Eine schöne Blume der Nacht

Schwarzblau
soll meine Lieblingsfarbe sein.
Synonym für Ruhe in der Nacht.
Und siehst du das dunkle Gelbgrün
im Schwarz der rechten Blüte
und das Rosaviolett der Stängel?
Siehst auch die blaue Maserung im Holz,
den weißen Schatten wie Licht?

Weißrosa Blumen, invertierte Fotografie RW, März 2021

Hoop op Zegen

Genau vor zehn Jahren war die steinalte Sophia nach Amsterdam gefahren, um im Concertgebouw die Matthäus Passion zu hören. Es war eine beeindruckende Aufführung in diesem festlichen Haus und wenn sie sich recht erinnerte, war Ton Koopman der Dirigent. Doch sie stellte fest, dass ihr die tiefe Andacht gefehlt hatte und nahm sich vor, die ergreifende Musik nur noch in der Kirche hören zu wollen. Zu Hause in einer Schublade liegen seit fast anderthalb Jahren die Karten für eine weitere Aufführung, die im ersten Pandemiejahr ausgefallen war. Die Osterzeit im zweiten Pandemiejahr schien der alten Sophia bis jetzt seltsam profan. Als aber heute das Schiff HOOP OP ZEGEN auf dem Rhein vorbeifuhr, musste sie urplötzlich weinen.

Im Concertgebouw Amsterdam, Fotografie RW 2011

Jenseits


Der polnische Dichter Adam Zagajewski starb am 21. März 2021 in Krakau. Er wurde 75 Jahre alt. Was ist jetzt, heute am 23. März? Wie sieht sie aus, die umgekehrte Welt? Ich will sie mir vorstellen. Was jetzt ist. Was ist jetzt für ihn? Pokój, w którym pracuję, to camera obscura. (Das Zimmer, in dem ich arbeite, ist eine camera obscura.) Von diesem Schattenzimmer spricht er mit seiner jungen Stimme – ich – kann – sie – hören, konserviert im Internet – Piszę tak powoli, jakbym miał żyć dwieście lat (Ich schreibe so langsam, als hätte ich zweihundert Jahre zu leben.)

Wolken am Rhein, invertierte Fotografie RW, März 2021
Zwei Zeilen aus dem Gedicht von Adam Zagajewski «Pokój» (Das Zimmer), gefunden auf Lyrikline.org

21321 – Gedicht – 21321

unter dem glassturz

noch stehn die magnolien nicht
im zenit doch ist ein druck
auf meinem linken augenlid
u. sendet schauder bis in
mein gehirn als sei der flieder
schon an mir vorbeigegangen

die glocke soll sich nur nicht
wieder senken, um gottes
willen bitte, nicht um mich
ich will auch immer atmen daß
ich luft bekomme, mit tropfen
künstlich die pupillen weiten

daß ich das blühen einmal nicht
versäume, das weiße blitzen
der kastanienbäume
von dem ich eingekapselt
schon u. immerfort mit
allen venen u. arterien träume

Zum heutigen Tag der Poesie ein Gedicht von Norbert Hummelt, gefunden auf Lyrikline.org
Blüte und Nussschale im Kies, Fotografie RW März 2021

Der falsche Smaragd


Der letzte Fund vom Ascheplatz unter der Rheinkniebrücke – ein winziges Porzellanstückchen, darauf verbackenes Glas. Ich sehe eine grün glitzernde Maske mit Pinselohren. Was ist die Geschichte dieses unbedeutenden Dings? Woher kamen die beiden, Glas und Porzellan? Welche Hitze verschmolz sie untrennbar miteinander? Teller und Flasche? Kriegsschutt? Frau mit Schürze? Mann mit Bier? Urgroßmutter, Urgroßvater, Zuckerdose, Bügelverschluss.

Fundstück vom Rheinufer, Fotografie RW, März 2021

Der Krähenmann


Am Rhein beobachte ich einen Mann, der beim Gehen öfter einmal stehen bleibt und sich dann vorsichtig umschaut. Bei ihm stets ein drahtiger Hund mit braunem Fell. Das Auffälligste aber ist, dass er von einem Schwarm lustiger Krähen begleitet wird, die zum Teil vorfliegen, zum Teil um ihn kreisen, zum Teil hinterhertrödeln. Mal landen sie auf dem Weg, mal haben sie sich zu mehreren zum Auffliegen verabredet, oder wenden und drehen sich in der Luft. Dabei rufen sie in einem fort, auffordernd und laut. Was ich vermutet habe, trifft dann auch zu: fühlt der Mann sich einen Moment lang unbeobachtet, greift er in die Tasche und wirft irgendetwas in die Luft. Das ist das Zeichen für die Vögel, in den Wiesen nach Krumen zu suchen.

Gouache von Martin Pletowski, 1984, Sammlung RW, Fotografie RW 2021

 

Kostbare Sammlungen


Der indische Prinz war sich durchaus bewusst, dass das Motiv seines Sammelns auch von Eitelkeit geprägt war. Die Aneignung der Schätze und ihr Präsentieren in nicht minder kostbaren Schränken und Vitrinen gaben ihm die Gewissheit, dass sich dadurch das Ansehen und die Wertschätzung seiner Person enorm steigern ließen. Die Farben der seltenen Exemplare seiner umfangreichen Granatsammlung liebte er so sehr – vom blutroten Pyrop über den rotvioletten Almandin bis zum Mandaringranat, eine Spessartinvariante in leuchtendem Orange, nicht zu vergessen der smaragdgrüne Uwarowit – und so dachte er bei sich: Ich lasse in dieser Farbpalette einen kostbaren Seidenstoff mit aufwendigem Dekor weben. Daraus werden Prunkgewänder geschneidert, die man zu gehobenen Anlässen tragen kann. Dicke Perlenstränge um den Hals, Diamantagraffen und Pfauenfedern auf dem Turban, an den Händen seltene zitronenfarbene und rosarote Diamanten in opulenten Ringen werden die Exklusivität des Gewandes noch steigern.
Dann hielt er plötzlich inne und wandte den Blick ab von der kostbar illuminierten Farbtafel eines altertümlichen Mineralienbuches.

Tulpen im März, digital bearbeitete Fotografie RW, März 2021

Es geht weiter

Es war sehr windig, als die steinalte Sophia sich heute einen Spaziergang am Rhein vornahm. Auf dem Deich stehend, wo es direkt hinunter zum Ufer ging, nahm eine Sturmböe ihr den Atem. Da wollte sie doch lieber zurück zur Platanenallee, gleich neben dem Deich. Hier beobachtete sie zwar auch heftig wirbelnde Baumkronen in den Vorgärten – besonders schön tanzten die Eiben und Thujen – aber der Wind war etwas schwächer. Auf dem grauen Boden der Straße sah sie eine winzige rosa Blüte. Woher hatte der Wind sie hergetragen? Etwa zweitausenddreihundert Schritte weiter entdeckte sie die Zierkirsche mit den roten Perlenknospen, den rosa Fünfblättchen, geschmückt mit zierlichen Krönchen. Blutrote Blattspitzen brachten noch ein wenig Drama in die delikate Szene.

Kirschblüte am Rhein, Fotografie RW, März 2021

sternenstaub

unsinnig zwischen tot und lebendig zu unterscheiden
alles ist
nach dem urknall in nukleosynthesen
geboren weiter bis in ewigkeit
UR MATERIE deuterium helium lithium
sich zu immer neuen verbindungen hochschwingend
bis zum pulsierenden atmenden
sauerstoff wasserstoff stickstoff kohlenstoff
bausteine des lebens immergleiche
auf dem planet der suchenden affen

Cassiopeia, Seite aus dem Sternenatlas, Fotografie RW, 6. März 2021