Im Traum wurde mir klar, dass ich die Bilder, die ich sah, nicht fotografieren konnte, wie aber festhalten? 12 Bilder, die nur mein Gehirn gesehen hat, wollte ich konservieren. All meine Überlegungen kamen mir des Nachts ernsthaft, logisch und sinnvoll vor. Jetzt am Tag erinnere ich mich nicht mehr, warum, wie war das noch, warum gerade 12? Um ein Jahr mit Bildern abzudecken? Ich kann die Bilder ja nicht einmal mehr beschreiben. Nur ein Garten kam vor, und Bäume.
Die künstliche Intelligenz kann auf Aufforderung Traumbilder zeichnen, die keiner geträumt hat. Sie kann Träume nacherzählen, wenn man sie nur lässt. Aber das stimmt ja alles hinten und vorne nicht.
2*2*23

Ich lege sie aus:
Dreiundzwanzig ist eine Primzahl.
22 nicht, 24 auch nicht, 21 auch nicht, 20 sowieso nicht, 25 schon gar nicht
Die ersten Primzahlen bis 100 sind 25 Zahlen
2, 3, 5, 7, 11, 13, 17, 19, 23, 29, 31, 37, 41, 43, 47, 53, 59, 61, 67, 71, 73, 79, 83, 89, 97
Am liebsten mag ich den Anfang der Primzahlen, da ist die 23 schon genannt und als nächste Zahl die 5, ihre Quersumme. Bis auf die 2 sind alle Primzahlen ungerade. Wie kommen die Abstände zustande und wie groß sind sie?
Die 24 Abstände zwischen den Primzahlen bis 100 sind
1, 2, 2, 4, 2, 4, 2, 4, 6, 2, 6, 4, 2, 4, 6, 6, 2, 6, 4, 2, 6, 4, 6, 8
Gibt es da ein Muster? Wieviel größer können sie werden? Auch die Primzahlen sind unendlich.
Die Fibonaccizahlen steigen naturgemäß schneller an und es sind auch Primzahlen dabei…. aber die 23 ist nicht dabei, trotzdem mag ich die Fibonaccizahlen, weil in ihnen der goldene Schnitt verborgen liegt.
1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144
Ich habe meine Freude an Reihen, Prozessionen, Auffädelungen, an all dem, was vorbeizieht wie die Rheinschiffe, angereichert durch das Tuckern und Klopfen der Motoren, jetzt im Dunkeln mit Lichtern in langen Ketten oder beleuchteten Fensterreihen geschmückt. Die heute am hellen Nachmittag ausgelegten Schlüssel auf der Fensterbank zum Rhein hin warten noch auf ihre Aufgaben.
23 geschenkte Schüssel und fünf bezahlte Schlüsselanhänger vom lokalen Schlüsseldienst, Fotografie RW am 2. 2. 23
An der Pforte
Tief aus dem Basalt heraus schlug ich das Gold,
ließ es einschmelzen
ließ mir einen Löffel gießen
den konnt ich dann am Ufer des Styx
abgeben
als Obolus für den Hades
und nach geraumer Zeit in der Unterwelt
gilt er noch oben als Eintritt für Sankt Peters Port.
Negativbild einer weißen Landschaft aus gebranntem Ton mit einem blauen Plastiklöffel, Reiseandenken aus dem Erbe der Eltern und blauem Azuritmineral, Fotografie RW, Sammlung RW, 30. Januar 2023
Feldspat, Quarz und Glimmer, die drei vergess‘ ich nimmer
Die Gebiete, in denen ich mich herumtreibe, sind zahlreich. Der Kontinent der Steine, das Reich der Zahlen, die Welt der Wunderkammern, der Wald der Fiktionen, das Haus der Kunst, der Garten der Natur und über allem der Kosmos der Gestirne.
Den Steinen will ich mich heute wieder widmen, Unmut kommt sonst auf. In der Zeitung las ich über den Granit. Dieses magmatische Tiefengestein finde ich sehr, sehr selten am Rheinufer in Düsseldorf. Und nur in runden, abgerollten, kleinen Exemplaren, vielleicht aus dem Odenwald oder Schwarzwald hierher transportiert.
Den kleinen Stein auf dem Foto hab‘ ich an der Ostsee (wahrscheinlich am Brodtener Steilufer) aufgehoben, es ist also ein Geschiebe aus der Eiszeit, ein skandinavischer Granit mit grauem Quarz, blassrosa Feldspat und hellem Glimmer, dem Muskovit, der hier im Licht weiß aufblitzt. Der große Stein ist aus den gleichen Bestandteilen, aber eher ein Pegmatit, da seine Mineralien sehr mächtig sind. Den Stein habe ich frisch aus einem westschwedischen Steinbruch (auf dem Weg nach Tanum) mitgenommen. Er besteht aus großen rosa Kalifeldspat-Anteilen, weißem Quarz und einem dunklen Glimmer, dem Biotit, zum Teil als riesige Plättchen. Eben hab ich ihn nass gemacht, da leuchteten die Farben so hell und frisch – Lachs, Salz und Kaviar. Den kleinen Stein hab ich später auch unter Wasser gehalten. Sein Feldspat färbte sich ebenso leuchtend orange und man sieht eine unregelmäßige Körnung.
Zwei magmatische Tiefengesteine, Sammlung RW, Fotografie RW Januar 2023
23-1-23

Litanei zur Feier des heutigen Datums 23-1-23
Der 23. Januar 23 fällt auf einen Montag.
Der 23. Februar 23 fällt auf einen Donnerstag.
Der 23. März 23 fällt auf einen Donnerstag.
Der 23. April 23 fällt auf einen Sonntag.
Der 23. Mai 23 fällt auf einen Dienstag
Der 23. Juni 23 fällt auf einen Freitag.
Der 23. Juli 23 fällt auf einen Sonntag.
Der 23. August 23 fällt auf einen Mittwoch.
Der 23. September 23 fällt auf einen Samstag.
Der 23. Oktober 23 fällt auf einen Montag.
Der 23. November 23 fällt auf einen Donnerstag.
Der 23. Dezember 23 fällt auf einen Samstag.
MODODO
SODIEFREI
SOMISA
MODOSA
Diese Kürzel könnt‘ ich sogar singen!
Warum tritt der Donnerstag dreimal auf, der Sonntag und der Montag zweimal, der Dienstag, Mittwoch und Freitag jeweils nur ein einziges Mal? An einem Freitag bin ich geboren. Am Dienstag, den 23-5-23 (5 ist die Quersumme von 23) werde ich meine Ausstellung zur 23 zeigen. Der Mittwoch fällt in den August, in diesem Monat bin ich geboren.
Zweimal Mond, zweimal Sonne und zweimal Saturn, dreimal Jupiter, einmal Mars und einmal Venus. Das sind die Himmelskörper der 23 im Jahr 23.
Korallenbäumchen aus Pappmaché mit 16 (ich könnte auch 23 hängen) Schlüsselanhängern aus Messing. Fotografie und Sammlung RW 23. Januar 2023
Korrespondenzen XLIV

Abends und nachts höre ich seit geraumer Zeit immer wieder das Huh eines Eulenvogels vom Garten her. Er ruft in regelmäßigen Abständen. Nicht aufdringlich laut, sondern als tiefe Stimme der Beruhigung. Und am vorgestrigen Morgen sah ich ihn endlich. Er war groß, nicht übermäßig, aber mit mächtigem runden Kopf, beide Augen vorne, kurz zu mir herüberblickend. Geflecktes Federkleid. Dann flog er fort Richtung Osten. Wo blieb er am Tag?
Am gestrigen Morgen stand die Sichel des Mondes noch über dem Rhein, als ich die Zeitungen unter einer kleinen Leselampe las, der große alte Kronleuchter mit seinen vielen verstaubten Kristallen war noch dunkel, das Licht sollte allmählich kommen. Beim kurzen Aufblicken sah ich zwei der goldfarbenen Schlüsselanhänger mit der Zahl 23 blinken. Das kleine Leselicht hatte gerade dieses Pärchen erwischt, von insgesamt sechzehn Stück, die ich in ein Korallenbäumchen aus Pappmaché gehängt hatte. Guten Morgen wünschten die zwei.
«Goldene Zahl 23» und «Mondsichel über dem Rhein am Morgen», Fotografie RW, Januar 2023
Faules Mädchen

Um halb neun sah die steinalte Sophia das dramatische Morgenrot. Es blieb nur kurz, da der Wind der vergangenen Tage sich noch nicht gelegt hatte. Im Hochwasser des Rheins flackerte das Kupfer abgeschwächt mit. Die graublauen Wolken zogen voran mit gewölbten Schleiern.
Aber der Tag verlief anders. In Decken gehüllt blieb Sophia auf dem Sofa sitzen und legte ein riesiges Puzzle aus. Es sollte ein Bild des Taj Mahal um 1890 werden. Am späten Nachmittag im Halbdunkel hatte sie bis auf die Himmelszone alles fertig. Da verlor sie in einem Wutanfall die Geduld, ging in die kalte Küche. Nach einer Tasse Tee hatte sie sich wieder gefangen und schaute im Fernsehen den Film Der Tiger von Eschnapur, den Fritz Lang 1958 gedreht hatte. Ihren Freund, den indischen Prinzen rief sie nicht an, obwohl sie sich wie immer über Handlung des Filmes wunderte.
Morgenrot am 16. Januar 2023, Fotografie RW 2023
Der Künstler
Der Künstler Martin Assig hat einen Werkblock Seelen genannt, einen anderen St. Paul. Ein Regal mit Wachskästchen heißt Vorrat. Ein Blatt in der Ausstellung, auf dem viele kleine, einfache Köpfchen gezeichnet sind, kommt mir sehr bekannt vor. Ein anderer Werkblock heißt Übungen zur Verwunderung. All dies hat mich enorm angezogen. In der Ausstellung Weil ich Mensch bin fühle ich mich mit dem Künstler verwandt und bestätigt. Seine Arbeiten berühren Bereiche, mit denen ich mich seit Jahren befasse. Schöpfung, Mensch und Tod, Votivgaben, Ritual und Heiliges. Wandgroße Arbeiten in Enkaustik, oft mit sich wiederholenden Ornamenten und Schrift im Bild, wechseln sich ab mit kleineren Papierarbeiten, die gehängt in großen Blöcken an tägliche Notate erinnern.
Die Fünf auf dem oben abgebildeten kleinen Blatt erinnert mich an die Wundmale Christi. Er wurde ans Kreuz genagelt und mit einer Lanze stach man ihm die Seite auf. Unten zeigt eine Hand ihre fünf Finger mit rotem Fleck auf rotem Grund.
Ich empfehle die großartige, umfangreiche Ausstellung mit etwa 400 Arbeiten des Künstlers all denen, die sich die Fragen des Lebens stellen und dieses auch gerade wegen der Kunst lieben.
Martin Assig «Weil ich Mensch bin» Museum Küppersmühle Duisburg, noch bis zum 5. 3. 2023
Non manu factum, zum Tod von Hans Belting
Hans Belting ist gestorben. Er war für mich die prägende Gestalt unter den Kunsthistorikern und Medientheoretikern. Heute schreibt Stefan Trinks über ihn in der FAZ. Ich hole seine Bücher aus meiner Bibliothek – Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst – ist das für mich wichtigste. Folgendes lässt mich nicht los:
Vera Icon
Non manu factum
Volto Santo
Das Antlitz Gottes
Das Tuch der heiligen Veronika
Das Turiner Grabtuch
Die Erfindung des Porträts in der Malerei
Die Ikone
Bild und Abbild
Fotografie
Abklatsch und Spur
Chemische Reaktion des Lebendigen auf dem Materiellen
Verwandlung des Lichts in Stoffliches
Das Licht als Stoffliches
Das Buch auf der Zeitung, umgekehrte Fotografie RW, Freitag, den 13. Januar 2023
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/zum-tod-des-kunsthistorikers-hans-belting-18597633.html
Ich kann es nicht festhalten
Nun spricht Louis Blank. Er ist dreiundzwanzig Jahre jünger. Auch er kennt Träume vom Meer, von der Fähigkeit zu fliegen und von der Unfähigkeit zu fotografieren. Das gelingt nie im Traum, er versucht es mit dem Smartphone, das aber lässt sich nicht bedienen. Er versucht es mit der Kamera, hält sie hoch, drückt auf den Auslöser, immer wieder. Da ahnt er, dass damit ältere Bilder, die er auf der langen, großen Reise aufgenommen hat, verloren sind. Ist der Film nicht längst voll, habe ich jetzt Mehrfachbelichtungen verursacht, so dass alle gesehenen Landschaften, Felsformationen, Wasserfälle, Waldlichtungen, Tautropfen am Schachtelhalm, Augen eines normannischen Rindes, Himmelsweite, Wolken und Steilküsten sich überlagern und sie zu einem undurchdringlichen Konglomerat verschmolzen sind?