Bergmanns Freude

Genau mein Ding, diese Brosche, gestern morgen im Netz.
Der Stolz des Schürfers in einer Goldpfanne,
begleitet von Spitzhacken und Schaufeln,
echte Nuggets aufgelötet und ein winziger Diamant im Rosenschliff,
immerhin 18 Karat Gold…
aber klein das Ganze, nur 48 mm lang.
Von England aus geschickt, würden Transport- und Zollkosten
noch dazukommen – mindestens 800 Euro am Ende.
Den Kauf überleg ich mir noch… und wer weiß, ob es überhaupt sicher ankommt…

Das ist ja ein Ding, eine Variante gestern Nachmittag bei Bares für Rares!
Der Stolz des Goldschürfers, Legierung nur 14 Karat,
diesmal allein Hacke und Schaufel
mit einem Diamanten im Altschliff
auf dem großen Nugget, verschnürt mit goldenem Seil.
Auf 1250 Euro wird das Schmuckstück hochgesteigert,
obwohl nur um 500 bis 600 Euro taxiert.
Das Erbe des Urgroßvaters.
Nachlass – Haushaltauflösung – Verlust.

Bildschirmfotos von gestern, RW 2022

The Worries of the World

Der indische Prinz wird vom 6. bis zum 11. Oktober nach Paris reisen, um an einigen Auktionen des Hauses Sotheby’s teilzunehmen. Es geht um das prächtige Hôtel Lambert, dessen Gemälde, Möbel, Porzellan, Silber, Juwelen und Wunderkammerobjekte versteigert werden sollen. Das auf der Île Saint-Louis im 4. Arrondissement gelegene Gebäude, das von Louis Le Vau entworfen wurde, ist ursprünglich zwischen 1640 und 1644 für den Finanzier Jean-Baptiste Lambert errichtet worden. Das Stadtpalais gehört inzwischen dem Emir von Quatar, Sheikh Hamad bin Abdullah Al Thani. Schon 2007 hatte der indische Prinz sich geärgert, dass der neue Besitzer das Palais umbauen lassen wollte, inklusive Einbau einer Tiefgarage, von Aufzügen und Sicherheitszäunen. Die Stadt Paris ließ den Emir jedoch nicht gewähren und heute heißt es bei Sotheby’s, dass das Haus nach einer sorgfältigen und einfühlsamen Restaurierung in seinen alten Glanz zurückgeführt und mit wertvollen Schätzen ausgestattet wurde.
Der indische Prinz verbrachte Stunden, um die einzelnen Lots zu studieren. Seine drei Favoriten waren eine Brosche Fleur de Lys des 18. Jahrhunderts mit einem himmelblauen Saphir und Rosendiamanten, eine kleines ovales Gemälde von Robert Hubert, die antike Statue Marc Aurels auf dem Pferde zeigend, an deren Fuße einige Personen römische Altertümer aus einer Erdhöhle herausholen. Sein liebstes war jedoch das dritte Lot, eine Bonbonniere Steinkabinett, von Johann Christian Neuber, um 1780 geschaffen, die über 80 verschiedene edle Gesteinsproben, meist Achate, in Gold gefasst vereinte. Diese waren mit Nummern versehen und man konnte nachlesen, um welche Steine es sich handelte. Die Nummer 23 schien ein bläulich schimmernder Chalcedon zu sein. Der Schätzpreis liegt zwischen 180000 und 250000 Euro.

Bildschirmfoto aus dem Online-Katalog von Sotheby’s, 1. Oktober 2022

Auf dem Gletscher


Als Kind wollte ich Erfinderin werden. Ich baute mir aus Ton eine kleine Gletscherlandschaft. Dachte mir zwei Figuren aus, die in dieser Landschaft etwas bauen sollten. Es waren Herr Japner und Frau Chinois. Die sollten sich nun auf einen Wettbewerb einlassen. Zwei Häuser und ein Turm waren auf dem Gletscher zu errichten. Wer die beste Lösung dieser Aufgabe in einem Modell verwirklichte, wurde mit einer Expedition zum größten Gletscher der Welt, dem Lambert-Gletscher in der Antarktis, belohnt. Herr Japner und Frau Chinois hintergingen meine Wettbewerbsbedingungen und reichten zusammen einen einzigen Entwurf ein. Das leuchtende Kristall-Haus hatten sie knapp auf eine Eiswand gesetzt. Es kippte nicht, war tief im Felsen unter der Eisdecke verankert und sollte in der Nacht Polarlichter aufnehmen, die tagsüber nachglühten und im grüngelben Kristallhaus in Heizkraft umgewandelt wurden.
Im goldenen Turm war ein Perpetuum Mobile untergebracht, das jedes Jahr eine weitere goldene Scheibe generierte. So wuchs der Turm langsam aber stetig. Unter dem Turm im Eis gab es Bereiche mit einem Treibhaus, einem Wohntrakt und einem Schwimmbecken. Die Energie dazu lieferten die Generatoren in den Goldscheiben und das Polarlicht. Der Entwurf wurde vielfach ausgezeichnet, seine Verwirklichung scheiterte aber an der Tatsache, dass es nirgends auf der ganzen Welt kein Perpetuum Mobile gab. Frau Chinois und Herr Japner werden 2023 in die Antarktis reisen.

Tonobjekt mit Citrin, Fluorapatit und Messingplaketten, Erfindung RW 2022, Sammlung RW

23 und ein Irrtum

Das schönste Bild aller Zeiten begegnet mir auf Instagram. Sofort möchte ich nach Paris fahren und wieder einmal das Musée Jacquemart André besuchen, um die Werke meines absoluten Lieblingsmalers Johann Heinrich Füssli zu sehen. Seltsam nur, dass Guy Boyer, der es eigentlich wissen müsste, von Johann Friedrich Füssli spricht. Ein Irrtum. Aber das Datum des Ausstellungsschlusses versöhnt mich mit allem, gerade heute am 23. September.

Bildschirmfoto/Instagram, September 2022

Achtung Feueralarm!

Verlassen Sie den Tunnel! Achtung Feueralarm! Verlassen Sie den Tunnel! Die steinalte Sophia hört eine schneidende weibliche Stimme, die seit circa 22 Minuten diese Worte stereotyp wiederholt. Dazu kommt Sirenengehäul, aber nur sporadisch. War etwa Feuer im Rheintunnel ausgebrochen? Sie hat Angst, geht nach draußen ans Rheinufer und sieht sich um. Alles scheint normal, sie riecht nichts, Spaziergänger haben keine Eile. Die Sonne scheint so freundlich zum astronomischen Sommerende. Das Symmetriedatum vom heutigen Tag 22-9-22 gefällt ihr besonders gut. Wäre da nicht diese stereotype kalte Automatenstimme mit ihrer unheilvollen Botschaft. Zwischen den Aussagen erklingt ein Gong, die Stimme wird lauter und leiser. Als ginge jemand hin und her. Achtung Feueralarm! Verlassen Sie den Tunnel! Das Wort Verlassen spricht die Stimme besonders unangenehm aus, das RRR rollt sie stark, das AA kommt quer und tief und so schrecklich verächtlich.
Für heute Abend nimmt sich die steinalte Sophia vor, keine Nachrichten zu schauen und stattdessen in ihrer Bibliothek den Atlas der Sterne hervorzunehmen, um die wichtigsten Sternbilder des Herbstes zu studieren.

Detail an einem Haus in Korschenbroich, Fotografie RW, 19. September 22

The Crown


In London stand der indische Prinz 12 Stunden im Queue, um in der Westminster Hall der verstorbenen Königin die letzte Ehre zu erweisen. Als er die Halle mit vielen anderen Wartenden betrat, sah er, dass die Kinder der Queen gerade ihre Vigil hielten. Alle vier hielten die Köpfe gesenkt, ein seltsamer Gegensatz zu ihren prächtigen Galauniformen. Auch die zehn militärischen Wachen hielten die Köpfe gesenkt, besonders eindrucksvoll bei den vier Grenadieren mit den schweren Bärenfellmützen.
Auf dem Sarg lag ein Kissen mit der Imperial State Crown, außerdem noch der Reichsapfel und das Zepter. Der indische Prinz kannte die Krone nur zu gut. Er liebte die eingesetzten Juwelen. Waren doch viele der eingearbeiteten Diamanten aus seinem Heimatland. Er wusste, dass es Forderungen aus Indien gab, den Koh i noor Diamant zurückgeben zu müssen. Dieser war, zerschnitten und geschliffen in mehrere Steine, auf der Krone von Elizabeth, Queen Mum, eingesetzt worden.
Der indische Prinz betrachtete die Krone auf dem Sarg. In diesem Augenblick schossen blaue Lichter aus den 2868 Diamanten und der St. Edward-Saphir im bekrönenden Kreuz steigerte sein Blau zu höchster Intensität. Der große Spinell, seit Jahrhunderten als Rubin des schwarzen Prinzen bekannt, auf der Frontseite der Krone, gab das Blutrot – während der Cullinan II, mit 317,4 Karat einer der größten geschliffenen Diamanten der Welt, auch unter dem Namen „Kleiner Stern von Afrika“ bekannt, dieses Blau und Rot neutralisierte zu klarstem Weiß. So wußte der indische Prinz, dass auch die kalten Edelsteine der Königin ihr wohlgemeintes Farewell gaben. Der indische Prinz nahm die Hände zusammen, führte sie zu Mund und Stirn und verneigte sich tief, bis die Ordner ihn aufforderten, weiterzugehen, um anderen Platz zu machen.

Imperial State Crown auf dem Sarg von Elizabeth II, Bildschirmfoto RW, BBC Live Stream, 17. September 22
Imperial State Crown, Quelle Wikipedia


«Zeige deine Wunde»

Der heilige Rochus zeigt seine Wunde. Er hat die Pest, muss sich isolieren. Ein treuer Hund bringt ihm täglich Brot. Bei Seuchen, Krankheit und Not kann man ihn als Nothelfer um Hilfe bitten. Er ist der Stadtpatron des Eifeler Städtchens Wittlich. Oben am Rathaus steht der Rochus in seiner Nische. Wir sehen ihn vom Eiscafé aus, dessen fleckiger Sonnenschirm heute im Regen den Heiligen wie ein schmutziges Laken verdeckt. Zwei E-Zigaretten-rauchende Tischnachbarn lassen ihre Dackel gellend laut kläffen, während am anderen Tisch sich fünf ältliche Frauen mit Brillen und Steppwesten über Krankheit, Tod und Überforderung beklagen.

Rathaus in Wittlich, Fotografie RW, 14.September 2022
«Zeige deine Wunde» ist der Titel einer Installation von Joseph Beuys von 1976, heute im Lenbachhaus München

An era comes to an end

Fast alles, was die steinalte Sophia im Blogeintrag vom 11. April 2021 zum Tode von Prinz Philip geschrieben hatte, war erfunden. Im Nachhinein schämte sie sich ein wenig, sich fremder Identitäten bedient zu haben.
Gestern Nachmittag kam nun die Nachricht vom Tode Elizabeth II. Die steinalte Sophia war geschockt. Natürlich hatte sie gehört, dass es der 96-jährigen nicht so gut ging und die Familie zu ihr nach Balmoral eilte. Sie hatte jedoch gehofft, noch den hundertsten Geburtstag der Queen erleben zu können. Und wahr ist, dass ihr der Tod der Queen sehr nahe ging, als gehöre sie zur eigenen Familie. Voller Trauer dachte sie an ihre verstorbenen Eltern, Tanten und Onkel, die zu eben dieser Generation der in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts Geborenen gehörten.

Fotografie des Vaters zum Besuch der Queen im Jahre 1965, Erbe und Sammlung RW

Arbeit des Eremiten

Der indische Prinz wollte das Haus nicht mehr verlassen. Die Nachrichten in den social media über Tausende wichtiger Ausstellungen von Künstlerfreunden und weiteren Kunstereignissen in vielen Städten, die er jetzt besuchen sollte, machten ihn krank. Tatsächlich wäre seine erste Reise nach Berlin gegangen zu Donatello in die Gemäldegalerie. Obwohl er viele Werke des seit Jahrzehnten verehrten Künstlers schon in Italien gesehen hatte.
Jetzt beschloss der indische Prinz, eine Weile Eremit zu sein. Er baute sich eine Höhle in seinem Kabinett, wo er in Ruhe Fundstücke und Erwerbungen genau unter die Lupe nehmen konnte. Er drehte und wendete die Scherben. Hatte sich bei einem Henkelfragment ein kleines graues Steinchen in einen Spalt gedrückt? Er wollte es mit dem Messer befreien, da erwies sich das Material als ein sehr weiches Metall, glänzte silbrig, Zinn oder Blei? War es eine zufällige Beigabe des Tons? Oder – da es sich am Henkelansatz befand – der winzige Rest einer ehemaligen Montierung? Darüber, dass er die Fragen nicht beantworten konnte, wurde er traurig, seine neuen Bücher halfen ihm nicht weiter. Er begann die Punkte auf dem Dekor eines besonderen Fragments zu zählen. Seine Freundin hatte behauptet, es wären Filmstreifen abgebildet. Das glaubte er nicht, für ihn waren es seidene Bänder mit Nahtlöchern. Als er dreimal 23 Punkte gezählt hatte, schloss er die Augen und schlief ein.

Scherbe mit Schleifendekor vom Kaiserswerther Rheinufer, Sammlung RW, Fotografie RW, digital manipuliert, 3. September 2022

Symbolbild

In letzter Zeit lese ich in drei Büchern über die Mudlarker in London. Sie kämmen bei Ebbe die Ufer der Themse ab, um Artefakte zu finden, die im Laufe der Jahrhunderte ihren Weg in den Fluss fanden. Neolithisches Werkzeug, römische Scherben aus Terra Sigillata, Gesichtsfragmente von Frechener Bartmannkrügen, Bruchstücke chinesischen Porzellans, Parfümfläschchen aus irisierendem Glas, Mineralwasserflaschen aus Keramik, Münzen aus jeder Epoche, tierische und sogar auch menschliche Knochen, Patronenhülsen und Gewehrkugeln, Knöpfe, Murmeln, Schuhschnallen aus der Zeit George III und Frozen Charlottes aus Biskuitporzellan von 1905.
Vor zwei Wochen waren wir wieder am Rhein in Kaiserswerth. Früh morgens, um der Hitze zu entgehen, kletterten wir an unserer vertrauten Stelle hinunter. Voller Freude sahen wir, dass das Ufer noch im kühlen Schatten der hohen Pfalzmauern lag. Der Rhein hatte noch mehr Wasser verloren, so dass wir direkt am Flusssaum gehen konnten und nicht mühselig über die Basaltbefestigung klettern mussten. Unsere Ausbeute war reich an diesem Tag, wir konnten viele Scherben von Westerwälder Keramiken und früherer Irdenware einsammeln, auch eine Glasscherbe, in die ein Relief mit einem Dreimaster (!) eingeprägt war. Ich fand zudem noch einen Knochen mit einem ausgeprägten Gelenk, das mich an Voluten antiker Kapitelle erinnerte. Es könnte der Mittelfußknochen eines uralten Säugetiers sein.
Da rief meine Freundin mir zu Schau mal das Schiff und sie machte ein Foto. Das Schiff kannte ich. Das fährt jeden Tag bei uns vorbei gab ich an. Meine Freundin glaubte mir nicht und ich verbesserte mich Auf jeden Fall ist es in meiner Schiffsnamensammlung!
Nun – dieses Schiff fuhr gestern tatsächlich bei uns vorbei – als ich nach langen Tagen zum ersten Mal wieder auf der Rheinwiese vor dem Haus spazieren ging.

DEO GRATIAS auf dem Rhein, Fotografie RW, 27. August 2022
Siehe auch meine Beiträge vom 17. April 2020 und 15. Juli 2022