FUTURO

Die Sonne scheint. Der Himmel ist strahlend blau. Am Rhein gehen die Leute spazieren. Kinder lassen luftige Drachen steigen, spielen mit Bällen. Die Kleinsten laufen ungelenk über die sattgrüne Wiese und rupfen mit einiger Anstrengung am frischen Gras. Dazwischen zeigen sich in verstreuten Gruppen Gänseblümchen, Veilchen und gelbe Sternchen. Die beschnittenen Platanen sind noch kahl. Gegenüber in den Vorgärten blühen die Osterglocken, Tulpen und Narzissen. Magnolien und japanische Kirschen breiten ihre Pracht aus. Mit Blick auf den Fluss sitzen Mütter in gehörigem Abstand auf den Bänken und rufen ihren Kindern zu. Väter halten Miniaturfahrräder in den Händen. Hunde apportieren Stöckchen. Jugendliche halten beim Gehen inne und tippen und wischen auf ihren Handys herum. Sie tragen neonfarbenene Sneakers. Jogger sind noch bunter. Einer macht Dehnübungen an einer freien Bank. Große Schiffe fahren vorbei mit Containern aus China, oder Kohle aufgehäuft in schwarzen Bergen und Schrotthaufen, die in der Sonne glänzen. Eine Amsel beginnt ihren abendlichen Stadtteilgesang. Fetzen von Gesprächen steigen zu mir auf. «Man weiß ja nicht, wie sich das entwickelt…» «Du lenkst so …. bitte grade, grade….) Eine Krähe ruft, jetzt schreit ein Kind. Das Containerschiff, das nun vorbeifährt, heißt FUTURO.

Stamm einer Platane am Rheinufer, Fotografie RW, März 2020

Calcium, Phosphat und Eisen

Im Nachlass der Tante wurden 19 Milchzähnchen gefunden. Im ersten Gebiss hat der Mensch 20 Zähne. Da die Tante Kinderschwester war, liegt es nahe, dass sie so manches ausgefallene Zähnchen ihrer Schützlinge verwahrte. Oder ist es ihr eigenes komplettes Milchgebiss? Die Mütter verwahrten Haarlocken und Zähnchen ihrer Kinder auf, kleine Devotionalien, schutzbringende Amulette, als könnten sie kommendes Unheil abwenden. Die menschlichen Knochen und Zähne bestehen zum großen Teil aus Calcium und Phosphat. Im Bild liegt ein Zähnchen auf bläulichem Vivianit, ein wasserhaltiges Eisenphosphat, das manchmal in fossilen Knochen oder Zähnen gefunden wird. Es bilden sich schöne Kristalle in den vorhandenen Hohlräumen, wobei die Knochen selbst sich blau verfärben können.

Vivianit, Fe2+3[PO4]2·8H2O, Fundort Bolivien, Sammlung RW, Fotografie RW, Düsseldorf 2020

Der Traum

In einem Traum der letzten Tage drehte sich eine Person mit Sonnenbrille unerwartet zu mir um, nachdem ich sie vorher im Profil betrachtet hatte. Als sie die Brille abnahm, erschrak ich, weil ich sah, dass diese Person vollkommen symmetrische Gesichtshälften hatte.

Schaufenster in Düsseldorf, Fotografie um 1988 aus dem Archiv RW

Klausur

Wir werden uns hinter dicke Mauern begeben. Mindestens dreiundzwanzig Tage wollen wir in Klausur leben. Wir haben unsere Skizzenbücher dabei und werden jeden Tag aus der Erinnerung Kristalle, Edelsteine und Mineralien zeichnen. Das Aufkommen des Frühlings werden wir durch lange, einsame Spaziergänge in der unmittelbaren Umgebung der Burg studieren.

Burg Dringenberg, Kreis Höxter, Fotografie RW 2012

Augenblick

Im Alter von etwa sieben Jahren wurde das Kind von seiner Lehrerin als «Ganz Seele» charakterisiert. Die Mutter, die dies in der Elternsprechstunde hörte, hat es viel später dem jungen Mädchen mitgeteilt. War hier mit Seele Empfindsamkeit gemeint? Oder ein besonders empfindsames Bewusstsein? Ist das Gehirn der Ort und/oder ein Produkt des Bewusstseins? Neurowissenschaftler gehen davon aus, dass das Bewusstsein zwar im Gehirn verortet werden kann, ja – sie können Bewusstseinsprozesse messen, aber das Bewusstsein ist nicht auf Prozesse der Hirnrinde reduzierbar. Ist Bewusstsein Gehirn plus X? Könnte das Bewusstsein des (aller) Menschen – auch nach dem Tode – eine Kraft sein, autonom, allumfassend, über allem stehend?

Porträt mit Kühlmaske, invertierte Fotografie RW, März 2020

Das große I

Sie stehen zusammen
die Füße im Wasser
dazwischen das große I
Munchs I
wie oft malte er die senkrechte
Spiegelung von Sonne
oder Mond im Meer.

Später Nachmittag am Rhein, Fotografie RW, Düsseldorf 2020
zum Beispiel, Edvard Munch, Die Stimme, 1883, Museum of Fine Arts, Boston

VOYAGE

Es ist Schalttag. Ein besonderes, mysteriöses Datum. Das erste Schiff an meinem Rheinfenster heute Morgen heißt VOYAGE. Allerdings unternehmen wir zur Zeit keine Reisen. Stattdessen betrachten wir voller Freude die kleine Zufallswelt auf dem Messerrücken. Es ist die Karte eines fernen Archipels mit schroffen Felsenküsten, aber auch langen sandigen Buchten. Mit dem Boot können wir die vielen Inseln erkunden, Gesteinsproben nehmen und vielleicht sogar ein abgerolltes Stück Korund am Strand finden. Manchmal schwimmen wir auch in die vielen Höhlen und tauchen nach Perlmuscheln. Im Nordwesten des Archipels, bei der Insel, die Great Britain ähnelt, liegt ein Schiffswrack aus dem 17. Jh., das wir bei Ebbe sogar schwimmend erreichen können. Im Bauch des Schiffes finden wir kaum erkennbare Teile der Ladung – dick mit Korallen und Seepocken überwachsen. Mit dem Tauchermesser öffnen wir eine Kiste und finden zwischen vielen Scherben gut erhaltene blauweiße Teller aus chinesischem Porzellan und einen sehr kleinen geschnitzten Jadedrachen.

Abgegessener Teller, Fotografie RW, Februar 2020

Das Geschenk der drei Schiffe

Gestern Nachmittag besuchte mich eine Künstlerin, deren Arbeiten ich sehr schätze. Ihre Fotografien zeigen zum Beispiel empfindliche, ephemere Dinge aus der Natur, die sie auf farblich delikate Untergründe legt. Spätere Arbeiten sind Fotogramme von Achatscheiben oder anderen flachen transluzenten Mineralien.
Sie hatte von meiner Sammlung gehört und ich war gespannt darauf, ihr meine Schätze zeigen zu können. Als sie nun vor meinem Rheinfenster stand, fuhr gerade das Schiff PROTECTION vorbei. Wir freuten uns über dieses schöne Wort für unser Zusammentreffen und ich erzählte ihr von meiner Schiffsnamensammlung.
Nicht alle Mineralien, Edelsteine, Fossilien, Rheingerölle und Artefakte meiner Kunstkammer konnten wir an diesem Tag anschauen und besprechen, manchmal war mir sogar der wissenschaftliche Name eines Exemplars entfallen. Mit dem Blick zum Rhein tranken wir später eine Tasse Tee und aßen dazu Aprikosenkuchen. Dabei sprachen wir auch über das Alter der Mineralien, die Vergänglichkeit der Dinge und Lebewesen. Draußen hatte es angefangen heftig zu regnen. Auf dem Fluss sahen wir das Schiff VITA DURA vorbeifahren. Ein wenig erstaunt schüttelten wir den Kopf über diesen Kommentar vom Rhein. So wechselten unsere Themen zu Natur und Kunst, insbesondere zur Natur als Schöpferin, Natura naturans und Natura naturata. Ich zeigte ihr das Buch von Jurgis Baltrušaitis «Imaginäre Realitäten», das ich vor einiger Zeit antiquarisch erwarb. In ihm fanden wir auch den Hinweis auf den Soziologen und Philosophen Roger Callois, der selbst eine wunderbare Sammlung von Achatsscheiben besaß und unter anderem die Abhandlung «Die Schrift der Steine» verfasst hatte. Im Gespräch war ich manchmal aufgeregt, viel mehr aber beschwingt über so viele Teilmengen in unserer Arbeit und unseren Leidenschaften.
Als es schon dunkelte und wir erneut zum Rhein sahen, kam ein Schiff vorbei und was soll ich sagen, es hieß PANTA RHEI.

Würdiger Sockel für ein Rheingeröll, Chalcedon, gefunden bei Düsseldorf, Keramiksockel RW 2019, Fotografie RW
Mehr über meinen Besuch: nataschaborowsky.de