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Am 9. Januar des Jahres habe ich an dieser Stelle von einem wiederkehrenden Traum erzählt: Dem Auffinden von besonders schönen klaren Kristallen im Erdreich.
Nun waren wir im Mai erneut unterwegs. In einem verlassenen Steinbruch konnten wir ohne große Mühe, lediglich ausgerüstet mit Geologenhammer und Spitzhacke, einige mit Sand und Lehm gefüllte Gänge freilegen, als hätte ein eiszeitlicher Flusslauf Sedimente in Hohlraum und Klüfte gespült. Hier verbargen sich die schönsten Kristallstufen und auch abgerollte kleine Drusen. Fein schimmernde Opalbänder zogen sich durch Decken und Wände der Hohlräume. Wir legten frei und sammelten auf, was wir tragen konnten, wuschen unsere Beute in einem nahen Bach. Auch in den Uferseifen des kleinen Gewässers fanden wir noch kleine abgerollte Quarze in seltsamen Farben.
Wir besprachen uns mit den Edelsteinschleifern in Idar-Oberstein und sortierten das schleifunwürdige Material in unsere Archivschränke. Der beste Schleifer machte sich an die Arbeit: zuletzt hatten wir zwei oval facettierte Steine, einen großen lauchfarbenen Quarz, den Prasiolith, und einen besonders tiefvioletten Quarz, den Amethyst, vor uns liegen. Den ebenso geschliffenen Feueropal mit seinem brennenden Orange betrachteten wir unter der Lupe und stellten fest, dass er über und über mit winzigen roten Pünktchen übersät war. Durchsichtig bläulich schimmerte der zweite Opal, ihn hatte der Schleifer in einen circa 7 Carat schweren Cabochon geschnitten und so fein poliert, dass die Reflexerscheinungen des Lichtes an den winzigen Kieselkügelchen in seinem Inneren aus jedem Augenwinkel andersfarbig erschienen.
Eine Zeichnung von Rubens
Er ist tot, der Kopf fällt nach hinten, der Mund ist leicht geöffnet, die Nase spitz geworden. Adonis‘ Kopf wird gehalten von dem dahinter sitzenden Amor, dessen Trauer Rubens so beeindruckend in wenigen Strichen festhält. Sein Kinn berührt fast die Stirn des Toten. Er ist ihm viel näher als Venus, die ihren verstorbenen Geliebten in edler, antikischer Schwermut betrachtet. Sie stützt ihren Kopf in ihre Hand, ein Zeichen von Distanz (in der Zeichnung betont durch den sichtbaren Handrücken und Unterarm), keine tränenreiche Auflösung angesichts des endgültigen Abschieds.
Aber jetzt blickt man weiter nach oben, hier sind noch einmal die Köpfe von Adonis und Venus gezeichnet, ist die Szene des Betrachtens wiederholt, in ganz reduzierten Strichen. Als hätte Rubens bemerkt, dass die Venus zwar schön, aber nicht innig gelang. Oben ist zwischen den beiden Profilen der Liebenden eine zwingende Beziehung entstanden, gleichsam verbunden in einer Binnenfigur. An dieser Stelle entsteht ein solches Klagen und Weinen, ein so tiefes Trauern in den wenigen Strichen, dass wir ganz überwältigt waren, als wir die Zeichnung letztes Jahr in Frankfurt in der Rubensausstellung sahen.
Rubens, Venus um Adonis trauernd, Feder und braune Tinte, 30.6 x 19.8 cm, 1608-1612 – National Gallery of Art, Washington, Alisa Mellon Bruce Fund
Rubenszeichnung, Fotografie RW, 2018,
Ausstellung RUBENS, Kraft der Verwandlung, Städelmuseum, Frankfurt 2018
Der Turmalin
Ich entdeckte nach langem Suchen unter einer Falte seines Seidenschals, den der indische Prinz auf ein kostbares, besticktes Kissen gelegt hatte, einen Ring mit einem großen rötlichen Mittelstein. Zehn Diamanten im Brillantschliff umgaben ihn wie die Blättchen einer Blüte. Zusammen müssten sie etwa 1,50 Carat wiegen. Der Prinz sah meine Blicke und sagte: «Wenn Du errätst, um welchen Edelstein es sich bei dem Mittelstein handelt, schenk ich Dir den Ring.» Ich wusste längst, dass dies ein Turmalin sein musste, und zwar einer mit einem Dichroismus. Das heißt, beim Hin- und Herbewegen wechselt der Stein die Farbe. Betrachtet man ihn von oben, aber nur von einem Ende des Ovals, so erscheint ein heller Gürtel. Vom anderen Ende her gesehen bleibt er durchgängig rot. So erscheint die Farbe beweglich, wie flüssig. Er hat die Farbe verdünnten Blutes, die Farbe von blasser Haut, aber auch die von Gelees aus Brombeeren oder vom blassen Gelbgrau reifer Stachelbeeren und auch von ganz stark verdünntem Himbeersirup. Manchmal blitzt am Rand ein Purpurviolett auf.
Das Gewicht des Turmalins schätzte ich auf etwas mehr als 5 Carat. Der Prinz war beeindruckt von meinem Wissen und verriet, dass das genaue Gewicht 5,23 (!) Carat sei. Vielleicht hätte ein anderer Edelsteinschleifer diesen Stein verworfen, oder in einer anderen Richtung geschnitten und geschliffen, den Dichroismus als Fehler gesehen. Für mich aber ist es ein Zeichen der Einzigartigkeit des Steins und ich bin dem Prinzen sehr dankbar für seine neuerliche Großzügigkeit. Durch die Raffinesse seiner Rätsel wurde meine Kunstkammer um eine weitere Kostbarkeit bereichert. Ich schenkte dem Prinz als Gegengabe einen seltenen Rheinfund, einen Limonit mit vielen Abdrücken von Turritella, der fossilen Turmschnecke.
Turmalinbrillantring auf Seidenschal und alter indischer Stickerei, Fotografie RW, 2019, Entwurf und Herstellung des Rings Blumberg & Caspers, Düsseldorf, unter Verwendung von Steinen aus der Sammlung RW, https://blumberg-caspers.de
siehe auch den Beitrag «Precious Stones» vom 29.01.2019
Treue in Ewigkeit
Wie kann das sein – von so weit her kommen sie – sie sind wieder da!
Gerade sah ich beim halben Aufsehen einen Mauersegler in die alte Lücke über unserem Rheinfenster fliegen. Es regnet in Strömen, es ist kühl, hoffentlich haben sie es warm und trocken in ihrem Unterschlupf und können sich von ihrer langen Reise erholen. So unglaublich, dass sie immer wieder genau diesen Platz unter dem einen Dachvorsprung gegenüber km 742 finden. Letztes Jahr kamen sie am 5. Mai, dieses Jahr also schon heute. Sie fliegen aus Afrika herbei, südlich des Äquators, über die Alpen, für sie kein Hindernis. Da kurven sie in der Luft – jetzt zwei – und holen sich die Insekten, die sie hier am Rheinufer reichlich finden. Vielleicht ist das Pärchen, das ich eben sah, vor zwei oder drei Jahren hier geschlüpft…
Die «Treue» der Tiere, ihr Orientierungssinn, die Verlässlichkeit, ihre Flugkünste, ihre «Welterfahrenheit», ihr «Mut», all das erweckt in mir ein Gefühl, das ich ähnlich in Betrachtung des feierlichen Jungen hatte, dessen Porträt ich im Rijksmuseum sah. Im Grunde hat das Bild nichts mit den Mauerseglern zu tun, aber es ist ein verwandter Emotionsauslöser wie die Ankunft der Vögel heute. Die Botschaft des Bildes ist die Liebe der Geschwister ter Borch, die ihren im Krieg gefallenen Bruder Moses posthum ein großes Andenken malen. Bei dem zarten, knapp über Zwanzigjährigen liegt der treue Hund, der den Betrachter mit fast menschlicher Teilnahme anschaut. Die zahlreichen Gegenstände, Pflanzen und Tiere im Bild zeigen in rührender Vielfalt Vergänglichkeit, Überwindung des Todes, Ehre und Mut, Demut und Weisheit.
Memorial Portrait of Moses ter Borch, Gerard ter Borch (II), Gesina ter Borch, 1667 – 1669, Rijksmuseum, Amsterdam, http://hdl.handle.net/10934/RM0001.COLLECT.309349
Blauer Abend
Wieder hat sich eine Wolke passend platziert, diesmal fast mittig über dem Ozeanriesen, der keiner ist. Sein Mast gehört zu einer fernen Brücke, sein Bug zu einem Haus. Um halb Acht hat der Rhein das Blau des Himmels angenommen. Das westliche, erstaunlich kühle Restlicht beleuchtet weiter links die drei Gebäude von Frank O. Gehry. Zwei Schiffe rahmen die Szene und zwei Spaziergänger behaupten den Goldenen Schnitt.
Blauer Rhein, Blick vom Oberkasseler Ufer auf den Medienhafen, Düsseldorf, Fotografie RW, 2019
Im Malkasten zu Düsseldorf am Rhein
An Ostern entdeckten wir in der Kunsthalle Willingshausen zu unserer Überraschung diese kleine Arbeit von Hugo Mühlig. Auf einem Format so groß wie eine Postkarte hatte er den Düsseldorfer Malkasten gemalt, von der Gartenseite aus mit blühenden Magnolienbäumen und Fliederbüschen. Der schöne Park existiert noch heute, das alte Malkastengebäude (Einweihung 1867) wurde im zweiten Weltkrieg zerstört, da steht nun das Gebäude aus den 50er Jahren von Helmut Hentrich (1905 – 2001). Die Entwürfe des alten Malkasten-Hauses stammten von dem Maler und Architekten Louis Ammy Blanc (1810 – 1885), dem Namenspaten von LB. Wie wir in den 90er Jahren herausfanden, befindet sich seine Grabstätte auf dem Golzheimer Friedhof in Düsseldorf. RW und LB sind ja seit den frühen 90er Jahren Mitglieder des alten Düsseldorfer Künstlervereins Malkasten, gegründet 1848. Das ehemalige Anwesen des Kaufmanns und Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi (1743 – 1819) hatte der Künstlerverein in den 1860er Jahren erwerben können, finanziert unter anderem durch eine beispiellose, weltweite Lotterie mit Werken der beteiligten Künstler. Bis heute wird satzungsgemäß dafür eingestanden, die Kunst durch Ausstellungen, Konzerte, Theater, etc. zu fördern, sowie durch Denkmalpflege die Gebäude mitsamt Park zu erhalten.
Rechts auf der Karte schreibt Hugo Mühlig im Juni 1903 seinen Gruß aus Düsseldorf, es unterzeichnen weitere Künstler, darunter auch Freunde aus der Willingshauser Künstlerkolonie, zu der er auch gehörte. Zum Beispiel Adolf Lins, genannt der Gänselins, Heinrich Otto und auch Anna Mühlig, Tochter von Hugo Mühlig. Die anderen Namen konnten wir nicht zuordnen. Vielleicht war diese Postkarte an den Maler Erhard Ludwig Winterstein gerichtet, in dessen Ausstellung wir sie entdeckten.
RW ist im Besitz eines ebenso schönen kleinen Arbeit von Hugo Mühlig, einer mit Tuschfeder gezeichneten Karte zum Neujahr 1895 an den Maler Christian Kröner.
Hugo Mühlig, Malkasten, 1903, Fotografie RW, 2019,
Kunsthalle Willingshausen, Erhard Ludwig Winterstein (1841 – 1919) Maler, Bilder aus der Sammlung Felix und Herlinde Peltzer-Stiftung, 9. März bis 28. April 2019
Zwei gute Geister
Früh morgens wachten wir auf im kleinen Hüttchen auf dem Lande. Da hatten die ersten Strahlen der noch roten Sonne zwei gute Geister auf den Kamin gesetzt. Durch das mit dichtem Efeu bewachsene Fensterchen tasteten sich die Lichtflecken bis auf die Steine. Beim österlichen Abendessen vorgestern hatte uns CS noch von dem guten Geist des Haupthauses erzählt, der seine Bewohner beschützt hatte, als der alte Kamin einstürzte. Und zum Beweis hatte er ein Foto gezeigt, auf dem alle Pareidoliefreunde ein rundliches Gesicht erkannten, das hinter dem Kamin hervorlugte.
Die beiden neuerlichen Geister haben unterschiedliche Charaktere. Der obere scheint ein mürrisches Katzentier zu sein und der untere im Profil erinnert uns an den alten Lehrer von RW, Joseph Beuys, dessen Filmporträt von Andres Veiel wir gestern Nacht noch im Haupthaus zusammen mit CS und RMW angesehen hatten.
Wir verbrachten wunderbare Ostertage im gastfreundlichen Haus unserer Familie. Es liegt in der sanften Landschaft des Schwalm-Ederkreises. Die Frühlingsnatur war uns sehr freundlich gesinnt. Wir konnten im Garten des alten Hauses viele Vögel, Blüten und Blättchen, Hummeln und Bienen beobachten. Wir wanderten hoch in den Wald des Hoheberg und zählten unsere Schritte. Wir tauschten Erinnerungen aus und teilten unsere Leidenschaft für das Sammeln und Beobachten.
Lichtflecken am Kamin, Fotografie RW, 21 April 2019
Frohe Ostern
Haben die Gänseblümchen (bellis perennis) hier eine Botschaft geschrieben? Alle laufen zusammen, um sich zu einem dichten Teppich zu formieren. Acht stehen schon eng zusammen. Insgesamt sind es etwa dreiundzwanzig Sternchen, wenn man die zwei verblühten nicht mitzählt, die vom Rand angeschnittenen schon gar nicht. Ein Bild, das Freude verspricht.
Für meine Schwester, die an Ostern Geburtstag hat.

