

«Christus Mansionem Benedicat» schreiben die Sternsinger mit Kreide auf die Haustüre der steinalten Sophia. Sie hat heute zum Dreikönigstag einen Kuchen gebacken, darin verborgen ein kleines Püppchen. So will es der Brauch. Sie hat ihre Freunde und Freundinnen eingeladen, um mit ihnen den Kuchen zu essen. Wer das Püppchen im Kuchen findet, bekommt eine goldene Krone aus Papier aufgesetzt und ein Sternsingerlied wird gesungen. Der indische Prinz ist auch eingeladen und hat als Gastgeschenk zwei Wallsteine, respektive Maaseier aus dem Rhein, und einen Feuerstein, respektive Hühnergott von der Ostsee, mit den alten japanischen Messergriffeinfassungen und Messerendstücken versehen. Im Japanischen heißen sie Kashira und Fuchi. Die kostbaren Teile sind aus vergoldetem Kupfer und zeigten bei Caspar Heuschrecken und Grillen, bei Balthazar Wasser und Wellen, bei Melchior Blüten und Zweige. Wie drei gekrönte Häupter reicht er die Steine seiner Gastgeberin. Die steinalte Sophia kommentiert – Gold, Myrrhe und Weihrauch, das waren die Gaben der drei weisen Sterndeuter aus dem Morgenland.
Das Märchen von den 23 Ringen
Der indische Prinz erzählt am zweiten Tag des Neuen Jahres ein Märchen. Die Geschichte von den 23 Ringen. Und die geht so – Eine alte Frau erinnerte sich an die Erzählungen ihrer Großtante, die vor der Flucht aus besetzten Gebieten im Wald hinter dem Garten des großen Hauses wertvolle Silberbestecke, Porzellan und auch Schmuck vergraben hatte. Lange, lange hatte sie darüber geschwiegen, aber als es wieder möglich war, in diese Gebiete zu reisen, schickte sie ihren Großneffen, um nach dem Rechten zu sehen. Sie hatte sich die genauen Koordinaten der Vergrabung aufgeschrieben. Der Großneffe, ein Abenteurer, der schon in den vergangenen Jahren in Afrika einheimischen Hirten einen großen, zentnerschweren Stein abgeluchst hatte – wie sich später herausstellte ein sehr seltener, kostbarer Eisen-Meteorit – machte sich mit Metalldetektor und Schaufel auf den Weg in den Osten des Nachbarlandes. Dort angekommen sah er, dass das ehemalige Waldgebiet grau und leer war. Große flache Gruben hatten sich im Regen mit Wasser gefüllt. Verrostete Bagger verloren dazwischen und die eingeschlagenen Fenster der verlassenen Baubuden zeugten von Einbruchsversuchen. Den Großneffen schreckte das alles nicht ab, er begann sogleich, wenn immer ein Signalton seines Detektors ertönte, mit seinem Spaten zu graben. «Aber so dumm bin ich nicht, wenn hier Bagger zugange waren, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, hier noch etwas zu finden», sagte er sich und musste am Abend den Ort mit leeren Taschen verlassen. Nachts aber hörte man bei den Gruben unruhiges Rascheln und leise Gespräche. Zwei Illegale aus Afrika hatten sich in einem Bauwagen ein notdürftiges Lager aufgebaut und auf dem Gelände nach Verwertbarem gesucht. Dabei hatten sie einen Holzkasten gefunden, den sie im Schutze der Nacht aufbrechen wollten. Sie hatten kein Licht, aber als der Mond kurz zwischen den Wolken aufschien, schimmerte es im Innern der aufgebrochenen Kiste. Weiße Stoffe umhüllten ein längliches Päckchen und als sie es aufrollten, blinkte ihnen das tausenjährige Funkeln seltener Steine entgegen. Sie zählten dreiundzwanzig kostbare Ringe mit Rubinen, Smaragden, Saphiren und Diamanten besetzt. Am nächsten Tag verkauften sie ihren Fund an einen Hehler der Stadt am östlichen Meer. Nur den silbenen Ring mit dem Zeichen des Ankers behielten sie. Er sollte ihnen Glück bringen bei ihrer Fahrt über das Meer hin zu den Ufern eines freien Landes.
Nachdem der indische Prinz das letzte Wort gesprochen hat und es dunkel geworden ist, öffnet er eine silberne Schatulle und zeigt seinen Zuhörern die kostbaren Ringe aus dem Märchen. Wie farbige Blitze schießen die Feuer der Diamanten und edlen Steine im schwachen Licht der Kerzen hin und her. Auf welche Weise er an die Ringe gekommen war, behält der indische Prinz für immer für sich.
Blick in die Schmuckschatulle, invertierte und digital manipulierte Fotografie RW, am letzten Tag des Jahres 2022
In hoher Erwartung

Zwischen den Jahren wurde ihr Unmut immer größer. Das Jahr 2023 ist mein Jahr, hatte sie groß herausposaunt. Ich sammle die Zahl 23 seit Jahrzehnten. Der Jahreswechsel von 22 auf 23 sollte also angemessen gefeiert werden. Es ist meine Zahl, ich habe sie besetzt mit meinem Traum und meiner Sammlung. Je näher das Datum des ersten Tags des Jahres 2023 kam, um so trotziger wurde sie. Ich mache gar nichts, überhaupt nichts, es wird auch nicht gefeiert. Ich kann es nicht ertragen, dass jeder, aber auch jeder Tag des nächsten Jahres die Zahl 23 trägt. Sie beschloss, sich auf die Tage der Monate zu konzentrieren die zweimal die 23 tragen: 23. Januar 23, 23. Februar 23, 23. März 23 und so fort. An diesen Tagen würde sie jeweils eine kleine 23er-Arbeit machen, oder ihnen eine schon vorhandene widmen. Eine Ausstellung sollte vorbereitet werden. Mehrere kleine Objekte mit goldenen 23-Zahlen wollte sie fertigstellen und gesammelte Texte mit eben dieser Zahl zu Wandbildern vergrößern. Am 23. Mai 23 würde sie im ortsansässigen, altehrwürdigen Künstlerverein ein paar dieser Arbeiten zeigen. Zu ihrer Überraschung bekam sie kurz vor Jahresende von einer Freundin einen kleinen Spielstein aus Holz zugeschickt, der die 23 in roter Farbe trug. Er war kostbar in einem kleinen schwarzen Schmuckkästchen verpackt. Der Anblick des Spielsteins beruhigte sie ein wenig: Ich nehme ihn als Zeichen, dass im nächsten Jahr die Dinge sich auch dann ereignen, wenn ich nichts tue.
23-Spielstein, Geschenk der Freundin GR, Fotografie RW, Dezember 2022, mehr über die 23 auf Ruth23Weber.de
Ein Geschenk zum 23.
Zu Weihnachten bringt Lothar Schirmer jedes Jahr eine Weihnachtskarte für seinen Verlag heraus, die ein Kunstwerk abbildet. Dieses Jahr wählte er meine Arbeit «Bergkristall aus Brasilien
in Kinderschuhen von 1927 (Erbe des Onkels)». Gestern kamen meine Belegexemplare mit der Post. Das ist das zweite wunderbare Geschenk, das ich dieses Jahr zu Weihnachten erhalte.
Filmstills von einem kleinen Smartphonefilm zur Vorstellung der Weihnachtskarte des Schirmer/Moselverlags. Fotografie RW 23.12.2022 Danke Lothar Schirmer!
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Das traute Gefühl
Zwei Tage vor Weihnachten wurde die steinalte Sophia krank. Sie hatte sich mit der gerade grassierenden Seuche infiziert und hoffte, dass die vier Impfungen sie vor einem schweren Verlauf schützten. So habe ich dieses Jahr keinen Weihnachtsbaum und darf auch niemanden besuchen, um ihn zu beschenken, überlegte sie. Zum Glück hatte sie schon ein paar Vorräte eingekauft. Da kann ich mir am ersten Feiertag ein paar Rindsrouladen schmoren und am zweiten mach‘ ich Zürcher Geschnetzeltes, nur nicht mit Kalbfleisch sondern mit Geflügel. Sie würde den alten, weihnachtlich dekorierten Pappteller der Eltern aus dem Schrank holen und ihn mit ein paar Marzipanstückchen, die ursprünglich für eine Freundin gedacht waren, füllen. Dann hänge ich einfach die Weihnachtskugeln in die Orchidee, die ja gerade nicht blüht und werde im Radio das Weihnachts-Oratorium hören. In der Nacht bekam sie heftige Kopfschmerzen und Fieber, sie ängstigte sich nicht, sondern vertraute auf die Erzählungen ihrer Bekannten, dass die neueste Variante der Seuche etwas milder verlaufen solle. Wenn ich wieder gesund bin, fahre ich mit der Eisenbahn an den Mittelrhein und werde ein paar erholsame Spaziergänge im Winterwald zu Burgen und Schlössern machen.
Spielzeugeisenbahn in Bonn, Fotografie RW, Winter 2020
Das Geschenk von Hanns-Josef Ortheil

Zu meiner größten Freude schreibt der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil über mein Buch. In seinem für mich sehr anregenden Autorenblog, für den er seit Herbst 2016 fast täglich Beiträge über Literatur, Musik, Kunst, Beobachtungen des Alltags, seine Heimat, seine Gärten und Wälder verfasst, berichtet er zum vierten Advent über das Patenkind Lisa, das in seiner Bibliothek mein Buch entdeckt hat und daraufhin selbst beginnt, Steine zu sammeln. Ich darf Ortheil hier zitieren und empfehle seinen Blog zur täglichen Lektüre:
«Kostbare Sockel für seltene Dinge
Veröffentlicht am 17. Dezember 2022 von Hanns-Josef Ortheil
Mein Patenkind Lisa (12 Jahre) ist seit einiger Zeit häufiger zu Gast. Wenn sie morgens ins Haus kommt, geht sie oft zu den Bücherwänden, um nach Büchern zu suchen, die ihr gefallen. Sie möchte zunächst weniger lesen als schauen, deshalb greift sie nach Kunstbüchern oder reich bebilderten Bänden, die sie auf dem Boden stapelt.
Fünf bis zehn werden es jedes Mal sein, sie liegen nach der ersten Auswahl kreuz und quer aufeinander und werden danach genauer geprüft. Lisa sucht nach etwas Kuriosem, das ihr so noch nicht begegnet ist, dafür hat sie ein scharfes Auge.
Ich lasse sie in Ruhe und komme erst näher, wenn sie sich für ein bestimmtes Buch entschieden hat. Dann beugt sie den Kopf tief über die Seiten und schaut auf die Abbildungen, als müsste sie die bunten Bilder erst eingehend befragen: Was zeigt ihr mir da? Was ist das genau? Wie wurde das gemacht?
Ein Lieblingsbuch, das sie auf diese Weise befragt, ist von der Künstlerin Ruth Weber, es heisst, rätselhaft genug: Kostbare Sockel für seltene Dinge.
Zu sehen sind kleine Plastiken oder Skulpturen, mindestens 1,5 cm und höchstens 30 cm hoch. Ihre bunten und strahlenden fotografischen Abbildungen lassen sie jedoch viel größer erscheinen. Die meisten wirken wie sakrale Preziosen, ähnlich jenen Monstranz-Gestalten, die in der katholischen Andacht an seltenen Tagen des Kirchenjahres auf einem Altar stehen.
Jede Plastik hat einen Sockel, der ein „seltenes Ding“ trägt, stützt, bewahrt oder zeigt. Auf den Textseiten gegenüber den Fotografien sind die beiden Elemente und die Fundorte genau bezeichnet: Eine Keramikscherbe mit zwei Buchstaben (OH) tanzt auf Koprolith, verkieseltem Dinosaurierkot aus Utah (USA). Oder: Eine Porzellanscherbe, unter der Rheinkniebrücke Düsseldorf gefunden, umwandert eine Achatgeode aus Namibia.
Über diesen sachlichen Angaben erscheinen hier und da kurze Texte von Nora Gomringer und Steffen Popp, die nichts erklären, sondern mitsummen, mitsingen, mitseufzen, mitsprechen.
Sämtliche Elemente, die zu den Objekten dieser Wunderkammer komponiert wurden, stammen aus den Sammlungen der Künstlerin. Sie zitieren Weite und Ferne, die Nähe und das All: als wären es „Weltstücke“, die an die ursprüngliche Schönheit des blauen Globus erinnern.
Kostbare Sockel für seltene Dinge ist ein festliches Buch aus kleinen Dingen, nicht in pompösem, sondern in poetischem, ich möchte fast sagen: „frohlockendem Sinn“.
Lisa trägt dieses Buch durch das Haus und nimmt es mit hinaus auf den Gartentisch. Sie hat begonnen, nach Steinen und Brocken zu suchen, die sie wäscht und auf dem Tisch auslegt. Wenn Schnee fällt, tauchen die weißen Flockenhügel alle Fundstücke in ein kristallines Strahlen, als hätte der Himmel sie mit auf die Erde geschickt.
Könnte ich mir für Weihnachten ein schöneres Geschenk-Buch vorstellen, das Rätsel, Geheimnis und Forschung zugleich ist?
Bestellbar ist es hier: order@buchhandlung-walther-koenig.de oder über: 0221-205960
(Allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs wünsche ich einen entspannten vierten Advent!)»
Zitiert aus https://www.ortheil-blog.de/ Danke Hanns-Josef Ortheil!
Mein Buch auf der Tischvitrine vor zwei Exemplaren der Fotografie «Keramikscherbe auf Koprolith», Fotografie RW, 4. Advent 2022
Westöstlicher Turmbau
Das Fundament des Turmes bildet ein Backsteinfragment, ein behauener Stein, fast wie das Bruchstück einer neogotischen Pfeiler-Ecklösung. Vielleicht sogar älter? Gefunden am Ufer des Niederrheins sehr nahe bei der Bieslicher Insel, wo viele römische Funde gemacht werden. Das nahe Xanten war ja Garnisonsstadt – Colonia Ulpia Trajana. Auf dem Backstein sind nun Eisenkiesel mit Achat- und Jaspisanteilen vom Düsseldorfer Rheinufer aufgetürmt. Als Zwischengürtel fungieren sogenannte Fuchi. Diese Fuchi sind antike japanische Messergrifffassungen, aus einer Kupferlegierung geschmiedet, mit Ornamenten versehen und vergoldet. Ich habe zu den Fuchi auch noch die passenden Kashira, das sind die verzierten Endstücke der Messergriffe. Heuschrecken und Blüten kann man entdecken und die Wellen der Flüsse und des Ozeans.
Der Turm, Kombination aus Steinen und Fuchi, Fotografie RW, Sammlung RW, 16. Dezember 2022
Bergkristallkugel
In der Ausstellung Magie Bergkristall im Kölner Museum Schnütgen ist auch ein kleines Tafelbild mit dem Salvator Mundi zu sehen. Es war ursprünglich der rechte Teil eines später verloren gegangenen Diptychons, links war die Mutter Gottes abgebildet. Der Weltenretter hat die eine Hand segnend erhoben, die andere legt er auf die Kristallkugel. In ihr erscheint eine nächtliche Küstenlandschaft im Mondschein, aber auch die Reflexion eines Fensters und die Spiegelung der Fingerkuppen des Erlösers. Die Materialität des Kristalls wird dadurch deutlich, zunächst als spiegelnder Körper. Aber auch als durchsichtiger, der zum Ort einer imaginären Welt wird. Die Kugel ist also ganz real von dieser Welt und doch ein Mysterium. Das gibt eine große Verwirrung. Die Realität des segnenden und die Kugel haltenden Salvators ist ja eigentlich die göttliche Sphäre, aber mit irdischen physikalischen Gesetzen. Die dunkle Nacht in der Kugel ist die irdische Welt der Menschheit, die der Erlösung bedarf. Einen deutlichen Hinweis auf den Opfertod des Erlösers gibt die goldene Gewandschließe mit der Dornenkrone. Darin Moses, der auf die zehn Gebote hinweist.
Salvator Mundi, Ausschnitt, Südliche Niederlande, Antwerpen um 1500, Katharinenkonvent Utrecht, Fotografie RW, im Museum Schnütgen, Köln, Dezember 2022
siehe auch meine weiteren Beiträge zum Salvator Mundi in diesem Blog
In der Kunstkammer

Mit 23 Gelehrten besuchte der indische Prinz die Ausstellung Magie Bergkristall im Museum Schnütgen in Köln am Rhein. Unter den Gelehrten waren Mineralogen, Gemmologen, Kunstwissenschaftler, Historiker, Geologen, Religionswissenschaftler und Philosophen. Er diskutierte mit ihnen die einzelnen Exponate, so dass sie fast fünf Stunden in der Ausstellung verweilten.
Die beiden Löwenköpfe, jeweils hohl wohl aus einem Bergkristallblock geschnitten, erkannte der Prinz als königliche Symbole, womöglich als Pfostenbekrönungen eines Throns. Er erinnerte sich an die berühmte Fotografie des Maharaja Yadavindra Singh of Patiala aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Armlehnen seines Throns war mit silbernen Löwen geschmückt, deren Köpfe eine ähnliche Anmutung wie die der Bergkristall-Löwen haben. So sah der Prinz die Löwen in alter orientalischer, vielleicht sogar indischer Tradition. Gefunden wurden sie allerdings in einem Grab im Rheintal, zusammen mit einer Ariadnefigur aus Elfenbein, wohl auch zur Zierde eines Möbels gedacht. Die Forschung vermutet, dass die Bergkristall-Löwenköpfe in der Steinschneide-Werkstatt am Hofe Kaiser Konstatins (reg 306 – 337) in Trier gefertigt worden sein könnten. Für das Museum Schnütgen wurden sie aus dem Musée de Cluny – Musée National du Moyen Age in Paris ausgeliehen.
Nach dem Besuch der Ausstellung lud der indische Prinz seine gelehrten Freunde in ein Kölner Restaurant ein und sie verabredeten sich für 2023 zu weiteren Forschungstreffen über das Gesehene.



