Dreiundzwanzig Schlüssel


Wir hängen im nächtlichen Baum
der steht hoch auf dem Hocker
wir sind ein Geschenk
und eine Erfindung
schwer ist unser Gewicht
wir sind aus Stahl
wir öffnen und schließen
wir sind dreiundzwanzig.

Korallenrot wird Chrysokollatürkis
Orangenrot wird Himmelblau
Flechtengrün wird Grauviolett
Weißgelb wird Schwarzbraun
Ganzhell wird Sehrdunkel
Silber bleibt Silber
aus Tag wird Nacht.

Vitrinenobjekt von RW in der Ausstellung ERNTE 23 im Düsseldorfer Künstlerverein Malkasten, 2023
invertierte Fotografie RW 23. 6. 23

Blick in die ferne Weite und auch zurück in das Nahe

das grün so üppig noch sehe ich nicht die trockenheit die luft ist frisch und das gras wächst bald verdorrt und die blume verwelkt –
Die Großeltern bekamen nach dem ersten Weltkrieg vier Töchter und am Anfang des zweiten Krieges einen Sohn. Er hatte braune Augen, er wurde von seiner Mutter geliebt, er schien sie nicht so sehr zu lieben, sie war ihm alt, der Vater streng. Der Sohn liebte die alte Musik und lernte ein Instrument.
nie werde ich die augen vergessen die musik liebte der – der da lag und die geschlossenen augen im tiefen gesicht.
Selig sind die Toten,
die in dem Herren sterben, von nun an.
Ja der Geist spricht:
Sie ruhen von ihrer Arbeit,
und ihre Werke folgen ihnen nach.

Sommer am Rhein in Kaiserswerth, Fotografie RW Juni 23,
Offenbarung Johannis 14, 13, vertont von Heinrich Schütz, 1648

Detail neu 23

«Von da an (seit dem Traum von 1986 mit der Zahl 23, Anmerkung RW) begegnet mir die Zahl 23 bis heute, ob ich will oder nicht. Ich begann, 23-Textfunde und 23-Ereignisse zu sammeln und zu ordnen. Bald stellte sich eine unheimliche Synchronizität ein. Meine Sammlung hat längst eine eigene Intelligenz erlangt, die Kausalität und Simultaneität da erzeugt, wo keine ist. Dinge, die nichts mit einander zu tun haben, aber zur gleichen Zeit passieren, werden magisch aufgeladen.
Auszug aus meiner Chronik der sonderbaren Ereignisse:
1991 Gründung des Projekts THE FAKE’S PROGRESS mit Louis Blank. Auch das Wort Fake hat die Quersumme 23.
1992 Kauf einer Alabasterbüste von Papst Johannes XXIII auf dem Friedhof San Michele in Venedig, die hier zu Hunderten angeboten wird.
1995 Entdeckung des folgenden Dialogs im Film »Singing in the rain« zwischen Gene Kelly und Donald O’Connor: »Welcher Tag ist heute?« »Der Dreiundzwanzigste!« »Das soll mein Glückstag sein!«
1997 Besuch der Ausstellung von On Kawara in St. Gallen, der 23 Datumsbilder ausstellt, nachdem er 23533 Tage gelebt hat. Danach Risotto im Ristorante da Franco in der Webergasse 23.
1998 Besuch der Premiere des Films »23 – Nichts ist so wie es scheint«. Fotografie während der Aufführung, signiertes Filmplakat und 23-T-Shirt.
2000 Entdeckung der Lottobesessenheit der Neapolitaner, im Zahlenbuch Smorfia Italiana steht unter der 23 das Wort Tessitore und das heißt Weber.
1998 Ecke Bonk, typosophic society, macht darauf aufmerksam, dass W der 23. Buchstabe des Alphabets ist.
2004 Besuch der Ausstellung 300 tons von Santiago Sierra im Kunsthaus Bregenz. Da Sierra im obersten Stockwerk des Hauses ca. 290 Tonnen Bausteine gestapelt hat, dürfen wegen Einsturzgefahr nur 100 Personen das Gebäude betreten. Jeder Besucher wird gezählt. Als ich das Haus betrete, leuchtet groß die 23 auf.
2011 Besuch des Rjiksmuseums in Amsterdam, genau an meinem Geburtstag. An der Garderobe gibt mir der Wärter die Marke mit der Nummer 23. Ich mache ein Beweisfoto.»

Heute, am 12. Juni 23 bemerke ich, als ich das Foto von Bregenz im Archiv von 2004/Bodensee finde, dass die Ausstellung 300 tons bis zum 23. 5 2004 ging. Und am 23. 5. 23 eröffnete ich meine Ausstellung ERNTE 23  im Düsseldorfer Künstlerverein Malkasten. Auf dem Zählkreuz für die Besucher des Museums in Bregrenz steht geschrieben: n > tree solutions, das gefällt mir sehr – n tree – ein Palindrom für ERNTE. Solutions mag ich sowieso.

Kunsthaus Bregenz, Eingang, Fotografie RW, um Ostern 2004,
Auszug aus einem Text von RW zu ERNTE 23, im Mai 23

Blumenteppiche gibt es kaum noch

In der Nacht zu Fronleichnam dachte ich an die Kindheit im dörflich geprägten Duisburger Süden. Ganz selbstverständlich ging man Sonntags zur Messe in die Kirche. Im Sommer gab es die Feiertage mit Prozession und Altären unter freiem Himmel. Wir Kinder gingen mit der Fronleichnams-Prozession in unseren weißen Kommunionkleidern. Die Familien hatten vor den Fenstern ihrer Häuser Blumenteppiche ausgelegt, ganze Wege geschmückt, am prächtigsten vor den Altären. Ich staunte als Kind über die Üppigkeit und Verschwendung der zahllosen Blütenblätter, in dichten Farbfeldern ausgelegt. Das Lamm Gottes, der Kelch, das Kreuz und zahlreiche Ornamente in Rot, Grün, Weiß, Violett und Gelb. Die Blumenteppiche wurden bis zum Zeitpunkt der Prozession mit Wasser besprengt. Dieser Duft von Blüten und staubig feuchtem Asphalt und dazu die warme Juniluft hat sich eingeprägt in mein Archiv – und gleichzeitig war da ein leichtes Schummrigwerden, da wir mit nüchternem Magen zu Messe und Prozession gingen. Vor den mit Fahnen geschmückten Haustüren standen die Leute oder lehnten sich aus den Fenstern und bekreuzigten sich, wenn der Pastor unter dem Brokat-Baldachin mit dem Allerheiligsten vorbeikam. Aus den schwingenden Fässern der Messdiener quoll der Weihrauch und mischte sich mit den Blumengerüchen.
Nachher – über die lange Landstraße zu Hause angekommen – waren wir ordentlich hungrig. Die Mutter hatte schon ein festliches Mittagessen bereitet. Vielleicht gab es Schwalbennester. Das waren in Kalbfleisch eingebackene Eier. Das Sonntagsgeschirr, feines Porzellan mit blaugraugoldenem Rand wurde gedeckt und alles hat so gut geschmeckt.

Kleine mineralische Andacht, Kombination mit Amethystdruse, Malachit, Messing und Koralle, Sammlung RW, Fronleichnam 8. Juni 2023

Glück im Mond

Nach der großen Ausstellungseröffnung machte sich die steinalte Sophia auf den Heimweg. Sie ging langsam vom Ehrenhof aus auf die Oberkasseler Brücke, um den Rhein zu überqueren. In Oberkassel angekommen, wich sie direkt ans Rheinufer aus, ging nicht geradeaus über die breite Luegallee nach Hause. Sie wollte unmittelbar über den Kies gehen, Schritt für Schritt, um sich zu beruhigen.
So viele Leute hatte sie getroffen, so vielen Freunden war sie wiederbegegnet und vor allem so viele Kunstwerke, eben meist von Freunden, hatte sie gesehen – leichte geheimnisvolle Tuschzeichnungen mit graugoldenem Fond an dunklen Wänden, winzige Gräser in Glaskästchen, aus Papier, aber auch von getrockneten Pflanzenteilen. Hier schwarzweiße, wandgroße Bilder mit Fratzengesichtern – da eine merkwürdige kleine Chimäre, grauviolett auf einem gelblich verblichenen Styroporblock hockend.
Mit angehaltenem Atem, den Blicken dem schüttenden Farbregen folgend, ließ sie sich in den Sog des haushohen Wandbildes des Malers ein, der den Kunstpreis der diesjährigen Ausstellung erhalten hatte.
Es wurde inzwischen empfindlich kühl am Rhein. Nach einer Weile des Weges hob sie den Kopf, weg vom fahl glänzenden Kies hinauf zum Himmel und da stand der volle Mond am Firmament, die Nacht war schon weit fortgeschritten.

Vollmond in Oberkassel am Rhein, Fotografie RW RW, 4. Juni 2023,
Die Grosse 2023, Kunstpalast und NRW-Forum Düsseldorf, Kunstpreis der Künstler an Jan Kolata

Golden Glow

Der indische Prinz betrachtet den goldenen Wächter, der umgeben ist von kleinen Kostbarkeiten. Ganz rechts sieht er einen gläsernen Messingschrein, in diesem ein Ziegelfragment mit dem Wort Bel. Daneben einen großen Quarz mit goldenen Rutilnadeln, darauf eingeklemmt in einer Messingschelle ein Goldnugget, geschmolzen aus der alten Brosche der Tante. Weiter ein schlangenförmiger Pyrit aus China in einem winzigen Töpfchen in der Art des Cloisonnés mit Drachenmotiv, ebenfalls aus China. Auf einem kleinen Holzsockel ein Maasei, gefunden am Rhein, bekrönt von antiken, golden verzierten Messerendstücken aus dem Japan des 19. Jahrhunderts, womöglich älter – vorne noch vergoldete Steinformen von Nana Hirose & Kazuma Nagatani. Das alles auf einem Spiegeltisch, der nicht nur jedes Objekt, sondern auch die goldenen Bilder an der Wand reflektiert.

Ausstellungsansicht mit Arbeiten von Ruth Weber und Hirose_Nagatani in der Galerie boa-basedonart in Düsseldorf, Fotografie RW, 25. Mai 2023

23-5-23

In der balance im wartestand in der vorfreude in der zwischenbilanz in erwartung auf der kommode liegt der text man kann ihn nicht lesen an der wand ein foto sehr klein aber man sieht die waage die intarsien flecken waagerecht der boden scheint schief dreiundzwanzig

Ernte 23, Ausstellungsdetail, Ruth Weber im Künstlerverein Malkasten Düsseldorf 23-5-23

Licht aus weiter Ferne

Das war lang vor meiner Zeit. Mein Großvater bat seine vier Töchter, sich für eine Photographie aufzustellen. Er bannte die Lichtzeichen auf die empfindliche Glasscheibe seiner Plattenkamera. So entstand ein Glasnegativ. Aus dem Nachlass des Großvaters besitze ich etliche solcher belichteten Gläser. Das fünfte Kind, der Sohn, war zur Zeit der Aufnahme noch nicht geboren. Ich schätze die Aufnahme auf etwa 1933 bis 1935. Die Kinder sind ernst, obwohl sie sich zum Karneval verkleidet haben. Das Rotkäppchen (1927), die Holländerin (1926), die Ungarin (1923) und die Biedermeierdame (1922). Das Häubchen der Holländerin trug ich etwa 23 Jahre später im Karneval. Der Großvater hatte sicher ein ernstes Wort gesprochen, damit die Mädchen stillstanden und die Aufnahme gelingen würde. Er hatte als Aufnahmeort die Terassen der Tonhalle, damals Planetarium hoch über dem Ehrenhof beim heutigen Kunstpalast gewählt, vermutlich. 1926 war die große Anlage am Rhein mit Gebäuden und Parks für die Ausstellung GeSoLei errichtet worden. Die Familie war wohl zu Fuß über die Oberkasseler Brücke gekommen, sie wohnten ja an der Luegallee. Die Großmutter hatte alle Kostüme von Hand genäht, sie war ausgebildete Schneiderin und nähte auch für eine vornehme Sängerin der Düsseldorfer Oper am Rhein. Die Schürzen und das Häubchen wurden gestärkt und geplättet. Meine Mutter ist das Mädchen ganz rechts, die verantwortungsvolle Älteste, sie starb heute vor neun Jahren. Links daneben das Mädchen wird dieses Jahr 100 Jahre alt, die einzige der Kinderschar, die noch lebt.

Düsseldorf 30er Jahre, Glasnegativ, digital umgewandelt, aus dem Archiv RW, Sammlung RW 2023

Who’s that girl

Was wollt ihr – ich werde von meinem Vater fotografiert. Es ist Ostern, etwa 1967, ich bin vielleicht 16 Jahre alt, ich zeige meine Zähne und ich finde sie schön. Auch die große Lücke zwischen den vorderen Schneidezähnen. Ich habe mir immer langes Haar gewünscht, aber nie durchgesetzt. Ich ließ sie erst wachsen, als ich zu studieren begann, auf der Kunstakademie. Die Brille war neu, ich mochte sie, sie betonte meine Augen. Später trug ich die Brille nicht mehr, niemand sagte mehr Brillenschlange. Den Rippenpullover mochte ich gern, er war warm und weich und roch nach mir nach mehrmaligem Tragen. Wer genau hinsieht, bemerkt auch meinen Lippenstift, er war leicht silbrigrosa glänzend, damals sehr modern. Auch hatte ich getuschte Wimpern und einen blassblauen Lidschatten. Ich trug eine dunkelrote Cordjeans und dunkelrote Penny-Loafer, ziemlich schick… Ich fühlte mich leidlich wohl zu Hause mit meinen fünf Geschwistern. Aber am Sonntag war es oft langweilig, weil wir zu Hause bleiben mussten. Und wir gewöhnten uns an, am Fenster nach Süden auf eine abenteuerliche Zukunft zu warten.

Porträt RW, Farbdia, circa 1967, Familienarchiv RW 2023