Tote Dinge zum Leben erwecken

Neulich habe ich mein kostbares Feueropalnüsschen aus Äthiopien in der Hand hin und her bewegt. Und das an einem sonnigen Tag Anfang Februar. Mit bloßem Auge und dann mit der Kamera des Smartphones verfolgte ich, wie die Farben im äußeren Feld wechselten, von Orange zu Grün und Rot, gegenüber blitzte zum Schluss ein kleiner eisblauer Punkt auf. Aus dem dunklen, opaken Kern der Nuss tauchte gleichzeitig ein leuchtender roter Funken auf, der sich manchmal verdoppelte, teilte und wieder verschwand.
Ich setzte das Filmchen ins Netz und ein Kommentar gefiel mir besonders gut: Es lebt.
Die Wahrnehmung des Betrachters kann demnach eine tote Materie als Lebendes sehen. Hier waren das Licht, die Farbe und die Bewegung die Kriterien für Leben.

Filmstill vom 9. Februar, Fotografie RW 2021

Infinity

To see a World in a Grain of Sand,
And a Heaven in a Wild Flower,
Hold Infinity in the palm of your hand,
And Eternity in an hour.

Die ersten vier Zeilen von «Auguries of Innocence»  von William Blake, geschrieben um 1803.

Pappelblüte am Rhein, 1. März 2021

Freude Freude Freude

Heute war die steinalte Sophia in ihrem Viertel eine Straße weit gegangen, um etwas frisches Brot zu kaufen. Als sie sich der Kirche näherte, dann den Markt überquerte, vorbei an dem schönen alten Blumenpavillon, sah sie, dass bei der feinen Parfümerie gegenüber die Türen offen standen. Da ging sie schnell hinein, obwohl ihre Haare nicht gekämmt, ihre lange Hose farblich nicht zur Jacke passte und der Saum am rechten Hosenbein herunterhing. Der freundliche Besitzer sprach sie gleich an und sie wusste auch sofort, was sie kaufen wollte. Da standen die schönen Parfums und Schampoos, die Cremes und Lacke nach Farben sortiert in den Regalen. Sie wählte ein besonders teures Parfum in einem weinroten Flakon, was unter anderem nach Rhabarber duftete. Sie spürte deutlich, wie eine Leichtigkeit in ihr aufstieg und sprach zu sich: Die Welt des Luxus ist mir ein wenig abhanden gekommen in diesen Zeiten. Wie anders fühlte sie sich, als sie den Weg nach Hause nahm. Am Rhein blühten gelbe Sträucher und das Licht war frisch.

Gelb blühender Strauch am Rhein, Fotografie RW, Februar 2021

 

Scrabble

Tein Zülpchen will ein Ilch sein
ENTZWEI
Tatz weiß ein Isschen mehr
ZWEI
Satz will ein Ratz sein
EI

Porzellanscherbe TZWEI und zwei Edelopale auf bemalter Tonplastik, Sammlung RW, Fotografie RW 2021

Frühling 21 2 21

Kranichzug schon zurück der Frühling platzt gefragt wird keiner einer hält das aus kommt zu schnell ist zu hell siebzig jahr die sonne scheint erinnert an die freude rennt herum fährt vorbei motor heul wohin der zug die freunde ziehen lachen laut.

Kranichzug am 21. Februar 21, bearbeitete Fotografie RW 2021

Federlesen

Eben sah ich im Garten hinter dem Haus auf einer hohen Birke viele Tauben sitzen. Die muste ich natürlich unwillkürlich zählen. Dreizehn waren es an der Zahl. Meinen Blick weiter nach Osten richtend, sah ich auf dem Walnussbaum viele Stieglitze sitzen. Auch diese musste ich zählen. Und glaubt es oder nicht, es waren ebenso dreizehn an der Zahl. Das Schiff GRIFFIOEN fährt genau zum richtigen Moment auf dem Rhein vorbei, um noch einen Vogel drauf zu setzen: das mythologische Tier mit Adlerkopf und Flügeln auf einem Löwenkörper verbindet Luft und Erde – und das auf dem Wasser.
Das alles nehme ich als schöne Zeichen für den heutigen Tag.

Gediegen Silber, Fundort Mexiko, auf Tscharoit, Fundort Sibirien, Sammlung RW, Fotografie RW

12022021


Das Diamantzepter, das Dorje ist ein Ritualobjekt des Buddhismus. Aus Bergkristall wird es geschnitten oder aus Bronze gegossen. Das Exemplar auf dem Bild ist einfach, grob geschnitzt, wahrscheinlich für den europäischen Esoterikmarkt hergestellt. Ich bin keine Buddhistin, keine Esoterikerin, aber ich liebe dieses Zeichen, auch weil es aus einem Mineral geschnitten wurde. Der Diamant, der Adamas, der unbezwingbare Stein wird hier verdoppelt und gegenübergestellt, die Symmetrie des oktaedrischen Kristalls gespiegelt. Auch mein Lieblingssternbild, der Orion, kann im Dorje gesehen werden. Ich fotografierte ihn auf einem Stück blassblauer Seide. Diese hatte deutlich sichtbare Moiréstreifen, die ich sehr attraktiv fand. Das sind kosmische Energiewellen, die von dem Dorje ausgehen, würde der Esoteriker jetzt sagen. Setzte ich allerdings das bearbeitete Foto im Blog ein, war die schöne Marmorierung verschwunden. Vielleicht wurden die Wellen technisch irgendwie eliminiert, weil der Moiré-Effekt als fotografische Störung gilt?
Heute zum Symmetrietag wollte ich ein von der Idee her symmetrisches Objekt fotografieren. Man sieht jedoch deutlich, dass das handgeschnitzte Zepter nicht ganz symmetrisch ist. Auch ein perfekter Oktaederkristall eines natürlichen Diamanten ist nie im mathematischen Sinne symmetrisch. Nur in der Abstraktion gibt es Symmetrie, in der Natur nicht. Selbst die Zahlenreihe oben ist nicht vollkommen: da müsste man die Ziffern ab Mitte spiegeln…

Dorje aus Bergkristall, Fotografie RW 12.02.2021

Glow and Snow

Jetzt fahren die Alpinophilen Ski auf den Rheinwiesen, die Kinder Schlitten auf den Deichen und die Könner Schlittschuh auf den zugefrorenen Hochwassertümpeln. Wie schön die Häuser in der Abendsonne glühen, so festlich feiern sie den Rhein und das Licht.

Abend am winterlichen Rhein, Fotografie RW, Februar 2021