
Da kommen mich auf dem Balkon immer wieder zwei Tauben besuchen, hörst du sie, sie rufen gerade? Ja, ich höre sie deutlich, das ist doch was – ich bin etwa 350 km weit von dir entfernt, aber kann deine Tauben hören. Ja, sie haben so schwarze Kräjelschen und bekommen bei mir Futter. Das sind wohl Türkentauben, sehr hübsche Vögel, zierlicher als übliche Tauben. Sind sie hell mit schwarzem Ringel um den Hals? Ja, sie haben so schwarze Kräjelschen. Und eins muss ich dir erzählen. Neulich saß ein ganz winziger Spatz auf dem Balkongeländer und dann kam eine der beiden Tauben, sie flog nicht, hüpfte nicht, nein, sie ging Schrittchen für Schrittchen über den schmalen, wie heißt das am Geländer? – Handlauf – auf das kleine Vögelchen zu und dann beugte sie sich zu ihm hinunter, das Spatzenkind sperrte den Schnabel auf und sie gab ihm etwas hinein, dann ging sie wieder zum Futterhäuschen, kam wieder zurück immer schön Schritt für Schritt und fütterte das Vogelkind. Das wiederholte sich achtmal. Das war so schön. Hoffentlich ist aus dem Jungen was geworden? Ich weiß nicht, das konnte ich dann nicht mehr verfolgen.
Als die 98-jährige Tante das Wort Kräjelschen mehrfach aussprach, sie in den rheinischen Dialekt ihrer Kindheit fiel, obwohl sie schon sehr lange in der Nähe von Heidelberg lebte, da war’s der steinalten Sophia zuviel. Sie konnte vor Rührung nicht weiter sprechen und verabschiedete sich mit rauer Stimme von der Tante.
Großmutters Blume
Die Passionsblume fotografierte ich vor zwei Jahren Anfang August in Walporzheim an der Ahr. Sie ist die Großmutter-Blume. Sie ist jetzt meine Blume, es ist mein Augusttag.
In Walporzheim sind durch die Flutkatastrophe vom Juli 2021 viele Gebäude, Straßen und Brücken zerstört worden, es hat Todesopfer gegeben, bis heute ist der Ort nicht wieder ganz aufgebaut.
Es ist wieder Augusttag, mein Tag. Ich denke an meine Großmutter, an meine Mutter. Heute nahezu 34 Grad am Rhein, in einem kühlen Raum 342 m hoch über dem Fluss kann ich mich jedoch erholen. Der Sommer im Siebengebirge ist jetzt so südlich, wie wir ihn aus Italien kannten, in den Jahren, als meine Großmutter noch lebte. Und als es ganz dunkel wird, beginnen die Grillen ihren Gesang, jedoch anders als die Zikaden des Südens.
Passionsblume in Walporzheim Fotografie RW 2020
Einfall und Ausfall
In der Nacht, halbwach liegend, fallen mir immer wieder, ohne dass ich es provoziere, Wörter ein, die seltsam bleiben, weil es sie nicht gibt.
– Gesamttitulierer – Kühlweide – Schneideweg – Großlatsche – Drohlage – Samtkulisse –
Ich kann keine Gesetzmäßigkeit erkennen.
Frau im Blumenkleid vor Wandbild, digital manipulierte Fotografie RW 24./29. Juli 2022
Sie weiß nicht
warum, aber diese Szene, die sie am Rande der großen Kirmes fotografierte, traf die steinalte Sophia sehr. Wer wartet hier? Wohin schauen sie? Was wird kommen? Mit wirren Gedanken ging sie wieder nach Hause, den schrillen Lärm, die schwindelerregende Schnelligkeit und das flackernde Grelle der Kirmes hinter sich lassend.
Stuhlreihen für die Betrachter des großen Feuerwerks auf der größten Kirmes am Rhein, Fotografie RW 22. Juli 22
23 vorbereiten
Fünfmal ließ der indische Prinz im Auftrag seiner Freundin die 23 in hochkarätigem Gold abgießen. Die Freundin hatte ihm die Zahlen dazu in Wachs modelliert. Nun sollten sie in das Korallenbäumchen gehängt werden. Zunächst wollte der indische Prinz aber noch eine neue Mitte für das Bäumchen finden. Er suchte den handtellergroßen Eisennagel heraus, den er am Rheinufer bei Xanten gefunden hatte. Offenbar handgeschmiedet war er ihm kostbar genug, die Mitte des Korallenbäumchens zu schmücken. Dann hängte er die fünf goldenen Zahlenpaare dazu, betrachtete alles lange und war nicht ganz zufrieden – er dachte an das kleine Andachtsbildchen von Petrus Christus mit den 15 goldenen Buchstaben 𝔄 um die Muttergottes, so fein war seine Bildidee nicht. Nun – bis zum Jahr 2023 ist es noch eine Weile hin, da konnte er noch etwas länger probieren. Vielleicht ließ er die Zahl 23 auf runde Messingtäfelchen prägen und zwar 23mal, das könnte gut passen für das neue Jahr.
Fünfmal 23 im Korallenbaum, Pappmaché, Draht, Eisennagel, Fotografie RW, Sammlung RW, siehe auch den Blog-Eintrag vom 23. Juni 22
Heat
Heute blieb der indische Prinz hinter verdunkelten Fenstern in seinem Haus verborgen. Er war zwar heiße Wetterperioden gewöhnt, aber die in Europa machten ihm mehr zu schaffen als die in seiner alten Heimat. Er wusste nicht warum, denn dort war die Luftfeuchtigkeit viel höher, ein Umstand, der Hitze noch unerträglicher macht. In Mumbai sind es jetzt 28 Grad bei einer Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent. Er fühlte einen unangehmen Druck im Kopf, kein richtiger Schmerz aber ein Dröhnen, als würde der Kopf platzen wollen.
Zur Erholung betrat er seine klimatisierte Schatzkammer, nahm einen Seidenschal heraus, der in wunderbarem Olivgrün und Violett changierte je nach Betrachtung von Kette und Schuss des Gewebes. Er drapierte ihn zur Beruhigung der Augen. Davor stellte er einen Korallenbaum aus Pappmaché, den er in den Kisten eines Kulissenbauers gefunden hatte. Das ägyptische Parfümfläschchen steckte er in die Mitte des Bäumchens und legte einen besonders klaren Quarzdoppelender oben auf. Dann legte er vorsichtig seine echten Mittelmeerkorallen unten an den Theaterkorallenbaum, eine setzte er jedoch auf einen Zweig. Da saß sie wie ein kleines Wesen und winkte mit allen Armen. Das Ganze gefiel ihm gut und er widmete seine Erfindung der Hitze des heutigen Tages.
Pappmachékoralle und echte Koralle auf Seidenstoff, Fotografie RW, 18. Juli 2022 bei 38 Grad Celsius
Spurensuche
Am Rhein zu Kaiserswerth direkt unterhalb der Ruine der Kaiserpfalz kletterten wir über das mit großen Basaltblöcken gesicherte Ufer hinunter zum Wasser. Nach etwa zehn Metern rheinabwärts erweiterte sich die Uferböschung zu einem Kiesstrand. Hier wollten wir nach seltenen Steinen und Artefakten suchen. Die Rheingerölle direkt am oberen Hang waren sehr flach, graue Quarzite, perfekt zum Flitschen. Weiter unten war das Kiesbett viefältiger und bunter, auffällig aber war auf dem gesamten Ufer die schier unübersichtliche Zahl an Scherben, aus Glas, aus Porzellan und Keramik. Daneben fanden sich Ziegel- und Schieferbruchstücke, mit Rost bedeckte große Nägel und verblichene Knochen. Die Scherben drehten wir um, vielleicht bargen sie seltene Dekore oder noch lesbare Bodenmarken. Hatten die Bewohner des Städtchens hier ihren Schutt verkippt? Oder kamen die Artefakte direkt von der Pfalz?
Die Kaiserpfalz war Anfang des 18. Jahrhunderts geschleift worden, die Bewohner von Kaiserswerth benutzten die Ruine danach als Steinbruch. Noch heute kann man bei Niedrigwasser Trümmer des Baus aus Ziegel, Basalt und Trachyt im Rhein sehen. Um 1900 ist es dem Provinzialkonservator Prof. Paul Clemen gelungen, Ausgrabungen und Restaurierungsarbeiten an der Kaiserpfalz durchzuführen, um das historisch wichtige Bauwerk zu erforschen und zu erhalten. Seinen Bericht «Untersuchung und Ausgrabungen der Hohenstaufenpfalz in Kaiserswerth in den Jahren 1899 und 1900» habe ich in meiner Bibliothek (!) gefunden und gleich gelesen. Es gab eine Zisterne und Brunnen auf dem Pfalzgelände, daneben die Abfallgruben oder Latrinen, Fundgruben für Scherben und Bruchstücke von Gerätschaften der ehemaligen Bewohner. Paul Clemen schreibt, dass er zwei Brunnen des 18. Jahrhunderts nicht untersuchen ließ, die waren ihm schlicht zu jung. Es ist belegt, dass eine Latrine der Pfalz zum Rhein hinaus ging, dahinein ist sicher so manches schöne Stück entschwunden.
Jedes Artefakt, das ich am Rhein mitnahm, möchte ich erforschen und bestimmen können. Ich fand auf einem Scherben zum Beispiel eine Bodenmarke von Villeroy und Boch, V & B Goldene Denkmünze mit Krone, diese war um 1850 in Gebrauch! Meine Freundin, die ein gutes Auge hat, zeigte mir wie beiläufig ihren ersten Fund, eine Sensation in meinen Augen: es war ein Glasstopfen für ein enghalsiges Fläschchen, sehr alt, wie wir an den Luftblasen im Glas und der abgestossenen Oberfläche sehen konnten. Später fand sie noch ein Pfeifenfragment aus weißem Porzellan und sehr schön bemaltes Steinzeug. Zu meinen Funden zählten: ein Knochen, ziemlich schwer, das heißt, er ist wohl schon verkieselt – etliche graue Fragmente von Westerwälder Steinzeug mit blauer Bemalung – niederrheinische Irdenware mit grüner oder gelber Glasur, (vielleicht aus dem 18. JH.?), manche sogar mit wellenartiger Bemalung – Schieferplatten mit kreisrunden Löchern von Nägeln – zwei Bruchstücke einer niederländischen Fliese, die sich zusammenfügen ließen und man blaue Schiffsmasten und Segelspitzen erahnen konnte – dicke Standfüße von uralten Weingläsern – Bruchstücke aufwändig geschliffener, hässlicher Glasgefäße aus welcher Zeit auch immer. Pressglas war es nicht.
«À la recherche du temps perdu…»
Funde vom Rhein bei Kaiserswerth, Fotografie RW, 13. Juli 2022

Korrespondenzen XLI
Die Lichtstrahlen der Galaxien waren bis zu 13 Milliarden Jahre unterwegs bis sie auf das James Webb-Weltraumteleskop trafen. Eine Aufnahme des «Deep Field» wurde am 11. Juli als sein erstes Bild der Öffentlichkeit vorgestellt: Es zeigt den Galaxienhaufen SMACS 0723 im Sternbild Fliegender Fisch (Volans). Die Entfernung zur Erde beträgt etwa 4,6 Milliarden Lichtjahre.
Um 01.11 Uhr in der Nacht des 13. Juli beobachtete die steinalte Sophia vom Rheinbalkon aus den großen Vollmond, der sich hinter Wolkenfetzen verbarg. Der Mond ist von der Erde nur 384.400 km weit entfernt, das James Webb-Weltraumteleskop dagegen 1,5 Millionen km. Den Mond sehen wir immer mit einer Sekunde Verzögerung, das von ihm reflektierte Sonnenlicht braucht diese Sekunde, um in unser Auge zu gelangen. Wir schauen in die Vergangenheit, wenn wir die Sterne sehen. Ich sehe also altes Licht – sind die Galaxien nach Milliarden Lichtjahren Sendezeit zum Zeitpunkt ihres Auftreffens auf die Teleskope und unser Auge überhaupt noch existent? fragte sich die steinalte Sophia, wohl wissend, dass sie die Antwort nicht finden würde, stattdessen versuchte sie das nächtliche Licht am Nachthimmel mit dem Smartphone einzufangen. Auf dem Display erschienen ihr die Wolken wie planetarische Nebel und die weit entfernten Lichter der Stadt wie Raumschiffe, die bald auf den grell erleuchteten Rheinwiesen landen sollten.
Mondnacht am Rhein, Fotografie RW 13. 7. 2022,
«Webb’s First Deep Field» zeigt den Galaxienhaufen SMACS 0723, Filmstill aus den Nachrichten vom 12. Juli 2022
Kuss und Berührung
Heute am Tag des Kusses – wer legt eigentlich solche Zuschreibungen fest ? – fiel der steinalten Sophia ein, dass man ja nicht nur die Liebsten küssen konnte, sondern auch Gegenstände. Als heilig verehrte Objekte werden geküsst, so innig, dass sie sich im Laufe der Jahrhunderte in der Oberfläche verändern, gleichsam eine Kusspatina ausbilden. Der indische Prinz hatte ihr von einer kostbaren Kusstafel erzählt, die er im Kunsthandel erworben hatte – eine kunstvoll geschmückte Kreuzesdarstellung in Silber, der Kruzifixus aus Elfenbein, rund um versehen mit Edelsteinen, der rückseitige Holzgriff dagegen ganz schlicht. Besonders am Kopf des Gekreuzigten war das Elfenbein ganz flach und glänzend geworden. Solche Täfelchen wurden den Gläubigen in der heiligen Messe vom Priester vor der Kommunion zum Friedenskuss gereicht. Alles längst vergessene Rituale, dachte die steinalte Sophia, obwohl sie voller Andacht nicht geküsst, aber die Hand aufgelegt hatte im Ano Santo 1982. Der warme Stein der Mittelsäule der Puerta Santa in Santiago de Compostela bleibt ihr bis heute im Gedächtnis der Berührungen.





