Faules Mädchen


Um halb neun sah die steinalte Sophia das dramatische Morgenrot. Es blieb nur kurz, da der Wind der vergangenen Tage sich noch nicht gelegt hatte. Im Hochwasser des Rheins flackerte das Kupfer abgeschwächt mit. Die graublauen Wolken zogen voran mit gewölbten Schleiern.
Aber der Tag verlief anders. In Decken gehüllt blieb Sophia auf dem Sofa sitzen und legte ein riesiges Puzzle aus. Es sollte ein Bild des Taj Mahal um 1890 werden. Am späten Nachmittag im Halbdunkel hatte sie bis auf die Himmelszone alles fertig. Da verlor sie in einem Wutanfall die Geduld, ging in die kalte Küche. Nach einer Tasse Tee hatte sie sich wieder gefangen und schaute im Fernsehen den Film Der Tiger von Eschnapur, den Fritz Lang 1958 gedreht hatte. Ihren Freund, den indischen Prinzen rief sie nicht an, obwohl sie sich wie immer über Handlung des Filmes wunderte.

Morgenrot am 16. Januar 2023, Fotografie RW 2023

Der Künstler

Der Künstler Martin Assig hat einen Werkblock Seelen genannt, einen anderen St. Paul. Ein Regal mit Wachskästchen heißt Vorrat. Ein Blatt in der Ausstellung, auf dem viele kleine, einfache Köpfchen gezeichnet sind, kommt mir sehr bekannt vor. Ein anderer Werkblock heißt Übungen zur Verwunderung. All dies hat mich enorm angezogen. In der Ausstellung Weil ich Mensch bin fühle ich mich mit dem Künstler verwandt und bestätigt. Seine Arbeiten berühren Bereiche, mit denen ich mich seit Jahren befasse. Schöpfung, Mensch und Tod, Votivgaben, Ritual und Heiliges. Wandgroße Arbeiten in Enkaustik, oft mit sich wiederholenden Ornamenten und Schrift im Bild, wechseln sich ab mit kleineren Papierarbeiten, die gehängt in großen Blöcken an tägliche Notate erinnern.
Die Fünf auf dem oben abgebildeten kleinen Blatt erinnert mich an die Wundmale Christi. Er wurde ans Kreuz genagelt und mit einer Lanze stach man ihm die Seite auf. Unten zeigt eine Hand ihre fünf Finger mit rotem Fleck auf rotem Grund.
Ich empfehle die großartige, umfangreiche Ausstellung mit etwa 400 Arbeiten des Künstlers all denen, die sich die Fragen des Lebens stellen und dieses auch gerade wegen der Kunst lieben.

Martin Assig «Weil ich Mensch bin» Museum Küppersmühle Duisburg, noch bis zum 5. 3. 2023

Non manu factum, zum Tod von Hans Belting

Hans Belting ist gestorben. Er war für mich die prägende Gestalt unter den Kunsthistorikern und Medientheoretikern. Heute schreibt Stefan Trinks über ihn in der FAZ. Ich hole seine Bücher aus meiner Bibliothek – Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst – ist das für mich wichtigste. Folgendes lässt mich nicht los:
Vera Icon
Non manu factum
Volto Santo
Das Antlitz Gottes
Das Tuch der heiligen Veronika
Das Turiner Grabtuch
Die Erfindung des Porträts in der Malerei
Die Ikone
Bild und Abbild
Fotografie
Abklatsch und Spur
Chemische Reaktion des Lebendigen auf dem Materiellen
Verwandlung des Lichts in Stoffliches
Das Licht als Stoffliches

Das Buch auf der Zeitung, umgekehrte Fotografie RW, Freitag, den 13. Januar 2023

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/zum-tod-des-kunsthistorikers-hans-belting-18597633.html

Ich kann es nicht festhalten

Nun spricht Louis Blank. Er ist dreiundzwanzig Jahre jünger. Auch er kennt Träume vom Meer, von der Fähigkeit zu fliegen und von der Unfähigkeit zu fotografieren. Das gelingt nie im Traum, er versucht es mit dem Smartphone, das aber lässt sich nicht bedienen. Er versucht es mit der Kamera, hält sie hoch, drückt auf den Auslöser, immer wieder. Da ahnt er, dass damit ältere Bilder, die er auf der langen, großen Reise aufgenommen hat, verloren sind. Ist der Film nicht längst voll, habe ich jetzt Mehrfachbelichtungen verursacht, so dass alle gesehenen Landschaften, Felsformationen, Wasserfälle, Waldlichtungen, Tautropfen am Schachtelhalm, Augen eines normannischen Rindes, Himmelsweite, Wolken und Steilküsten sich überlagern und sie zu einem undurchdringlichen Konglomerat verschmolzen sind?

JK vor einem Bild von Wilhelm Sasnal, digital bearbeitete Fotografie RW 2014

Drei Könige

«Christus Mansionem Benedicat» schreiben die Sternsinger mit Kreide auf die Haustüre der steinalten Sophia. Sie hat heute zum Dreikönigstag einen Kuchen gebacken, darin verborgen ein kleines Püppchen. So will es der Brauch. Sie hat ihre Freunde und Freundinnen eingeladen, um mit ihnen den Kuchen zu essen. Wer das Püppchen im Kuchen findet, bekommt eine goldene Krone aus Papier aufgesetzt und ein Sternsingerlied wird gesungen. Der indische Prinz ist auch eingeladen und hat als Gastgeschenk zwei Wallsteine, respektive Maaseier aus dem Rhein, und einen Feuerstein, respektive Hühnergott von der Ostsee, mit den alten japanischen Messergriffeinfassungen und Messerendstücken versehen. Im Japanischen heißen sie Kashira und Fuchi. Die kostbaren Teile sind aus vergoldetem Kupfer und zeigten bei Caspar Heuschrecken und Grillen, bei Balthazar Wasser und Wellen, bei Melchior Blüten und Zweige. Wie drei gekrönte Häupter reicht er die Steine seiner Gastgeberin. Die steinalte Sophia kommentiert – Gold, Myrrhe und Weihrauch, das waren die Gaben der drei weisen Sterndeuter aus dem Morgenland.

Drei Steine mit Fuchi und Kashira aus dem 18. Jahrhundert, Sammlung RW. Fotografie RW Jan 23

Das Märchen von den 23 Ringen

Der indische Prinz erzählt am zweiten Tag des Neuen Jahres ein Märchen. Die Geschichte von den 23 Ringen. Und die geht so – Eine alte Frau erinnerte sich an die Erzählungen ihrer Großtante, die vor der Flucht aus besetzten Gebieten im Wald hinter dem Garten des großen Hauses wertvolle Silberbestecke, Porzellan und auch Schmuck vergraben hatte. Lange, lange hatte sie darüber geschwiegen, aber als es wieder möglich war, in diese Gebiete zu reisen, schickte sie ihren Großneffen, um nach dem Rechten zu sehen. Sie hatte sich die genauen Koordinaten der Vergrabung aufgeschrieben. Der Großneffe, ein Abenteurer, der schon in den vergangenen Jahren in Afrika einheimischen Hirten einen großen, zentnerschweren Stein abgeluchst hatte – wie sich später herausstellte ein sehr seltener, kostbarer Eisen-Meteorit – machte sich mit Metalldetektor und Schaufel auf den Weg in den Osten des Nachbarlandes. Dort angekommen sah er, dass das ehemalige Waldgebiet grau und leer war. Große flache Gruben hatten sich im Regen mit Wasser gefüllt. Verrostete Bagger verloren dazwischen und die eingeschlagenen Fenster der verlassenen Baubuden zeugten von Einbruchsversuchen. Den Großneffen schreckte das alles nicht ab, er begann sogleich, wenn immer ein Signalton seines Detektors ertönte, mit seinem Spaten zu graben. «Aber so dumm bin ich nicht, wenn hier Bagger zugange waren, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, hier noch etwas zu finden», sagte er sich und musste am Abend den Ort mit leeren Taschen verlassen. Nachts aber hörte man bei den Gruben unruhiges Rascheln und leise Gespräche. Zwei Illegale aus Afrika hatten sich in einem Bauwagen ein notdürftiges Lager aufgebaut und auf dem Gelände nach Verwertbarem gesucht. Dabei hatten sie einen Holzkasten gefunden, den sie im Schutze der Nacht aufbrechen wollten. Sie hatten kein Licht, aber als der Mond kurz zwischen den Wolken aufschien, schimmerte es im Innern der aufgebrochenen Kiste. Weiße Stoffe umhüllten ein längliches Päckchen und als sie es aufrollten, blinkte ihnen das tausenjährige Funkeln seltener Steine entgegen. Sie zählten dreiundzwanzig kostbare Ringe mit Rubinen, Smaragden, Saphiren und Diamanten besetzt. Am nächsten Tag verkauften sie ihren Fund an einen Hehler der Stadt am östlichen Meer. Nur den silbenen Ring mit dem Zeichen des Ankers behielten sie. Er sollte ihnen Glück bringen bei ihrer Fahrt über das Meer hin zu den Ufern eines freien Landes.
Nachdem der indische Prinz das letzte Wort gesprochen hat und es dunkel geworden ist, öffnet er eine silberne Schatulle und zeigt seinen Zuhörern die kostbaren Ringe aus dem Märchen. Wie farbige Blitze schießen die Feuer der Diamanten und edlen Steine im schwachen Licht der Kerzen hin und her. Auf welche Weise er an die Ringe gekommen war, behält der indische Prinz für immer für sich.

Blick in die Schmuckschatulle, invertierte und digital manipulierte Fotografie RW, am letzten Tag des Jahres 2022

In hoher Erwartung


Zwischen den Jahren wurde ihr Unmut immer größer. Das Jahr 2023 ist mein Jahr, hatte sie groß herausposaunt. Ich sammle die Zahl 23 seit Jahrzehnten. Der Jahreswechsel von 22 auf 23 sollte also angemessen gefeiert werden. Es ist meine Zahl, ich habe sie besetzt mit meinem Traum und meiner Sammlung. Je näher das Datum des ersten Tags des Jahres 2023 kam, um so trotziger wurde sie. Ich mache gar nichts, überhaupt nichts, es wird auch nicht gefeiert. Ich kann es nicht ertragen, dass jeder, aber auch jeder Tag des nächsten Jahres die Zahl 23 trägt. Sie beschloss, sich auf die Tage der Monate zu konzentrieren die zweimal die 23 tragen: 23. Januar 23, 23. Februar 23, 23. März 23 und so fort. An diesen Tagen würde sie jeweils eine kleine 23er-Arbeit machen, oder ihnen eine schon vorhandene widmen. Eine Ausstellung sollte vorbereitet werden. Mehrere kleine Objekte mit goldenen 23-Zahlen wollte sie fertigstellen und gesammelte Texte mit eben dieser Zahl zu Wandbildern vergrößern. Am 23. Mai 23 würde sie im ortsansässigen, altehrwürdigen Künstlerverein ein paar dieser Arbeiten zeigen. Zu ihrer Überraschung bekam sie kurz vor Jahresende von einer Freundin einen kleinen Spielstein aus Holz zugeschickt, der die 23 in roter Farbe trug. Er war kostbar in einem kleinen schwarzen Schmuckkästchen verpackt. Der Anblick des Spielsteins beruhigte sie ein wenig: Ich nehme ihn als Zeichen, dass im nächsten Jahr die Dinge sich auch dann ereignen, wenn ich nichts tue.

23-Spielstein, Geschenk der Freundin GR, Fotografie RW, Dezember 2022, mehr über die 23 auf Ruth23Weber.de

Ein Geschenk zum 23.

Zu Weihnachten bringt Lothar Schirmer jedes Jahr eine Weihnachtskarte für seinen Verlag heraus, die ein Kunstwerk abbildet. Dieses Jahr wählte er meine Arbeit «Bergkristall aus Brasilien 
in Kinderschuhen von 1927 (Erbe des Onkels)». Gestern kamen meine Belegexemplare mit der Post. Das ist das zweite wunderbare Geschenk, das ich dieses Jahr zu Weihnachten erhalte.

Filmstills von einem kleinen Smartphonefilm zur Vorstellung der Weihnachtskarte des Schirmer/Moselverlags. Fotografie RW 23.12.2022 Danke Lothar Schirmer!

Das traute Gefühl

Zwei Tage vor Weihnachten wurde die steinalte Sophia krank. Sie hatte sich mit der gerade grassierenden Seuche infiziert und hoffte, dass die vier Impfungen sie vor einem schweren Verlauf schützten. So habe ich dieses Jahr keinen Weihnachtsbaum und darf auch niemanden besuchen, um ihn zu beschenken, überlegte sie. Zum Glück hatte sie schon ein paar Vorräte eingekauft. Da kann ich mir am ersten Feiertag ein paar Rindsrouladen schmoren und am zweiten mach‘ ich Zürcher Geschnetzeltes, nur nicht mit Kalbfleisch sondern mit Geflügel. Sie würde den alten, weihnachtlich dekorierten Pappteller der Eltern aus dem Schrank holen und ihn mit ein paar Marzipanstückchen, die ursprünglich für eine Freundin gedacht waren, füllen. Dann hänge ich einfach die Weihnachtskugeln in die Orchidee, die ja gerade nicht blüht und werde im Radio das Weihnachts-Oratorium hören. In der Nacht bekam sie heftige Kopfschmerzen und Fieber, sie ängstigte sich nicht, sondern vertraute auf die Erzählungen ihrer Bekannten, dass die neueste Variante der Seuche etwas milder verlaufen solle. Wenn ich wieder gesund bin, fahre ich mit der Eisenbahn an den Mittelrhein und werde ein paar erholsame Spaziergänge im Winterwald zu Burgen und Schlössern machen.

Spielzeugeisenbahn in Bonn, Fotografie RW, Winter 2020

Das Geschenk von Hanns-Josef Ortheil


Zu meiner größten Freude schreibt der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil über mein Buch. In seinem für mich sehr anregenden Autorenblog, für den er seit Herbst 2016 fast täglich Beiträge über Literatur, Musik, Kunst, Beobachtungen des Alltags, seine Heimat, seine Gärten und Wälder verfasst, berichtet er zum vierten Advent über das Patenkind Lisa, das in seiner Bibliothek mein Buch entdeckt hat und daraufhin selbst beginnt, Steine zu sammeln. Ich darf Ortheil hier zitieren und empfehle seinen Blog zur täglichen Lektüre:

«Kostbare Sockel für seltene Dinge
Veröffentlicht am 17. Dezember 2022 von Hanns-Josef Ortheil
Mein Patenkind Lisa (12 Jahre) ist seit einiger Zeit häufiger zu Gast. Wenn sie morgens ins Haus kommt, geht sie oft zu den Bücherwänden, um nach Büchern zu suchen, die ihr gefallen. Sie möchte zunächst weniger lesen als schauen, deshalb greift sie nach Kunstbüchern oder reich bebilderten Bänden, die sie auf dem Boden stapelt.
Fünf bis zehn werden es jedes Mal sein, sie liegen nach der ersten Auswahl kreuz und quer aufeinander und werden danach genauer geprüft. Lisa sucht nach etwas Kuriosem, das ihr so noch nicht begegnet ist, dafür hat sie ein scharfes Auge.
Ich lasse sie in Ruhe und komme erst näher, wenn sie sich für ein bestimmtes Buch entschieden hat. Dann beugt sie den Kopf tief über die Seiten und schaut auf die Abbildungen, als müsste sie die bunten Bilder erst eingehend befragen: Was zeigt ihr mir da? Was ist das genau? Wie wurde das gemacht?
Ein Lieblingsbuch, das sie auf diese Weise befragt, ist von der Künstlerin Ruth Weber, es heisst, rätselhaft genug: Kostbare Sockel für seltene Dinge.
Zu sehen sind kleine Plastiken oder Skulpturen, mindestens 1,5 cm und höchstens 30 cm hoch. Ihre bunten und strahlenden fotografischen Abbildungen lassen sie jedoch viel größer erscheinen. Die meisten wirken wie sakrale Preziosen, ähnlich jenen Monstranz-Gestalten, die in der katholischen Andacht an seltenen Tagen des Kirchenjahres auf einem Altar stehen.
Jede Plastik hat einen Sockel, der ein „seltenes Ding“ trägt, stützt, bewahrt oder zeigt. Auf den Textseiten gegenüber den Fotografien sind die beiden Elemente und die Fundorte genau bezeichnet: Eine Keramikscherbe mit zwei Buchstaben (OH) tanzt auf Koprolith, verkieseltem Dinosaurierkot aus Utah (USA). Oder: Eine Porzellanscherbe, unter der Rheinkniebrücke Düsseldorf gefunden, umwandert eine Achatgeode aus Namibia.
Über diesen sachlichen Angaben erscheinen hier und da kurze Texte von Nora Gomringer und Steffen Popp, die nichts erklären, sondern mitsummen, mitsingen, mitseufzen, mitsprechen.
Sämtliche Elemente, die zu den Objekten dieser Wunderkammer komponiert wurden, stammen aus den Sammlungen der Künstlerin. Sie zitieren Weite und Ferne, die Nähe und das All: als wären es „Weltstücke“, die an die ursprüngliche Schönheit des blauen Globus erinnern.
Kostbare Sockel für seltene Dinge ist ein festliches Buch aus kleinen Dingen, nicht in pompösem, sondern in poetischem, ich möchte fast sagen: „frohlockendem Sinn“.
Lisa trägt dieses Buch durch das Haus und nimmt es mit hinaus auf den Gartentisch. Sie hat begonnen, nach Steinen und Brocken zu suchen, die sie wäscht und auf dem Tisch auslegt. Wenn Schnee fällt, tauchen die weißen Flockenhügel alle Fundstücke in ein kristallines Strahlen, als hätte der Himmel sie mit auf die Erde geschickt.
Könnte ich mir für Weihnachten ein schöneres Geschenk-Buch vorstellen, das Rätsel, Geheimnis und Forschung zugleich ist?
Bestellbar ist es hier: order@buchhandlung-walther-koenig.de oder über: 0221-205960
(Allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs wünsche ich einen entspannten vierten Advent!)»

Zitiert aus https://www.ortheil-blog.de/    Danke Hanns-Josef Ortheil!
Mein Buch auf der Tischvitrine vor zwei Exemplaren der Fotografie «Keramikscherbe auf Koprolith», Fotografie RW, 4. Advent 2022