Averno


Vor zwanzig Jahren fotografierte ich den Lago d’Averno, der nicht unweit der vulkanisch hoch aktiven phlegräischen Felder liegt. Über den See, den Vogellosen, heißt es, dort stiegen gefährliche Gase auf, die die Vögel vergiften könnten. Auch sei er den Römern das Tor zur Unterwelt gewesen. In Solfatara fotografierte ich die brodelnde, rauchende Erde voll ausblühendem Schwefel und den giftigen Fumarolen. Bei der Grotte der Cumaeischen Sibylle fotografierte ich die über hundert Meter tief in den Berg gehauenen Gänge.
Der Name des Sees in der Bucht von Neapel fiel im Zusammenhang mit der Vergabe des Nobelpreises für Literatur an die Lyrikerin Louise Glück. In ihrem Gedichtband Averno finde ich:

THE NIGHT MIGRATIONS

This is the moment when you see again
the red berries of the mountain ash
and in the dark sky
the birds’ night migrations.

It grieves me to think
the dead won’t see them—
these things we depend on,
they disappear.

What will the soul do for solace then?
I tell myself maybe it won’t need
these pleasures anymore;
maybe just not being is simply enough,
hard as that is to imagine.

Zur Zeit ist die von Ulrike Draesner ins Deutsche übersetzte Ausgabe vergriffen.

Lago d’Averno, Fotografie RW, Oktober 2020

Vom Sehen

Ich weiß nicht, ob ich noch richtig sehen kann. In den vielen Ausstellungen, die ich zur Zeit besuche, gehe ich zügig herum, werfe einen kurzen Blick auf das Ausgestellte (Nur weniger als 30 Sekunden schauen Museumsbesucher durchschnittlch auf ein Bild, wie Forscher ermittelten.) und halte stets das Smartphone oder die Kamera bereit, um den Blick für die Bereitstellung in den social media zu prüfen. Dies finde ich als Handlung nicht schlecht, denn so kann ich mich später im Internet mit Gleichgesinnten treffen. Aber habe ich wirklich etwas aufgenommen, mir einverleibt? Oder bleibt das Bild als durchsichtige Lichthaut nur sekundenkurz in meinem Wahrnehmungsapparat, um schnell wieder zu verschwinden? Nachts rufe ich oft Bilder aus der Erinnerung auf, gehe durch längst verlassene Räume, um Details in diesen wieder aufzurufen. Nicht immer gelingt dies.

Fotografen im Park des Künstlerveins Malkasten Düsseldorf, Fotografie RW, 2014

Spacegirl

Die steinalte Sophia hatte als Kind in der zweiten Schulklasse auf die Frage der Lehrerin nach ihrem Berufswunsch «Mutter» geantwortet. In der dritten Klasse durfte sie die Rolle der heiligen Maria im Krippenspiel übernehmen. In der Sexta des Gymnasiums hielt sie schriftlich in einem Aufsatz «Innenarchitektin» als mögliche Zukunft fest. Sie wusste sicher, dass es irgendetwas mit Zeichnen sein sollte. Während ihrer Schulzeit spürte sie, wie mit den sechziger Jahren eine neue abenteuerliche moderne freie – Weltraum – Zeit begann. In der vergangenen Nacht war sie sogar im Traum durch das Weltall geflogen.

Alte Werbung der 70er Jahre auf einer Seite des großen Wunderkammer-Buches,
digitale Collage RW 2020, Fotografie RW 2020
Cabinet of Curiosities – Das Buch der Wunderkammern. Massimo Listri, Taschen Verlag

Vom Finden


Ich bin eine glückliche Finderin.
Heute Nacht zwischen vier und fünf Uhr zählte ich besondere Fundstücke auf:
Eine Kupfermünze von 1700 im Bauschutt eines alten Hauses in der Eifel bei Bitburg
Eine lange Schörl- oder Ägirinnadel auf Glimmergneis am Ufer des Lago Vernago, Vernagttal (Geburtstagsfund!) in Südtirol
Ein Fragment eines römisches Siebes aus grün oxidiertem Kupfer am Ufer der Seine bei Jumièges
Einen großen Rinderzahn auf einer Baustelle bei der Porta Nigra in Trier
Einen kleinen klaren Quarzkristall zwischen Rheinkieseln auf einer Fensterbank in der Kunstakademie Düsseldorf
Eine alte blauweiße Porzellanscherbe mit dem Schriftzug Syriah auf einer Bausstelle in Amsterdam
23 natürliche Perlen in einem Geburtstagsgeschenk von JK
Ein Rheingeröll mit Seelilienstängelfossil in einem Kiesbett auf dem Fußboden des Lehmbruckmuseums in Duisburg
Einen großen Ruthilkristall im Muttergestein auf dem Albrunpass in der Schweiz

Natürlich gewachsene Perlen auf einer Calcitdruse, Fotografie RW 2020, Sammlung RW

Bild und Ort

1935 fotografierte August Sander die Barbarossa-Pfalz direkt vom Rheinufer aus. Er muss mit seiner Kamera kurz vor der Mündung des Kittelbachs gestanden haben. Dort, wo ich vor kurzem das vermeintliche Pflanzenfossil gefunden hatte. (Siehe den Blog-Beitrag vom 10. Juli 2020) Die beiden Türme im Anschluss an die Ruine der Pfalz gehören zur Kirche St. Suitbertus. Heute hat die Basilika nur einen Dachreiter mit Glocke. Beide Türme sind im 2. Weltkrieg zerstört worden. Sie waren im 19. Jahrhundert an die Kirche angebaut und nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut worden. Von der Fotografie August Sanders (Abzug von 2020) zeige ich nur einen Ausschnitt. Das vollständige Bild  hängt zur Zeit im Kaiserswerther Kunstarchiv in der Ausstellung „Flusslandschaften“. Das Archiv liegt genau am Stiftsplatz mit Blick auf die Basilika. Nicht weit von hier ging ich zur Schule. Fast jedes Jahr am Fest des heiligen Suitbertus zogen wir in weißen Kommunionkleidern mit gelber Schärpe in einer großen Prozession vom Gymnasium zur Kirche.

„Flusslandschaften“ Fotografie-Ausstellung mit Arbeiten von Bernd & Hilla Becher, Laurenz Berges, Andreas Gursky, Axel Hütte, Bernard Langerock, August Sander und Josef Schulz im Kunstarchiv Kaiserswerth, Photographische Sammlung/SK Stiftung Köln, Studio Becher, Kulturamt Düsseldorf

Heilige Messe


Vor Jahren nahm die steinalte Sophia an einer sehr festlichen heiligen Messe teil. Das Aschenkreuz wurde ausgeteilt. Es war der Aschermittwoch der Künstler in Köln. Wie jedesmal wurden auch die Namen der im Jahr Verstorbenen verlesen.
Sophia war sehr gerne mit den Künstlern zusammen, es gab im Anschluss an die Messe anregende Vorträge, musikalische Darbietungen, eine Ausstellung und eine kräftige Suppe. Später traf man sich zu einem gemeinsamen Museumsbesuch in der Kolumba.
In ihrer jetzigen, freiwilligen Isolation vermisste sie die feierliche Gemeinschaft sehr und sehnte sich nach dem Ausstauch mit den Künstlerfreunden.

Aschermittwoch der Künstler in Gross St. Martin zu Köln, Fotografie RW, 2013

Das Geschenk des indischen Prinzen


Das vom indischen Prinzen auferlegte Rätsel hatte ich gelöst. Zur Belohnung wollte er mir laut seines letzten Versprechens einen großen Rubin schenken. Stattdessen fand ich in dem von ihm genannten Versteck eine Kette. Sie lag in der fossilen Muschel, in der sich dunkelblauschwarze Vivianitkristalle gebildet hatten. An der Kette war eine Art gebauchte Linse befestigt, die mich mit ihren vielen zarten Kügelchen an ein kleines Seeigelgehäuse erinnerte. Zwischen den Kügelchen waren sechzehn unterschiedlich große, funkelnde Diamanten gefasst.

Weißgoldkette mit Brillanten auf fossiler Muschel, Fotografie RW 2020

Die Katze von Paul Klee

Der steinalten Sophia kam in den Sinn, dass eine mögliche wertvolle Folge des Schreibens der Trost sei. Das Bild einer Katze brachte sie auf diesen Gedanken. Es handelt sich um die Katze von Paul Klee, die der Künstler 1906 selbst fotografierte. Das Bild der struppigen kleinen Katze auf dem Teppich-gemusterten Sofa hat etwas Heimeliges und Wildes zugleich. Die Muster des Stoffes schreiben die Geschichten von Winter und Sommer, von den Pflanzen und Kristallen. Zufrieden beansprucht das Kätzchen den Platz inmitten der alten Erinnerungen. Von den vielen Millionen Katzenbildern der social media wußte Sophia nichts. Sorgfältig notierte sie heute: wenn mich wieder Weinanfälle am hellichten Tag überfallen, wenn mich die Sehnsucht nach den Verstorbenen überwältigt und wenn die Sorge um meine Nächsten zu groß wird, dann werde ich die Muster dieses Stoffes Faden für Faden beschreiben.

Klees Katze, invertierte und beschnittene Fotografie aus der FAZ von heute, Fotografie RW 2020