Herdenverhalten


Am Nachmittag sitzen die Leute auf der Straße vor dem alten Café Muggel, sie trinken Kaffee, Cappuccino oder schon ein Glas Wein. Ein scharfer Wind geht und treibt die Regenschauer vor sich her. Die Leute rücken unter den schwankenden Sonnendächern näher zusammen. Schal und Mütze haben sie dabei. Die Outdoor-Kleidung, sonst auf Bergwanderungen erprobt, wird jetzt auf den Café-Terrassen getragen. Auf Teufel komm raus will man das Ausgehen nach langer Entbehrung genießen. Die Schafe am nahen Rhein kümmerts wenig. Sie fressen das frische Maigras, ihr dickes Fell trotzt Wind und Wetter. Nur die schlecht erzogenen Hunde der Oberkasseler Schickeria bringen sie manchmal aus der Ruhe.

Schafe am Rhein bei Düsseldorf, Fotografie RW, Mai 2021

Verwirrte Rechnerei zu Pfingsten

Der indische Prinz suchte nach weiteren kostbaren Stücken aus seiner Sammlung, um damit sein zerbrochenes Glas zu ehren. Er nahm den runden Moldavit aus der Vitrine, der aus einer alten Sammlung stammte, erkennbar an der Inventarnummer 1486 auf seiner Rückseite. Sofort rechnete er die Quersumme der Zahl aus: 19 – Quersumme 10 – Quersumme 1. Schade, keine 23, dachte der Prinz, heute am 23. Mai hätte eine 23er-Krone für das kaputte Glas gepasst. Aufmerksam betrachtete er das grünliche Tektit. Moldavite sind Gesteinsgläser, die durch den Ries-Impakt vor etwa 14,8 Millionen Jahren entstanden sind. Dieser wurde in Chlum, heute Tschechien, gefunden. Besonders kostbar sind die Moldavite, die wie Tropfen aussehen, gerundet durch einen weiten Flug. Sie stammen nicht vom Material des eingeschlagenen Asteroiden, sondern vom geschmolzenen Gestein des Einschlagortes, dem Nördlinger Ries. Hunderte bis Tausend Kilometer davon entfernt wurden sie in sogenannten Streufeldern entdeckt.
Nun hab ich aber doch etwas gefunden: eine 1, fiel dem Prinzen plötzlich ein, diese fehlt mir ja von 23 zu 24! Und die 24 als Glückszahl sollte ich ja finden in meinem alten Traum von vor 36 Jahren. Frohe Pfingsten am 23. und 24 Mai!

Moldavit auf Bleikristallglas und Austernschale, Sammlung RW, Fotografie RW (Mehr zum Traum auf ruth23weber.de)

Broken Heart Syndrom

Gestern hatte der indische Prinz eins seiner antiken Bleikristallgläser zerbrochen. Die Kuppa war ganz geblieben, auch der Stiel war noch heil, aber der Fuß war in tausend Splitter zerplatzt. Da entschloss er sich, das Glasfragment zu ehren. Er spülte es sorgfältig, trocknete es und ließ es ein wenig in der Sonne stehen. Dann suchte er etwas aus seiner kostbaren Sammlung, um es zu krönen. Der Rubellit aus Teofilo Otoni in Brasilien schien ihm geeignet. Vorher hatte er noch den wunderbaren geschliffenen Rosenquarz und eine rundliche rote Koralle in der Hand. Hielt alle drei Kostbarkeiten nacheinander über das Glas, um ihre Eignung zu prüfen. Er entschied sich noch nicht. In einer Schublade seiner Sammlungschränke fand er später unter den Schalentieren mehrere rezente Austernschalen, die er aus der Normandie mitgebracht hatte. Eine hatte ein Loch in der Mitte, sicher von einem Austernfischer, der an die leckere Innerei wollte. Das fügt sich ja wunderbar zusammen, dachte er, wie bei einer Etagere setze ich die Molluskenschale auf den Stiel. So bekommt das Glas einen Parademantel für seinen letzten Auftritt und der Rubellit leuchtet wie der Wein, den ich aus diesem Glas gestern Abend trank.

Rubellit auf Glas mit Austernschale, Fotografie RW, 2021

In größter Ferne

Echte Kamille wächst dort mitten auf dem Weg. Das muss intensiv geduftet haben. Oder ist es doch eine wilde Margerite? Ganz hinten glaube ich noch lila Fingerhut zu erkennen, übermannsgroß und auch gelbe Blumen, die ich aber nicht einordnen kann. Meine Mutter und meine drei kleinen Geschwister sind winzig inmitten der Blumen zu sehen. Sie blinzeln in die Sonne. Mein Vater fotografierte mit dem Sonnenstand im Rücken, wie es sich gehört. Das alte Dia scheint ein wenig überbelichtet. Die Gesichter der Kinder sind so blass wie ihre Hemden, Blusen und Kleidchen. Ihre Mimik kann man nicht erkennen. Hat der Vater ungeduldig zum Foto aufgerufen? Bleibt mal stehen! Meine Mutter scheint zu lächeln. Sie trägt ein selbstgeschneidertes grünes Dirndl mit rosa Schürze. Die zweitjüngste Schwester hat ein große Tasche vor dem Bauch. Was haben sie darin mitgenommen? Ein paar Butterbrote? Oder nur ein paar Bonbons, Taschentücher und einen Feldstecher? Wahrscheinlich hatten sie eine leckere Mahlzeit in der Pension gegessen, so dass sie keinen Proviant brauchten. Der Bruder trägt eine kurze Lederhose. Die jüngste Schwester hat einen Wanderstock dabei. Die nahmen sie eigentlich alle auf die Wanderung mit, aus gebogenem Wurzelholz mit vielen Stocknägeln, schöne Schildchen aus dem Schwarzwald und von anderswo. Heute stehen mindestens acht Wanderstöcke der Familie bei mir in einer Ecke. Ich fand sie zu schade zum Wegwerfen. Das Foto muss in den 60er Jahren im Schwarzwald aufgenommen worden sein. Es war sicher ein schöner Sommertag, gerade richtig für einen Spaziergang den Waldrand entlang. Ich war nicht dabei, es ist mir aber alles sehr vertraut.

Im Schwarzwald, Fotografie Archiv RW

Da steig ich nicht ein

Neuerdings fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren, dachte die steinalte Sophia, hab ich eben was vor, weiß ich im nächsten Moment schon nicht mehr, was es war. Was wollte ich gerade noch sagen? Was wollte ich gerade tun? Was habe ich hier angefangen und da vergessen zu vollenden? Nun, wir wollen nicht übertreiben, aber irgendwie merke ich, dass das auferlegte Alleinsein das Gemüt verändert hat. Seltsamerweise freute sie ich immer noch auf die Wochenenden, obwohl die Tage alle ähnlich waren und nach ähnlichem Muster verstrichen. Am Himmelfahrtstag hatte sie den Zeppelin am Himmel hoch über dem Rhein beobachtet und sich geschworen, niemals in solch eine Himmelskutsche zu steigen. Sollen die anderen die Abenteuer erleben! Mir genügt die Freude zu beobachten, wie die Bäume sich in ihrem unvergleichlichen Maigrün runden, das schöne, tiefstehende Abendlicht aufnehmen und so noch plastischer werden, aber gleichzeitig so zart bleiben, wie sie es im Sommer und Herbst nie mehr erreichen können.

Zeppelin neben dem Rheinturm, Fotografie RW 13. Mai 2021

1251921 – 1252021

Joseph Beuys würde heute 100 Jahre alt. Mein Studium bei ihm 1970 bis 1976 wurde dadurch erschwert, dass er 1972 aus der Düsseldorfer Kunstakademie entlassen wurde. Durfte aber seinen Professorentitel behalten und hatte auch noch einen Arbeitsraum dort. Er kam nach dem Rausschmiss sowieso fast jeden Tag zu seinen Studenten, die in Raum 19 und 20 mit Hilfe von Tutoren arbeiteten. Der Wissenschaftsminister in Nordrhein-Westfalen Johannes Rau hatte Beuys entlassen, weil er 1972 die Aufnahmeregeln der Kunstakademie torpediert hatte und abgelehnte Studenten in seine Klasse aufnahm. Nach zwei Probesemestern sollte ihre Aufnahme dann endgültig bestätigt werden.
Ich bewarb mich Mitte der 70er Jahre für ein DAAD-Stipendium nach London. Dort wollte ich bei Ronald Brooks Kitaj am Royal College of Art studieren. Das hat nicht geklappt. Für London hatten sich die meisten beworben. Sich ein zweites Mal zu bewerben, daran hatte ich damals nicht gedacht. Von Joseph Beuys und Erwin Heerich habe ich heute noch die Gutachten, die sie mir für meine Bewerbung ausstellten. Daran, dass Beuys meine Arbeiten schätzte, denke ich heute mit einer zufriedenen Gelassenheit zurück. Einige kleine Pastellzeichnungen gefielen ihm sehr und er ordnete sie richtig nach ihren Entstehungsorten Paris und Schottland ein. Schönen Gruß Beuys!

Gutachten Beuys 1976, Fotografie RW 2021

Heute am Muttertag

erinnerte ich mich am Morgen urplötzlich, dass ich vom Vater geträumt hatte. Er kam auf mich zu in einem großen Raum, sichtlich angestrengt, er keuchte und ich sah seine Stirn glänzen. Vor ihm ein riesiges Blumenbouquet voller gelber Blüten, von Helfern getragen. Frisch und hoch, wunderbar arrangiert. Der Vater hatte mir einen baumgroßen Blumenstrauss mitgebracht. Etwa zweieinhalb Meter breit und mindestens drei Meter hoch. Was hat das zu bedeuten, hatte ich eine besondere Prüfung bestanden, war mein Geburtstag, hatte ich zu einem Fest eingeladen? Auf jeden Fall waren wir wie immer in meinen Träumen in großer Gesellschaft, Geschwister, Freunde alle waren sicher da.

Odilon Redon, Panneau decoratif, 1902, Rijksmuseum Twenthe, Fotografie RW 2019

Ich sehe euch

Heute musste ich warten. Ich schlenderte auf dem Parkplatz des großen Autohauses herum. Da ich nicht in der Halle sitzen wollte, wegen einer möglichen Kontaminierung der Wartezonen durch andere Kunden oder die Mitarbeiter, zog ich die Sonnenstrahlen, die nach dem letzten Regenguss die frische Luft erwärmten, vor. Hier konnte ich ab und zu auch die Maske abziehen, frei atmen. Was tun zwischen all den Autos – ihre Lacke, ihren Chrom wollte ich nicht bewundern. Die Kiesflächen dagegen, als Abgrenzungen der Parkplätze gedacht, lagen wie für mich bereit. Mit gesenktem Blick ging ich sie alle ab. Weiße Quarze, graue Quarzite mit schönen Streifen, Maaseier, seltener auch Melaphyre, einige rote Eisenkiesel und rosafarbene Sandsteine zeugten deutlich von niederheinischen Kiesgruben. Und mit einem Blick hatte ich das Stück fossile Schale einer ursprünglich großen Muschel mit sanft gewellten Riefen gefunden. Im nächsten Abschnitt lag grau und fein gezahnt ein Seelilienstängelfossil im Quarzit. So seid ihr mir Zeugen eines Leben, das Millionen Jahre vor mir existierte.

Funde vom Parkplatz, Fotografie RW, Mai 2021

Mai, Maggio, May, Mei, Mayo

Gundermann, Gundelrebe, Glechoma hederacea – Hasenglöckchen, Bluebells, Hyacinthoides
Auf ihrem täglichen Gang am Rhein betrachtet die steinalte Sophia besonders gern das sich stetig verändernde Wachstum der Pflanzen. Sie verlässt die asphaltierten Wege und geht direkt über die Wiesen der parkähnlichen Anlagen, taucht unter die schon grünen Dächer der Bäume und Büsche oben auf dem Deich. So kann sie sich fast einbilden, weit draußen in der Waldeinsamkeit zu sein. Das Rauschen der in den Rheintunnel einfahrenden Autos ignoriert sie, kann sogar die Vogelstimmen wieder richtig zuordnen. Manchmal bleibt sie an einer Stelle minutenlang stehen, um sich auf die Farben der Grüns, die Feinheiten der Blattformen und neue Blüten einzulassen. Irgendjemand muss die blauen Glöckchen einmal dort ausgesät (oder Zwiebeln gepflanzt?) haben. Denn es ist die spanische Sorte, da ich an diesem Standort auch weiße und rosafarbene Exemplare fand. Ein schöner, schattiger Standort, auch sehr hübsch der Gundermann davor, der kriechend ein gemütliches Kissenbett ausgebreitet hat für den schönen Glockenstrauß. Wie in einer Vase arrangiert hat sich dieser darin aufgestellt. Fast hätte sie sich im Grün einfach niedergelassen und ein wenig geschlafen, aber ein in einiger Entfernung sich bückender Hundebesitzer störte die steinalte Sophia, als er die Hinterlassenschaft seines Lieblings in einen schwarzen Beutel füllte.

Blumen am Rhein, Fotografie RW, 2. Mai 2021