Im Wald

Bis zur Ruine eines Gemäuers aus mächtigen Basaltsteinen ist der kleine Junge durch den Buchenwald gelaufen. Jetzt schaut er in Richtung des Fotografen. Breitbeinig steht er da, die Hände in den Hosentaschen. Es muss geregnet haben, denn die Rinde des vorne liegenden Baumstammes glänzt im Licht. Der Junge lacht, scheint stolz zu sein, die Anhöhe zur Ruine erobert zu haben. Der Fotograf ist sein Vater. Die Aufnahme wird etwa 1932 gemacht worden sein. Ich weiß, dass der Junge 1927 geboren wurde. Später wird er begeistert dem Führer folgen und 1943/44 als Luftwaffenhelfer dienen. Später hat er seine Wehrmachts- und Kriegsdevotionalien dem Militärarchiv des Bundes vermacht. Ein von ihm mit Bleistift aufwändig gezeichnetes Hitlerporträt und etliche Bücher nationalsozialistischer Prägung wurden in seinem Nachlass gefunden.

Siegfried G. vor einer Ruine im Wald, Fotografie von Fritz G., Anfang der 1930er Jahre, Archiv RW

Knochen

Sockel für einen Zahn.
Vergangenes Pferd.
Gefundene Form.
Bronzefarben.
Gebrannte Erde und Bein.
Kleines zum Großen.
Ganzen.

2016/19, Keramik, Rheinfund Pferdezahn, 17,5×12,5×9 cm, Fotografie RW 2019

Verwirrte Sinneseindrücke

Es ist so sonderbar, nach zwei, drei Tagen Abwesenheit kamen die Mauersegler wieder. Erst zwei Vögel, dann vier, dann die freche, schrill rufende Horde von mindestens zehn Tieren. Sie setzten ihre rasanten Flüge vor der Rheinfront des Hauses fort, in großen Bögen kreisend, sich verfolgend. War es eine kurze Exkursion, um die Jungen auf den großen Abflug vorzubereiten? War es der Temperaturwechsel in den vergangenen Tagen? Hatten sie noch Jungtiere im Bau hinterlassen? Angeblich können die Vögel in einer Art Hungerstarre einige Zeit ohne Nahrung auskommen.
Waren die Vögel gar nicht weggeflogen, habe ich mich in meinen Beobachtungen getäuscht? Während ich schreibe, sehe ich sie doch so aufgeregt am schönen dunstigen Sommerhimmel fliegen, was wollen sie, was bedeutet das alles? Dann urplötzlich sind sie wieder weg, die Schreie nicht mehr zu hören.
Die Zeit, ihre Flüge genau zu beobachten, müsste ich mir nehmen, alles genau zu notieren: Anzahl, An- und Abflug, Abwesenheit, Richtungen, Rufe.
Zur Zeit lese ich wieder in den «Schriften zur Malerei, Photographie und Naturwissenschaften» von August Strindberg. Den ersten Text in dem Büchlein «Verwirrte Sinneseindrücke» werde ich noch einmal genau studieren: Strindberg bescheibt Irritationen an seiner Wahrnehmung, (besonders der Perspektive!) seinen Gemütszuständen, seinen Empfindungen, seinen Wach- und Nachtträumen rund um und in Versailles und Paris. «Es ist so beruhigend, alles erklären zu können! Das vertreibt die Furcht vor dem Unbekannten!” S. 11 «Mich packt die Angst, und um sie zu bekämpfen, kehre ich zu meinen philosophischen Gedanken zurück, rufe mir analoge Phänomene in Erinnerung, die sich so oft wiederholen, ohne daß man den Grund entdecken könnte.» S. 12

Blick aus dem Thalys auf der Fahrt nach Paris, Fotografie RW 2018
«Verwirrte Sinneseindrücke, Schriften zur Malerei, Photographie und Naturwissenschaften» von August Strindberg, Hrsg. von Thomas Fechner-Smarsly, aus dem Schwedischen und Französichen von Angelika Gundlach, Verlag der Kunst, 1998

Abschied

Vorgestern bemerkte ich, dass die Mauersegler mit ihren lauten Rufen nicht mehr an unserem Fenster vorbei die Dachluke anflogen. Es war ungewohnt still, kein helles Srieee, Sriee, Riiiee beim Jagen in der Luft. Zu Dutzenden schossen sie doch die letzten Wochen in eleganten Kurven auf den Brutplatz zu. Das atemberaubende Fliegen, die Loopings, die rasanten Richtungswechsel in der Luft, das leichte Berühren der Fensterscheibe (das waren die Jungen, die noch übten) sind verschwunden. Gestern wurde es kühl, ein Tief hatte ich sich angekündigt und ich las, dass die Vögel diesen Tiefs vorausfliegen, über die Alpen, zurück nach Afrika. Gestern Mittag flogen dann doch noch vier Vögel über die Wiesen des Rheinufers, ohne die Dachluke anzusteuern. Und abends kam zuletzt einzelner und landete geschickt zwischen Regenrinne und Mauerwerk. Sie verabschieden sich wohl in Raten, die Brutweibchen zuletzt.

Apus apus am Rhein, Fotografie RW, Juli 2019

Herzlichkeit

Welche Dinge passieren, sieht man einen besonderen Menschen in fröhlicher Runde zum ersten Mal? Man lacht sich in die Augen, trifft einen Blick genau, Unsichtbares spinnt sich hin und her. Besondere Phänomene ereignen sich, schwer zu formulieren, ich kann nur sagen – herzliches Wiedererkennen, als sei man von Geburt an schon miteinander verwandt.

Am Rheinufer, Fotografie RW, Juli 2019

Tatort

In der Nacht
kamen zwei junge Leute an den Rhein.
Sie breiteten eine blaue Matte aus.
Der junge Mann ging in die Hocke
und starrte auf das Display seines Smartphones.
Die junge Frau legte sich bäuchlings nieder,
hob verkreuzend die Unterschenkel
und stützte den Kopf auf ihre Hände.
Sie aßen nicht, sie tranken nicht.
Nach einer Weile verließen sie die trockene Wiese
und entfernten sich im Schein der Laternen.

Nächtliches Picknick am Rhein, Fotografie RW 2019

Schlaflos in Düsseldorf

Bei diesem Sommerwetter multiplizieren sich die Einladungen,
bis zum Morgen wird gefeiert,
en plein air, wie man es vom Mittelmeer kennt.
Im Juni- und Juli-Geborene wetteifern miteinander,
streiten um Gästelisten und Festprogramme.

Irgendwann ist aber der letzte Gast gegangen,
die Mitternachtssuppe ausgelöffelt,
die Musik verklungen.
Nur zwei bleiben noch sitzen,
weil sie sich das Entscheidende noch nicht gesagt haben.

Fest im Innenhof, Düsseldorf, Altstadt, Fotografie RW, Ende Juni 2019

Gekühlt im Kunstpalast

Zwei große Arbeiten von Jan Kolata kann man seit gestern Abend im Kunstpalast Düsseldorf sehen. «Die Grosse» ist eröffnet – zum ersten Mal im Sommer – es werden verteilt über zwei Flügel und in mehreren Etagen des Museums Arbeiten von rund 120 Kunstschaffenden gezeigt. Draußen am großen Brunnen im Ehrenhof feierten Künstler und Freunde bei 34 Grad, während man sich in den Ausstellungsräumen den Exponaten angenehm gekühlt widmen konnte.

Eröffnungsabend «DIE GROSSE 2019 Kunstausstellung NRW Düsseldorf»,
Jan Kolata, Acryl auf Leinwand, je 190 x 190 cm, Fotografie RW,
Ausstellung im Kunstpalast Düsseldorf, 30.06. bis 04.08. 2019

Heiß und kühl

Wie erfrischend die Kühle, die die letzte Nacht brachte! Die heutigen Temperaturen sind nach der Affenhitze der vergangenen Tage so angenehm wie in den Sommern der Kindheit, als man die Mutter zaghaft fragte, ob man nicht heute mit den Geschwistern ins Schwimmbad dürfe. Man wolle auch sehr gut aufpassen und sie nur ja nicht mit vollem Magen ins Becken springen lassen und viel Geld brauche man auch nicht, da man sich höchstens ein Eis für 1 Mark kaufen wolle. Wie glücklich traute man sich dann sogar einen Köpper vom Einmeterbrett und wunderte sich über das strahlende Blau unter Wasser. Und wenn man so tief eingetaucht war, war man erstaunt über die Kraft, die den eigenen Körper wie von selbst wieder nach oben trieb.

Notunterkunft für den Goldfisch, Fotografie RW 2019, einmal invertiert, Saint-Étienne, Frankreich

Somnambules Konzert zu Johannis

Wie im Traum vernahm ich heute Nacht Vogelgesang.
Kurze, sich wiederholende, sehr variantenreiche Lautfolgen.
Leises Fiepen, lockendes Rufen, Zwirbeln und Zwitschern.
4 Uhr 10 zeigte das Display des Smartphones.
Hatte ich etwa eine Nachtigall gehört?
Den Gesang konnte ich doch aufzeichnen!
So überprüfte ich am Tag das nächtliche Konzert
mit Hilfe meines Vogelstimmentrainers.
Es war nicht die Nachtigall, sondern wieder die Singdrossel.
Ihr hatte ich schon vor einem Jahr am 29. Juni einen Blog-Eintrag gewidmet.
Große Freude über diese Wiederkehr.
Nun, am Johannistag widmen wir diesen Gesang
allen die Johannes, Giovanni, Jan, John, Jean, Juan, João und Hans hießen und heißen.

Les Yeux Clos, 1890, Odilon Redon, Musee d’Orsay, Paris, Fotografie RW, 2017