Stille nach dem Verschwinden

Des Nachts kreiste ich mit schweren Gedanken. Da blieben mir folgende Worte im Sinn, die wollte ich mir für den nächsten Tag merken und schrieb sie kurz nach dem Erwachen auf.
– Ziehen Liebe – Verschwinden Stille –
Wieso finde ich solch eine Anhäufung des hellsten Vokals? Die vielen Ihs… Am hellichten Tag hat dies alles keinen Sinn mehr. Das unmittelbar drängende Gefühl der Zunneigung zu einem geliebten Menschen, ein fast körperlich spürbares Ziehen, kennen fast alle Menschen. Und die Stille am Grab haben unzählbar viele schmerzvoll erfahren.

«Korallenbaum», glasierte Keramik mit Korallen aus dem Mittelmeer, Sammlung RW, Fotografie RW 2021

23 noch und nöcher


Das ist ein 23-Wünsch-Dir-Was-Spiel: 23 Berichte, überreicht an 23 Terminen durch die Brauchtumsfreunde in Eller, vorgelesen in 23 gestohlenen Wohnmobilen.

Zeitungsartikel aus der aktualisierten 23-Sammlung. Fotografie RW 23. 05. 22
Ruth23Weber.de

Mise en scène

Fünf Theaterkorallen hatte der indische Prinz auf einem belgischen Flohmarkt endeckt. Sie waren aus Draht geformt, ummantelt mit Papiermaché und korallenrot angemalt. Er ordnete zwei von ihnen in den ägyptischen Parfümfläschchen an, stellte zwei weitere Fläschchen hinzu, versah das eine mit einem frühen Selbstporträt aus glasierter Keramik und das andere mit einem geschliffenen Prasiolith. Jetzt überleg mal, was das zu bedeuten hat, sagte er zu seiner Freundin, der steinalten Sophia, die ihn zum Wochenende besuchen kam.

Theaterspiel, Fotografie RW 21. 5. 22

Schneckenleben


So schnell wie sie nur kann, will die Schnecke den nassen Ort verlassen, die pralle Sonne mag sie aber ebenso wenig. Tief unten in der dunklen Feuchte der Friedhofspflanzen hatte sie mit drei Artgenossen die alten Primeln, die Bartnelken und die Hornveilchen angefressen. Der nasse Guss, der unerwartet von oben kam, ließ sie die Pflanzenstängel hochkriechen. Das Haus konnte sie nicht verlassen, aber sie kam soweit heraus, dass die Schwerkraft es rutschen ließ und ihre Hinterlassenschaften frei wurden, die verieten, dass sie sich am Grün satt gefressen hatte. Nun musste sie ein neues schattiges Plätzchen finden. Ich ließ sie gewähren, die beiden anderen hatte ich schon etwas unsanft aufs nächste Grab gesetzt.

Schnecke in der Pflanzschale, Fotografie RW 18. Mai 2022

Il Tempo e la Grotta della Vergine

Auf der byzantinischen Votivkrone von Leo dem VI steht ein geschnitzter Bergkristall aus römischer Zeit. Der Bergkristall weist architektonische Elemente auf, ähnlich einem Kapitell. Vorne ist er wie aufgebrochen, hat eine Öffnung. Darin steht eine Madonnenstatuette aus dem 13. Jahrhundert gleichsam in einer leuchtenden Grotte. Hat sie den Mund geöffnet, wie genau ist ihre Haltung? Sofort möchte ich nach Venedig fahren und in der Schatzkammer von San Marco mich von der Schönheit dieses Wunders überzeugen. Bei der Recherche fand ich heraus, dass ich die Schatzkammer virtuell betreten kann und siehe da, schon im ersten Raum steht die Grotta della Vergine im hinteren Teil einer großen Vitrine. Man kann sogar das Objekt nah heranzoomen. Hier konnte ich nicht nur die beiden schönen Vögel auf dem Kronenrand, die Emailmalerei, die Almandine und Perlen zwischen den runden Bildern genau studieren, sondern auch Marias Gesichtsausdruck und ihre Haltung sehen. Nein, sie hat den Mund nicht geöffnet und ihre Hände hat sie erhoben, um den Betrachter mit offenen Armen zu empfangen. Die Entstehungszeit von Quarzkristallen dauert unter Umständen 40.000 bis Millionen Jahre, wie klein scheint mir dann der Zeitraum, den die drei Bestandteile des Objektes umfassen. Die Abbildung der Grotta della Vergine fand ich im schönen Buch Anton Legners über den Bergkristall.

Anton Legner «Faszination Bergkristall», Greven Verlag 2021
http://www.meravigliedivenezia.it/de/venezia-media/VR/tesoro03/index.html
http://www.meravigliedivenezia.it/de/virtuelle-objekte/TSM_077.html

Wir sind treu

Heute sah ich den ersten Mauersegler des Jahres das Rheinfenster anfliegen. Ganz kurz davor hob er empor um die Lücke unter dem Dachvorsprung zu treffen. Er kam allein und wird sich jetzt von seiner langen Reise ausruhen. Das Gewitter von gestern Abend und den im Rheinland ersehnten Regen hat er abgewartet.
Im Morgengrauen singen die Vögel in den Gärten, aber es ist ein leises Konzert mit weniger Stimmen. Die Rosen in den Gärten und oberhalb des Rheindeichs blühen in einer frühen Pracht, als hätten sie dazu im Sommer keine Zeit mehr. Sie gönnen sich noch nicht einmal die Muße, ihre Blütenblätter ordentlich und nacheinander zu entfalten. Sie sind wahrlich explodiert und schauen erstaunt auf ihre Schwestern, die schon wieder welken wollen.

Rosen am Rhein, Fotografie RW2022

Ehernes Zeitalter

Zwei Oberschenkelknochen und ein Wirbel aus Bronze, der Kupferzinnlegierung – Abgüsse von Tonkeramiken, die ich schon Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrtausends gemacht habe. Sie sind sehr schwer und so groß wie der Oberschenkelknochen eines Menschen. Die Bronze habe ich nicht patinieren lassen, so kann die Oberfläche eigene Spuren entwickeln. Die Gusshaut ist jedoch entfernt worden und sie sind leicht gebürstet. Sie tragen meine Signatur und einen Gießerstempel.

Bronzeknochen, Mai 2022, Sammlung RW, Fotografie RW, 5. 5. 22

Schwebezustand

Ganz dünnwandig sind die mundgeblasenen Parfumflakons aus Ägypten und sehr leicht. Die rote Farbe sieht aus, als wenn sie mittels einer Folie aufgetragen wurde. Sie stammen mit Sicherheit aus einer Massenproduktion für den Touristenmarkt. Mir gefiel aber die Vorstellung, sie als Sockel für meine Mineralien, Steine und Fossilien einzusetzen, daher kaufte ich vier Stück in unterschiedlichen Größen bei einem Händler für nordafrikanische Keramik in Egmond aan Zee. Zu Hause überlegte ich, etwas Schweres, gar nicht Elegantes aufzusetzen. Ich entdeckte im unteren Bereich des Mineralienschranks die alte Quarzstufe wieder, die mir mein Vater vor Jahren von einem seiner Flohmarktgänge mitbrachte. Ich war damals gerührt, dass er an mich dachte. Er hatte den Händler nicht nach der Herkunft des Quarzes gefragt. Ich behaupte, die Stufe könne sogar deutsch sein, aus dem Siegerland. Sie hat bräunliche Färbungen, vielleicht von Limonit, Siderit oder Hämatit? Ich hätte Lust einen Geologen zu fragen. Auf das Gläschen gelegt scheint die schwere Stufe zu schweben, ein Zustand, der nicht zu ihr passt, aber sie wie eine Wolke fein austariert.

Eine Quarzstufe und zwei Flakons, Fotografie RW, 4. Mai 2022

Tiere und Pflanzen

Neuerdings kann ich eine mit dem Smartphone fotografierte Pflanze, oder ein Tier, oder ein Bauwerk ziemlich treffsicher identifizieren. Nur mit diesem Spatz, der in die Strandbar hineinflog, um ein paar Krümel vom Tisch zu ergattern, klappte es nicht. Er wurde nicht als männlicher Sperling erkannt. Für die unbekannte kleine blaue Blume, die ich gestern fotografierte, gab das Gerät zwei Vorschläge: Strauchiger Steinsame oder Glandora prostrata, der zweite war richtig. Das frische Feigenblatt wurde eindeutig identifiziert, bei der gelbweissen Blüte schwankte das Programm zwischen Mutterkraut oder Gänseblümchen, beides nicht korrekt. Den Spatz hat das Smartphone nicht erkannt, weil er im Gegenlicht fotografiert wurde. Außerdem gibt es hier wohl ein Figur-Grund-Problem, zuviele Flecken und Überschneidungen zwischen Tier und Hintergrund. Hab versucht, das Tier in photoshop noch aufzuhellen, nein, der Sperling wollte trotzdem nicht erkannt werden. Ja, da bin ich doch intelligenter: Ich weiß, dass der Fenstergriff kein Schiff ist und das Boot direkt darüber weit hinten auf dem Meer fährt und die Blume in der Vase eine Tulpe sein muss … ich war ja auch unmittelbare Zeugin des Geschehens.

Spatz am Meer, Fotografie RW, April 2022

Kupfer

Beim Anblick des auf der Straße liegenden Seidenbandes dachte der indische Prinz an die prächtigen Exemplare gediegenen Kupfers, die er in der Sammlung seines amerikanischen Freundes aus Michigan gesehen hatte. Er selber besaß nur ein kleines Nugget, dessen Herkunft er nicht kannte. Der warme rötliche Ton des Kupfers war ihm fast noch lieber als die satte Farbe von gediegen Gold. Eigentlich glich die Farbe des Bandes mehr der von Bronze, der Legierung aus Kupfer und Zinn. Vor Wochen hatte der Prinz einige Bronzefiguren in Auftrag gegeben – Abgüsse von Tierknochen, die er vor Jahren am Ufer des Brahmaputra gefunden hatte, lange Schenkelknochen und wirbelähnliche. Gestern hatte die Giesserei sich gemeldet, dass die Abgüsse fertig seien. Nun musste er lediglich entscheiden, ob sie noch patiniert werden sollten. Nein, er wollte die glänzende helle Farbe der Bronze für seine Objekte behalten und vielleicht nur ein Wachs auftragen lassen, dass es nicht zu Oxidationen kommen konnte. Für die Bronzen hatte er schon eine Vitrine bauen lassen, auf dass die Stücke neben den Kupfermineralien gut zur Geltung kämen.

Band auf dem Straßenpflaster in Bergen, Nordholland, Fotografie RW, 26. April 2022