FIAT 23


Am Morgen steht ein kleines Auto vor der Tür. Es hat einen schönen, grauen, restaurierten Lack und rote Ledersitze. Es ist ein alter Fiat 850 wohl aus den 60er Jahren. Die steinalte Sophia erinnerte sich, in den 70er Jahren als junge Frau einen alten roten Fiat Jagst gefahren zu haben, der bei vielen Freunden reine Begeisterung auslöste, schon allein beim Anlassen des Motors. Ihr Wagen hatte 23 PS, das weiß sie noch genau. («Die von 1964 bis 1967 gebaute zweite Generation unterscheidet sich hauptsächlich durch die vorne angeschlagenen Türen und den, aus Versicherungsgründen, auf 23 PS reduzierten Motor.» sagen die Fiat 600 Freunde Deutschland) Sophia dachte an Turin, die norditalienische Heimat der ursprünglichen Fiatwerke. Sie sei eine geheimnisvolle Stadt des Okkulten, behaupten Esoterik-Anhänger. Um die Zahl 23 wird ja auch so ein blödes Gewese gemacht, das gefiel der steinalten Sophia gar nicht. Für mich ist die Zahl ein reines Sammelding, behauptete sie fest und freute sich an der 23 auf der Fahrertür des grauen Fiat. Die würde sie sofort ihrer Sammlung einverleiben.

Fiat 23 am Rhein in Düsseldorf, Fotografie RW, 21. April 2022

Bergkristall

Eben gab ich das Wort Bergkristall in die Suchmaske meines Blogs ein, um herauszufinden, wie oft ich schon über dieses Mineral schrieb. Es erschien die magische Zahl 24, die Zahl, die ich in einem alten Traum finden sollte und stattdessen die 23 fand. Das ist ein Glücksfall. Heute nun also der 25. Beitrag über Bergkristall, den reinen Quarz – SiO2 Siliziumdioxid – ein sehr häufiges Mineral. Das Buch von Anton Legner, das sich dem Bergkristall und seiner Rolle im Mittelalter widmet, wurde vor ein paar Tagen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung besprochen. Eine Ausstellung zum Thema wird im November im Schnüttgenmuseum zu Köln eröffnen. Zwei Ereignisse, die ich für mich mit Freuden verbuche.
Der geschnittene Bergkristall als kostbares, durchsichtiges Behältnis für heilige und zu verehrende Dinge – Reliquien – hier ein Dorn aus der Spottkrone Christi, getragen von einem goldenen Engel – scheint mir tausendmal würdiger als das von Menschen gemachte Glas. Trägt der Bergkristall doch in seinem Innersten das Millionen-Jahre-alte Gedächtnis seiner eigenen Geburt, manchmal sogar als Gas- oder Flüssigkeitsinklusion. In der Tiefe der dunklen Bergklüfte wachsen die Quarze in trigonaler Symmetrie zu Kristallnadeln aus. Sechs Seiten haben sie und enden an den Spitzen in Rhomboedern. Ungeheuer vielfältig kommen sie in vielen Varianten und Wachstumsformen vor. Ein herrliches Forschungsgebiet – und von den Strahlern aus den Bergen der Alpen herausgeholt, gingen sie in alter Zeit nach Mailand, wurden dort von den Cristallari geschliffen zu liturgischen und profanen Gefäßen, zu reichem Besatz von Kristallüstern und Schmuck, bis die Böhmen ein Kreideglas erfunden hatten, das viel preiswerter war.

«Himmel und Erde» Artikel von Uwe Ebbinghaus in der FAZ vom 14. April 2022
Monstranz aus dem 15. Jahrhundert mit goldenem Engel auf dem Bergkristalbecher, einen Dorn aus der Spottkrone Christi tragend. Foto Kolumba Museum/Lothar Schnepf
Anton Legner «Faszination Bergkristall», Greven Verlag 2021

Geheimes Wissen an Ostern

Die Schachbrettblume lesen, Zug um Zug, Strategie um Strategie. Die Schachfiguren könnten Wassertropfen oder Insekten sein, die das Muster ablaufen und geheime Strategien verraten. So könnten die Wassertropfen mit einem Gambit beginnen, um den König der Spinnen nach 23 Zügen schachmatt zu setzen. Fritillaria meleagris ist der wissenschaftliche Name der Blume, der auf das lateinische Wort fritillus für „Würfelbecher“ zurückgeht und die Form der Blüten und das eckige Muster beschreibt. Würfeln ist also auch erlaubt, um Lösungen und Wege für die Zukunft zu finden. Andere sprechen von urtümlich musikalischen Zeichen einer Geheimschrift auf den Blütenblättern, die nur von dem Vergissmeinnicht gelesen werden kann, das sie so fröhlich umtanzt. Dass die Blume auch Kiebitzei genannt wird, wusste die Gartenfreundin noch nicht.
Frohe Ostern!

Schachbrettblume und Vergissmeinnicht im Garten der Freundin, Fotografie RW, Ostern 2022

Christus auf dem kalten Stein

Matthäus-Passion
kein Ende des verdammten Krieges
im Gebet verdeckt der Papst sein Gesicht, Zeitungsfoto
Ruf nach schwersten Waffen, Schlagzeile
Lügen, Verblendung, Verrat
keine Lösung in Sicht
Karfreitag
Hoffnung auf ein Ostern

Rumoldkathedrale Mechelen, Christus auf dem kalten Stein, Fotografie RW 2009, digitale Veränderung Karfreitag 2022

Doch ein Rembrandt

1996 hatte die steinalte Sophia einem Freund einen Brief geschrieben, sichtlich beeindruckt von einer kleinen Landschaft in der Berliner Gemäldegalerie …blaßgrünlichblauer Himmel am linken offenen Horizont, rechts die schweren, olivdunklen Wolken des Gewitters, jäh Gespenstisches in der grellen Beleuchtung der Bäume und in den Schattenzonen Ruhigvertrautes, ein seltsames Licht in den pastosen Kräuseln der Baumgruppe, wie schwefelfarbenes Kohlgestrüpp.
Habe sofort mit meinem Bruder in Dresden telefoniert, der mich darauf hinwies, daß in Amsterdam Rembrandts Steinerne Brücke hinge, die das im Aufbau ähnliche Berliner Bild noch überträfe. Bis jetzt hab ich nur eine Katalogabbildung gesehen, und ich muß meinem Bruder zustimmen: angesichts des Drehens und Wirbelns in den Wolken, das sich gestaltähnlich in der beleuchteten Baumgruppe wiederholt und konzentrisch verdichtet, hab ich mich unbändig gefreut… Vor ein paar Tagen las Sophia in der Zeitung, dass die Landschaft nach neuesten Forschungen nun doch wieder Rembrandt zugeordnet würde, nicht mehr Govert Flinck, wie es noch das Rembrandt Research Project 1989 getan hatte. Es sei eine spätere Nachschöpfung von Flinck. 1924 hatte Wilhelm von Bode das Bild für die Sammlung als einen Rembrandt erworben. Heute nun glaubt man zu wissen, dass das Berliner Bild ein früherer Vorläufer des genialen Bildes im Rijksmuseum ist. Die steinalte Sophia nahm sich vor, unbedingt ihren Bruder, jetzt in Amsterdam und Leiden, anzurufen, um seine Meinung zu diesen neuesten Forschungen zu hören.

Rembrandt Harmensz. van Rijn „Landschaft mit Bogenbrücke“, um 1638, Holz, © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt

Aussichtslos – ach könnte doch einer helfen.

Ein Teichhuhn hat sich in den Garten am Rhein verirrt und versucht doch tatsächlich durch hektisches Flattern mit zu kleinen Flügeln und zu großen Füßen etwas von den hoch hängenden Futterbällen zu ergattern. Früher sah ich die Eichhörnchen bei dem Vorhaben, das Futter von weitem anzuspringen – sehr erfolgreich – dann die Amsel, sie hat gelernt, zumindest durch einen kurzen Kontakt im Anflattern von unten etwas vom Ballen abzuspleißen. Aber das Teichhuhn? Aussichtslos. Der aufkommende Sturm bläst fester und fester, so dass sich das Huhn unter die Büsche zurückziehen muss.

Papst mit ukrainischer Flagge, abfotografiertes und digital verändertes Zeitungsfoto aus der FAZ von heute, Fotografie RW, 7. April 2022

Zeiträtsel

Endlich, endlich kam dem indischen Prinzen die Erleuchtung und zwar des Nachts im Anschluss an einen Traum: Das Sammeln ist der Versuch, das Rätsel der Zeit zu lösen. Ich sammle, um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verstehen. Indem ich die gesammelten Dinge betrachte, erforsche ich ihre Geschichte, Zusammensetzung und Herkunft. Indem ich sie besitze, stehen sie mir jederzeit zu neuerlichem Staunen gegenüber. Sehr bald aber stellen sie mir weitere Fragen und der Wunsch nach neuen, die Sammlung ergänzenden Dingen will erfüllt werden.

Ringsammlung (v. l. Amethyst, synthetischer Rubin und Markasit, roter Turmalin und Diamant, Diamant und Rubin) auf Keramiksockel, Detail, Fotografie RW 5. April 2022
 
 
 

Ein Sonntag

Von Tadao Ando stammt das Museumsgebäude der Langen Foundation auf der Raketenstation Hombroich. Besonders schön ist es, sich im Kirschblüten-Frühling dem Haus zu nähern, vorbei an den Wasserflächen, in der gerade eine Skulptur von Sean Scully steht. Heute wurde die große Show von Scully’s Werken eröffnet. Hunderte Menschen strömten durch die Ausstellungshallen und trafen sich danach im Freien auf dem umgebenden Grün. Man konnte ein Getränk zu sich nehmen und Kleinigkeiten essen. Ein so ungewohnter Anblick, ein lange nicht mehr erlebtes Ereignis, wie die vielen Menschen in der Sonne standen und hier jemandem zuwinkten, andere umarmten, um sich schließlich angeregt zu unterhalten. In der benachbarten Skulpturenhalle der Thomas Schütte Stiftung sah man die Werke des vor 30 Jahren jung verstorbenen Künstlers Bertram Jesdinsky. Dreimal hatte ich mit ihm in Gruppenausstellungen der 80er Jahre ausgestellt. Seine Arbeiten wirken heute nicht alt und wie gern hätte ich seine Weiterentwicklung miterlebt.

Langen Foundation im Frühling, Fotografie RW 3. 4. 2022

Eine schöne Korrespondenz

Eine Amsel sang am späten Nachmittag. Ich hörte sie vom Rheinfenster aus – während eines Telefonats. Da antwortete nicht nur die vertraute Stimme im Telefon, sondern auch ein Amselruf aus dem sieben Kilometer weit enfernten Garten des Ateliers.

Regentropfen auf Lindenblüten, Fotografie RW 31. 3. 2022