Orion, der treue

Heute in den frühen Morgenstunden, gegen 4.45 Uhr, stand ich auf aus einem ärgerlichen Traum. Unruhig ging ich zum Rheinbalkon und sah den hellen Mond fast senkrecht über mir. Am Ende der Nacht war es ungewöhnlich frostig und klar. Im Westen glühte der Himmel kurz über dem Horizont, als hätte es einen Brand im Hafen der Nachbarstadt gegeben. Ich deckte mit der Hand über der Stirn das Licht des Mondes ein wenig ab.
Da sah ich den vertrauten Orion – mir genau gegenüber stehend am südlichen dunklen Himmel. Ganz klar konnte ich die zwei großen Schultersterne sehen, die drei seines Gürtels, den Sternhaufen seines Schwertes darunter und die beiden Sterne am Rocksaum. Die Freude über dieses treue Zeichen ließ mich ruhig werden und ich erinnerte mich an meine Mutter, die mir das Sternbild erklärt hatte.

Feuerwerk am Rhein, Fotografie RW 2014

Vorlieben


Mit böser Miene beobachte ich seit einiger Zeit die Krähen. Sie machen sich breit, vertreiben andere Vögel. Zerrupfen die Wiesen am Rhein, so dass hässliche, braune Flecken entstehen. Die Krähen machen sich über die Abfallkörbe her, ziehen alles heraus, öffnen die Pizzakartons, blättern in weggeworfenen Zeitungen, um nach jedem Krümel Ausschau zu halten.
Drei besonders freche Tiere verjagen immer wieder den Falken von seine Rüttelstelle am Rheinufer, aus seinem angestammten Revier. Sie greifen ihn in der Luft an. Fliegen zu dritt direkt auf ihn zu. Neulich saß er völlig zerzaust und erschöpft in einem großen Baum hinter dem Haus.
Aber heute sah ich, wie eine sehr schlaue Krähe einen kleinen runden Gegenstand, etwa eine Walnuss, aus zehn Meter Höhe fallen ließ, pfeilschnell zu Boden ging, ihn wieder mit dem Schnabel aufnahm, wieder in die Höhe und wieder fallen ließ – auf dem asphaltierten Weg hörte man es klackern. Nach getaner Arbeit hat sie wohl dann den leckeren Nusskern verzehrt.

Krähe blättert in der Zeitung, Filmstill, Smartphone-Aufnahme, RW 2020

Amnesia

Zunächst einmal ist nichts anders, dachte die steinalte Sophia bei ihrem Rheinspaziergang. Die Schafe weiden, Kirchturm und Schlossturm gegenüber am vertrauten Platz, das Riesenrad dreht sich. Der Himmel grau und die Blätter fallen von den Bäumen. Ein ganz vertrauter erster November, Allerheiligen, dieses Jahr an einem Sonntag.
Morgens hatte sie die Glocken gehört, war aber nicht zur Messe und nicht auf den Friedhof gegangen. Monate schon war ihr keiner ihrer Freunde begegnet. Nur einen traf sie regelmäßig, den, der ihr ein wenig zur Seite stand bei den alltäglichen Aufgaben ihres Lebens.
Seit Tagen lebte sie wie unter einer großen Glashaube. Sie kam nicht durch, sie erreichte die Randzonen nicht, schon gar nicht das, was außerhalb der unsichtbaren Wand war. Diesen Wahrnehmungsfehler kannte sie. Vor zehn Jahren hatte sie an einem Winterabend für einige Stunden ihr Gedächtnis verloren und unaufhörlich alle Dinge in ihrer Umgebung befragt, als sähe sie sie zum ersten Mal.

Rheinufer bei Düsseldorf von der Oberkasseler Seite aus gesehen,
Fotografie RW, 1.11. 2020

Seelenbrezen


Genau vor einem Jahr waren wir in den Süden gereist, sind im hellen Sonnenschein über Felder und Wiesen der Voralpen gewandert. In Augsburg gab es in einer Konditorei Allerseelenbrezen, dick von Schokolade umhüllt, mit Mandeln und Marzipanblüten verziert. Die haben wir nicht gekauft.
Dieses Jahr verreisen wir nicht. Wir sind schon gestern zum Friedhof gefahren und haben nach dem Rechten geschaut. Das Grab sah feierlich aus und wir haben einen persönlichen Segen ausgesprochen. Am Rhein fanden wir heute ein leuchtendes Blatt im Vorgarten.

Herbstblatt am Rhein, Fotografie RW, 31. 10 2020

Der Meister

Eine meiner ersten Zeichnungen an der Kunstakademie war ein männlicher Akt in Untersicht – nach einem der Gipsabgüsse, die oben unter dem Dach der Akademie aufgestellt waren. Später zeigte ich die großformatige Zeichnung meinem Professor. Er schüttelte den Kopf, fuhr zunächst heftig mit seinem Bleistift über die Zeichnung. Dann zeichnete er quer auf dem Blatt eine Figur mit schmalen Schultern, sehr zart im Ausdruck. Er sprach unaufhörlich dazu, was er genau sagte, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich nur genau an eine Antwort, die ich im Gespräch gab: «Der Mensch», worauf er mir anerkennend antwortete: «Genau!»

Von Joseph Beuys korrigierte Zeichnung aus dem ersten Semester, WS 70/71, Düsseldorf Kunstakademie, Fotografie RW 2020

Der Winter

Heute Nacht hatte die steinalte Sophia von unwirtlichen Landschaften geträumt. An einem verschneiten, felsigen Ufer am Meer gab es nur eine kleine Schmiede, die der müde Reisende aufsuchen konnte, um seinen strapazierten Lasttieren neue Beschläge machen zu lassen und sich selbst eine warme Mahlzeit zu gönnen. Unterhalb der Hütte hatten die Gezeiten große Höhlen gegraben. Die Resonanz in deren Tiefe verstärkte das grollende Rauschen der aufkommenden Flut. Sophia glaubte dem Wanderer nicht, dass er auf dem verschneiten Weg oberhalb der Hütte weiterziehen würde, um das Landesinnere mit seinem wärmeren Klima noch vor der Dämmerung erreichen zu können. Sie verharrte lieber unten vor der Höhle am steinigen Ufer. Später dort hinein zu verschwinden, schien ihr im Traum viel konsequenter.

Francesco Foschi, 1710 -1780, Hügelige Winterlandschaft, Ausschnitt, gesehen in der Ausstellung «Weltsichten» im Museum unter Tage, KUNSTSAMMLUNGEN DER RUHR-UNIVERSITÄT BOCHUM, SITUATION KUNST (FÜR MAX IMDAHL) Fotografie RW, 2020

De Omval

Bij de Omval aan de Ouderkerkerdijk malte Piet Mondrian um 1906/7 sein geheimnisvolles Abendbild. Am Ufer der Amstel leuchten in der Ferne die Lichter eines Gehöftes auf und Nebel scheinen über die Wiesen zu ziehen. Das Kupferlicht der untergegangenen Sonne bleibt noch, bevor es ganz dunkel wird.
Sofort, als ich das Bild heute in Bochum sah, dachte ich an Rembrandts wunderbare Radierung de Omval von 1645 mit dem versteckten Liebespaar im Ufergebüsch. Ob er sein Motiv genau an derselben Stelle aufnahm wie Mondrian Jahrhunderte später, weiß ich nicht. Vielleicht hat ja Mondrian diese Stelle zu Ehren Rembrandts aufgesucht.
Heute stehen auf der Landzunge des Omval die höchsten Bürowolkenkratzer von Amsterdam – die Türme Rembrandt, Breitner und Mondrian. Benannt nach den berühmten Malern der Stadt. Wie man in Luftaufnahmen im Internet sehen kann, eine ziemlich hässliche Angelegenheit…

Piet Mondrian, Aan de Ouderkerkerdijk bij de Omval in den Avond II, 1906/7, Museum unter Tage, KUNSTSAMMLUNGEN DER RUHR-UNIVERSITÄT BOCHUM, SITUATION KUNST (FÜR MAX IMDAHL) Fotografie RW, 2020

 

La Fornarina 23

Manchmal erhalte ich von Freunden und Freundinnen Beiträge für meine Sammlung zur Zahl 23. Aus Rom schickte mir Pia am 28. 11. 2018 zwei Fotografien per mail. In der Galleria Borghese hatte sie die Fornarina betrachtet und gesehen, dass der Audioguide die Zahl 23 trägt und die Inventarnummer des Bildes die 2333 ist.
Heute entdecke ich, dass die Quersumme der Zahlen des Empfangsdatums der mail ebenfalls 23 ergibt. Die Summe der Zahlen des Geburtsjahrs und Sterbejahrs von Raffael heißt 24. Das ist die Glückszahl, die ich laut meines Traums von 1986 eigentlich hätte finden sollen. (siehe auf ruth23weber.de unter der Kategorie Wort)

per mail geschickte Fotografien von Pia Fries, 2018
für den Beitrag bearbeitet von RW, 2020

Musik


Im April des Jahres 2001 befanden sich 116 Personen im Ausschnitt meiner Aufnahme. Von einer hohen Warte aus, mit Sicht auf den Burgplatz, erfasste ich das Rheinufer der Düsseldorfer Altstadt und einen schmalen Streifen Grün vom Oberkasseler Ufer gegenüber. Damals ahnte ich nicht, dass ich in dieses Gegenüber umziehen würde, dorthin wo ich auch geboren wurde und als Kunststudentin eine Weile wohnte. An diesem sonnigen Frühlingstag schrieben die Silhouetten der Personen ein rhythmisches Lied, das ich heute gern einmal hören würde.

Burgplatz Düsseldorf, Fotografie RW, April 2001

Die Welt im Hohlspiegel


Zur Genesung von einer schweren Erkrankung hatte die steinalte Sophia sich eine kräftige Hühnersuppe gekocht. Sie aß sie voller Genuss in ihrer Bibliothek zusammen mit einem Freund, der ihr in schweren Tagen geholfen hatte. Als sie gerade wieder den Löffel füllen wollte, sah sie, dass sich ihre gesamte kleine Welt in seiner Laffe spiegelte.

Hühnersuppe, Fotografie RW, 18. 10. 2020