Ehernes Zeitalter

Zwei Oberschenkelknochen und ein Wirbel aus Bronze, der Kupferzinnlegierung – Abgüsse von Tonkeramiken, die ich schon Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrtausends gemacht habe. Sie sind sehr schwer und so groß wie der Oberschenkelknochen eines Menschen. Die Bronze habe ich nicht patinieren lassen, so kann die Oberfläche eigene Spuren entwickeln. Die Gusshaut ist jedoch entfernt worden und sie sind leicht gebürstet. Sie tragen meine Signatur und einen Gießerstempel.

Bronzeknochen, Mai 2022, Sammlung RW, Fotografie RW, 5. 5. 22

Schwebezustand

Ganz dünnwandig sind die mundgeblasenen Parfumflakons aus Ägypten und sehr leicht. Die rote Farbe sieht aus, als wenn sie mittels einer Folie aufgetragen wurde. Sie stammen mit Sicherheit aus einer Massenproduktion für den Touristenmarkt. Mir gefiel aber die Vorstellung, sie als Sockel für meine Mineralien, Steine und Fossilien einzusetzen, daher kaufte ich vier Stück in unterschiedlichen Größen bei einem Händler für nordafrikanische Keramik in Egmond aan Zee. Zu Hause überlegte ich, etwas Schweres, gar nicht Elegantes aufzusetzen. Ich entdeckte im unteren Bereich des Mineralienschranks die alte Quarzstufe wieder, die mir mein Vater vor Jahren von einem seiner Flohmarktgänge mitbrachte. Ich war damals gerührt, dass er an mich dachte. Er hatte den Händler nicht nach der Herkunft des Quarzes gefragt. Ich behaupte, die Stufe könne sogar deutsch sein, aus dem Siegerland. Sie hat bräunliche Färbungen, vielleicht von Limonit, Siderit oder Hämatit? Ich hätte Lust einen Geologen zu fragen. Auf das Gläschen gelegt scheint die schwere Stufe zu schweben, ein Zustand, der nicht zu ihr passt, aber sie wie eine Wolke fein austariert.

Eine Quarzstufe und zwei Flakons, Fotografie RW, 4. Mai 2022

Tiere und Pflanzen

Neuerdings kann ich eine mit dem Smartphone fotografierte Pflanze, oder ein Tier, oder ein Bauwerk ziemlich treffsicher identifizieren. Nur mit diesem Spatz, der in die Strandbar hineinflog, um ein paar Krümel vom Tisch zu ergattern, klappte es nicht. Er wurde nicht als männlicher Sperling erkannt. Für die unbekannte kleine blaue Blume, die ich gestern fotografierte, gab das Gerät zwei Vorschläge: Strauchiger Steinsame oder Glandora prostrata, der zweite war richtig. Das frische Feigenblatt wurde eindeutig identifiziert, bei der gelbweissen Blüte schwankte das Programm zwischen Mutterkraut oder Gänseblümchen, beides nicht korrekt. Den Spatz hat das Smartphone nicht erkannt, weil er im Gegenlicht fotografiert wurde. Außerdem gibt es hier wohl ein Figur-Grund-Problem, zuviele Flecken und Überschneidungen zwischen Tier und Hintergrund. Hab versucht, das Tier in photoshop noch aufzuhellen, nein, der Sperling wollte trotzdem nicht erkannt werden. Ja, da bin ich doch intelligenter: Ich weiß, dass der Fenstergriff kein Schiff ist und das Boot direkt darüber weit hinten auf dem Meer fährt und die Blume in der Vase eine Tulpe sein muss … ich war ja auch unmittelbare Zeugin des Geschehens.

Spatz am Meer, Fotografie RW, April 2022

Kupfer

Beim Anblick des auf der Straße liegenden Seidenbandes dachte der indische Prinz an die prächtigen Exemplare gediegenen Kupfers, die er in der Sammlung seines amerikanischen Freundes aus Michigan gesehen hatte. Er selber besaß nur ein kleines Nugget, dessen Herkunft er nicht kannte. Der warme rötliche Ton des Kupfers war ihm fast noch lieber als die satte Farbe von gediegen Gold. Eigentlich glich die Farbe des Bandes mehr der von Bronze, der Legierung aus Kupfer und Zinn. Vor Wochen hatte der Prinz einige Bronzefiguren in Auftrag gegeben – Abgüsse von Tierknochen, die er vor Jahren am Ufer des Brahmaputra gefunden hatte, lange Schenkelknochen und wirbelähnliche. Gestern hatte die Giesserei sich gemeldet, dass die Abgüsse fertig seien. Nun musste er lediglich entscheiden, ob sie noch patiniert werden sollten. Nein, er wollte die glänzende helle Farbe der Bronze für seine Objekte behalten und vielleicht nur ein Wachs auftragen lassen, dass es nicht zu Oxidationen kommen konnte. Für die Bronzen hatte er schon eine Vitrine bauen lassen, auf dass die Stücke neben den Kupfermineralien gut zur Geltung kämen.

Band auf dem Straßenpflaster in Bergen, Nordholland, Fotografie RW, 26. April 2022

FIAT 23


Am Morgen steht ein kleines Auto vor der Tür. Es hat einen schönen, grauen, restaurierten Lack und rote Ledersitze. Es ist ein alter Fiat 850 wohl aus den 60er Jahren. Die steinalte Sophia erinnerte sich, in den 70er Jahren als junge Frau einen alten roten Fiat Jagst gefahren zu haben, der bei vielen Freunden reine Begeisterung auslöste, schon allein beim Anlassen des Motors. Ihr Wagen hatte 23 PS, das weiß sie noch genau. («Die von 1964 bis 1967 gebaute zweite Generation unterscheidet sich hauptsächlich durch die vorne angeschlagenen Türen und den, aus Versicherungsgründen, auf 23 PS reduzierten Motor.» sagen die Fiat 600 Freunde Deutschland) Sophia dachte an Turin, die norditalienische Heimat der ursprünglichen Fiatwerke. Sie sei eine geheimnisvolle Stadt des Okkulten, behaupten Esoterik-Anhänger. Um die Zahl 23 wird ja auch so ein blödes Gewese gemacht, das gefiel der steinalten Sophia gar nicht. Für mich ist die Zahl ein reines Sammelding, behauptete sie fest und freute sich an der 23 auf der Fahrertür des grauen Fiat. Die würde sie sofort ihrer Sammlung einverleiben.

Fiat 23 am Rhein in Düsseldorf, Fotografie RW, 21. April 2022

Bergkristall

Eben gab ich das Wort Bergkristall in die Suchmaske meines Blogs ein, um herauszufinden, wie oft ich schon über dieses Mineral schrieb. Es erschien die magische Zahl 24, die Zahl, die ich in einem alten Traum finden sollte und stattdessen die 23 fand. Das ist ein Glücksfall. Heute nun also der 25. Beitrag über Bergkristall, den reinen Quarz – SiO2 Siliziumdioxid – ein sehr häufiges Mineral. Das Buch von Anton Legner, das sich dem Bergkristall und seiner Rolle im Mittelalter widmet, wurde vor ein paar Tagen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung besprochen. Eine Ausstellung zum Thema wird im November im Schnüttgenmuseum zu Köln eröffnen. Zwei Ereignisse, die ich für mich mit Freuden verbuche.
Der geschnittene Bergkristall als kostbares, durchsichtiges Behältnis für heilige und zu verehrende Dinge – Reliquien – hier ein Dorn aus der Spottkrone Christi, getragen von einem goldenen Engel – scheint mir tausendmal würdiger als das von Menschen gemachte Glas. Trägt der Bergkristall doch in seinem Innersten das Millionen-Jahre-alte Gedächtnis seiner eigenen Geburt, manchmal sogar als Gas- oder Flüssigkeitsinklusion. In der Tiefe der dunklen Bergklüfte wachsen die Quarze in trigonaler Symmetrie zu Kristallnadeln aus. Sechs Seiten haben sie und enden an den Spitzen in Rhomboedern. Ungeheuer vielfältig kommen sie in vielen Varianten und Wachstumsformen vor. Ein herrliches Forschungsgebiet – und von den Strahlern aus den Bergen der Alpen herausgeholt, gingen sie in alter Zeit nach Mailand, wurden dort von den Cristallari geschliffen zu liturgischen und profanen Gefäßen, zu reichem Besatz von Kristallüstern und Schmuck, bis die Böhmen ein Kreideglas erfunden hatten, das viel preiswerter war.

«Himmel und Erde» Artikel von Uwe Ebbinghaus in der FAZ vom 14. April 2022
Monstranz aus dem 15. Jahrhundert mit goldenem Engel auf dem Bergkristalbecher, einen Dorn aus der Spottkrone Christi tragend. Foto Kolumba Museum/Lothar Schnepf
Anton Legner «Faszination Bergkristall», Greven Verlag 2021

Geheimes Wissen an Ostern

Die Schachbrettblume lesen, Zug um Zug, Strategie um Strategie. Die Schachfiguren könnten Wassertropfen oder Insekten sein, die das Muster ablaufen und geheime Strategien verraten. So könnten die Wassertropfen mit einem Gambit beginnen, um den König der Spinnen nach 23 Zügen schachmatt zu setzen. Fritillaria meleagris ist der wissenschaftliche Name der Blume, der auf das lateinische Wort fritillus für „Würfelbecher“ zurückgeht und die Form der Blüten und das eckige Muster beschreibt. Würfeln ist also auch erlaubt, um Lösungen und Wege für die Zukunft zu finden. Andere sprechen von urtümlich musikalischen Zeichen einer Geheimschrift auf den Blütenblättern, die nur von dem Vergissmeinnicht gelesen werden kann, das sie so fröhlich umtanzt. Dass die Blume auch Kiebitzei genannt wird, wusste die Gartenfreundin noch nicht.
Frohe Ostern!

Schachbrettblume und Vergissmeinnicht im Garten der Freundin, Fotografie RW, Ostern 2022

Christus auf dem kalten Stein

Matthäus-Passion
kein Ende des verdammten Krieges
im Gebet verdeckt der Papst sein Gesicht, Zeitungsfoto
Ruf nach schwersten Waffen, Schlagzeile
Lügen, Verblendung, Verrat
keine Lösung in Sicht
Karfreitag
Hoffnung auf ein Ostern

Rumoldkathedrale Mechelen, Christus auf dem kalten Stein, Fotografie RW 2009, digitale Veränderung Karfreitag 2022

Doch ein Rembrandt

1996 hatte die steinalte Sophia einem Freund einen Brief geschrieben, sichtlich beeindruckt von einer kleinen Landschaft in der Berliner Gemäldegalerie …blaßgrünlichblauer Himmel am linken offenen Horizont, rechts die schweren, olivdunklen Wolken des Gewitters, jäh Gespenstisches in der grellen Beleuchtung der Bäume und in den Schattenzonen Ruhigvertrautes, ein seltsames Licht in den pastosen Kräuseln der Baumgruppe, wie schwefelfarbenes Kohlgestrüpp.
Habe sofort mit meinem Bruder in Dresden telefoniert, der mich darauf hinwies, daß in Amsterdam Rembrandts Steinerne Brücke hinge, die das im Aufbau ähnliche Berliner Bild noch überträfe. Bis jetzt hab ich nur eine Katalogabbildung gesehen, und ich muß meinem Bruder zustimmen: angesichts des Drehens und Wirbelns in den Wolken, das sich gestaltähnlich in der beleuchteten Baumgruppe wiederholt und konzentrisch verdichtet, hab ich mich unbändig gefreut… Vor ein paar Tagen las Sophia in der Zeitung, dass die Landschaft nach neuesten Forschungen nun doch wieder Rembrandt zugeordnet würde, nicht mehr Govert Flinck, wie es noch das Rembrandt Research Project 1989 getan hatte. Es sei eine spätere Nachschöpfung von Flinck. 1924 hatte Wilhelm von Bode das Bild für die Sammlung als einen Rembrandt erworben. Heute nun glaubt man zu wissen, dass das Berliner Bild ein früherer Vorläufer des genialen Bildes im Rijksmuseum ist. Die steinalte Sophia nahm sich vor, unbedingt ihren Bruder, jetzt in Amsterdam und Leiden, anzurufen, um seine Meinung zu diesen neuesten Forschungen zu hören.

Rembrandt Harmensz. van Rijn „Landschaft mit Bogenbrücke“, um 1638, Holz, © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt