Ein Märchen

Die steinalte Sophia sagte sich im Stillen, wenn ich noch dreiundzwanzig Jahre zu leben habe, kann ich mich glücklich schätzen. Also versuche ich, jeden Tag so zu leben, als wär’s mein letzter.
Es gelang ihr nicht, sie sorgte sich um dieses und jenes wie eh und jeh. Sie ließ sich ein wenig gehen, schlief viel und dachte um so mehr nach. Jetzt im Sommer setzte sie sich am hellen Abend mit einem Gläschen Wein und dem Buch der alten Bilder ans Fenster, schaute auf den Fluss hinaus und beobachtete, wie ein Amselvater in den Rheinwiesen sein riesiges Junges fütterte. Das Buch der alten Bilder hatte sie von ihrem Urgroßvater geerbt. Alle längst verstorbenen Verwandten darin schauten sie ernst aus ihren feierlichen Kulissen an. Die Lore ruft mich, hatte ihr Bruder gesagt und starb darauf hin ein halbes Jahr später.
Die Welt draußen war laut und windig. Sie sah die Schiffe, beladen mit blinkenden Schrotthaufen auf dem grauen Fluss vorbeifahren. Wenn die schräge Sonne die Fenster der Häuser auf dem anderen Ufer erfasste, leuchteten kurz sie auf, als wollten sie ein SOS senden. Dort drüben beobachtete sie auch, wie die Kräne im Industriehafen hinter den hohen Mauern von unsichtbarer Hand geführt die Positionen wechselten. Manchmal hörte sie polternd Metallstücke fallen.
Im Wintergarten zur anderen Seite hin widmete sie sich jeden Tag den Schätzen der Sammlung ihres Onkels, die sie ordentlich in vielen, beschrifteten Kästen aufbewahrte. Heute Morgen hatte sie ein besonderes Stück, einen eisenhaltigen Limonit vom Rheinufer betrachtet. Den hatte der Onkel vor vielen Jahren aufgehoben, weil der Stein genau so geformt war wie Aladins Wunderlampe.

Fundstücke vom Rheinufer, Fotografie RW 2020

Unsicheres Werk

Was suchte ich in den Ruinen von Emporion hoch über dem Golf de Roses. Ich fand einen Pferdezahn, eine Austernschale, eine Turmschnecke, ein Tuffstückchen (Opus reticulatum mixtum?) zwei Ziegelfragmente, zwei Boden-Mosaikstückchen aus weißem Marmor, ein Stückchen rötlich verputztes Mauerwerk, zwei Knochenfragmente, eine Schote vom Johannisbrotbaum.

Empúries, Katalonien, invertierte Fotografie RW, 2010/2020
 

Korrespondenzen XXXVI


JK hatte mir zur Lektüre «Eine Handvoll Anekdoten auch Opus incertum» von Hans Magnus Enzensberger empfohlen. Heute hab ich mir das Buch gekauft und als ich las, hat es mir ausnehmend gut gefallen, wie Enzensberger erzählt. Seine vielen, die Familie betreffenden Einträge haben mich besonders getroffen. Den einzelnen Anekdoten sind Fotografien aus dem Archiv der Famile Enzensberger beigefügt. Auf der Seite 116 sah ich das Bild des großen Handatlas von Andrees. Genau diesen Atlas habe ich, allerdings in vierter Auflage, von meinen Großeltern und Eltern geerbt. Im Herbst 2019 habe ich ihn als sprechenden Sockel für die Arbeit „Tisch für Rheingeröll“ eingesetzt. Auf ihm stehen nun drei glasierte Tonfiguren bestückt mit Steinen, die der Rhein über Jahrhunderte weit von ihrem Ursprungsort wegtransportierte.

«Eine Handvoll Anekdoten auch Opus incertum» von Hans Magnus Enzensberger, Suhrkamp 2020, Seite 116, Kartographische Vorlieben…
Mein Handatlas, Fotografie RW 2020
Siehe auch den Beitrag vom 21. Oktober 2019

Köstliche Sommertage am Rhein

Wir genießen den Sommer zu Hause, gehen in einem guten Restaurant im Bergischen essen und freuen uns danach über die herrliche Beerentorte im Garten der Freundin. Dazu trinken wir ein Gläschen Cremant und legen uns später zu einem Schläfchen nieder. Die Wolken hoch über dem Rheinturm formen auf Deubel komm raus die wildesten Figuren, dazu gibt es am Abend im Osten über dem Rheinturm einen roten Widerschein des westlichen Rots. Die Fledermäuse versuchen im letzten Tageslicht die Flüge der Mauersegler zu kopieren, schaffen es aber nicht.

Vorspeise Sashimi vom Saibling im Haus Stemberg, Beeren-Torte der Freundin, Fotografie RW Juni 2020

Urlaub


In den letzten Nächten haben wir von großen Reisen geträumt, sogar an einer Flugreise haben wir teilgenommen. Abenteuerlich landete die Maschine neben einer Flussmündung. Das Land war wüst und die Erde rötlich. Weiter ging es mit einem Schiff, das in engen Flusskurven zwischen den hohen Felsen Mühe hatte nicht zu kentern. Die vielen Menschen um uns herum waren fröhlich und wir verspürten keine Angst.

Aussicht im Odenwald, Fotografie RW, Sommer 2010

Jelängerjelieber

Das echte Geißblatt oder Jelängerjelieber ist eine wunderbare Pflanze, des Abends verströmt sie einen Duft, um Insekten anzulocken. Im Englischen heißt die Pflanze sehr treffend Honeysuckle. Die Blüten sitzen im Kreis zur Krone zusammen. Wie mit Federn geschmückte Hände neigen sich zueinander.
Ich denke sofort an das schöne Bild von Rubens in der Alten Pinakothek in München. Er malt sich mit seiner Verlobten Isabella Brant in der Geißblattlaube. Ihre Hände sind zum gegenseitigen Versprechen ineinander gelegt. Prominent am Zeigefinger der Braut steckt ein Diamantring, deutlich sieht man die frühe Schliffart, den Spitzstein, die Oberseite des natürlichen Oktaeders, vielleicht der Verlobungsring? Beide Handgelenke der Isabella sind mit Armbändern aus Achatgemmen geschmückt, die im Kleinen die Farben des Bildes wiederaufnehmen. Das Geißblatt mit vielen Blüten und auch schon ein paar Beeren umrahmt das Paar im oberen Teil des Bildes, eine einzelne Blüte zwischen ihren Köpfen fällt im Dunkel der Blätter besonders auf. Wie ein kleiner Hinweis zur Verbindung der beiden. Es ist bekannt, dass das Jelängerjelieber als ein Symbol für die Treue gilt.
Für JK, der heute Namenstag hat.

Jelängerjelieber im Garten meiner Freundin, Fotografie RW, 23. Juni 2020
Peter Paul Rubens, Rubens und Isabella Brant in der Geißblattlaube, 1609/10
https://www.sammlung.pinakothek.de/de/bookmark/artwork/A9xleZEMLW

Grausilber

Ich habe heute am 23. Juni nach einem passenden Beitrag zur 23 gesucht und nichts Gescheites gefunden. So habe ich den Zufallsgenerator bei der Bildersuche eingesetzt. Dieses Graustufenbild wurde durch blindes Antippen in der Datenbank gefunden. Es entstand vor sechs Jahren in Kaiserswerth am Rhein. Sicher ist irgendwo die 23 verborgen, entweder in der Vielfalt an Strukturen von Gräsern, Rinde und Blättern oder in der Anzahl der Tonstufen.

Am Kittelbach, Fotografie RW, 2014

Sonnenwende vorbei

In der Sonne glänzen die verholzten Unterblättchen der einstmals violetten Blüte. Sie haben silbrig seidige Oberflächen und an den Enden zerzauste Fransenfüßchen. Sie bilden einen tanzenden Stern um das Körbchen in der Mitte. Dort sind die Samen alle ausgeflogen und haben ein orientalisch anmutendes Relief hinterlassen.

Verholzte Blüte am Rhein, Fotografie RW, Juni 2020

Himmel des Lebens

Heute sprach ich mit meiner Schwester über Joseph Joubert. Sie empfahl mir zur Lektüre: «Alles muss seinen Himmel haben.» Der Titel allein war schon Grund genug, mir das Buch besorgen zu wollen.
Ich erinnerte mich später an einen Beitrag in Hanns-Josef Ortheils Blog über Joubert, von dem wohl zu Lebzeiten kein einziges Buch erschien.
Die Lebensdaten von Joubert sind 7. 5. 1754 – 4. 5. 1824. Er ist also drei Tage vor seinem siebzigsten Geburtstag gestorben. Eigenartig, in den Zahlen des Geburtsjahrs sind Geburtstag und Todestag verborgen.
Die beiden Schafe am Rhein haben sich unter der Silberpappel zur Ruhe niedergelassen. Welcher Himmel ist gemeint?

Schafe am Rhein, Fotografie RW Juni 2020
https://www.ortheil-blog.de/2018/08/15/grosse-ferien-12-ein-sommer-mit-joubert/

Nightview

Heute Nacht war an Schlaf nicht zu denken. Nichts hatte mich beunruhigt. Vor nichts hatte ich Angst. Ich wälzte keine schlimmen Gedanken. Das Kissen hab ich hin und her gedreht. Mein Herz hörte ich schlagen. Ich habe kein Licht angemacht, nichts gelesen, nicht auf das Display des Handys geschaut. Habe ins Dunkel gesehen und gelauscht. Nur einmal hörte ich einen kurzen, fremden Ton. Er wiederholte sich nicht. Als die ersten Vögel mit ihrem Gesang begannen, bin ich eingeschlafen.

Illuminierter Rheinturm, Düsseldorf, Fotografie RW Juni 2020