LA PRIMAVERA auf dem Rhein

Heute hat die Rheinschifffahrt vor unserem Fenster etwas ganz Besonderes zu bieten: Es begann heute Morgen mit dem schönen Schiffsnamen EUPHORY, mittags fuhr LA PRIMAVERA vorbei und am Nachmittag VAGABOND. Das sind willkommene Zeichen, die unsere düsteren Gedanken etwas aufhellen. Ach könnten wir doch die Schönheit der jetzt aufblühenden Natur ganz ohne Sorgen sehen. NERODIA fährt nun am Abend vorbei und verdirbt uns gründlich das bisschen Verlangen nach Unbekümmertheit.

Narzissenblüte im Park von Schloss Dyck, Fotografie RW, 2011

Verlangen nach Reisen

Wir fahren in Gedanken nach Schottland. Auf dem Weg durch die Täler und Höhen der Trossachs sehen wir in der Ferne schon Loch Katrine liegen, einen sehr langen und schmalen See, Relikt aus Gletschern der letzten Eiszeit. Hier erinnern wir uns an Sir Walter Scott’s berühmtes Poem The Lady of the Lake. Franz Schubert vertonte daraus den dritten Gesang der Ellen, das Ave Maria, in Deutschland als Hochzeits- oder Beerdigungslied so oft missverstanden. Ellen richtet ihren Gesang an die Mutter Gottes, um Schutz für sie und ihren Vater in der Einsamkeit einer Felsenhöhle zu erbitten.

In den Trossachs, Fotografie RW, 2008

Laboremus et oremus

Die Schiffe, die heute vorbeifahren, heißen LABOREMUS und SINCERITY. Wir wollen aufrichtig sein und zugeben, dass wir die Arbeit noch nicht aufgenommen haben. Die Zeichenblätter sind noch weiß und die Collagen unentschieden und ungeklebt. Die Archive sind unsortiert, die Rechnungen aber bezahlt. Die notwendigen Spaziergänge am Rhein haben wir zu unserem täglichen Ritual gemacht. Heute morgen saß eine einzelne Gestalt am Fluß und blickte unbeweglich auf das gegenüberliegende Ufer. Von Ferne sah es so aus, als wäre sie aus einer anderen Zeit, aus einer unbekannten Fremde. Ich erinnerte mich, dass ich im Alter von etwa drei Jahren beim ersten Anblick einer Nonne rief: «Da ist die Mutter Gottes».

Verschleierte am Rhein, Fotografie RW März 2020

Scheinspaziergang

Drinnen habe ich meine Hausaufgaben gemacht. Die Zeit habe ich in Schärfe und Unschärfe geteilt. So kann ich Ereignisse und Farben besser zuordnen. Nah ist der Frühling und weit weg ist die Stadt. Dazwischen das blaugraue Band des geliebten Flusses, die frisch gemähten Uferwiesen mit geköpften Gänseblümchen. Um die gelben Ahornblüten tanzen die Scheinwespen.

Ahornblüte am Rhein, Fotografie RW, 2020

Im Wind

Der Frühling naht, die Forsythien am Haus sind noch nicht aufgeblüht, aber gelbe Knospen sieht man schon. Gerade als die Aufnahme gemacht wird, kommt ein Windstoß aus Richtung Süden. Der Vater muss den Hut festhalten, mit der anderen Hand den Mantel schließen. An dieser Hand trägt er einen goldenen Ring. Fast 23 schöne Jahre wird er mit seiner großen Familie in dem weitläufigen Haus wohnen, das umgeben ist von 137 italienischen Pappeln. Weiden und Ahorn, Apfel-, Kirsch- und Pflaumenbäume, sogar ein Pfirsichbäumchen wachsen im Garten. Auch gibt es üppige Rosenhecken und viele weißblühende Sträucher. Das ganze Haus ist im Sommer mit der dreispitzigen Jungfernrebe überwuchert. In derem dichten Laub wohnen dann unzählige große Spinnen. Auf den zwei Terrassen sind in Pfeilern, Wänden und Böden die schönsten Steine verbaut. Travertin und andere Sinterkalke mit ausgeprägten Verkrustungen, schneeweißer Mergel, roter und gelber, auch grüner Sandstein mit hohem Glimmeranteil, roter und gelber Marmor, Labradorit, Basalt und Trachyt. Ein Steinmetz hatte sich einst dieses Haus mit Walmdach im italienischen Stil erbaut.

Vor Haus Dorgarten, Fotografie aus dem Archiv RW
Für EAW, September 1923 – März 2018

Harm

Ganz klein, violett,
ich weiß nicht, wie es heißt.
Auf einer Wiese am Rhein,
jedes Jahr aufs Neue,
unbeachtet, unbekümmert.
Augentrost will ich es nennen.

Blaue Blume am Rhein, Fotografie RW, im März 2020

Nach Zeichen suchen

Alles wird bedeutsam in diesen Tagen. Zeichen, die uns womöglich die Zukunft voraussagen können, sind willkommen. Alles Humbug mahnt die Vernunft. Und trotzdem freuen wir uns über die 23 in der Skyline des Medienhafens in Düsseldorf. Wie aber soll diese Zahl ausgelegt werden? Wir nehmen sie in unsere 23-Sammlung auf und sind’s zufrieden.

Mehr zur 23 auf unserer Seite ruth23weber.de
Medienhafen Düsseldorf am Rhein, Fotografie RW, März 2020

Blick zurück nach vorn

Der Schwiegervater ist zu Gast beim Schwiegersohn. Dieser bittet ihn vor dem Bücherregal Platz zu nehmen. Er möchte ein Foto machen. Er ist stolz auf seine neue Wohnung im großen Haus. Der Kopf des Schwiegervaters ist noch gerötet vom festlichen Mittagessen zur Erstkommunion eines seiner Enkelkinder. Zum Schein nimmt er eine Lektüre in die Hand. Das Bücherregal wird in späteren Jahren noch um weitere vier Einheiten erweitert. Die schwarze Couch mit den gelben Sternen aus den 50er Jahren wird dann durch wuchtige Polstermöbel aus dem Casino des Konzerns ersetzt sein. In dem weiträumigen Wohnzimmer versammelt sich die Familie zu großen Festtagen, oder um nach väterlicher Erlaubnis in das neue Gerät zu schauen. Ab 1962 gibt es einen Fernseher, da dürfen die sechs Kinder dann ausgewählte Sendungen sehen. Sie sitzen dabei in den Sesseln oder liegen bäuchlings auf den Teppichen.
In diesen Tagen will ich nicht mehr in die Ferne sehen.

Der Großvater in Haus Dorgarten, Fotografie um 1960, Archiv RW

Multhöpen

In der Corona-Klausur lese ich in dem schmalen Bändchen «Wense» von Christian Schulteisz. Er befasst sich mit der historischen Figur des Hans Jürgen von der Wense (1894 – 1966), dessen «Wanderjahre» ich schon vor einiger Zeit las und darin von seinen Funden im Reinhardswald bei Kassel hörte, als er Reste von grünem Waldglas an den Orten verlassener Glashütten fand. Auch erzählte er von dem Alchemisten Johannis Kunckel, der um 1680 die Rezepturen des Goldrubinglases entscheidend verbesserte. Ich war damals mit meiner Schwester und meinem Bruder gleich in den Reinhardswald gegangen, um vielleicht auch Glasreste unter den Wurzeln der vom Sturm gefällten alten Bäume zu finden. Die Glashütten in diesem Wald produzierten wohl noch bis ins 19. Jahrhundert. Vom Reinhardswald Richtung Norden zum Schloss Schwöbber unweit von Hameln (einst Familiensitz derer von Münchhausen, weit verzweigt verwandt mit Wense) sind es 18 Stunden zu Fuß. Von der Wense hat all diese Gegenden durchwandert. In Schulteisz‘ Roman heißt es: «Wense durchstreift und verlässt den Garten, (von Schloss Schwöbber, Anmerkung RW) sucht weiter nördlich nach dem Sophienhof, der ihm aus einem zoologischen Aufsatz bekannt ist. Darin heißt es, dass sich beidseits der Humme, bis hinter Groß-Berkel, das Revier der weißen Maulwürfe erstrecke.» Hier trifft er auf den alten Staats von Wacquant-Geozelles, Autor des zoologischen Aufsatzes über die Maulwürfe. ««Staats von Wacquant-Geozelles hat sich aufgerichtet. »Sind Sie Zoologe?« »Nur ein begeisterungsfähiger Mensch. Bereits durch den etymologischen Exkurs zu Anfang hatten Sie mich gewonnen: ein Maulwurfsforscher in Multhöpen!« Und schon ist das Eis gebrochen und sie lachen und sprechen von Multhucken, von Mul und Mol, Müll und Möll, Mülm und Mulm.»»
Da erinnerte ich mich an einen Besuch in Winterthur vor etwa 18 Jahren, dort hatte ich im Naturkundemuseum Albinomaulwürfe gesehen und fotografiert.
Dank an Chris, der mir das schöne und kuriose Buch von Schulteisz schenkte.

Christian Schulteisz, Wense, Berenberg 2020
Jürgen von der Wense, Wanderjahre, Matthes und Seitz, Berlin 2006
Albino, Naturkundemuseum
Winterthur, Fotografie RW 2002