Mein Kopf schmerzt, das kenne ich gar nicht. Im Nacken ein Ziehen, in den Ohren ein dauerndes helles Zischen. Gerade in der Stille des Schnees schwillt es zu einer dringlichen Zirbelmusik an. In den Gelenken spüre ich die Kälte, selbst am Schreibtisch trage ich Schal. So sprach die steinalte Sophie zu sich, stand auf und trat ans Fenster, wo sie am Rhein zwei Gestalten mit Schirmen erblickte. Da wünschte sie sich: Beschirmt und behütet möchte ich sein und möglichst gar nicht allein.
Hochwasser
Vater Rhein ist randvoll. Von Balkon und Fenster blicke ich auf den mächtigen Strom. Baumstämme segeln vorbei. Die Schiffe, die noch fahren, ziehen hoch und breit – cinemascope – durch meine Wohnräume. Hinter dem Platanenast etwas links im Vordergrund des ersten Bildes sieht man noch die grünweiße Signalstange aus dem Wasser ragen. Bei normalem Wasserstand steht sie frei, dreimal so hoch, auf der ebenso freien Buhne aus Basaltsteinen. Drüben auf dem anderen Ufer sieht man das Kilomterschild 742 schon tief im Wasser. Heute nahm ich diese Ansicht noch einmal auf. Der Rhein ist weiter gestiegen. Die Signalstange ist verschwunden, weggerissen. Jeden Tag fährt ein Arbeitsschiff auf dem Fluss und kontrolliert. Anstelle der versunkenen Stangen, hier grünweiß drüben rotweiß, werden schwimmende Signalbojen verankert. Schon seit Tagen gibt es einen regelrechten Hochwassertourismus. Mit Kind und Kegel, mit Hund und Roller bevölkern die Massen den Rhein. Und jetzt soll es heute Nacht auch noch kräftig schneien.
Hochwasser am Rhein, Fotografie RW Februar 2021
Das liebe Tier und die 23
Maultiere haben einen Esel zum Vater und eine Pferdemutter. Natürlicherweise kreuzen die Tiere sich nicht. Das ist Menschenwerk, Zuchten sind schon seit der Antike bekannt. Pferdestute (2n = 64 Chromosomen, n = 32) und Eselhengst (2n = 62 Chromosomen, n = 31) Dass die Gebirgsjägerbrigade, die mit den Tieren arbeitet, 23 heißt, gefällt mir, allerdings bin ich keine Militärfreundin. Maultiere sind intelligent wie die Pferde, aber nicht so scheu und ängstlich wie sie, dafür aber so tapfer und ausdauernd wie die Esel. Das Muli kann große Lasten (bis zu 120 Kilogramm) tragen und wendig klettern. Das schöne Tier auf dem Zeitungsfoto mag ich sehr. Es schneit. Die Flocken verteilen sich aufs Fell und wirbeln in der Mähne. Die helle Blesse zeichnet sich wie eine leicht bestäubte Schneelandschaft ins braune Winterfell. Kälte scheint dem Maultier nichts auszumachen. Der Gebirgsjäger hat sein freundliches Gesicht geschwärzt. Er kennt das Tier, es gehorcht ihm. Heute schreiben wir 3 2 2 1.
Zeitungsausschnitt, Rheinische Post vom 2. Februar 2021, Fotografie RW, 2021
In der Not frisst der Teufel Fliegen
Welch geheimnisvolle Dinge wir im Alltag übersehen, dachte die steinalte Sophia. Sie hatte beim Kochen zwei Wassertropfen, eigentlich drei, auf der Arbeitsfläche in ihrer Küche bemerkt. Sie haben die Oberfläche von weißen, abgerollten Quarzen aus dem Rhein und wirken garnicht durchsichtig. Sehr seltsam. Heute am Symmetrietag 1.2.21 wollte sie etwas Besonderes anstellen. Die Tage der Einsamkeit und der immer gleichen Abläufe zu Hause kann ich durch diese Miniaturen bereichern, sagte sie sich und beschloss eine Sammlung der kleinen Beobachtungen anzulegen.
Wassertropfen auf Kunststoffbeschichtung, Fotografie RW, 2020
Mein Adalbert Stifter
Ich habe meinen Stifter nach sorgfältigem Suchen in der Bibliothek natürlich (!) gefunden und er stand selbstverständlich in der Nähe von E. T. A. Hoffmann, Werke, Band III und darin besonders viel gelesen Die Bergwerke von Falun und direkt neben Stifters Bergristall das schöne Buch Mein Stifter von Arnold Stadler und daneben ebenso lesenswert Bunte Steine Ein Lapidarium des Wissens von Benjamin Bühler und Stefan Rieger. Und in seinem Vorwort zu Bergkristall und andere Erzählungen schreibt Stifter so schön vom Sammeln der Steine: Weil es unermesslich viele Steine gibt, so kann ich gar nicht voraussagen, wie groß diese Sammlung werden wird. Und wie er als Kind von den Glimmerplättchen, dem Katzensilber, in seinen gefundenen Steinen angezogen wurde. Und als Referenz zu meinem Eintrag zu Odilon Redon von vor ein paar Tagen habe ich das Vollmondbild von Adalbert Stifter gefunden, dass hundertundeins Jahre vor meiner Geburt gemalt wurde und Vollmond haben wir ja gerade und OBSIDIAAN und AVANCE heißen die Rheinschiffe, die vorbeifahren und so geht es weiter rund.
Mondlandschaft mit bewölktem Himmel von Adalbert Stifter, um 1850
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26819595
Drei Vögel nach rechts
Drei schwarze Vögel
sitzen im Wind nach rechts –
da ist der Abend.
Das Foto vom Morgen –
blickt voraus.
Ich finde mein Buch nicht mehr.
Bunte Steine
von Adalbert Stifter
Granit, Kalkstein, Turmalin, Bergkristall, Katzensilber und Bergmilch.
Drei Krähen im Baum, Fotografie RW, 28. Januar 2021
Au Clair de la Lune
Im Museum unter Tage in Bochum hängt in der Ausstellung WELTSICHTEN ein für mich überraschendes Bild. Es hatte mich angezogen durch seine düstere und gleichzeitig feierliche Stimmung. Und als ich las, dass es sich um einen Odilon Redon handelt, war ich verwundert, das hätte ich nicht vermutet. Ein dunkles Nachtbild, mit Öl in einer fast monochromen Farbwahl auf Papier gemalt.
Redon ist seit jeher mein Lieblingsmaler. Seine unwahrscheinliche Freiheit in der Erfindung der Motive, das Unheimliche seiner Kohlezeichnungen und das Mysteriöse seiner festlichen, farbigen Bilder haben mich sehr angezogen. Ich kannte aus seiner schwarzen Phase die Kohlezeichungen mit den wundersamen Gestalten – runde Augäpfel als Himmelskörper, das Haupt des Johannes in der Schüssel. Auch kannte ich das Motiv der Boote aus anderen Bildern, aber aus der späteren Zeit mit den helleren und farbigeren Pastellen.
Und nun diese melancholische Barque au clair de lune – undatiert. Das Bild ist sehr ausgewogen komponiert, auffällig die Schräge der Gesamtkomposition von Ufer und Boot und dagegen die dünnen Linien der Masten in der kreuzenden Richtung. Der Mond steht im Goldenen Schnitt. Was mich aber am meisten angezogen hat, sind die gleißenden Konturen, die das Mondlicht auf die Konturen des Bootes wirft und auf die Leinen, die wie feine Schriftzeichen im Dunklen leuchten.
Als Gedanken-Pendant zum Bochumer Bild assoziere ich ein mit Kohle, schwarzem und weißem Pastell gezeichnetes Blatt von Redon, was 2014 in der Fondation Beyerler zu sehen war. Le Noyé (Ein Ertrunkener) – man sieht am Strand einen Kopf aus dem Wasser ragen, das Meer, eine steile Küste und über allem eine große schwarze Sonne, ein finsteres Gestirn, das seine schwarzen Strahlen über eine helle Kontur aussendet. Die Arbeit ist von 1884, also eher aus der dunklen Zeit der Noirs.
Ich spinne mir zwei Geschichten zusammen. Der Ertrunkene, dem das schwarze Sonnengestirn eine Botschaft sendet und das verlassene Boot an einem unwirklichen Ufer unter hellem Mond.
Odilon Redon «Barque au clair de lune» in der Ausstellung WELTSICHTEN, MUSEUM UNTER TAGE, KUNSTSAMMLUNGEN DER RUHR-UNIVERSITÄT BOCHUM SITUATION KUNST (FÜR MAX IMDAHL)
https://www.fondationbeyeler.ch/ausstellungen/vergangene-ausstellungen/odilon-redon
Natur als Künstlerin
Heute Nacht war die steinalte Sophia aufgestanden, ans Fenster zum Rhein hin getreten und hatte gesehen, dass es schneite. Die Rheinwiesen waren schon weiß, der Strom tiefschwarz und im Licht der Straßenlaterne funkelten die Flocken wie ein diamantener Kegel. Als sie wieder im Bett lag und froh war über die frische Winterluft, die durchs geöffnete Fenster wehte, kam ihr in den Sinn: Die Natur kann kein Gedicht schreiben, keine Musik komponieren, nichts abbilden. Wenn wir im Achat ein Gesicht entdecken, dem Gesang der Vögel oder des Windes lauschen, oder in der Quarzader eines Kiesels einen Buchstaben lesen, ist das alles nur ausgedeutet, also vom Betrachter gemacht, nicht von der Natur. Sie kann nur sie selbst sein. Zufrieden über diese Einsichten schlief sie wieder ein und träumte von auf ihrer Reise nach Paris, wo sie bei Claude Boullé den schönen Landschaftsmarmor eingekauft hatte.
Pietra Paesina, Toscana, Sammlung RW, erworben bei Claude Boullé, Paris, Fotografie RW 2021
Heute vor 35 Jahren
Am 23. Januar 1986 starb Joseph Beuys. Das Porträt meines Lehrers entstand 1978 nach seiner Aktion mit Nam June Paik in der Aula der Kunstakademie Düsseldorf. Am 12. Mai 2021 wird Beuys‘ 100. Geburtstag gefeiert. Die Kunsthalle Düsseldorf projiziert heute den Film «Soziale Plastik» von Lutz Mommartz auf ihre Fassade. Man sieht das Gesicht von Beuys, der minutenlang in die Kamera schaut, ohne zu sprechen. Dem Filmer Mommartz widmet die Kunsthalle gerade eine große Ausstellung, die man jedoch wegen der Pandemie leider nicht besuchen kann.
Im Todesjahr von Beuys gab es auch eine Performance von James Lee Byars. Er stieg auf das Dach der Kunsthalle und ließ rote Farbe die Fassade hinunterlaufen. «Die Träne» kann man bis heute dort als dünne Farbspur sehen. Ich weiß noch, als wir James Lee Byars bei seiner Aktion zuschauten, fanden wir es ziemlich läppisch, wie er mit seinem glänzenden Anzug und Zylinder wie ein verlorener Zirkusdirektor auf dem Dach stand. Aber heute denke ich anders und Gestalten der Kunst wie Beuys und Byars, die ja auch befreundet waren, vermisse ich sehr. Das Rheinschiff mit dem Namen SOMNIA VIDERE fährt just vorbei und gibt einen passenden Kommentar zu Kunst und Leben.



