiffe trugen in chronologischer Reihenfolge die Namen:
DEO VOLUNTAS
EXPERTA
COLORADO
AVENTURA
CARACAS
GIGANTIC
AVALON
VOYAGER
NOORTSTROOM
LA PRIMAVERA
Sie nahm sich für das kommende Jahr vor, einige Reisen in alle Himmelsrichtungen zu unternehmen und zwar schon im Frühling. Sie studierte die sorgfältigen Notizen, die sie in ihren Reiseführern aus aller Welt verwahrt hatte. Voll Vertrauen wollte sie sich auf das Abenteuer einer langen Fahrt zu Meeren und Inseln einlassen.

Die Schwestern in den Ferien an der Ostsee, circa 1955, Archiv RW, 2021

Das Geschenk 23


Vor etlichen Jahren hatte der indische Prinz dreiundzwanzig natürliche Perlen aus den Ozeanen der Weltmeere in seine Sammlung aufgenommen. Ihre Farben changierten von Rosatönen über Silbergrau, Zahnschmelzweiß bis hin zu Champagnertönen. Sie waren nicht perfekt rund gewachsen, dadurch eben unverwechselbar. Er kaufte dann später noch eine fast perfekt runde, große Perle hinzu, mit einem cremeweißen Lüster. Diese hatte an ihrem Ende noch ein kleines Flügelchen angewachsen. Er legte alle zusammen sorgfältig in seine Vitrine, in die Nachbarschaft anderer ehemaliger Meeresbewohner wie die Seelilie oder die Koralle Hexagonaria, die zartweißen Meereschnecken und Muschelschalen. Nur die klaren Bergkristalle, der geschliffene Edelzirkon, der Mondstein und die mit Calcit überzogene hölzerne Zunge kamen tief aus dem Berg, was den Perlen aber sehr gut gefiel.

23 Perlen, Geschenk von Jan Kolata, Fotografie RW, 2021, Sammlung RW 2021

Die Uhr tickt

Im Nachmittagsdunkel höre ich das deutliche Ticken eines Uhrwerks. Ich habe sie nicht aufgezogen, die alte Tischuhr des verstorbenen Onkels. Sie steht in unmittelbarer Nachbarschaft des lachenden Buddha aus Keramik, wohl auch aus der Familie des Onkels, so genau weiß ich es nicht mehr. Die Uhr fing am späten Nachmittag einfach so an zu ticken, der Sekundenzeiger flitzt herum. An seinem Ende eine Mondsichel. Auf ihrem Ziffernblatt ist es halb eins. Als die Zeiger auf fünf vor eins standen, fotografierte ich die Uhr. Jetzt gehe ich noch einmal hin, um nachzusehen. Sie zeigt halb zwei. Der Buddha lacht aus vollem Hals.
In meiner Zeit ist es längst Abend und ich lese in Edmund de Waals neuem Buch Camondo, Eine Familiengeschichte in Briefen. Der Autor nähert sich in imaginären Briefen der Familie Camondo in Paris und damit auch der seiner Ahnen. Er erreicht das auch – durch die fast magische Befragung der Dinge, die er vor Ort aufsucht.
Im Bauch des Buddha befindet sich ein Geheimnis. Meine drei jüngeren Geschwister haben vor Jahrzehnten einen winzigen Zettel mit einer schriftlichen Botschaft durch seinen offenen Mund geschoben. Niemand kann sie mehr lesen, ohne den Buddha zu zerschlagen.
Die Uhr des Onkels gehörte schon seinen Vorfahren, schade, dass ich ihren Glockenschlag (nach ihrer Zeit – der vollen Stunde eins und zwei) eben nicht hören konnte. Das müsste ein erfahrener Uhrmacher richten.

Uhr und Buddhafigur der Vorfahren, Fotografie RW, Sammlung RW, 2021
Edmund de Waal, Camondo, Eine Familiengeschichte in Briefen, Paul Zsolnay Verlag, 2021. Dank an A.L., die mir das Buch vorweihnachtlich schenkte.

21 12 21

So ein sonniger tag war lang nicht mehr eiseskälte raureif aber das licht das licht kam morgens um acht uhr dreißig über den horizont ein gleißen das gesicht den ganzen tag ins licht halten und jetzt um fünf uhr ist die sonne schon seit einer halben stunde untergegangen immer noch ein unglaubliches glühen am himmel, eisblau grünlicht über dem orange des horizonts so wird er gefeiert der kürzeste tag des jahres die wintersonnenwende leuchten wir freude.

Sonnenaufgang am Rheinufer in Düsseldorf, 21. Dezember 2021

Entscheidung


An einer Stelle am Rheinufer wusste die steinalte Sophia nicht weiter. Im dichten Nebel war sie außerstande sich zu entscheiden. Sollte sie links der Reihe der Bäume folgen oder nach rechts zu den Bänken und Laternen – stand da nicht jemand, der ihr zuwinkte? Beides war ihr nicht geheuer. Was wäre, wenn sie einfach den Weg verlassen, wie früher über die Wiese nach unten laufen würde, hinein in ein unbekanntes Land voller lichter Ufer und unentdeckter Schätze?

Nebel am Rhein, Fotografie RW, 16. Dezember 2021

Versuch, Fäden zu spinnen

Ich baue mir eine Insel. Dazu nehme ich eine Apophyllitstufe, himmel- oder wasserblau. Die großen Kristalle, aus Poona in Indien, sitzen als dipyramedale Zwillinge auf dem krustigen Untergrund und wenn man konzentriert schaut, dann sieht man vorne links noch ein kleineres Kriställchen genau in gleicher Art wachsen. Die Insel ist ansonsten mit nur geringen Erhebungen versehen und läuft am östlichen Ende etwas spitz aus. Ich bepflanze die Insel mit zwei Bäumen, einer mit ausladendem Blätterdach wie eine Pinie, der andere mit hohem schmalen Wuchs. Wenn ich über die Insel hinweg aus dem Fenster schaue, sehe ich den großen Rhein vorbeifließen und kann alle Schiffsnamen wieder lesen, da die Platanen, seit ein paar Tagen beschnitten, als kahle Gerippe den Fluss nicht mehr verbergen. Die Schiffe JOHANNA, SAILING HOME, ALDABRA, CALLISTO und MATRIX spinnen Fäden von der weiten Welt zur Insel, erzählen ihr Flussaufwärtsgeschichten von den Bergen und dann Flussabwärtsgeschichten von den Meeren. Der Apophyllit gibt sein Bestes, es heißt, er verleihe Zuversicht in neuen schwierigen Lebenssituationen, gäbe innere Ruhe und Gelassenheit. Dies alles kann ein Mineral nicht leisten, für mich genügt er als Bildgeber. Das macht mich glücklich.

Apophyllit, Poona Indien, Sammlung RW, versehen mit zwei verholzten Samenständen vom Rheinufer Düsseldorf, Fotografie RW, 2021

Glittering media


Ich hörte von einem Paar, das in seinem Haus 440 Weihnachtsbäume aufgestellt hat. Voll dekoriert mit Kugeln und Glitter, so dass man kaum noch Zweige sieht. Ebenso sah ich eine Frau, in den einschlägigen Medien bekannt, die mit ihrem Töchterchen in einem Plexiglasschlitten, unter dessen Kufen lächerlich kleine Rädchen angebracht waren, von ihrem Mann auf die Bühne einer deutschen Fernsehschau gezogen wurde. Wobei sie zu singen versuchte und im Hintergrund weiß gekleidete Kinder mit Plastikflügeln unter einem Stern auf einer Showtreppe standen und Weihnachtsmänner in Kaminen dazu Glöckchen schwangen. Da fielen Kunstschneeflöckchen vom heißen Studiohimmel, bevor ich das Programm wechseln konnte. Und auch in der schönen, aus bunten Glanzpapierchen gebastelten Krakauer Krippe, die ich in einem Düsseldorfer Museum fand, war ein Fernsehteam unterwegs, um das festliche, glitzernde Türmchen-Gebäude mit Maria, Josef, dem Jesuskind und deren Riesen-Entourage zu filmen.

Adventsschau im Ersten Deutschen Fernsehen, Detail einer Krakauer Krippe, Hetjensmuseum, Fotografie RW 2021

Der Fingerabdruck

Die Geschichte hat sich folgendermaßen zugetragen: Ein Mann und eine Frau aßen und tranken zusammen. Das Smartphone war dabei. Auf dem Weinglas war ein winziger heller Fleck zu sehen, der in seinen Konturen einem fliegenden Vogel ähnelte. Sie bat ihn aufzustehen und mit seiner Silhouette gegen das Licht einen dunklen Hintergrund für das Glas zu bilden. Sie fotografierte den Heiligen Geist. Sie nahm dem Foto die Farben weg und verwandelte es in seine Umkehrung. Jetzt war das Helle dunkel und das Dunkle hell. Den Fingerabdruck und die Sternenpünktchen, jetzt Fliegendreck, hatte sie längst bemerkt. Sie notierte ein paar Sätze, die ihr nur halb gefielen.

Verschmutztes Weinglas, invertiertes Foto, RW, Nikolaus 2021

Stein des guten Glücks

In Weimar ließ Goethe 1777 bei seinem Gartenhaus den «Stein des guten Glücks» oder «den Altar der Agathe Tyche» aufstellen. Aus Stein gehauen: eine Kugel – das Unstete, Flüchtige – liegt auf einem Kubus – dem Beständigen, Ruhigen. Aus der Mythologie kennen wir die Verkörperung des Schicksals, die Fortuna als weibliche Gestalt. Sie wird auf einer Kugel oder einem Rad stehend abgebildet. Das Glück oder Unglück kann sich augenblicklich wenden und drehen. Die Tyche ist die griechische Entsprechung und Agathe ist die Gute. Die für ihre Zeit recht abstrahierte Ausformung der Skulptur wurde mit Hilfe des Künstlers Adam Friedrich Oeser verwirklicht, dem Leipziger Zeichenlehrer Goethes.
Als ich vor Jahren in Weimar durch den Park zu Goethes Gartenhaus ging, habe ich den «Stein des guten Glücks» nicht gesehen. Aber ich sah in die Schubladen seiner Mineraliensammlung und besitze auch das nach ihm benannte Mineral Goethit in meiner Sammlung.
Kugel und Kubus sind meine Lieblingselementarformen. Ich besitze zwei Rosenquarzkugeln, die auch einen Asterismus aufweisen und eine Rutilquarzkugel, die von den Proportionen her besser auf den natürlichen Kubus aus Pyrit, dem Schwefelkies, passt. So fanden die Rosenquarzkugeln auf den tönernen Bäumchen Platz, wobei ihre sternförmigen Lichtreflexe auf dem Foto nicht zu sehen sind.

Kostbare Sockel für drei Kugeln, Fotografie RW 2021, Rosenquarzkugeln, Rutilquarzkugel, Pyritwürfel, Tonobjekte, Sammlung RW 2021, Dank für die Anregung an meine Freundin M.G., die sich einen «Stein des guten Glücks» zum Geburtstag gewünscht hat.