Wir gehen am Spülsaum des Meeres. Es ist Ebbe, der Strand sehr weit. In den Prielen ist das zurückgebliebene Wasser warm. Die Wellen bringen in stetigem Rhythmus kühles Wasser und lassen es in runden Halbflächen zurückfließen. Mir wird schwindelig ob glitzender Spiegelungen und den sich überkreuzenden Rückläufen. Den Blick also nicht auf den Boden, sondern geradeaus nach vorn, oder besser nach oben in die schönen Wolken hinein. Sehr lange schon sind wir nicht mehr mit nackten Füßen durch die Wellen gelaufen. Die Hosen haben wir bis zum Knie hochgekrempelt, da die Wellen manchmal überraschend heftig kommen. Vielleicht gehen wir morgen sogar schwimmen. Das sommerliche Nordmeer haben wir meist gemieden, um dem Massenansturm zu entgehen. Nun sehen wir, dass die vielen Meeresbesucher sich in der großen Uferweite verlieren. Wir gehen anderthalb Stunden in Wind, Sonne und Wellen bis zum nächsten Badeort – dort kehren wir in ein und genießen das heerlijke appelgebak met kaneel en slagroom.
Zeitraffer
An der Wand hängen die Familienfotos. Die Verstorbenen hängen links, die Lebenden rechts von der Uhr. Urgroßeltern, Geschwister, der Vater als Kind, die goldene Hochzeit, die verstorbene Mutter. Es ist Ostern. Die junge Frau am Tisch kommt spät zum Familienkaffee. Um Zehn nach Fünf will sie lieber schon zu Abend essen. Reste vom Mittagessen wurden für sie aufgewärmt. Zu ihrer Rechten sitzt im ursprünglichen Foto ihr Großvater, zu ihrer Linken ihr Ehemann. Das junge Paar hat den ersten Sohn, das Urenkelkind, gerade ein paar Monate alt, dem Urgroßvater, Großtanten und Onkel und zum ersten Mal gezeigt.
Aber das Punctum (im Sinne Roland Barthes‘) im Foto ist hier ein besonderes Geheimnis. Das weiß nur ich. Aber gleich will ich es verraten. Ich fotografierte noch mit der Kamera, nicht mit dem Smartphone. Die Fuji X10 war damals, 2017, mein ständiges Vademecum. Der tägliche Begleiter, der die gesehenen Notizen zuverlässig barg. Und nun hat mich das Vademcum in das Punctum gebannt, in die Familienszene, wie ich sie selber sah. Ich entdecke mich als Fotografin links bei den Verstorbenen im ovalen Rahmen, deutlich der Zeigefinger gekrümmt über dem Auslöser. Heute am Sonntag, den 13. August im Jahre 2023.
Besuch beim Vater, invertierter Ausschnitt der ursprünglichen Fotografie aus dem Familienarchiv 2023, Fototografie RW, Ostern 2017
Am Tag nach dem Geburtstag
Die beiden Jungen sitzen mit gesenkten Köpfen am Ufer der Maas. Gegenüber ragen sehr hoch die zwei Westwerktürme und weniger hoch die beiden Chortürme der Liebfrauenbasilika in den Himmel. Der Baumstamm links sagt, hier – schaut die Vertikalen. Auch eine kleinere Wolke der Regenwand bildet zur freundlichen Begleitung ein Kirchturmdach. Die Jungen haben für mich etwas Andächtiges. Ich weiß, dass sie auf ihre Smartphones starren, aber in ihrer Haltung verbeugen sie sich. Das habe ich gesehen und hab es festgehalten. Das Gesehene spricht mehr von mir als von den Jungen. Ich habe das hohe Laubdach auch so angeschnitten, dass es sie von oben beschützt.
Ufer in Maastricht, Fotografie RW, 4. August 2023
Eine Eins im Sein
Wenn ich die Mineralien, Kristalle und Steine betrachte, kann ich mich als keine oder doch eine Nummer Eins (1) einordnen in die Zeitenlänge der Jahrmillionen. Das habe ich mir so gedacht, aber ich kann den Gedanken noch nicht auf die Habenseite bringen. Im Zoisit hat der Rubin eine 1 (Eins) geformt. Im Fluorit formen sich Fieberkurven, im Bergkristall Doppelspitzen, die mir Magenschmerzen verursachen. Der violette Fluoritwürfelkristall wächst am spitzen Ende eines Dreiecks, auch das tut weh. Einst schenkte ich einer Freundin einen violetten und einen gelben Fluoritkristall in schönen Oktaederausprägungen. Ihr soll das Bild gewidmet sein.
Mineralien aus der Sammlung RW und aus dem Erbe SB, Fotografie RW 28. 7. 2023
Blick ins Universum
Was will ich noch – wohin werde ich gehen – will ich überhaupt zurückschauen – bin ich aus meiner eigenen Historie gemacht – wer kann mir das bestätigen? fragte sich die steinalte Sophia in der Nacht. Einerseits glaubte sie, verrückt geworden zu sein, andererseits blieb sie gelassen. Das sind nur die Nachtgespenster, die mich verwirren wollen. Und tatsächlich, sie sah deutlich und dunkelhell zerfahrene Gesichter, dann wieder wehende Tücher und sich drehende Pflanzen. Sie stand auf und blickte nach draußen auf den Rhein. Ein heftiger Wind fuhr durch die Platanen und in der Ferne blieb lange ein Wetterleuchten. Ich glaube, die Mauersegler sind schon wieder fortgeflogen, sie haben das Unwetter wohl abgepasst. Wieder im Bett liegend hörte sie das gleichmäßige Rauschen des Regens und schlief ein, ehe sie dem nächsten Nachtmahr hätte begegnen können.
Wilde Möhre im Ziergarten von Schloss Dyck, Fotografie RW, Juli 23
Lange Briefe aus Amerika
Ein Freund schrieb viele Briefe, auch einen langen Brief aus den USA und zwar genau an dem Tage, an welchem der erste Mensch den Mond betrat! 21-VII -1969. In diesem Jahr ist der Freund, kurz nach seinem Geburtstag, am Johannistag verstorben. Damals als ich die Briefe bekam, habe ich ihren Wert noch nicht erkannt. Immerhin habe ich sie alle aufgehoben und nun wieder gelesen. Aus Übersee schrieb er auf Luftpostbriefpapier, immer mehrseitig und eng beschrieben von seiner großen USA-Reise. Sein Bruder sagte mir auf der Beerdigung, das sei wahrscheinlich die schönste Zeit seines Lebens gewesen.
Der Lapislazuli ähnelt mit seinen silbergoldenen Pyriteinschlüssen im azurblauen Stein dem Kosmos und früher hießen die Streichhölzer Welthölzer. Das Stanniolpapier der Schokolade drehte ich beim Telefongespräch mit meiner Schwester zu Kügelchen, legte sie auf das Streichholzschächtelchen und dieses auf das Likörglas – die Farbe Blau hält alles festlich zusammen.
In Gedenken an den Briefschreiber, Lapislazuli, Stanniol, Streichholzschachtel und Likörglas, Kombination RW, Fotografie RW, im Juli 2023
Gefühlshaushalt

In der Wurzelgrube zwischen den Steinen liegen Schätze, die es zu finden und zu bewahren gilt. Da springt das Herz die Asttreppen hoch. Im grünen Laubdach will es schweifen und eine Weile ruhig liegen bleiben. Dann will es stürzen, die Sonnenflecken auf dem Boden treffen – sie zeigen den Weg und begleiten.
Im Wald bei Siegen, Fotografie RW, Juli 2023
Die Blaue Lampe

Die Ungeduld nimmt zu in der Sommerzeit. Nein falsch, die Angst vor der Zukunft lässt nach. Nein falsch, die Traurigkeit nimmt ab. Nein, ganz falsch, die Schmerzen lassen nach. Heute wanderte die steinalte Sophia durch den großen verwilderten Garten der Eltern. Alles war überwuchert und trotz der heißen Tage sehr grün. Sie nahm die große graue Gießkanne und füllte sie mit Wasser aus dem alten Hahn an der Terrassenmauer. Dann ging sie zu den blauen Rosen, die die Mutter vor 60 Jahren aus England mitgebracht hatte. Sie sah, dass der Stock keine Blüte trug, aber die Blätter waren dunkel und schön. Beim Gießen bemerkte sie ganz tief an einem der untersten Zweige drei Knospen. Nun werde ich jeden Tag herkommen, um die Sommerblüte zu erleben, versprach sie sich.
Blaue Lampe auf der Terrasse einer Kneipe in Düsseldorf Oberkassel, Fotografie RW 10. Juli 23
Ein Bild betrachten
2001 fotografierte Hans Peter Feldmann 101 Personen, von 0 bis hundert Jahren. Ich sah die 101 Fotografien (wieder einmal, wie schon vor Jahren an anderem Ort) in Düsseldorf in dem Büro des Deutschen Fotoinstitutes auf dem Eiskellerberg, gegenüber der Kunstakademie. Ich sah mitten im Raum den Blumenstrauß, den Hans Peter Feldmann zur Ausstellung festlegte, einfache Feldblumen sollten es sein, in der Nähe gepflückt, und während der Ausstellungsdauer sollten sie verwelken. Hier schöner tiefblauer Rittersporn – man sagte mir jedoch, man habe den Strauß auswechseln müssen, da der Gestank der welken Blumen zu unangenehm gewesen sei.
Ich fotografierte folgende Bilder ab. Das fünfjährige Mädchen, die 23-jährige, den 46-jährigen (den ich erkannte) und den 71-jährigen. Er schaut mich an, ernst, als könne er gleich lächeln. Was kann ich über ihn behaupten? Dass er Krüge sammelt, eine alte Enzyklopädie besitzt, auch moderne Kunst mag, in einem repräsentativen Wohnzimmer des Bildungsbürgertums sitzt. Sein Blick hat mich festgehalten, er saß da, als HPF ihn fotografierte, leicht schräg im Sessel, von schmaler Gestalt und mit geneigtem Kopf. Das Licht, das ihn einfing, ist noch da. Lebt er noch, hat er Krüge und Bücher verkauft? Heute wäre er 93.*
Und nun ist Hans Peter Feldmann, geboren 1941, am 26. Mai 2023 im Alter von 82 Jahren verstorben.
