Cephalopodin mit Diamant


Über das Scherbensammeln am Rhein kommt der Künstlerarchäologe wieder zurück zum Prinzip Collage. Das Zusammenbringen heterogener Einzelteile birgt Überraschungen, mit denen er nicht gerechnet hat. Dabei lässt er die Schnittstellen bewußt sichtbar. Die Einzelstücke müssen sich auf dem ihnen fremden Grund nur wenig anpassen. Sie dürfen sich nicht vollkommen einrichten wie in der berühmten Collage Richard Hamiltons von 1956  «Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing?» Nein, eher denkt er an Hannah Höchs «Schnitt mit dem Küchenmesser» von 1919, auf der alle eingeklebten Dinge disparat durcheinanderwirbeln und deutlich auch als solche zu erkennen bleiben.

Cephalopodin mit Diamant, Papiercollage RW, Juni 2020, Fotografie RW 2020

23 Verhext

Dem Uth fehlt der Anfangsbuchstabe R. Die 23 auf dem Rücken wird ergänzt durch eine 1 zu 24. Das ist die eigentliche Glückszahl, die (R)Uth in ihrem Traum finden sollte. (siehe dazu oben unter LB & RW) Fünf (aus der Überschrift) ist die Quersumme aus 23.
Die gesuchte Vier wird auch noch einmal extra betont – sie taucht als passgenau in vier Lücken gesetzte Lampen, Punkte, Knöpfe in den Maschen des Tores auf. Der wissende Ball macht aus Neo ein Noo.
Der Fußballer verschießt den Elfmeter. Der Torwart mit der Rückennummer 1 konnte den Ball halten, sonst wäre das Spiel 2:3 ausgegangen. Verhext. Dass es sich um Geisterspiele handelt, tut nichts zur Sache.

Abfotografiertes Zeitungsfoto, Detail, Spiel Köln gegen Hoffenheim,
Fotografie RW 13. Juni 2020

Meeresbewohner

Aus der Eifel brachte ich einige Gesteinsbrocken von einem Bauhof mit. Sie stammen wohl aus einem Steinbruch bei Waxweiler und sind sehr fossilreich. Es ist Grauwacke, ein Sedimentgestein. Das Sediment wurde dort abgelagert, wo sich vor Millionen Jahren ein Meer und riesige Flussmündungen befanden. So entdeckte ich in den Steinen Brachiopoden, Einzelkorallen, Muscheln und Seelilienstängelglieder. Die fossilen Meerestiere kommen aus dem Devon, etwa 400 Millionen Jahre alt, genauer aus den Clerf-Schichten. Zu Hause habe ich die größeren Steine mit dem Hammer beklopft, um das Innere aufzuschließen und siehe da, sie ließen sich gut spalten und gut erhaltene Abdrücke kamen zum Vorschein, manchmal sogar mit Schalenerhaltung.

Fossilien aus Waxweiler, Fotografie RW 2020

Legere

Das Sammeln ist ein Auflesen, Anhäufen von Dingen, die der sammelnden Person ein Echo geben.
Die Dinge spiegeln das Staunen der sammelnden Person wider – vor der Schönheit der Natur, der Kunst, vor den Fragen nach dem Sein, dem Universum, der Zeit und dem Tod.
Die Dinge haben Form angenommen – stellvertretend für diese Fragen.
Die Nymphe Echo wird von Narziss nicht wiedergeliebt, da er nur sich selbst liebt. Sein eigenes Spiegelbild im Wasser (Echo hört er nicht).
Das Betrachten der gesammelten Dinge befriedigt die sammelnde Person durch den Erkenntnisgewinn, der von den Dingen ausgehen kann.
Beim Wiederfinden von vergessenen oder lange nicht betrachteten Dingen der Sammlung kommt Freude und Abenteuerlust auf, wie bei der Reise in ein fernes Land, der Erinnerung an den Moment des Findens/Auflesens.
Ein Verlust oder das Nicht-Wiederfinden eines aufgelesenen Gegenstandes lässt die sammelnde Person unruhig werden und ihre Gedanken hören nicht auf, darum zu kreisen.
In der Sammlung gibt es Hierarchien – Kerne, Anzeiger, Begleiter.
Die Sammlung wird im besten Fall in einer Datenbank erfasst.
Die sammelnde Person möchte ihre Sammlung mit anderen teilen, sie teilhaben lassen an der Freude und an den Fragen. Manchmal verschenkt die sammelnde Person auch Exemplare ihrer Sammlung.
Das Publikum der Sammlung kann durch das Besuchen vor Ort direkt in Kontakt mit der sammelnden Person treten, oder aber in den sozialen Medien an der Sammlung teilhaben.
Wenn die Sammlung zur Last wird, ja zur Bedrohung, dann kommt es zur Trennung, zum Neuanfang.

Bodenfunde im Eifeler Haus und am Rhein bei Düsseldorf, Nägel, Schraube, Messer, Sammlung RW, Fotografie RW, Juni 2020

Lesen

Bei den Bauarbeiten im Eifeler Haus wurden im tieferen Bodenbereich und in vom Putz befreiten Bruchsteinwänden viele Artefakte und Spuren früheren Lebens gefunden – ein gerieftes, unglasiertes, grobes Keramikstück mit Mörtelresten, Waldglas mit dem durch lange Bodenlagerung typischen Regenbogenschiller, ein halbes Glasröhrchen mit länglichen Luftblasen, ein Milchglasknopf, eine Münze von 1700, Scherben von Keramik, an die Westerwälder Art erinnernd, rötliche Stücke mit gelber und grüner Glasur, ein Pfeifenkopf, Pfeifenstielfragmente und viele zarte Knochen, meist Rippen von kleineren Tieren, Ziegen (?) … Zu gern wüßte ich mehr über diese Dinge.

Eifelfunde, Fotografie RW, Juni 2020

Rencontre «fortuite»

 Hommage an Isidore Ducasse, der sich Comte de Lautréamont (1846 – 1870) nannte und zu meiner Freude eine Zeit lang in Paris in der Rue Notre-Dame-des-Victoires Nr. 23 wohnte. Von ihm stammt die viel zitierte Beschreibung einer ungewöhnlichen Begegnung
« … schön … wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch!» « beau … comme la rencontre fortuite sur une table de dissection d’une machine à coudre et d’un parapluie.» Les Chants des Maldoror, 1869

«Pantoffel», Silex, Silber, geschliffener Bergkristall,
Arbeit RW Juni 2020, Fotografie RW 2020

Das Auge

Am nächsten Tag waren wir wieder im alten Eifeler Haus. Diesmal stieg ich bis in den Dachboden hoch. Hier lag noch das verbeulte Rumpfteil eines abgestürzten Flugzeuges, wohl aus dem zweiten Weltkrieg. Auf dem Boden des Speichers hatten die Elektriker einzelne Holzdielen aufgestemmt, um Leitungen zu verlegen. Vielleicht fand ich hier ja auch etwas kleines Kostbares.
Das blaue Auge sah ich in dem Sonnenstrahl, der durch die Dachluke fiel. Seltsam glimmernd, ein Papierchen, achtlos von den Arbeitern weggeworfen? Es veränderte je nach Blickwinkel die Farbe, mal matter, mal leuchtender. Wie ein kleines Feuerchen. Dann erinnerte ich mich an das schöne Tagpfauenauge, hatte dieser Schmetterling nicht auf dem unteren Flügelteil genau solche Augen? Hatte er sich oben verirrt, keinen Ausweg mehr gefunden, wurde von irgendeinem anderen Tier gefressen, bis auf das leuchtende Relikt? Ein wunderbarer, azurfarbener Gruß.

Blaues Auge, Fotografie RW, Bickendorf Eifel, Juni 2020

Reise in ein altes Haus

Auf einem Schutthaufen im Hof des alten Eifeler Hauses fand ich eine kleine flache Scheibe. Wir waren in der Dämmerung noch einmal zur Baustelle gegangen. Am nächsten Tag sollten die alten Ställe abgerissen werden. Über ihnen befand sich eine große Terrasse, dahinter ein Garten mit Flieder, Holunder und Buchsbaum. Man plante, den Gartenzugang wieder zu öffnen und wollte deshalb die Ställe und die Hälfte der Terrasse abreißen. Die flache Scheibe war hart, schien aus Metall zu sein, schimmerte grünlich. Später betrachtete ich sie unter der Lupe und entdeckte auf der einen Seite eine Krone, auf der anderen Buchstaben, REX CAROL …Ich hatte eine Münze gefunden, einen Liard, womöglich von 1700 … aus Brabant … und aus der Bauzeit des Hauses. Denn über dem barocken Sandsteinportal des Hause ist die Zahl 1737 eingemeißelt.

Der Münzfund, Fotografie RW, Bickendorf Eifel, Juni 2020

Flammenzungen

Frohe Pfingsten, Pinksteren, Paischten, Pingst, Pentecoste, Pentecôte, Pentecost, Pentecostés, Rusalii, Троицын день, Πεντηκοστή, 五旬节 …

Rhododendronblüte im Dickenbusch, Park Schloss Heltorf, Fotografie RW 29. Mai 2020 https://forst-graf-spee.de/schlosspark-heltorf/
 

Im Gehölz

Im Rhododendrongehölz wurde gerodet. Fast zweihundert Jahre alte Büsche mit dicken Stämmen und tausendfachen Verzweigungen gewähren uns einen Blick ins Dickicht. Eine schöne Höhle zum Sterben, meinte meine Schwester. Ich stellte mir ein greises Tier vor, das sich wissend zurückzieht.

Rhododendrongehölz im Dickenbusch, Park Schloss Heltorf, Fotografie RW 29. Mai 2020 https://forst-graf-spee.de/schlosspark-heltorf/