Heiter

Immer wieder bekommen wir Exemplare für unsere 23-Sammlung geschenkt. Oben abgebildet ist der Titel einer kleinen Edition mit 23 Zeichnungen, die uns meine Schwester am Wochenende schenkte:
23 giorni romani del signor k
Das Büchlein wurde im November 1988 von Milan Kunc in Rom herausgegeben. In diesen  Jahren gehörte der Künstler zu unserem Freundeskreis. Sehr lange hatten wir ihn dann nicht mehr gesehen. Erst vor ein paar Wochen entdeckten wir ihn auf Instagram wieder und teilen nun unsere Beiträge.
Das zweite Bild oben ist kein Porträt von ihm, sondern es sind Ausschnitte einer Illustrierten der 80er Jahre. Dieses zufällige Zusammentreffen der Schnipsel auf unserem Arbeitstisch hat uns sehr an Milan Kunc erinnert.

Nicht lang auf der Welt

Individuum
Die Augen nach vorne,
das Maul entschieden,
die Nasen geöffnet,
die Ohren gespreizt.
Das linke Bein leicht vorgestellt,
gleich stapft es los.
Ein dickes Fell.
Vor vier Jahren war’s.

Kälbchen im Neandertal, Fotografie RW, April 2015

Skywalker

Nun ist er wieder da,
der Skywalker
und geht mit vorsichtigen,
zitternd suchenden
Tastfüßen den Himmel entlang.
Später wird er im trockenen Gras ein Liedchen sägen.

Heupferdchen am Rheinfenster, Fotografie RW, August 2019

Perlenohrring

Eine junge Frau im Profil nach rechts.
Fast im Zentrum des Bildes hängt die Perle am Ohr,
Perlen trägt das Mädchen auch um Hals und Dekolleté,
das Haar geschmückt mit in Gold gefassten Granaten, Citrinen oder Topasen,
wieder im Wechsel mit glänzenden Perlen.
Hell und bläulich schimmert die Haut an Schläfen, Stirn und Hals.
Das Ohr ist gerötet, ebenso Wangen und Nasenflügel, Lippen und Augenlid.
Übergroß ihr Auge mit hellgrüner Iris, dunkler Pupille, weit geöffnet,
doppelt so groß wie der zierliche, rosenfarbige Mund.
Ihr blondes Haar wurde mit seidenen, durchsichtigen Bändern geflochten.
Federico Barocci malte sie vor dunklem Hintergrund, steigert damit ihr Leuchten, lässt das Profil im Sfumato verschwimmen, die Schärfe liegt in Auge und Ohrring.
Sie scheint zu atmen, zu duften, zu schwingen. Eigentümliches Bild.

Federico Barocci, Studie einer Frau im Profil, circa 1575,
Museum NO HERO in Delden NL, Fotografie RW 2. August 2019

Mimosa pudica

Die Nerven sind auf’s Äußerste gespannt. Jedes überraschende Geräusch, ob laut oder leise, lässt zusammenzucken, worauf blitzschnell ein kurzes Huch oder Hach folgt. Hab Acht! Der Atem wird oft angehalten, um sich später mit einem tiefen Stöhnen zu befreien. Was war es, was eben noch durch den Kopf ging? Ein Ruck – und in Sekundenschnelle ist weg, was in Gedankenbildern so lebendig war. Der lauten Medienschreierei kann man nicht mehr ausweichen, eingebildete Katastrophenszenarien ziehen in den eigenen Alltag ein.
In einem Alptraum heute Nacht konnte ich durch beherztes Stoßen mit dem Fuß eine gefährliche, bleiblaue, große Kugel, die auf mich zuflog, aus der Bahn bringen und damit eine große Explosion in meiner Welt verhindern.
Die Mimose zieht ihre fiedrigen Blätter bei zuviel Licht, Temperaturschwankungen und Berührung zusammen. Noli me tangere. So zart sieht sie aus mit ihren Pinselblüten. Sie bilden das Empfindliche dieser Pflanze im wahrsten Sinne ab. Sie scheint mit allen Sinnen zu reagieren und wird die keusche genannt, weil sie sich bei Berührung verweigert.

Mimose in einem Vorgarten in Düsseldorf am Rhein, Fotografie RW, 30. Juli 2019

Freude

Verhangener Himmel, hohe Luftfeuchtigkeit, leichter Wind, kühle Temperatur von gerade 20 Grad am 28. Juli. Am Horizont der Rheindamm, davor liegen auf riesigen Feldern die großen runden Strohballen. Die hohen Leitungsmasten im Dunst können mit dem Säulenstumpf des Orkanopfers nicht konkurrieren.

Spaziergang nach der Hitze in Zons am Rhein, Fotografie RW 2019

In Klimaklausur

Everyday for future haben die Bewohner der kleinen Terrasse auf ein Schild geschrieben. Sie haben ihr Kanu direkt zur Wasserseite ihres Hauses an der Ems liegen. Im Emsland, allerdings etwas weiter nördlich wurde gestern der Hitzerekord von 42,6 Grad Celsius gemessen. Die Aufnahme habe ich letzten Sonntag im kleinen Wallfahrtsort Telgte, unweit von Münster, gemacht. Da war von den Hitzetagen noch nichts so richtig zu spüren. Nun am dritten Fast-40-Grad-Tag in Folge setze ich meine selbst auferlegte Klimaklausur fort. Ich gehe kaum hinaus, nur in den frühen Morgenstunden. Ich arbeite hinter heruntergelassenen Jalousien, von der Außenwelt abgeschnitten, zumindest zur Rheinseite hin. Es ist merkwürdig still. Man hört die Schiffe kaum, kein Auto rauscht vorüber, nur der Ventilator summt leise.
Das Motto der Ems-Ufer-Bewohner gefällt uns und wir wollen unseren kleinen Teil dazu beitragen, aber auch aufmerksam Politik und Wirtschaft beobachten, wie sie mit den ernst zunehmenden Daten der Klimaforschung weiter umgehen werden.

Terrasse zur Ems, Telgte, Fotografie RW, 2019

Hitze

Gestern, am 23. Juli war es kein Problem, sich bis mittags bei «angenehmen» 29 Grad draußen aufzuhalten. Heute aber machen wir schon um 10 Uhr morgens bei 32 Grad die Schotten dicht. 40 Grad soll es heute am Niederrhein werden. Ich erinnere mich, dass ich einmal Mitte der 90er Jahre in Córdoba war und es waren 46 Grad. Da die Räume, die wir besuchten und in denen wir wohnten, kühl oder klimatisiert waren, konnten wir die trockene Gluthitze draußen auf kurzen Wegen ertragen. Über die Straßen waren große, weiße Sonnensegel gespannt. Die Südspanier wissen mit der Hitze umzugehen. Jetzt im Augenblick ist es dort sogar noch ein Grad weniger heiß als bei uns…. Wir Niederrheinländer kennen diese Hitze nicht und sorgen uns. Unsere Städte sind sonnenoffen, mit großen Glasflächen und asphaltierten Betonschluchten gebaut. Südseiten mit hohen Fenstern, Südbalkone und -terrassen waren doch immer ein Qualitätsmerkmal des Wohnens. Da müssen wir uns wohl in Zukunft umstellen.
Ein kurzes Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von heute mit einem Flüchtling, der in Algerien 45 Grad in provisorischen Hütten oder gar Zelten ertragen muss, lehrt uns eine gehörige Portion Demut.

Disteln am Rheinufer bei Düsseldorf, Fotografie RW, Juli 2019
Markasit und Bleiglanz, FeS und PbS, Fundort Norwegen, Sammlung RW, Fotografie RW 2019