
Psalm, Priester, wahr, Corpus Christi, jung, Daniel, besonders, Talent, singen, getröstet, Frau, zölibatär
Dreiundzwanzig, 23
Nummer, Sträfling, Betrug, Kino, wirklich, hart, Gefängnis, krachen, Lidia, leiblich, verhungert
Blick aus dem Fenster
Die Sichel des zunehmenden Mondes steigert ihr Licht, je dunkler es wird. Sie steht genau gegenüber am dunstigen Himmel über dem Fluss, während ich schreibe. Ich sehe sie durch die geöffnten Türen des Rheinbalkons. Wie schnell die Dämmerung heute einbricht. Ich höre die raschelnden Laute der trockenen Platanenblätter, wenn Radfahrer oder Spaziergänger sie berühren. Ich höre die vorbeifahrenden Schiffe, ich höre die Stimme des Trainers, der jeden Dienstagabend seine kurzen Kommandos an die Sportgruppe gibt.
Die Vorhänge auf dem Foto oben – hierzu wollte ich eigentlich schreiben – geben den Blick auf den Kirchturm frei, aber ich kann nicht erkennen, was Stunde geschlagen hat.
Blick auf die Kirche von Martinsthal, Fotografie RW, September 2020
Im Wald

Im Wald treffe ich auf einen abgestorbenen Baum. Aufgebrochen ist die Rinde. Er steht noch aufrecht, seine Äste kahl emporgereckt. Moos hat sich auf ihnen angesiedelt. An einer Stelle hängt es allerdings herunter wie ein räudiges Fell. Wenn es abstürzt, wird es sicher dem nächsten Lebewesen sehr nützlich sein.
Auf dem Rheinsteig bei Rauenthal, Fotografie RW, September 2020
Festlich
Wie schön ist es, am Abend hoch auf dem Weinberg in der Laube zu Abend zu essen. Das Weingut bietet zu landesüblichen Speisen seine leckeren Weine an. Wenn die Sonne untergangen ist und es empfindlich kalt wird, werden warme Decken gereicht. Auf dem Rückweg nach Hause funkeln die Sterne vom klaren Himmel. So lässt es sich leben im Herbst.
Im Rheingau, Fotografie RW, 18. September 2020, für JK
Vanessa cardui
Gestern las ich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung den Artikel von Peter Henning über seine beglückenden Erfahrungen mit Schmetterlingen. Augenscheinlich ist es ihm gelungen, mit ihnen regelrecht zu kommunizieren. Er schildert, wie ein Admiral (Vanessa atalanta) auf seine Hand fliegt und dann auf seinen Kopf, wieder auf die Hand … und zwar immer dann, wenn Henning dem Schmetterling die Aufforderung dazu ausspricht. Er räumt ein, dass es eine besondere Fügung von Zufällen gewesen sein könne. Nun hat die Forschung aber herausgefunden, dass es durchaus Kommunikation zwischen Faltern und Menschen gibt. Allein der Gedanke daran macht mich so glücklich, dass ich, auch wenn es bei Henning Zufall und Poesie wäre, ich trotzdem dieses Glück behalten werde. Welche Gottesgeschöpfe die Schmetterlineg sind, wie sie weite Weltreisen unternehmen, welche wunderbaren Bilder sie auf ihren Flügeln durch die Kontinente transportieren – so atemberaubend, dass ich gar nicht aufhören kann, von ihnen und mit ihnen zu schwärmen.
Distelfalter (Vanessa cardui) in der Normandie, Fotografie RW 2008
Time lapse
Manchmal hatte die steinalte Sophia das Gefühl, aus der Zeit gefallen zu sein oder dass die Tage nicht mehr von ihr selbst erlebt wurden. Die Wochen des Jahres vergehen wie im Fluge, was gestern war, hab ich heute vergessen. Vielleicht ist mir die Kunst der Rückbesinnung verlorengegangen. Anhand von Dokumenten konnte sie allerdings einiges rekonstruieren. Und so sah sie, dass es unzählige Erlebnisse waren, die sie bewahren wollte. Silvester Karneval Aschermittwoch Fastenzeit Ostern Christi Himmelfahrt Pfingsten Fronleichnam Sommerferien Erntedankfest Sankt Martin Nikolaus Adventszeit Weihnachten – waren meine Orientierungspunkte, die mich früher durchs Jahr geführt haben, dachte sie im Stillen, aber da war ich ja auch nicht ich, da war ich ja nur eine Dabeigewesene unter vielen.
Blick aus dem Fenster in Amsterdam, Fotografie RW 2013, invertiert 2020
Vom Singen
Vor sehr langer Zeit hatte die steinalte Sophie laut gesungen: Halt die Welt an, ich möchte aussteigen. Oder Ich bin ein Streitwagen unter blauen Sternen. Das waren ausgedachte Zeilen, die ihr einfach so in den Kopf gekommen waren. Sie sang sie zu simplen, selbst gesponnenen Melodien. Sie hatte immer gern gesungen, oft zu laut und mit einer dunkleren Sopranstimme, eigentlich ein Alt. Noten konnte sie einigermaßen lesen, aber nicht vom Blatt singen. Auch traf sie manchmal den Ton nicht, aber wenn eine starke Stimme neben ihr im Chor stand, war sie glücklich über die wunderbaren Laute, die sie mit ihrer Stimme erzeugen konnte.
Nun war ihre Stimme mit dem Alter kurz geworden, in die hohen Lagen kam sie gar nicht mehr. Schnell klangen die ausgestoßenen Laute heiser und belegt. Da nahm sie sich vor, wieder zu üben und vielleicht sogar Gesangsunterricht zu nehmen.
Selbstporträt als Sängerin, Fotografie RW 2003
Altweibersommer
Heute Morgen ging ich von der Terrasse des roten Hauses den weiten Hang hinunter in die helle Sonne. Nebelschwaden lagen noch auf den Wiesen. Überall blitzende Tautropfen, Spinnfäden zogen weite Distanzen durch die Luft. Die Netze am Boden reihten sie im Gegenlicht zu feinen Ketten auf. Bei der Umzäunung des Hühnerstalls blieb ich stehen. Schon früh hatte ich das Krähen des Hahns gehört, aber sehr leise, fast zaghaft, als ob er sich nicht sicher sei, dass sein Ruf jetzt gefragt ist.
Huhn und Hahn bei Haus Eggert im Münsterland, Fotografie RW September 2020
555

Die Blüte zeigt fünf herzförmige, violette Blätter, die sich so schön um fünf spitzovale Lücken angeordnet haben. Zwischen handförmig gelappten grünen Blättern, natürlich mit fünf Hauptadern, steht sie im ausgesuchten Farbklang, um mit mir den 555. Eintrag in diesem Blog zu feiern.
Violette Blume am Feldrand in Unna, Fotografie RW, September 2020
Duft
Bei Vollmond hatte die steinalte Sophia wieder vom indischen Prinz geträumt. Mit einem knappen Simsalabim konnte er Dinge und auch Lebewesen verzaubern. Diesmal traf es die drei Fliegen, die, vom schweren Duft der Lilien angezogen, in Juwelen aus Gold, Diamanten, Rubinen, Saphiren und Opalen verwandelt wurden.


