Ein Fenster mit Bernstein, Milchquarz und Dendriten

Das schlichte Fenster war aufgefallen. Der bernsteinfarbene Rand und das milchige Innenglas gefielen dem Kirchgänger am frühen Nachmittag. Der Versuch es zu fotografieren gelang nur mäßig. Die Perspektive des Fotos konnte er im Bildbearbeitungsprogramm minimal korrigieren. Als er die Mitteltöne des Abbildes im Kontrast etwas hervorhob, fielen ihm die Schattenrisse eines Gitters auf, die sich hinter dem Milchglas abzeichneten. Er sah einen Anker, zwei fliegende Schwalben und ein gespiegeltes Blatt auf geschwungenen Bögen. Wie satt die Novembersonne das Gelb erwärmte! Er spiegelte das Bild und stellte ein schiefes Paar zusammen.
Der Kirchgänger überlegte, ob sein Foto durch das Umwandeln in einem Bildbearbeitungsprogramm an Wahrheitsgehalt verlieren würde und ob es als Print sich weiter verwandeln und dann, wenn es gedruckt in einem Buch auftauchen würde, ein ganz anderes Medium wäre. Dies war behauptet worden und ein Vergleich wurde gezeigt und alles stimmte. Da ging er am nächsten Tag zurück in die Kirche und betrachtete das Fenster erneut.

Schlichtes Fenster in der Kirche St. Peter und Paul in Ratingen bei Düsseldorf
Fotografie RW, 8. November 2022

Kreuz im Gebirge


An der Kieler Förde besuchte der indische Prinz einen Antiquitätenhändler, weil er seine Bernsteinsammlung mit antiken Stücken aus dem baltischen Raum ergänzen wollte. Im Geschäft wurde er enttäuscht, kein Bernstein weit und breit, nur verarbeitet in silbernen Schmuckstücken aus Dänemark. Das interessierte ihn nicht. In einer Vitrine sah er dann ein Glas in der simplen Form eines schmalen Bechers. Es hatte die Farbe Gelb, fast wie der gesuchte Butterscotch-Bernstein. Oben hatte das Glas einen goldenen, ziemlich abgeriebenen Rand. Außerdem war es verziert mit goldener Frakturschrift Andenken an Palmnicken. Der indische Prinz kannte diesen Ort nicht, der Name klang exotisch Palmen nicken. Der Händler sagte Das war im ehemaligen Ostpreußen. Zu Hause informierte sich der indische Prinz – direkt an der Bernsteinküste der Ostsee lag Palmnicken, etwa 40 Kilometer nordwestlich von Königsberg (Kaliningrad). In unmittelbarer Nähe des russischen Ortes, heute Jantarny genannt, lagern große Bernsteinvorkommen. Auf Google Maps sah der Prinz die sandigen Tagebaugebiete, wo der Bernstein in riesigen Gruben bis heute tonnenweise abgebaut wird.
Zu seiner Bestürzung las er auch von dem Massaker an Juden im ostpreußischen Palmnicken im Januar 1945. Da bekam das gelbe Glas eine schreckliche zweite Bedeutung. Sollte er es zurückgeben?
Zwischen allerhand altem Schmuck hatte der indische Prinz im Laden auch ein kleines Kreuz entdeckt. An den vier Enden war es besetzt mit klaren, funkelnden Steinen im Rosenschliff. Das Kreuz war aus Metall, vielleicht Silber, auf der Rückseite mit feinen Ranken ziseliert. Die Kreuzbalken vorne noch schwarz emailliert. Sind das Bergkristalle? fragte er den Händler. Dieser holte sein Prüfgerät und siehe da, die Skala zeigte Rot und es ertönte ein heller Ton – es waren Diamanten.
In seinem Kabinett stellte der Prinz das Kreuz später auf drei unterschiedliche Quarzstufen aus Brasilien, der Schweiz und dem Siegerland. Wie ein Gipfelkreuz dachte er ein Orientierungszeichen.

Diamantkreuz auf Quarzstufen, Sammlung RW, Fotografie RW, 5. November 2022
https://de.wikipedia.org/wiki/Jantarny#cite_note-30

Das Meer ist anders als der Fluss


Nach kurzem heftigen Windaufkommen beruhigt sich das Meer am frühen Nachmittag. Ganz still leuchtet es und zeigt keine Bucht, kein Ufer. Am scharf geschnittenen Horizont verdichtet sich das Blau und auf ihm fahren die riesigen Schiffe und Fähren, fast ins Unsichtbare verkleinert, ihre Bahnen nach Skandinavien. Über den frischen Himmel verteilt zeigen graue und weiße Wölkchen elegante Fächerbögen. Komm lass uns nach unten ans Ufer gehen und Steine suchen, sage ich zu meiner Schwester.

An der Kieler Förde, Fotografie RW, 3. November 2022

Himmelsgeometrie

Zu Tausenden, aber wirklich, flogen die Kraniche gen Süden über den Rhein, auch genau über unsere Dächer hinweg. Welch schöne Route haben sie sich ausgesucht, als hätten sie präzise die Himmelseinschreibungen der Flugzeuge einberechnet.

Eine Doppeleins der Kraniche mit Kondensstreifen über Düsseldorf,
Fotografie RW 30. 10. 2022

Grün zu Beginn der Winterzeit

Die Platanen auf dem Rheindeich verlieren ihre Blätter. Sie segeln in großen Formaten von den gestutzten Bäumen. Auf dem Boden angekommen wirken sie noch größer, größer als ein aufgeschlagenes Buch. Bald krümmen sie sich, aus Gelbgrün wird krauses Braun. Sie werden mit Füßen getreten und rascheln dabei laut und deutlich.
Die wilden hohen Pappeln am unteren Ufer des Flusses haben im trockenen Sommer schon Blätter verloren, der Blitz fuhr in sie hinein, um sie zu spalten. Heute recken sie ihre Arme in die Höhe, verstehen etwas von Gruppengefühl.
Das jetzt sehr satte Gras kümmert sich nicht um Jahreszeiten, es glänzt kaiserjadegrün in der leuchtenden Sonne.

Düsseldorfer Rheinufer zu Beginn der Winterzeit, Fotografie RW, 30. 10. 22

Wehrhaft

Der Löwe schaut mich an, er hat die Schlange mit seiner Tatze abgewehrt. Seine Brust ist mächtig aufgebaut. Das Reptil krümmt seinen Körper in fünf Ringe. Es ist jetzt sehr zahm und züngelt nur ein wenig, fast zärtlich die Pfote des Löwen. Auf dem Rand der Schale sind Striche in Gruppen aufgebracht worden. Ich zähle sie, mal sind es elf, mal sind es dreizehn, wie eine Strichliste der abgewehrten Feinde. Dazwischen sind acht Blätter, V-förmig angeordnet – das sind die Siegeszeichen. Die Schale erkläre ich zu meinem Kunstwerk. Ich erlasse ein Dekret, dass sie im Museum von Chersones bei Sewastopol für immer ausgestellt werden und von allen Menschen der Welt in Frieden jederzeit zu besichtigen sein soll.

«Warum Putin Potjomkin wieder exhumieren lassen will
Von Konstantin Akinscha
„Heim ins Reich“: Russland verschleppt kostbare archäologische Objekte und Kunstwerke von der Krim und aus den besetzten Gebieten der Ukraine. Ein Gastbeitrag.»
FAZ 26. 10.22 (Feuilleton S. 11)

Rechthaberei


Das war für die steinalte Sophia schwer zu ertragen. In der prächtigen Ausstellung des Hetjens Museums Gold und tausend Farben in Düsseldorf sah sie zwei Fehler auf den Objektbeschriftungen.
Bergpriester (yamabushi) in eine Muschel blasend, steinzeugartiger Scherben, Japan, Meiji-Zeit, spätes 19.Jh.
Wandvase in Form einer Muschel, Japan, Meiji-Zeit
Und sie konnte nicht anders, sie musste es dem Kurator der Ausstellung persönlich sagen. In beiden Fällen handelt es sich um die Schalen von Meeresschnecken, den Tritonshörnern und ihre Verwandten. Muscheln sind immer mit zwei Klappen versehen, Schnecken haben nur ein zusammenhängendes Gehäuse. Der Kurator reagierte entspannt, ob er die Schildchen umschreiben würde? Sophia ärgerte sich, dass selbst in der kunsthistorischen Fachliteratur von Muschelhörnern die Rede ist, die auf Gemälden und Brunnenskulpturen von den Tritonen und anderen mythologischen Meeresbewohnern geblasen werden. Von den Esoterikern ganz zu schweigen, die wie die asiatischen Priester einst auch hier und heute ins Muschelhorn blasen, um zur Beruhigung aufgeregter Zeitgenossen beizutragen.
Die steinalte Sophia hatte sich lange mit den Meerestieren beschäftigt, um in den Gesprächen mit dem indischen Prinzen über seine Sammlung fossiler Muscheln und Schnecken wissensmäßig mithalten zu können. Zur Klasse der Mollusken gehören unter anderem die Muscheln, die Schnecken, die Cephalopoden und die Brachiopoden. Welch eine Formenvielfalt gab es da. Welche Farben und Muster – Tupfen, Streifen, Flammen. Der indische Prinz hat seine Exemplare in kostbaren Kästen zu symmetrischen Bildern angeordnet. Diese wiederum in einem hohen Schrank untergebracht, der über und über mit zierlichen Perlmuttintarsien besetzt ist.

Hetjens Museum Düsseldorf, Gold und tausend Farben, angewandte Kunst aus Japan, Fotografie RW, Oktober 2022

Lange nichts – dann zuviel

Jetzt will ich schreiben.

Über den Berg des Lichts, den Koo i Nohr, der große Diamant in der Queen Mum Crown, der an seine ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden soll, aber welche sind diese?

Über das schöne Buch, das ich gestern von Lothar Schirmer erhielt. Es heißt Das Becherhaus in Mudersbach und enthält 45 Fotografien von Laurenz Berges und einen Essay von Hanns-Josef Ortheil. Abgebildet sind Bilder eines leer stehenden Fachwerkhauses im Westerwald, in dem einst zwei Tanten von Bernd Becher wohnten.

Über das Gedicht von Christian Lehnert Mitternacht, das heute in der Frankfurter Anthologie von Daniela Danz besprochen wurde.

Über den von mir geliebten Vermeer Mädchen mit Flöte, der keiner mehr sein soll.

Das Buch von Laurenz Berges auf der Tischvitrine mit hellen Mineralien, Fotografie RW 15.10.2022

Rechnen und Weissagung

In der Nacht zu gestern versuchte ich das Alphabet rückwärts aufzusagen. Ich wusste, dass der 23. Buchstabe das W ist und wollte nun herausfinden, welche Zahl das R hat. Es war die 18 – ungeheuer schwer fiel es mir, gleichzeitig die Buchstaben und Zahlen rückwärts zu ordnen. Schließlich nahm ich meine rechte Hand und fing mit dem Daumen an. Er war das R. Der Daumen der anderen Hand bekam durch Aufsagen und Abzählen das W.
23+18=41 Quersumme 5, da gefiel mir. 2+3+1+8=14 Quersumme 5, das gefiel mir auch.
Das Wort IDEE trägt die Zahlen 9 4 5 5 – gibt als Summe 23, Quersumme 5. Das englische Wort FAKE trägt die Zahlen 6 1 11 5 – gibt als Summe 23, Quersumme 5. Das alles gefällt mir sehr und ist meine alte Erfindung.
Da kann die weise Eule noch so drohend gucken, sie weiß auch nicht, wie es weitergeht.

Moped in Hauseinfahrt, Düsseldorf Gerresheim, Fotografie RW, 12. 10. 22