Vor sehr langer Zeit hatte die steinalte Sophie laut gesungen: Halt die Welt an, ich möchte aussteigen. Oder Ich bin ein Streitwagen unter blauen Sternen. Das waren ausgedachte Zeilen, die ihr einfach so in den Kopf gekommen waren. Sie sang sie zu simplen, selbst gesponnenen Melodien. Sie hatte immer gern gesungen, oft zu laut und mit einer dunkleren Sopranstimme, eigentlich ein Alt. Noten konnte sie einigermaßen lesen, aber nicht vom Blatt singen. Auch traf sie manchmal den Ton nicht, aber wenn eine starke Stimme neben ihr im Chor stand, war sie glücklich über die wunderbaren Laute, die sie mit ihrer Stimme erzeugen konnte.
Nun war ihre Stimme mit dem Alter kurz geworden, in die hohen Lagen kam sie gar nicht mehr. Schnell klangen die ausgestoßenen Laute heiser und belegt. Da nahm sie sich vor, wieder zu üben und vielleicht sogar Gesangsunterricht zu nehmen.
Altweibersommer
Heute Morgen ging ich von der Terrasse des roten Hauses den weiten Hang hinunter in die helle Sonne. Nebelschwaden lagen noch auf den Wiesen. Überall blitzende Tautropfen, Spinnfäden zogen weite Distanzen durch die Luft. Die Netze am Boden reihten sie im Gegenlicht zu feinen Ketten auf. Bei der Umzäunung des Hühnerstalls blieb ich stehen. Schon früh hatte ich das Krähen des Hahns gehört, aber sehr leise, fast zaghaft, als ob er sich nicht sicher sei, dass sein Ruf jetzt gefragt ist.
Huhn und Hahn bei Haus Eggert im Münsterland, Fotografie RW September 2020
555

Die Blüte zeigt fünf herzförmige, violette Blätter, die sich so schön um fünf spitzovale Lücken angeordnet haben. Zwischen handförmig gelappten grünen Blättern, natürlich mit fünf Hauptadern, steht sie im ausgesuchten Farbklang, um mit mir den 555. Eintrag in diesem Blog zu feiern.
Violette Blume am Feldrand in Unna, Fotografie RW, September 2020
Duft
Bei Vollmond hatte die steinalte Sophia wieder vom indischen Prinz geträumt. Mit einem knappen Simsalabim konnte er Dinge und auch Lebewesen verzaubern. Diesmal traf es die drei Fliegen, die, vom schweren Duft der Lilien angezogen, in Juwelen aus Gold, Diamanten, Rubinen, Saphiren und Opalen verwandelt wurden.
Drei alte Broschen, Fotografie RW, 2. September 2020, Sammlung RW
Verwirrung
Ich weiß nicht, warum ich mich im Halbschlaf nicht konzentrieren kann. Ohne, dass ich es will, tauchen Bilder auf, die blitzschnell wechseln und mir Fratzen schneiden. Heute Nacht in einer Wachphase wollte ich mir einige gute Ideen für meine Arbeit merken, es gelang mir nicht. Schnell war das wirklich Originelle wieder weg. Ich erinnere nur noch die Farbe Dunkelblau und einige wenige blasse Ziffern. Ich hatte am Vorabend den Mond gesehen mit den Planeten Jupiter und Saturn als sehr helle Begleiter am Südhimmel. Sie erschienen über den Platanen des Rheinufers, da wo jetzt am Tag der alte VW-Bus geparkt worden ist.
Grünweißes Auto am Rhein, Fotografie RW, August 2020
Es wird gesät…

Es riecht nach Feuer
im Boden wird
die Arbeit getan
verdorrt und vergraben
gesiebt und gesät.
Feuerwanze auf einem verlassenem Grab, Fotografie RW, August 2020
Leerstand
Im grünen Zimmer wohnte Tochter Eins. An das Zimmer angeschlossen war ein eigenes Bad. Tochter Zwei hatte ein blaues Zimmer und ihr Bad war entsprechend hellblau gekachelt. Die Zimmer der Töchter befanden sich im Westtrakt der großen Villa, die 1957 für einen Direktor im Ruhrgebiet erbaut worden war. Aus der großen Halle kommend ging man auf eine Empore hoch zum Studierzimmer und der Bibliothek des Hausherrn, danach durch einen schmaleren Flur in den Kinderzimmertrakt. Nach Osten hin konnte man von der Halle aus ein Kaminzimmer erreichen, danach ein Esszimmer. Hinter dem Kaminzimmer befanden sich die Türen zu den Schlafzimmern der Eltern, verbunden durch lange Schrank- und Spiegelflure mit einer auffälligen Tapete. Diese wurde in den noch auffälligeren Fliesen und Kacheln des riesigen Bades fortgesetzt. Sie bestanden aus gold- und olivfarben umrandeten weißen Rauten. Sicher aus den 80er Jahren. Küchen, Wirtschaftsräume, Keller und Dienstbotenzimmer wirkten noch so, als hätten die Bewohner das Haus eben erst verlassen. Der große Garten mit dem von einer Glashaube bedeckten Schwimmbecken war gepflegt. Die alberne Jagdhütte im Alpenstil stand etwas unpassend knapp vor dem langen flachen Anbau für den Gärtner.
Leeres Haus in Hösel, invertierte Fotografie RW, 2020
23 und die Freude

Heute fällt der 23. auf einen sonntag frisch weht der wind es ist nicht mehr so heiß eben flog ein vogel gegen die scheibe des rheinfensters er hat sich nicht verletzt und ich lese weiter den eintrag von hanns-josef ortheil in seinem blog über gott und corona die sommersonntage der kinderzeit tauchen auf voller freude kamen wir über die Landstrasse singend und beseelt aus dem hochamt zurück und gingen mit dem vater spazieren bis wir uns alle an dem mit weißem damasttuch gedeckten tisch niederließen und freuten uns auf das sonntagsessen fleisch gemüse kartoffeln nachtisch kompott das essen hatte die mutter zubereitet mit hilfe des kindermädchens oder später mit unterstützung der ältesten schwester dann ging es in den garten auf die pflaumenbäume oder ins gartenzimmer mit den großen blenden vor der tür und zeichneten auf einfachem papier mit buntstiften zum kaffee versammelten sich die sechs kinder wieder um den tisch vielleicht auch manchmal ein bisschen mürrisch weil das spiel unterbrochen werden musste oder weil die Mutter um Hilfe in der küche bat die sahne zu schlagen war aber ok dann auf den leckeren obstkuchen an den schulbesuch am montag wollte man nicht denken oder doch ein bisschen weil die freundinnen sicher auf neuigkeiten warteten.
Einfache Sommerblume am Rheinufer, Fotografie RW August 2020
Im Wind
Eben sah ich von meinem Rheinfenster aus ein Mädchen vorbeigehen. Ihre braunroten Haare wehten im Wind. Durch den Spalt der Rolladen konnte ich sie nur bis zu den Schultern sehen. In diesem Ausschnitt und in dieser Sekunde – teilten sich mir die Leichtigkeit ihres Gangs, die Frische und ihr Jungsein überraschend und vollkommen mit.
Scherbe vom Rhein auf der Tonplastik eines vorgestellten Wirbels, Fotografie RW 2020
18 Zeichnungen
Im Vorwort des ersten Teils von Das Echolot, Ein kollektives Tagebuch, Januar und Februar, 1943 sagt der Autor Walter Kempowski «… Die Stimmen… sie sind verweht, und die Toten behalten ihre letzte Erfahrung für sich, aber ihre überall deponierten Mitteilungen können wir aufnehmen und entschlüsseln, darauf dürfen wir nicht verzichten.»
Etwa dreiundzwanzigmal hatte die steinalte Sophia eine Fotografie abgezeichnet. Sie breitete die Ergebnisse auf dem verschlissenen Teppich aus, den ihr der Großonkel einst vererbte. Die Fotografie hatte sie mit viel Mühen aus einem Papiercontainer gefischt – inmitten entsorgter Postkarten und Briefe.
Mit ihren zeichnerischen Ergebnissen war sie nicht zufrieden, immer wieder hatte sie mit schwarzer und weißer Kreide versucht, sich der Fotografie zu nähern. Abgebildet war ein junger Mann, der, an einem hohen Fenster stehend, den Betrachter ruhig anblickte, hinter ihm an der Wand ein Gemälde, wohl ein Porträt. War der auf der Fensterbank aufgestellte Rahmen ein Spiegel oder ein weiteres Bild im Bild? Sophia konnte das Rätsel nicht lösen.