1899 – 1988

In meiner zweisprachigen Ausgabe des Büchleins Le Parti pris des choses/Im Namen der Dinge von Francis Ponge gefallen mir oft die Ausführungen des Autors in seiner Muttersprache besser als die deutsche Übersetzung. Ein kleines Beispiel: Les rois ne touchent pas aux portes – Könige fassen Türen nicht an (Übersetzung Gerd Henninger) Für toucher hätte ich mir ein berühren gewünscht und auch ihren Artikel könnten die Türen (die Könige verlieren ihn?) doch vertragen… Könige berühren die Türen nicht, oder Die Könige berühren Türen nicht. Die Könige berühren die Türen nicht. Könige berühren Türen nicht.
So übersetzt hat der Satz allerdings eine andere Bedeutung…. denn Ponge geht es wohl in seiner Beobachtung um das alltägliche, unwillkürliche Anfassen der Tür beim Öffnen, nicht das vorsichtige Berühren beim Erkunden eines Gegenstandes.

Heute erschien in der FAZ ein Artikel über Francis Ponge. Le Soleil/Die Sonne ist bei Matthes & Seitz erschienen. Übersetzt, herausgegeben und kommentiert von Thomas Schestag. Das aufwendige Projekt erscheint mir äußerst lesenswert und ansehenswert, weil darin auch Faksimiles von Handschriften und Typoskripten des Schrifstellers abgedruckt werden.
Aber meine Aufmerksamkeit im Zeitungsartikel galt zunächst nur den Zahlen, denn in nicht mehr und nicht weniger 23 Kladden hatte Ponge seine zahlreichen Aufzeichnungen zu Le Soleil/Die Sonne versammelt.
Dann sah ich die Symmetrie seiner Lebensdaten 1899-1988.
Quersummenrechnerei: 53, 8 oder anders 27 – 26, 98, 17, 8. Die Acht ist also in seinen Lebensdaten eingemauert. Über die Bedeutung der Acht als Zahl in Mythologie, Religion und Geschichte schweig ich mich hier aus. Die Freude beim Betrachten dieser Zahlen reicht mir vollkommen. Ob Ponge die Zahlen auch als Dinge sah, die ihn zu seinem Spiel mit der Sprache, seinem Objeu (aus Objet und Jeu) anregten, weiß ich nicht, würde es mir aber sehr wünschen.
Nun – heute an St. Martin haben wir auch einen Symmetrietag 11. 11. 2020 – Quersummenrechnerei 8, meine Hommage an Francis Ponge.

Detail eines Zeitungsfotos aus der FAZ von heute, Fotografie RW, 11.11.2020

Vanity Fair


Die steinalte Sophia erinnerte sich heute Morgen an eine Episode aus ihrer Vergangenheit, ausgelöst durch den kürzlichen Besuch des indischen Prinzen. Diesmal war er mit seinem englischen Cousin gekommen, zusammen hatten sie ein wunderbares Gespräch über ihre gemeinsame sophisticated fondness for gold and jewellery geführt.
Sophia war Mitte der 80er Jahre zu einem Filmset eingeladen worden. In einem prächtigen Spiegelsaal sollte sie als Statistin an einer großen Party teilnehmen. Festliche Garderobe war gefordert. Sie trug ein schwarzes, enges, ärmelloses Etuikleid. In den Stoff des Kleides waren goldfarbene Bambuszweige eingewebt. Dazu trug sie eine Kette mit großen goldenen Kugeln um den Hals und an ihren Ohren hingen an zarten, langen Kettchen ebenso goldene Kugeln. Das blonde Haar trug sie offen, den Mund hatte sie rot geschminkt. Schade, dass ich von dieser Szene kein Foto habe, den fertigen Film habe ich nie gesehen. Ein angesagter Modemacher der Zeit, Wolfgang J. , spielte die Hauptrolle in dem ironisch gemeinten Melodram. Sophia erinnerte sich genau, wie dieser am Rande des Sets auf sie zukam und sie von oben bis unten musternd, meinte: Einen schönen Weihnachtsbaum seh ich hier…

Antiker Ring und Glasperlen, Fotografie RW, November 2020

Bemühen und Belohnung

Gestern bin ich schier verzweifelt bei dem Versuch, meinen großen grauen Saphir zu fotografieren. Er wiegt 147,5 Karat und ist als Cabochon geschliffen. Im Sonnenlicht zeigt er, ihn hin- und herwiegend, einen sechsstrahligen Stern. Dieser wird hervorgerufen durch unzählige, im Stein eingelagerte, faserige Rutilnädelchen. Ich wollte den Saphir auf der Marmortischplatte des alten Likörtischchens fotografieren, umgeben von am Rhein gefundenen, blauen Porzellan- und Keramikscherben. Hier musste ich mit künstlichem Licht arbeiten, der Stern erschien nicht so schön wie im Sonnenlicht. Es war schwierig ihn mit der Kamera zu fangen – was ich mit dem bloßen Auge sah, war nicht identisch mit dem Bild des Displays. Ich machte etwa 70 Aufnahmen, mit keiner war ich zufrieden.
Jetzt – im Moment des Schreibens fliegen Hunderte von Kranichen über mich hinweg, über den Rhein nach Süden, immer wieder höre ich ihre charakteristischen Rufe – auf den Balkon geeilt, versuche ich sie zu fotografieren. Sie kommen in mindestens zehn Formationen – ich werte dies als ein sehr glückliches Zeichen. Zufrieden kann ich nun wenigstens eine der gestern gemachten Fotografien in diesen Beitrag einsetzen.

Sternsaphir inmitten von Scherben, Fotografie RW, November 2020

Orion, der treue

Heute in den frühen Morgenstunden, gegen 4.45 Uhr, stand ich auf aus einem ärgerlichen Traum. Unruhig ging ich zum Rheinbalkon und sah den hellen Mond fast senkrecht über mir. Am Ende der Nacht war es ungewöhnlich frostig und klar. Im Westen glühte der Himmel kurz über dem Horizont, als hätte es einen Brand im Hafen der Nachbarstadt gegeben. Ich deckte mit der Hand über der Stirn das Licht des Mondes ein wenig ab.
Da sah ich den vertrauten Orion – mir genau gegenüber stehend am südlichen dunklen Himmel. Ganz klar konnte ich die zwei großen Schultersterne sehen, die drei seines Gürtels, den Sternhaufen seines Schwertes darunter und die beiden Sterne am Rocksaum. Die Freude über dieses treue Zeichen ließ mich ruhig werden und ich erinnerte mich an meine Mutter, die mir das Sternbild erklärt hatte.

Feuerwerk am Rhein, Fotografie RW 2014

Vorlieben


Mit böser Miene beobachte ich seit einiger Zeit die Krähen. Sie machen sich breit, vertreiben andere Vögel. Zerrupfen die Wiesen am Rhein, so dass hässliche, braune Flecken entstehen. Die Krähen machen sich über die Abfallkörbe her, ziehen alles heraus, öffnen die Pizzakartons, blättern in weggeworfenen Zeitungen, um nach jedem Krümel Ausschau zu halten.
Drei besonders freche Tiere verjagen immer wieder den Falken von seine Rüttelstelle am Rheinufer, aus seinem angestammten Revier. Sie greifen ihn in der Luft an. Fliegen zu dritt direkt auf ihn zu. Neulich saß er völlig zerzaust und erschöpft in einem großen Baum hinter dem Haus.
Aber heute sah ich, wie eine sehr schlaue Krähe einen kleinen runden Gegenstand, etwa eine Walnuss, aus zehn Meter Höhe fallen ließ, pfeilschnell zu Boden ging, ihn wieder mit dem Schnabel aufnahm, wieder in die Höhe und wieder fallen ließ – auf dem asphaltierten Weg hörte man es klackern. Nach getaner Arbeit hat sie wohl dann den leckeren Nusskern verzehrt.

Krähe blättert in der Zeitung, Filmstill, Smartphone-Aufnahme, RW 2020

Amnesia

Zunächst einmal ist nichts anders, dachte die steinalte Sophia bei ihrem Rheinspaziergang. Die Schafe weiden, Kirchturm und Schlossturm gegenüber am vertrauten Platz, das Riesenrad dreht sich. Der Himmel grau und die Blätter fallen von den Bäumen. Ein ganz vertrauter erster November, Allerheiligen, dieses Jahr an einem Sonntag.
Morgens hatte sie die Glocken gehört, war aber nicht zur Messe und nicht auf den Friedhof gegangen. Monate schon war ihr keiner ihrer Freunde begegnet. Nur einen traf sie regelmäßig, den, der ihr ein wenig zur Seite stand bei den alltäglichen Aufgaben ihres Lebens.
Seit Tagen lebte sie wie unter einer großen Glashaube. Sie kam nicht durch, sie erreichte die Randzonen nicht, schon gar nicht das, was außerhalb der unsichtbaren Wand war. Diesen Wahrnehmungsfehler kannte sie. Vor zehn Jahren hatte sie an einem Winterabend für einige Stunden ihr Gedächtnis verloren und unaufhörlich alle Dinge in ihrer Umgebung befragt, als sähe sie sie zum ersten Mal.

Rheinufer bei Düsseldorf von der Oberkasseler Seite aus gesehen,
Fotografie RW, 1.11. 2020

Seelenbrezen


Genau vor einem Jahr waren wir in den Süden gereist, sind im hellen Sonnenschein über Felder und Wiesen der Voralpen gewandert. In Augsburg gab es in einer Konditorei Allerseelenbrezen, dick von Schokolade umhüllt, mit Mandeln und Marzipanblüten verziert. Die haben wir nicht gekauft.
Dieses Jahr verreisen wir nicht. Wir sind schon gestern zum Friedhof gefahren und haben nach dem Rechten geschaut. Das Grab sah feierlich aus und wir haben einen persönlichen Segen ausgesprochen. Am Rhein fanden wir heute ein leuchtendes Blatt im Vorgarten.

Herbstblatt am Rhein, Fotografie RW, 31. 10 2020

Der Meister

Eine meiner ersten Zeichnungen an der Kunstakademie war ein männlicher Akt in Untersicht – nach einem der Gipsabgüsse, die oben unter dem Dach der Akademie aufgestellt waren. Später zeigte ich die großformatige Zeichnung meinem Professor. Er schüttelte den Kopf, fuhr zunächst heftig mit seinem Bleistift über die Zeichnung. Dann zeichnete er quer auf dem Blatt eine Figur mit schmalen Schultern, sehr zart im Ausdruck. Er sprach unaufhörlich dazu, was er genau sagte, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich nur genau an eine Antwort, die ich im Gespräch gab: «Der Mensch», worauf er mir anerkennend antwortete: «Genau!»

Von Joseph Beuys korrigierte Zeichnung aus dem ersten Semester, WS 70/71, Düsseldorf Kunstakademie, Fotografie RW 2020

Der Winter

Heute Nacht hatte die steinalte Sophia von unwirtlichen Landschaften geträumt. An einem verschneiten, felsigen Ufer am Meer gab es nur eine kleine Schmiede, die der müde Reisende aufsuchen konnte, um seinen strapazierten Lasttieren neue Beschläge machen zu lassen und sich selbst eine warme Mahlzeit zu gönnen. Unterhalb der Hütte hatten die Gezeiten große Höhlen gegraben. Die Resonanz in deren Tiefe verstärkte das grollende Rauschen der aufkommenden Flut. Sophia glaubte dem Wanderer nicht, dass er auf dem verschneiten Weg oberhalb der Hütte weiterziehen würde, um das Landesinnere mit seinem wärmeren Klima noch vor der Dämmerung erreichen zu können. Sie verharrte lieber unten vor der Höhle am steinigen Ufer. Später dort hinein zu verschwinden, schien ihr im Traum viel konsequenter.

Francesco Foschi, 1710 -1780, Hügelige Winterlandschaft, Ausschnitt, gesehen in der Ausstellung «Weltsichten» im Museum unter Tage, KUNSTSAMMLUNGEN DER RUHR-UNIVERSITÄT BOCHUM, SITUATION KUNST (FÜR MAX IMDAHL) Fotografie RW, 2020