Coronation Park

Der indische Prinz war zur Krönung eingeladen worden. Nicht bis in den inner circle der working royals, aber immerhin als Gast bei Nachfahren des indischen Adels. Nach den offiziellen Feierlichkeiten, am Sonntagnachmittag, hatte er die Gelegenheit im Park der königlichen Familie besonders seltene uralte Gehölze zu sehen. Bei einem ausgedehnten Spaziergang erkannte er die sorgfältig geplante Ordnung von Bäumen, Sträuchern und Stauden. Hier glaubte er die Spuren von Maximilian Friedrich Weyhe zu erkennen, von dessen Reisen nach England er wusste. Besonders gefiel ihm die große Blickachse, die er von der Terrasse des Teehauses aus überblicken konnte. In einem eleganten Vor und Zurück standen vierhundertjährige Maulbeerbäume, rotblättrige Zaubernussgewächse und persische Seidenbäume mit ihren zarten roten Blütenwedeln. Der indische Prinz verglich die Farben mit seinen roten Edelsteinen – Rubin, Rubellit und Pyrop. In seiner Kunstkammer wollte er mit den Steinen eine Farbskala auslegen und in seinem Skizzenbuch die Farben der Bäume gegenüberstellend nachmalen.

Blickachse im Malkastenpark Düsseldorf, invertierte Fotografie RW, im Mai 2023

Fides


Auf dem Boden hat sich in Grün und Weiß der Glöckchenlauch einen Platz erobert. Mit dem Efeu zusammen bedeckt er die braungrauen Blätter des Vorjahres. Wie eigens für das neue Grün dahintergesteckt bilden die vielen schönen, dunklen Zweige eine kunstvoll geflochtene Bühne. Die Beobachtungen während des Spaziergangs ließen die steinalte Sophia nachdenklich werden. Wie treu doch alles wiederkommt. Und heute am ersten Mai, nein eigentlich schon gestern früh am Morgen, war sie auf den Rheinbalkon getreten, um das Lied eines Vogels genauer zu hören. Er saß nah gegenüber in der frischen Silberpappel und stieg bei jeder Strophe ein paar Ästchen höher. Der Himmel war so blau und klar wie lange nicht. Da sah sie den ersten Mauersegler am Himmel und bald darauf einen zweiten. Sie flogen die alte Nische unter dem Dach an, waren aber dann wieder verschwunden, um heute bei bewölktem Himmel wieder zu kommen. Gleich morgen wollte die steinalte Sophia auf den Markt gehen, um sich ein paar blaue Vergissmeinnicht zu kaufen. Zu Hause würde sie das Sträußchen vor die alten Fotografien ihrer Eltern stellen und eine kleine Kerze anzünden.

Glöckchenlauch, Fotografie RW Frühling 2023

ERNTE 23

Ich freue mich, dass ich die Gelegenheit habe, an dem besonderen Datum 23 – 5 – 23, ein paar Arbeiten zur 23 zu zeigen. Es werden kleine Objekte zu sehen sein aus Keramik, Holz, Pappmaché, Bronze, Glas und Mineralien. Die werden in den Vitrinen der ehemaligen Bibliothek des Malkastens stehen. Außerdem habe ich etliche Zeitungsschnipsel mit der Zahl 23 aus meiner fast 40-jährigen Sammeltätigkeit fotografiert und auf sogenannte «Lappen» drucken lassen in der Größe 100 x 70 cm. Die «Lappen» werden in den angrenzenden Räumen, im Treppenhaus und im Goethezimmer des Malkastens aufgehängt.
Alle sind herzlich zur Ausstellung eingeladen!

Einladungskarte ERNTE 23, Künstlerverein Malkasten Düsseldorf (Ruth Weber, 2023, Keramik, Metall, Kunststoff, Papier, Maße des Objektes, Höhe 23, 5 cm, Breite 19 cm, Tiefe 8 cm)

23-4-23

Das Bild, im großen Netz gefunden, muss natürlich in meine 23-Sammlung. Obwohl es besser zum 23. Mai gepasst hätte. Und noch eine Namen-Zahlenauffälligkeit – heute wird der kleine Louis von Wales 5 Jahre alt. 23-4-23 Ruth und Louis leben hoch!

Twitterfund, invertierte Fotografie RW, 23. 4. 23

Irrlichtern


Nach dem sonntäglichen Spargelessen in einem Liedberger Gasthof gingen wir hoch zur Burg. Das Liedberger Schloss, dessen Ursprünge ins 13. Jh. zurückgehen, die Grundmauern sogar bis ins 11. Jh., ist inzwischen restauriert und wird von der Besitzerfamilie bewohnt. Seine Lage ist einmalig, hoch auf einer großen Quarzitkuppe, dem Liedberg, liegt es über dem historischen Ortskern. In dem angrenzenden, bewaldeten Berg findet man Spuren von Steinabbau. Der Liedberger Sandstein wurde mindestens schon seit Römerzeiten abgetragen, auch große Teile des Schlosses sind aus diesem erbaut. Wir folgten dem kleinen Pfad links von der Burgmauer hinab, vielleicht der ehemalige Burgraben. Er führte uns zum tief am Berghang gelegenen Pfadfindergrab. Ein Steinkreuz sagt: Anno 22. Juni 1930 verunglückten im Felsenkeller die Pfadfinder Paul Schneiders, Albert Voigt, Heini Pöstges aus Düsseldorf. Ihre Geburtsdaten 1913, 1914 und 1916 sind auch aufgeführt. Die Jungens waren mit ihrer Gruppe unterwegs und weit in den Felsenkeller gekrochen. Dieser gehörte zu einem Höhlensystem, in dem bis ins späte 19. Jh. Quarzsand abgebaut wurde. Ein heftiger Steinsturz führte an dem Sommermorgen vor 93 Jahren zum tödlichen Unglück. Nach dem Bericht eines freiwilligen Feuerwehrmannes fand man zunächst nur die Leiche von Heini, sah unter den Felsen auch noch Knie und Hand eines zweiten Jungen, wahrscheinlich Albert. Paul, der älteste von den dreien, blieb unentdeckt. Lautes Rufen nach ihm – unbeantwortet. Nur den Körper des Jüngsten, den Heini, konnten die Helfer aus der Höhle heraustransportieren. Die Gefahr eines weiteren Felssturzes war zu groß. Die Gesteinsbrocken hingen lose über den Köpfen der grabenden Helfer. Die Höhle wurde kurz darauf mit Erdmassen und Beton verschlossen. Heini wurde in Düsseldorf auf dem Südfriedhof begraben.
In einem Märchen wäre der arme Paul noch lange in den Höhlen herumgeirrt, bis er ein schwaches Leuchten gesehen, das vor ihm her tanzend den Weg nach draußen gezeigt hätte – hinauf ins Licht durch den Brunnenschacht des im Dorf gelegenen Sandbauernhofs. Durch diesen wurde, nach dem Verbot des unterirdischen Sandabbaus von den Felsenkellern aus, illegal noch weiter Quarzsand nach oben gefördert.
Vom Schloss aus soll es einen geheimen Eingang zu den unterirdischen Höhlen geben – der dem Schloss vorgelagerte alte Wehrturm, später als Mühle umfunktioniert, ist jedenfalls heute in seiner Standsicherheit gefährdet, vielleicht auch die gesamte Schlossanlage. Dort wurden bei der Restaurierung acht eingemauerte Schuhe aus dem 18. bis 19. Jh. gefunden. Wenn als Abwehrzauber gemeint, hat dieser nicht geholfen. Zu allem Irrsinn ergibt die Quersumme des Unglücksdatums 2261930 die Zahl 23.

Schloss Liedberg, Liedberg Korschenbroich, Fotografie RW, Weißer Sonntag 2023
http://www.limburg-bernd.de/Neuss/DenkKor/rheinische-post-Liedberg.pdf
https://www.scheuburg.de/service/pfadfinder-wissen/das-pfadfindergrab-in-liedberg/feuerwehr/

Nummerologie

Jede Zahl, die mir begegnet, untersuche ich, als wäre sie nur für mich bestimmt. So wähle ich stets das Schrankfach 23, wo immer ich etwas verstauen muss. Das Armbändchen aus dem Rijksmuseum nahm ich mit nach Hause, in anderen Fällen werden die Museumskontrollbändchen zügig weggeschmissen. Zu Hause beim Auspacken aus dem Koffer gefallen, fiel mir die Zahl auf und ich war baff. Sie enthält genau meine Geburtstdaten. Das ist Wasser auf meine Nummernmühlen. Ich fotografierte das Bändchen und wandelte das Foto um – von Vermeermeisjejackengelb in meine Lieblingsfarbe Blau – natürlich auch eine Vermeerfarbe – Melkmeisjeschürzenblau.

Eintrittsarmband Rijksmuseum, Fotografie RW, invertiert, April 2023

Vermeer – zinnober – blaugrün


In der Vermeer-Ausstellung im Rijksmuseum Amsterdam schaute ich auch auf die Rücken der Besucher. Sie betrachteten das Meisje met de rode hoed und Meisje met de fluit. Sie hatten ihre Kleidung ausdrücklich auf die Bilder eingestimmt. Als ich freie Sicht hatte, erkannte ich für mich sofort, dass das Meisje met de fluit wohl ein besonders kostbarer, rechter Vermeer ist, anders als Washington das behauptet. Mein Bruder teilt selbstverständlich auch diese Ansicht, er kuratierte die Ausstellung als hoofd beeldende kunst am Rijksmuseum, zusammen mit seinen Mitarbeitern. Wir hatten uns im Museum mit ihm verabredet und er bereicherte unseren Besuch mit seinem detailreichen Wissen um Vermeer. Er meinte, wir sollten das Fotografieren ganz lassen, womit er natürlich recht hat. Man kann sich die Bilder auch im Netz in hoher Auflösung betrachten, mit allen Details. Und trotzdem ist das Handy für die meisten Ausstellungsbesucher als Begleiter nicht mehr wegzudenken. Ein Zeugnis wird verlangt – wenn auch nur virtuell – dass man als Selfie vor Ort war und den Bildern mit dem eigenen Körper nahe kam. Es reicht nicht mehr, alle Eindrücke in Kopf und Herz zu behalten – nein, man muss sie auch in der riesigen Wolke über der Welt lagern. Dort kann man sie jederzeit abrufen, wobei das schwächelnde Gehirn sich die Mühe spart, alles lebendig in Erinnerung zu halten.

In der Vermeer-Ausstellung, Fotografie RW, Mittwoch, Amsterdam, Karwoche 2023

In Erwartung der Auferstehung

In Naarden wird in der Grote Kerk die Matthäus Passion von der Nederlandse Bachvereniging aufgeführt. Masato Suzuki ist der Dirigent. Sänger und Musikanten sind einzigartig. Ich lese während der Aufführung die Worte, entstanden aus Bibeltexten, Picanders Dichtungen und alten Kirchenliedern der Passionszeit. Die Arie, die gesungen wird, nachdem Petrus sein dreimaliges Leugnen bereut hat und bitterlich weint, war und ist für mich eine besonders berührende Stelle in der Passion.
Erbarme dich
mein Gott, um meiner Zähren willen.
Schaue hier,
Herz und Auge weint vor dir
bitterlich.

Draußen auf den Straßen in Naarden picknicken festlich gekleidete Menschen am Gründonnerstag und Karfreitag, nachdem sie die Passion erlebt haben. Haben es gezellig, bringen auch Wein und Gebäck mit in die Kirche. Beim Italiener gibt es ein Matthäus Passion Menu.

Frohe und friedliche Ostern!

Vor dem Konzert, Fotografie RW, Naarden, Niederlande, Gründonnerstag 2023

Vox Angelica


Nun ist die steinalte Sophia komplett verrückt geworden. Stundenlang, besonders am sehr späten Abend, sieht sie sich die King’s Singers mit Jakub Józef Orliński an, wie sie voller Inbrunst Music for a while von Henry Purcell singen. Sechs schöne Stimmen begleiten den Countertenor Jakub Józef Orliński, und er singt so wunderbar, dass sie ihren Blick nicht von ihm lassen kann. Sie beginnt zu lächeln, blickt ihn an, wiegt immer wieder ihren Kopf und formt mit ihrem Mund die Worte des Liedes nach.
Music for a while
Shall all your cares beguile.
Wond’ring how your pains were eas’d
And disdaining to be pleas’d
Till Alecto free the dead
From their eternal bands,
Till the snakes drop from her head,
And the whip from out her hands.
Music for a while
Shall all your cares beguile.
Singen kann die steinalte Sophia nicht mehr, ihr fehlt einfach die Übung. Um so mehr freut sie sich über die Jugend und das Können dieses polnischen Sängers. Jakub Józef Orliński ist Sänger und Break-Dancer, ein toller Kerl. Alfred Deller, Philippe Jaroussky und Andreas Scholl haben die schöne Arie, die Purcell 1692 für das Drama Ödipus komponierte, ebenso gesungen. Alle hat Sophia sich angehört – es gefällt ihr sehr, die Stimmen zu vergleichen.

Alle Sänger findet man auf Youtube. Bildschirmfotos RW, März 2023

Maschine und Sensation

 Wie in der Kirche sitzen die Besucher des Museums vor einer zehn Meter hohen Projektionswand, auf der in sensationell plastischer Illusion ein Brei aus Billionen Kügelchen wabert, dabei ständig die Farben changierend. Dazu einlullende Sphärenmusik. Die Betrachter sprechen von einer spirituellen Erfahrung, die Gänsehaut erzeuge. Luxuslimousinen-Werbung – Eröffnung von Sportereignissen in Riesenstadien – Olympic-Events. Hype, hyper, hypest – mich lässt es kalt und ich freue mich über die Landschaftskizze eines Malers des 19. Jahrhunderts im gleichen Haus.
Dazu empfehle ich den Artikel in der FAZ vom 29. März 2023 «Wenn Computersysteme träumen» von Ursula Scheer.

Refik Anadol «Machine Hallucinations» Kunstpalast Düsseldorf, Fotografie RW 2023
MEHR LICHT DIE BEFREIUNG DER NATUR Kuratiert von Florian Illies
Skizzen und Gemälde, Malerei des 19. Jahrhunderts,
Kunstpalast Düsseldorf
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/ki-kunst-von-refik-anadol-im-kunstpalast-duesseldorf-18782873.html