Gelassenheit

Zeitlebens werden wir auf Reisen gehen, auch wenn die Haare grau werden und der Stock dem unsicheren Gang eine willkommene Stütze sein wird. Dabei werden wir  uns den Zeugen vergangener Zeiten nähern, die weit vor unserem Leben im Abendlicht bei ruhiger See in den Hafen fuhren, im Winterwald die Morgensonne sahen oder einen kleinen Maßliebchenstrauß in eine einfache Vase stellten. Zwischendurch werden wir uns eine Ruhepause gönnen und fragen, warum ausgerechnet die Lichtung im verschneiten Wald uns so gut gefällt.
Für meine zweitjüngste Schwester CD, die heute Geburtstag hat.

Gemäldesammlung, Teylers Museum Haarlem, NL, Fotografie RW 2013

Wohltemperiertes Klavier

Wieder höre ich Bach, Präludium und Fuge Nr. 10, in B Moll, BWV 855a gespielt von Víkingur Ólafsson. Er sagt: «Nach meiner Überzeugung ist Bachs Musik größer als jedes Individuum, jede Generation, jedes Gedankengebäude. Bachs Musik ist sogar größer als Bach selbst.»
Die Amsel kommt wie gestern wieder hinzu, sie sieht ziemlich schwarz und nass aus, zetert aber nicht. Der Regen hat die Rheinlandschaft verschleiert, das Schiff DONAU fährt Richtung Basel.
Die schwarzroten Pfingstrosen fotografierte ich im April 2014. Zunächst in Farbe, dann in Schwarzweiß, weil ich mit der neuen Kamera die schwierigen Rottöne ausprobieren und ihre Kontraststärke in Schwarzweiß vergleichen wollte.
Zum dritten Mal kommt jetzt die Amsel auf ihre erhöhte Position des Fahnenmasts und zuckt manchmal zusammen und schüttelt sich, wohl um ihr Gefieder ein wenig von der Nässe zu befreien.
Für AEW 1922 – 2014

Johann Sebastian Bach, Víkingur Ólafsson, Label: Deutsche Grammophon
Pfingstrosen, Schwarzweißfotografie RW, 2014

Zeit und Musik

Merkwürdig – eher zufällig stieß ich in meinen Datenbanken auf diese Fotografie. Vor genau zwanzig Jahren habe ich sie im elterlichen Garten aufgenommen. Die Pfingstrosen blühen jetzt Ende Mai auf, es muss damals auch etwa diese Zeit gewesen sein. Während ich hier schreibe, höre ich Bachs «Aria variata in A minor, BWV 989» gespielt von Víkingur Ólafsson. Glen Gould hatte ich vorher mit demselben Werk gehört. Nichts sage ich zur Musik, weil ich hier kaum beschreiben kann oder gar beurteilen will. Aber ich weiß, dass ich Bach liebe und diese beiden Virtuosen bewundere. Meisterhaft! Doch eins sei gesagt: diese Musik scheint unsere Zeit zu zählen. So schön, dass man sie immer wieder hören darf.
Draußen regnet es, es ist nicht kühl, die große Tür zum Rhein steht auf, eine Amsel warnt, die Mauersegler jagen durch die Luft.
Ich empfehle, um nicht nur die Musik, sondern auch das Schauen auf gelebte Zeit besser verstehen zu lernen, Hanns-Josef Ortheils neues Buch «Wie ich Klavierspielen lernte».

Pfingstrose, (damals) analoge Fotografie RW, 1999

Vergessen

Im Frankfurter Historischen Museum fanden wir in einer Vitrine unter Hunderten von Zetteln auch eine Botschaft für unsere 23-Sammlung. Hier zentral im Bild. Angeblich sei dem von großen Sorgen geplagten Papst Johannes dem XXIII. im Traum ein Engel erschienen und habe ihm bedeutet: «Nimm dich nicht so wichtig, Giovanni!» Das habe ihn gelassener gemacht, so dass er wieder ruhig schlafen konnte. Diese Episode muss den Schreiber dieser zahlreichen Zettel so beindruckt haben, dass er sie nicht vergessen wollte. Seine Tochter hat die vielen, in der ganzen Wohnung verteilten Zettel nach dem Tode ihres an Demenz erkrankten Vaters aufgesammelt. Über drei Jahre hinweg hatte er alles notiert, was er sich nicht mehr merken konnte.

«Vergessen – Warum wir nicht alles erinnern», Sonderausstellung im Historischen Museum Frankfurt, noch bis zum 14.7.2019, Fotografie RW

Aha – im Liebighaus

Für viele ein alter Hut, aber für mich eine plötzliche Eingebung… in der Elfenbeinausstellung fiel es mir zum ersten Mal auf, dass Max Ernst in seinem Bild «Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: André Breton, Paul Eluard und dem Maler» (1926) ein altes Motiv zitiert: Venus züchtigt Amor. Die Ikonografie des Motivs war mir bekannt, hatte ich es nicht in vielen Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen der Renaissance und des Barock gesehen! Venus bestraft Amor, weil er zu übermütig seine Pfeile verschießt. Hier im Liebighaus in Frankfurt ist die wunderbare Kollektion des Elfenbein-Sammlers Reiner Winkler ausgestellt. Zwischen anderen kostbaren Schnitzereien sah ich die schöne Venus, wie sie den schreienden Amor übers Knie legt und elegant (!) in einer tänzerischen Kontrapost-Bewegung zum Schlag ausholt. Mir kam Max Ernsts Bild sofort in den Sinn, vielleicht auch deshalb, weil ich nächste Woche die Schau über das Junge Rheinland im Kunstpalast Düsseldorf ansehen will. Die Kölner haben das Bild für die Jubiläumsausstellung ausgeliehen und hier in der Stadt begegnet man ihm allerorten auf großen Plakaten. Das Programmbild von Max Ernst ist mir natürlich schon seit Kunstakademiezeiten vertraut, hatte ich mich damals besonders mit den Dadaisten befasst. Das Bild berichtet viel von der Herkunft, Bildung und Psyche des DadaMax und versetzte damals der Tradition der Malerei und der Kirche ein paar ironisch subversive Hiebe.

WHITE WEDDING, Die Elfenbein-Sammlung Reiner Winkler, Liebighaus, Frankfurt, Venus züchtigt Amor, Elfenbein, Deutschland?, spätes 19.Jh.?
Fotografie RW 2019
ZU SCHÖN, UM WAHR ZU SEIN – DAS JUNGE RHEINLAND, Kunstpalast Düsseldorf, Max Ernst, Die Jungfrau Maria züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen, André Breton, Paul Eluard und dem Maler des Bildes, 1926, Öl auf Leinwand, 196 × 130 cm, Museum Ludwig, Köln, Foto: Rheinisches Bildarchiv, Bildschirmfoto RW 2019

Judiths Ohrring

Judith hat Holofernes brutal den Kopf abgeschlagen, dabei trug sie (nach Lorenzo Lotto, 1512) zierliche Ohrringe, behängt mit Rubin, Perle und Saphir. Blau steht für die Treue, Weiß für Unschuld und Rot für die Liebe. Alles falsch, hier war keine Liebe, schon gar keine Treue und Unschuld. Es war List, Betrug und Täuschung. Sie macht ihn betrunken und blendet ihn mit Schönheit und Pracht. Klug soll sie auch gewesen sein, ihre Ziele wohl edel – durch den Mord an dem grausamen Feldherrn rettete sie ihr Volk vor Raub, Totschlag und Brandschatzung. Das Buch Judit, 12,15.

Gesehen in der Ausstellung «Tizian und die Renaissance in Venedig», Städelmuseum Frankfurt, noch bis zum 26. Mai, Detail aus Lorenzo Lotto, «Judith mit dem Haupt des Holofernes», 1512, Rom, Banca Nazionale del Lavoro, Gruppo BNP Parisbas, Fotografie RW 2019

Ordnung, Winkel und Maß

Die fünf Platonischen Körper, hier etwas grob aus Bergkristall geschnitten, sind seit langer Zeit unsere favorisierten Anschauungsmodelle. Es sind aus deckungsgleichen, regelmäßigen Flächen zusammengesetzte, konvexe Polyeder. Nur fünf Körper überhaupt erfüllen diese besonderen Eigenschaften.
Der Hexaeder mit sechs Quadraten als Seitenflächen,
der Tetraeder mit vier Dreiecken als Seitenflächen,
der Oktaeder mit acht Dreiecken als Seitenflächen,
der Pentagondodekaeder mit zwölf Fünfecken als Seitenflächen,
der Ikosaeder mit zwanzig Dreiecken als Seitenflächen.
Seit der Antike von Mathematikern und Philosophen beschrieben, haben die fünf uns auch deswegen fasziniert, weil die Minerale Pyrit, Fluorit, Granat und auch der Kohlenstoff (Diamant), als Vertreter des kubischen Kristallsystems solche Körper bilden. Nie so perfekt wie auf dem Reißbrett, aber doch erstaunlich regelmäßig. Siehe dazu auch unsere Blogbeiträge Natura naturans – non manu factum vom 26. Februar 2018 und Polyeder vom 8. November 2018.
Es macht Vergnügen, die althergebrachte Entsprechung der Platonischen Körper zu den vier Elementen und dem Kosmos nach der Gestaltäquivalenz zu beurteilen.
Der Würfel, Hexaeder, steht mit dem Quadrat als Grundfläche fest auf dem Boden, deshalb versinnbildlicht er die Erde.
Der Ikosaeder wirbelt herum mit seinen vielen Flächen, seine Kleinteiligkeit hat etwas Liquides, also steht er für Wasser.
Der Tetraeder erinnert in seiner Form an eine Flamme, symbolisiert das Feuer.
Der Oktaeder tänzelt auf seiner Spitze, verjüngt sich nach oben und unten, hat etwas Unstetes, die Luft.
Der Pentagondodekaeder für den Kosmos hat als Seitenfläche das Fünfeck. Im Pentagon findet man die Sectio Aurea und den Vitruv-Leonardo-Menschen (hier ist die Schöpfung verborgen). Und das zwölfmal – erinnert an die Jahresordnung.

Die fünf platonischen Körper aus Bergkristall, Sammlung RW,
invertierte Fotografie RW 2019,

Malstrom

Wir freuen uns auf Sonntag, da machen wir einen Ausflug ins niederrheinische Kranenburg. Dort wird im Museum Katharinenhof die Ausstellung Malstrom von Jan Kolata eröffnet.

www.museumkatharinenhof.de, 12. Mai bis 30. Juni 2019
Fotografie RW, 2019

Korrespondenzen XXXI

Wir wandern über den gepflegten Rasen zwischen Akeleien mit prallen Himbeerblüten, himmelblauen Vergissmeinnichtpolstern, Lackmus-farbenen, gefüllten Tulpen und deren weißen, hohen, spitzigen Verwandten, mitten drin begegnen wir Sträußchen von Tausendschön oder Maßliebchen. Dazu tragen wir den speckigen Filzhut des Onkels, der ihn vor Jahrzehnten mit einer dreifachen Krone aus glänzenden Blechtrophäen schmückte. Hurrah und Juchhei!

Frühlingsblumen am Corneliusplatz, Düsseldorf, Fotografie RW 2019
Wanderhut des Onkels SG,
Fotografie RW 2019