Im Museum unter Tage in Bochum hängt in der Ausstellung WELTSICHTEN ein für mich überraschendes Bild. Es hatte mich angezogen durch seine düstere und gleichzeitig feierliche Stimmung. Und als ich las, dass es sich um einen Odilon Redon handelt, war ich verwundert, das hätte ich nicht vermutet. Ein dunkles Nachtbild, mit Öl in einer fast monochromen Farbwahl auf Papier gemalt.
Redon ist seit jeher mein Lieblingsmaler. Seine unwahrscheinliche Freiheit in der Erfindung der Motive, das Unheimliche seiner Kohlezeichnungen und das Mysteriöse seiner festlichen, farbigen Bilder haben mich sehr angezogen. Ich kannte aus seiner schwarzen Phase die Kohlezeichungen mit den wundersamen Gestalten – runde Augäpfel als Himmelskörper, das Haupt des Johannes in der Schüssel. Auch kannte ich das Motiv der Boote aus anderen Bildern, aber aus der späteren Zeit mit den helleren und farbigeren Pastellen.
Und nun diese melancholische Barque au clair de lune – undatiert. Das Bild ist sehr ausgewogen komponiert, auffällig die Schräge der Gesamtkomposition von Ufer und Boot und dagegen die dünnen Linien der Masten in der kreuzenden Richtung. Der Mond steht im Goldenen Schnitt. Was mich aber am meisten angezogen hat, sind die gleißenden Konturen, die das Mondlicht auf die Konturen des Bootes wirft und auf die Leinen, die wie feine Schriftzeichen im Dunklen leuchten.
Als Gedanken-Pendant zum Bochumer Bild assoziere ich ein mit Kohle, schwarzem und weißem Pastell gezeichnetes Blatt von Redon, was 2014 in der Fondation Beyerler zu sehen war. Le Noyé (Ein Ertrunkener) – man sieht am Strand einen Kopf aus dem Wasser ragen, das Meer, eine steile Küste und über allem eine große schwarze Sonne, ein finsteres Gestirn, das seine schwarzen Strahlen über eine helle Kontur aussendet. Die Arbeit ist von 1884, also eher aus der dunklen Zeit der Noirs.
Ich spinne mir zwei Geschichten zusammen. Der Ertrunkene, dem das schwarze Sonnengestirn eine Botschaft sendet und das verlassene Boot an einem unwirklichen Ufer unter hellem Mond.
Natur als Künstlerin
Heute Nacht war die steinalte Sophia aufgestanden, ans Fenster zum Rhein hin getreten und hatte gesehen, dass es schneite. Die Rheinwiesen waren schon weiß, der Strom tiefschwarz und im Licht der Straßenlaterne funkelten die Flocken wie ein diamantener Kegel. Als sie wieder im Bett lag und froh war über die frische Winterluft, die durchs geöffnete Fenster wehte, kam ihr in den Sinn: Die Natur kann kein Gedicht schreiben, keine Musik komponieren, nichts abbilden. Wenn wir im Achat ein Gesicht entdecken, dem Gesang der Vögel oder des Windes lauschen, oder in der Quarzader eines Kiesels einen Buchstaben lesen, ist das alles nur ausgedeutet, also vom Betrachter gemacht, nicht von der Natur. Sie kann nur sie selbst sein. Zufrieden über diese Einsichten schlief sie wieder ein und träumte von auf ihrer Reise nach Paris, wo sie bei Claude Boullé den schönen Landschaftsmarmor eingekauft hatte.
Pietra Paesina, Toscana, Sammlung RW, erworben bei Claude Boullé, Paris, Fotografie RW 2021
Heute vor 35 Jahren
Am 23. Januar 1986 starb Joseph Beuys. Das Porträt meines Lehrers entstand 1978 nach seiner Aktion mit Nam June Paik in der Aula der Kunstakademie Düsseldorf. Am 12. Mai 2021 wird Beuys‘ 100. Geburtstag gefeiert. Die Kunsthalle Düsseldorf projiziert heute den Film «Soziale Plastik» von Lutz Mommartz auf ihre Fassade. Man sieht das Gesicht von Beuys, der minutenlang in die Kamera schaut, ohne zu sprechen. Dem Filmer Mommartz widmet die Kunsthalle gerade eine große Ausstellung, die man jedoch wegen der Pandemie leider nicht besuchen kann.
Im Todesjahr von Beuys gab es auch eine Performance von James Lee Byars. Er stieg auf das Dach der Kunsthalle und ließ rote Farbe die Fassade hinunterlaufen. «Die Träne» kann man bis heute dort als dünne Farbspur sehen. Ich weiß noch, als wir James Lee Byars bei seiner Aktion zuschauten, fanden wir es ziemlich läppisch, wie er mit seinem glänzenden Anzug und Zylinder wie ein verlorener Zirkusdirektor auf dem Dach stand. Aber heute denke ich anders und Gestalten der Kunst wie Beuys und Byars, die ja auch befreundet waren, vermisse ich sehr. Das Rheinschiff mit dem Namen SOMNIA VIDERE fährt just vorbei und gibt einen passenden Kommentar zu Kunst und Leben.
Joseph Beuys, Fotografie RW 1978
Joseph Mallord William Turner
Zu meiner Freude hielt Turner auf seiner Rheinreise auch den Pfalzgrafenstein in seinem Skizzenbuch fest. An den Ufern dieser geschichtsträchtigen Festung mitten im Rhein bei Kaub hatte ich vor mehr als zehn Jahren schöne Flussgerölle und Artefakte gefunden. Unter anderem einen mit Hämatit angereicherten Quarz, bei dem man fächerartig gewachsene Kristalle ausmachen konnte und auch einige abgerollte Keramikscherben von Gefäßen des 18. Jahrhunderts. Diese Fundstücke können durchaus schon da gelegen haben, als Turner vom Schiff aus seine Skizze der ehemaligen Zollfeste fertigte. Ich habe mein Bild ebenso mitten auf dem Rhein aufgenommen, von der Fähre aus, die zur Insel übersetzt.
Im Januar 1814 hatte Blücher mit einer preußisch-russischen Armee von hier aus den Rhein überquert, um die Franzosen aus den Rheingebieten zurückzudrängen. Im August 1817 waren die Napoleonischen Kriege längst beendet, die Kontinentalsperre aufgehoben, so konnte Turner seine Sommerreise nach Holland und Belgien beginnen, um die Schlachtfelder von Waterloo zu besuchen. Weiter ging es an den Mittelrhein. Zeichnungen, unter anderem von der Loreley, St. Goar, Ehrenbreitstein und eben Kaub finden sich in seinen Skizzenbüchern (Tate Collection, London). Insgesamt elfmal fuhr er an den Rhein.
Lord Byron hatte mit seinem Werk Childe Harold’s Pilgrimage die Fahrten zu den Bildungsstätten des Abendlandes und auch an den Rhein sehr populär gemacht. Ein später ausgeführtes und mit landschaftlichen Erfindungen angereichertes Rheinbild Turners mit Burgen, Felsen und dem deutlich zu erkennenden Pfalzgrafenstein diente 1833 als Titelblattvignette dem letzten Band der Werke von Lord Byron.
Fußweg kurz vor Kaub (in Richtung Bingen), Blick auf die Pfalz, Aquarell, 1817
Medium: Wasser und Deckfarbe auf grau laviertem Papier
Größe: 190 x 305 mm
Sammlung: Privatbesitz, gesehen auf https://www.turner-route.de/projekt
Mehr zum Thema Artikel «Sacht stromabwärts treiben» in der FAZ von heute
und unter https://www.turner-route.de/projekt
und in der Online-Datenbank tate.org.uk
Der Pfalzgrafenstein bei Kaub, Fotografie RW, 2008
Nur einen Tag lang

Abends hatte es am Rhein geschneit, noch in der beginnenden Nacht sah ich die Menschen hinauseilen, um das ungewohnte Bild auszukosten. Die Spaziergänger hörte ich lachen und rufen. Auf dem Deich trudelten die hellen Flocken im Licht der Laternen – nur kurz unter Gefrierpunkt waren sie schwer und legten sich dicht und bräsig auf alle Oberflächen. Am nächsten Morgen sah ich auf den Rheinwiesen Kugelmänner aus schwerem Schnee in allen Größen und Formen, geschmückt mit welkem Laub und abgestorbenen Ästchen. Vater, Mutter und Kinder machten stolz ein Selfie mit ihren Meisterwerken. Dann, als am Nachmittag die Nachzügler kamen, war die ganze Herrlichkeit schon wieder aufgetaut.
Platanenschnitt im Schnee, Fotografie RW, Düsseldorf, 17. Jan. 2021
Zur Lektüre empfohlen: Hanns-Josef Ortheils Blog heute: Fermers Wanderungen 23 und ein paar Tage davor Fermers Wanderungen 22
Meisterhand

Vor Jahrzehnten, genauer vor fast 45 Jahren, plante Joseph Beuys (1921-1986) eine Ausstellung in Frankfurt. Mit Neben Gegen sollte sie heißen. Beuys wollte zusammen mit seinen Studenten ausstellen. Im Vorfeld war er in meinem Atelier, um Arbeiten anzuschauen oder auszusuchen. Ich malte damals, Sigmar Polke war mein Vorbild, auf billigen Kaufhausstoffen mit Acrylfarbe banale Alltagsobjekte, einen Toaster, ein altertümliches Radio. Beuys kommentierte: Maschinen kann man nicht malen. Im Grunde stellte er uns aber frei, mit welchen Arbeiten wir an der Ausstellung teilnehmen wollten. In einer Gruppe von Beuysschülern trafen wir uns und waren uns einig, dass wir keine Lust zum konventionellen Bilderaufhängen hatten. Zu sechst planten wir andere Beiträge – eine Postkartenedition mit dem ironischen Titel Fluxicards. Außerdem stellte ich mit Hilfe meiner Kommilitonen ein Video her, indem ich von dem Ansinnen eines Freundes erzählte. Er war zur Zeit der Planung der Ausstellung in New York und konnte keine Arbeit für Frankfurt auswählen. Er hatte mich per Luftpostbrief gebeten, einige seiner Zeichnungen aus seinem Atelier zu holen und sie einzuschicken. Im Film sprach ich von diesem Brief, durchsetzt von einer Fantasiesprache, durchmischt mit schwedischen Sätzen, die ich aus einem Sprachbuch vorlas. Im Hintergrund gab es Schreie und Rufe der anderen. Bei den Ausstellungsvorbereitungen im Frankfurter Kunstverein kam es dann zu einem großen Streit zwischen den Studenten, der Meister mittendrin, man war sich uneins über das Konzept, die Hängung und die Aussage. Es gab tagelang politische Diskussionen, fast kam es zur Absage der Ausstellung. Unsere Postkartenedition gefiel Beuys jedoch gut und das Spesengeld, das wir vom Museum erstattet bekamen, gaben wir direkt in Frankurt auf dem Flohmarkt wieder aus.
Apophyllit aus Indien auf Wurzelfundholz aus dem Rhein, Sammlung RW, Fotografie RW 2021
Ein gelungener Tag
Heute Morgen im Osten
seltene Wolken am Rhein.
Sie spalten sich auf
nach Nord und Süd
wie Ypsilon und Vau.
Drei Schiffe heißen
IDEAAL, UNION und VEERMAN.
Später finde ich am Ufer
Scherben aus Porzellan
mit drei blauen Linien
auf weißem Grund.
Wolkenformation am Morgen des 14. Januars 2021, Fotografie RW 2021
Tag der Symmetrie 12 1 21

Seit längerer Zeit bin ich mit Gedichten verwoben, lese und lese, sehe sie direkt zu meinen eigenen neuen Arbeiten: dem Zusammentreffen zweier Stücke aus meiner Sammlung. Fast täglich initiiere ich neue Kombinationen, die in Auswahl, Gleichgewicht, Farbe und Form aufs Genaueste geprüft werden. Damit korrespondieren die Gedichte erstaunlich gut, sie zeigen mir Sprachbilder, die ich in meinen Mineralien eins zu eins wiederfinde. Allerdings ist das heutige symmetrische Datum ein unbeabsichtigtes Gedicht, dem ich meine Kombination von Kristall und Geode widme.
Bergkristall mit einer großen Pyritinklusion aus Brasilien auf einer Feuersteingeode von der Ostsee.
Zum Lesen und Hören: https://www.lyrikline.org/de/startseite/
Poesie
Wie weise, dachte ich, als ich das Schiff mit dem Namen SOPHIA vorbeifahren sah. Dann folgte CASIMIR, der Friedensstifter. Später noch AMICI. Da konnte ich den Rhein nur sehr loben ob seines lyrischen Angebots.
Warum erinnerte ich mich an ein altes Foto, dass ich 2003 am Rhein in Kaiserswerth aufgenommen hatte? Das Winterhochwasser auf den Rheinwiesen war gefroren und Schlittschuhläufer hatten ihre Kreise um die Kopfweiden ins Eis eingeschrieben.
