
In der Vermeer-Ausstellung im Rijksmuseum Amsterdam schaute ich auch auf die Rücken der Besucher. Sie betrachteten das Meisje met de rode hoed und Meisje met de fluit. Sie hatten ihre Kleidung ausdrücklich auf die Bilder eingestimmt. Als ich freie Sicht hatte, erkannte ich für mich sofort, dass das Meisje met de fluit wohl ein besonders kostbarer, rechter Vermeer ist, anders als Washington das behauptet. Mein Bruder teilt selbstverständlich auch diese Ansicht, er kuratierte die Ausstellung als hoofd beeldende kunst am Rijksmuseum, zusammen mit seinen Mitarbeitern. Wir hatten uns im Museum mit ihm verabredet und er bereicherte unseren Besuch mit seinem detailreichen Wissen um Vermeer. Er meinte, wir sollten das Fotografieren ganz lassen, womit er natürlich recht hat. Man kann sich die Bilder auch im Netz in hoher Auflösung betrachten, mit allen Details. Und trotzdem ist das Handy für die meisten Ausstellungsbesucher als Begleiter nicht mehr wegzudenken. Ein Zeugnis wird verlangt – wenn auch nur virtuell – dass man als Selfie vor Ort war und den Bildern mit dem eigenen Körper nahe kam. Es reicht nicht mehr, alle Eindrücke in Kopf und Herz zu behalten – nein, man muss sie auch in der riesigen Wolke über der Welt lagern. Dort kann man sie jederzeit abrufen, wobei das schwächelnde Gehirn sich die Mühe spart, alles lebendig in Erinnerung zu halten.
In Erwartung der Auferstehung
In Naarden wird in der Grote Kerk die Matthäus Passion von der Nederlandse Bachvereniging aufgeführt. Masato Suzuki ist der Dirigent. Sänger und Musikanten sind einzigartig. Ich lese während der Aufführung die Worte, entstanden aus Bibeltexten, Picanders Dichtungen und alten Kirchenliedern der Passionszeit. Die Arie, die gesungen wird, nachdem Petrus sein dreimaliges Leugnen bereut hat und bitterlich weint, war und ist für mich eine besonders berührende Stelle in der Passion.
Erbarme dich
mein Gott, um meiner Zähren willen.
Schaue hier,
Herz und Auge weint vor dir
bitterlich.
Draußen auf den Straßen in Naarden picknicken festlich gekleidete Menschen am Gründonnerstag und Karfreitag, nachdem sie die Passion erlebt haben. Haben es gezellig, bringen auch Wein und Gebäck mit in die Kirche. Beim Italiener gibt es ein Matthäus Passion Menu.
Frohe und friedliche Ostern!
Vor dem Konzert, Fotografie RW, Naarden, Niederlande, Gründonnerstag 2023
Vox Angelica
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Nun ist die steinalte Sophia komplett verrückt geworden. Stundenlang, besonders am sehr späten Abend, sieht sie sich die King’s Singers mit Jakub Józef Orliński an, wie sie voller Inbrunst Music for a while von Henry Purcell singen. Sechs schöne Stimmen begleiten den Countertenor Jakub Józef Orliński, und er singt so wunderbar, dass sie ihren Blick nicht von ihm lassen kann. Sie beginnt zu lächeln, blickt ihn an, wiegt immer wieder ihren Kopf und formt mit ihrem Mund die Worte des Liedes nach.
Music for a while
Shall all your cares beguile.
Wond’ring how your pains were eas’d
And disdaining to be pleas’d
Till Alecto free the dead
From their eternal bands,
Till the snakes drop from her head,
And the whip from out her hands.
Music for a while
Shall all your cares beguile.
Singen kann die steinalte Sophia nicht mehr, ihr fehlt einfach die Übung. Um so mehr freut sie sich über die Jugend und das Können dieses polnischen Sängers. Jakub Józef Orliński ist Sänger und Break-Dancer, ein toller Kerl. Alfred Deller, Philippe Jaroussky und Andreas Scholl haben die schöne Arie, die Purcell 1692 für das Drama Ödipus komponierte, ebenso gesungen. Alle hat Sophia sich angehört – es gefällt ihr sehr, die Stimmen zu vergleichen.
Alle Sänger findet man auf Youtube. Bildschirmfotos RW, März 2023
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Maschine und Sensation
Wie in der Kirche sitzen die Besucher des Museums vor einer zehn Meter hohen Projektionswand, auf der in sensationell plastischer Illusion ein Brei aus Billionen Kügelchen wabert, dabei ständig die Farben changierend. Dazu einlullende Sphärenmusik. Die Betrachter sprechen von einer spirituellen Erfahrung, die Gänsehaut erzeuge. Luxuslimousinen-Werbung – Eröffnung von Sportereignissen in Riesenstadien – Olympic-Events. Hype, hyper, hypest – mich lässt es kalt und ich freue mich über die Landschaftskizze eines Malers des 19. Jahrhunderts im gleichen Haus.
Dazu empfehle ich den Artikel in der FAZ vom 29. März 2023 «Wenn Computersysteme träumen» von Ursula Scheer.
Refik Anadol «Machine Hallucinations» Kunstpalast Düsseldorf, Fotografie RW 2023
MEHR LICHT DIE BEFREIUNG DER NATUR Kuratiert von Florian Illies
Skizzen und Gemälde, Malerei des 19. Jahrhunderts, Kunstpalast Düsseldorf
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/ki-kunst-von-refik-anadol-im-kunstpalast-duesseldorf-18782873.html
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Mondstein
Auf der Mappe aus feinstem Fischleder war eine Silberfassung mit einem sanft schimmernden, ovalen Mondstein angebracht. Der Silberschmied hatte die Fassung des Steins, eine Orthoklasvarietät, rundherum mit verschieden großen Zacken versehen und diese sorgfältig ausgesägt. So entstand ein unregelmäßiges Silber-Ornament mit kammartigen Verzierungen. Der Stein selbst changierte je nach Lichteinfall bläulich oder milchweiß. In der schwarzen Mappe lag das Dokument, das den Stifter und Museumsgründer mit einem Ehrenpreis der Stadt auszeichnete, verliehen durch den Oberbürgermeister im Jahre 1902.
Dem indischen Prinz gefiel der Schmuck auf der Ledermappe. Er wollte später am Abend ein Gedicht dazu verfassen. Er sammelte einige Wörter, die er dem Bot zum Fraß vorwerfen wollte:
Mondstein, Nachtlicht, Silberschmied, Zeit, Verbindung, Hand. Es gab kein Ergebnis, da das Bot-Programm überlastet war und keinen Zutritt gewährte.
Schmuckstein auf einer Mappe im Osthaus Museum Hagen, Fotografie RW März 2023
23-3-23
Dann fragte ich den Bot, ob er mir zur Zahl 23 einen Artikel schreiben könne. Sofort füllte sich Zeile für Zeile auf meinem Display. Der Bot wusste viel – von Verschwörungstheorien, von Filmen, Popsongs, die von der 23 handeln oder in denen sie vorkommt. Dass die 23 eine Primzahl ist und dass die Summe der ersten sechs Primzahlen 23 ergibt. Nach vielen weiteren Informationen brach der Bot plötzlich ab – error – und die Zeilen färbten sich rot. Sein letzter Satz lautete: In der Numerologie wird die Zahl 23 auch als eine Zahl der Veränderung und des Neubeginns betrachtet. Es wird angenommen,
Noch einmal gab ich den Befehl zum Schreiben, eine Variante wurde geschrieben, brach aber dann wieder ab bei dem Satz: Es gibt auch einen „23-Club“, der sich aus Menschen zusamm
2023 – ein Jahr mit zwölf 23-23-Tagen und ich denke an unseren Vater, der ein 23er Jahrgang war und an den Tag, als meine Mutter behauptete, 23 wäre auch ihre Lieblingszahl.
Zeitungsausschnitt von heute, Fotografie RW 23. 3. 23
Der Bot arbeitet für ChatGTP
Der Bot schreibt ein Gedicht
Heute am Tag des Gedichtes bat ich die künstliche Intelligenz, ein Gedicht zu schreiben und zwar mit den Begriffen: Rhein, Schiff, Ora et Labora, Kiesel, Ufer, Stein, Suchen, Finden. In wenigen Sekunden erschienen diese Verse auf dem Display:
Entlang des Rheins ein Schiff fährt still,
ora et labora, Arbeit ist ihr Ziel.
Die Wellen plätschern sanft im Fluss,
der Kiesel am Ufer, wie ein kleiner Genuss.
Doch die Mannschaft sucht nicht nur nach Stein,
sie suchen auch nach Ruhe und Besinnlichkeit allein.
In der Ferne sieht man Burgen und Städte,
sie passieren vorbei, wie flüchtige Bekannte.
Doch sie bleiben nicht lange auf demselben Ort,
weiter geht die Fahrt, fort und fort.
Doch irgendwann finden sie, was sie suchen,
ein Moment der Stille, um innezuhalten und zu verfluchen.
Denn die Arbeit ruft sie bald zurück,
ora et labora, das Leben ist kein Glück.
Doch der Kiesel am Ufer und der Stein in der Hand,
erinnern sie daran, dass es auch Schönheit gibt im Land.
Danach bat ich die künstliche Intelligenz ein kurzes Gedicht zu schreiben mit den Begriffen:
Achat, Rhein, Kiesel, Suchen, Finden
Nach etwas längeren Sekunden kam dieses Ergebnis:
Am Rheinufer such‘ ich Kieselsteine,
dort zwischen Sand und Achat-Steine.
Ich tauche ein in diese Welt,
und finde, was mein Herz erhellt.
Ich schäme mich – und bin doch beruhigt über die Grenzen dieses Mediums.
Hirschkopf aus Ton auf Messingleuchter, invertierte Fotografie RW, März 2023
Gedichte erstellt mit ChatGTP
Koinzidenz an der Tafel
Das ist doch nicht die Natur, die ich kenne, meint die steinalte Sophia am Morgen. Im Garten hinter dem Rheinhaus sieht sie die Gäste an der reich gedeckten Tafel. Ein Eichhörnchen springt immer wieder an die Vogelfuttergondel, um sich kopfüber die besten Körner herauszuholen. Darunter liest die braune Ente die heruntergefallenen Körnchen auf, ihren Ärger vergessend, dass der kleine Teich nun mit einem Gitter abgedeckt ist. Die großen Ringeltauben kommen dazwischen, ruckartig pickend, die Ente ignorierend. Ganz klein fliegt ein Buntfink ins Futterhäusschen, das zwischen den Ästen nah der langen Leine mit den Futtergondeln steckt. Etwas höher darüber äugen zwei schöne grüne Halsbandsittiche auf die Gondeln hinunter – sie sind mindestens genauso gute Turner wie das Eichhörnchen und werden bald seinen Platz erobern. Rundherum erblühen die Bäume oder tragen Kätzchen, zu ihren Füßen kleine goldene Glocken und violette Kelche.
Weide am Niederrhein, Fotografie RW, März 2023
So fromm die Schifffahrt
Glücklich betrachtete der indische Prinz den Ring, den er auf der TEFAF in Maastricht erworben hatte. Und zwar schon vor der offiziellen Öffnung für das allgemeine Publikum. Dieses Jahr gefiel ihm die Kunst- und Antiquitätenmesse besonders gut, nach den Coronajahren war sie exquisiter als je zuvor. Im letzten Jahr gab es einen spektakulären Juwelenraub, deshalb waren heute die Kontrollen am Eingang besonders streng. Nun – er hatte sich einen bescheidenen Wunsch erfüllt – nicht sehr spektakulär war sein neues Schmuckstück. Die Rubine waren kalibriert in eckigem Schliff, dicht an dicht in ein Band aus Weißgold gefasst. Sie hatten ähnliche Farbtöne, nur einer war dunkelrot, die anderen eher in Richtung Pinkrot. Den dunkelroten Stein nahm der Prinz als Anfangsstein, um sie zu zählen. Es waren 23 Rubine. Das schien ihm für dieses Jahr ein schönes Zeichen.
Zu Hause steckte er seine Neuerwerbung in die Schatulle mit den anderen Ringen. Mit einer Tasse Kaffee und den aus Maastricht mitgebrachten Pralinen setzte er sich ans Rheinfenster und betrachtete seine Schätze mit der Lupe. Um sein Auge zu erholen, wandte er den Blick zum Rhein und sah ein großes Schiff vorbeifahren. ORA ET LABORA. Schon vor ein paar Tagen hatte er die Namen der Schiffe VAYA CON DIOS, IMMANUEL und DEO GRATIAS notiert. Da legte er die Schmuckschatulle wieder in den Tresor und beschloss, sie mindestens 23 Tage nicht wieder herauszunehmen und einen langen Spaziergang am Rhein zu machen.
Rubinrotes Glas mit Korallen und Schlüsselanhängern, Sammlung RW, Fotografie RW, 11. März 2023
Das Motto des Rätsels
Unter dem Boden der alten Messingvase aus dem Orient, die ich heute bekam, fand ich ein undeutliches, abgeschabtes Relief. Sind es tanzende Tierwesen oder Kämpfer? Das rechte Wesen hat gefiederte Ohren und einen gefransten Schweif. In der rechten Hand hält es ein langes, aufrechtes Objekt, eine Waffe oder eine Blume? Hat das linke Wesen nicht eine Hundeschnauze mit Zunge? Der Künstler stach ein Bild unter den Boden des Gefäßes, da, wo es doch keiner sehen kann. Waren hier mythische Wesen angebracht, um die Besitzer zu schützen?
Heute Morgen fuhr ein Schiff mit dem Namen SOMNIUM VIDERE am Rheinfenster vorbei. Einen Traum kann ich deuten, wenn ich unter die Dinge schaue – so will ich das angebotene Motto lesen.


