Festlich und feierlich

Zweimal hatte die steinalte Sophia während des Gebets in der Vorabendmesse einen verstohlenen Blick auf die Hand ihrer Nachbarin werfen müssen. Ich kann nicht anders, das Funkeln der Diamanten blitzt mir so deutlich in die Augen, dass ich das Credo nicht konzentriert mitsprechen kann. Die Bänke in der Kirche waren spärlich besetzt. Abstände mussten eingehalten, Mundnasenschutz getragen werden und kein Lied wurde gemeinsam gesungen. Trotz aller Befürchtungungen um Ansteckung hatte Sophia sich heute zur heiligen Messe aufgemacht. Sie betrachtete die brennenden Kerzen und die vergoldeten Schnitzereien am Altar. Sie hörte das Orgelspiel und die schöne Stimme des Organisten zum Agnus Dei. Das Funkeln der Steine an der Hand der Nachbarin nehme ich nun als ein feierliches und festliches Lob.

Funkelnde Diamantringe im Dunkeln, Filmstills RW, 2020

Sichelmond

Ein Fest am Abendhimmel
ein großes Leuchten
eine präzise Ziffer
über dunklem Grund.
Nur für mich inszeniert.
Ich nahm es auf.
Ich war dabei.
Ich sah es.

Mondsichel am Abendhimmel über dem Rhein, Fotografie RW, November 2020

Dunkeldämmerung

Neuerdings werden die Abende zu lang. Schon um 17.20 Uhr ist es fast dunkel. Die Uhrzeiten entsprechen nicht mehr der Wahrnehmung von Tag und Abend. Als hätte irgendwer die Dunkelzeit um zwei Stunden verlängert. Blickt man jetzt hinaus zum Rhein, so gleiten Schiffslichter den schwarzen Fluss hinunter. Die mit Spinnweben behängten Strassenlaternen blaken im Dunkeln blass rotgelb, dazu zappeln die Neon-Jogger ihren Weg entlang, die Hunde sind mit bunt blinkenden Lichterketten ausgestattet. Das gefällt mir alles nicht, dachte die steinalte Sophia, aber vor den hellen Fernseher will ich mich vor acht Uhr noch nicht setzen. Sie begann den zu schnellen Lauf dieses langen, eigenartigen Jahres Monat für Monat durchzugehen. Das ist schließlich meine ureigene Zeit, sagte sie sich. So will ich zufrieden sein und mich von meinen Erinnerungen nähren, indem ich sie in Lichtbilder umwandle.

Drachenfiguren im Parc de la Ciutadella, Barcelona, Fotografie RW, 2015, invertiert und bearbeitet 2020

Wolkenzeiger

Um 9.30 Uhr einen schnellen Gang von 5000 Schritten am Rhein machen.
Um 11.30 Uhr einen wichtigen Brief per mail formulieren und abschicken.
Um 12.30 Uhr ein Bild zum Künstlerverein Malkasten bringen und als Nummer 23 regristriert werden.
Um 13.10 Uhr Reste des Sonntagsmahls aufwärmen und nach dem Essen eine Stunde schlafen.
Um 16.30 Uhr eine Mandarine zum Kaffee essen, dabei Bilddateien ordnen und bearbeiten.
Um 21.00 Uhr auf einer Projektionswand Geschichten um das englische Königshaus anschauen.

Wolke, die rückwärts zeigt, Fotografie RW, November 2020

Im Inneren


In den tiefen Stein wollte der indische Prinz seine feinen Entwürfe einzeichnen. Er unternahm zahlreiche Versuche, bis das Ergebnis ihn befriedigte. Er ließ eine spezielle Farbtinktur, die er mit Manganpigmenten, ein andermal mit Eisen anreicherte, in feinste mikroskopische Bohrungen einlaufen. Dort kristallisierten die Tinkturen und bildeten zarte Verästelungen. Er experimentierte mit gelbem Kalk, hatte sich dafür exklusiv Solnhofener Plattenkalk nach Mumbai kommen lassen. Auch zeichnete er in brasilianischen Bergristall, hatte verschiedene specimens aus Corinto durch seine Verbindungsleute in Minas Gerais angefordert.
Später ließ er die Steine in passende Stücke schneiden, teils polieren, andere ließ er roh. Zum Schluss kombinierte er nach der Art der asiatischen Gelehrtensteine suiseki einige beste Stücke, um seiner Arbeit einen würdigen Abschluss zu geben.

Dendritenquarz auf Dendritenkalk, Sammlung RW, Fotografie RW, 2020

1899 – 1988

In meiner zweisprachigen Ausgabe des Büchleins Le Parti pris des choses/Im Namen der Dinge von Francis Ponge gefallen mir oft die Ausführungen des Autors in seiner Muttersprache besser als die deutsche Übersetzung. Ein kleines Beispiel: Les rois ne touchent pas aux portes – Könige fassen Türen nicht an (Übersetzung Gerd Henninger) Für toucher hätte ich mir ein berühren gewünscht und auch ihren Artikel könnten die Türen (die Könige verlieren ihn?) doch vertragen… Könige berühren die Türen nicht, oder Die Könige berühren Türen nicht. Die Könige berühren die Türen nicht. Könige berühren Türen nicht.
So übersetzt hat der Satz allerdings eine andere Bedeutung…. denn Ponge geht es wohl in seiner Beobachtung um das alltägliche, unwillkürliche Anfassen der Tür beim Öffnen, nicht das vorsichtige Berühren beim Erkunden eines Gegenstandes.

Heute erschien in der FAZ ein Artikel über Francis Ponge. Le Soleil/Die Sonne ist bei Matthes & Seitz erschienen. Übersetzt, herausgegeben und kommentiert von Thomas Schestag. Das aufwendige Projekt erscheint mir äußerst lesenswert und ansehenswert, weil darin auch Faksimiles von Handschriften und Typoskripten des Schrifstellers abgedruckt werden.
Aber meine Aufmerksamkeit im Zeitungsartikel galt zunächst nur den Zahlen, denn in nicht mehr und nicht weniger 23 Kladden hatte Ponge seine zahlreichen Aufzeichnungen zu Le Soleil/Die Sonne versammelt.
Dann sah ich die Symmetrie seiner Lebensdaten 1899-1988.
Quersummenrechnerei: 53, 8 oder anders 27 – 26, 98, 17, 8. Die Acht ist also in seinen Lebensdaten eingemauert. Über die Bedeutung der Acht als Zahl in Mythologie, Religion und Geschichte schweig ich mich hier aus. Die Freude beim Betrachten dieser Zahlen reicht mir vollkommen. Ob Ponge die Zahlen auch als Dinge sah, die ihn zu seinem Spiel mit der Sprache, seinem Objeu (aus Objet und Jeu) anregten, weiß ich nicht, würde es mir aber sehr wünschen.
Nun – heute an St. Martin haben wir auch einen Symmetrietag 11. 11. 2020 – Quersummenrechnerei 8, meine Hommage an Francis Ponge.

Detail eines Zeitungsfotos aus der FAZ von heute, Fotografie RW, 11.11.2020

Vanity Fair


Die steinalte Sophia erinnerte sich heute Morgen an eine Episode aus ihrer Vergangenheit, ausgelöst durch den kürzlichen Besuch des indischen Prinzen. Diesmal war er mit seinem englischen Cousin gekommen, zusammen hatten sie ein wunderbares Gespräch über ihre gemeinsame sophisticated fondness for gold and jewellery geführt.
Sophia war Mitte der 80er Jahre zu einem Filmset eingeladen worden. In einem prächtigen Spiegelsaal sollte sie als Statistin an einer großen Party teilnehmen. Festliche Garderobe war gefordert. Sie trug ein schwarzes, enges, ärmelloses Etuikleid. In den Stoff des Kleides waren goldfarbene Bambuszweige eingewebt. Dazu trug sie eine Kette mit großen goldenen Kugeln um den Hals und an ihren Ohren hingen an zarten, langen Kettchen ebenso goldene Kugeln. Das blonde Haar trug sie offen, den Mund hatte sie rot geschminkt. Schade, dass ich von dieser Szene kein Foto habe, den fertigen Film habe ich nie gesehen. Ein angesagter Modemacher der Zeit, Wolfgang J. , spielte die Hauptrolle in dem ironisch gemeinten Melodram. Sophia erinnerte sich genau, wie dieser am Rande des Sets auf sie zukam und sie von oben bis unten musternd, meinte: Einen schönen Weihnachtsbaum seh ich hier…

Antiker Ring und Glasperlen, Fotografie RW, November 2020

Bemühen und Belohnung

Gestern bin ich schier verzweifelt bei dem Versuch, meinen großen grauen Saphir zu fotografieren. Er wiegt 147,5 Karat und ist als Cabochon geschliffen. Im Sonnenlicht zeigt er, ihn hin- und herwiegend, einen sechsstrahligen Stern. Dieser wird hervorgerufen durch unzählige, im Stein eingelagerte, faserige Rutilnädelchen. Ich wollte den Saphir auf der Marmortischplatte des alten Likörtischchens fotografieren, umgeben von am Rhein gefundenen, blauen Porzellan- und Keramikscherben. Hier musste ich mit künstlichem Licht arbeiten, der Stern erschien nicht so schön wie im Sonnenlicht. Es war schwierig ihn mit der Kamera zu fangen – was ich mit dem bloßen Auge sah, war nicht identisch mit dem Bild des Displays. Ich machte etwa 70 Aufnahmen, mit keiner war ich zufrieden.
Jetzt – im Moment des Schreibens fliegen Hunderte von Kranichen über mich hinweg, über den Rhein nach Süden, immer wieder höre ich ihre charakteristischen Rufe – auf den Balkon geeilt, versuche ich sie zu fotografieren. Sie kommen in mindestens zehn Formationen – ich werte dies als ein sehr glückliches Zeichen. Zufrieden kann ich nun wenigstens eine der gestern gemachten Fotografien in diesen Beitrag einsetzen.

Sternsaphir inmitten von Scherben, Fotografie RW, November 2020