Augensicht

In der Nacht vor Silvester machte sich die steinalte Sophia Gedanken über das Sehen. Ich schaue direkt aus meinem Körper heraus – unbeschreibbar diese Erkenntnis. Um mich herum ist Hülle, ich schaue aus etwas Begrenztem. Rechts, links, oben und unten sind unsichtbare, aber gefühlt dunkle Bereiche, überhaupt ist es das Dunkle, was mich umgibt.
Da erinnerte sie sich an eine sehr eindrucksvolle Ansicht. Sie sah von der Wasseroberfläche aus tief hinunter durch klare Zonen bis hin zum blauhellen Meeresgrund, wo eine Gruppe Taucher in ihren dunklen Anzügen, ganz deutlich zu erkennen, aber unendlich klein, beieinander standen, als wär’s auf einem Marktplatz. Sie flog an der Oberfläche gleichsam über diese Szene hinweg.
Ein anderes Bild folgte dem Flug. In einer blaudunklen Grotte am Meer war sie untergetaucht und in ein paar Metern Tiefe, einem Licht folgend, durch einen Unterwasserzugang in eine nächste Höhle gelangt.

Baumwurzel mit Augenachat, Indien, auf Achatscheibe, Steinbruch Juchem, Sockelkombination und Fotografie RW 2020
Erinnerungen an Tauchgänge auf Sardinien und Kuba, 80er Jahre

Pakt mit dem Teufel


Der Winter hat die Buchenhecken auf dem neuen Terrassenbau neben dem Schauspielhaus braun gefärbt. Die Blätter bleiben wohl bis zum Frühling an den Ästen, fallen erst ab, wenn die neuen, grünen Knospen kommen. Das geschieht deswegen, weil ein armer Mann seine Seele an den Teufel verkauft hatte, auf dass er seine Not lindere. Die Seele gehöre aber erst endgültig dem Teufel, wenn alle Bäume ihre Blätter verloren hätten. Und so ließ der Herrgott, voller Miteid mit dem armen Verführten, Steineiche und Steinbuche erst mit den sprießenden Frühlingsblättern die alten braunen abwerfen.

Am Schauspielhaus in Düsseldorf, Fotografie RW, an St. Stefanus Dezember 2020

Besondere Weihnachten

Dieses Jahr ist Weihnachten besonders. Vor sechs Jahren war es schon sehr anders: zum ersten Mal ohne die Mutter. Vor zwei Jahren noch einmal erheblich anders: ohne Vater und Mutter. Und nun: ohne Besuche bei den Geschwistern und Freunden. Aber ein Glück, dass wir zu zweit allein sind. Ein hoffnungsfrohes Weihnachtsfest und ein glückliches, gesundes Neues Jahr!

Quarz mit Rutilstern aus Brasilien auf einem Glasschlackenstück vom Rheinufer, Fotografie RW, 24. 12. 2020

23 Materialmensch

Heute, am 23. Dezember, kommt ein schon von mir aufgenommenes Exemplar meiner Sammlung zur 23 erneut zum Vorschein: Und zwar springt mich bei der Zeitungslektüre die 23 regelrecht an. Auf Otto Griebels Bild, auch weil er das Bild 1923 malte. Die Zahl 1923 liebe ich, weil sie das Geburtsjahr meines Vaters nennt. Das reicht mir, mehr will ich heute nicht sagen.

Zeitungsausschnitt FAZ von heute, Fotografie RW, 23. Dezember 2020

Dunkeltag

Eigentlich liebe ich das Dunkle und Geheimnisvolle, dachte die steinalte Sophia. Heute ist der kürzeste Tag im Jahr, die Wintersonnenwende. Und ab Morgen werden die Tage wieder länger. Gestern Abend war sie noch auf den Balkon getreten und hatte den Mond betrachtet, der, als orientalisch liegende Sichel, tief über dem westlichen Horizont stand. Ein Stern dicht daneben. Gegenüber im Osten auch noch schräg der schöne Orion. Da war sie zuversichtlich. Heute aber am späten, wolkenverhangenen Nachmittag wollte sie gar nicht recht froh werden. Ich muss ein wenig Trübsal blasen sagte sie sich und dachte daran, dass sie übermorgen den Weihnachtsbaum mit hellen Lichtern schmücken wollte.

Glasierte Keramik mit großem Saphircabochon, Assemblage RW 2020, Fotografie RW 2020

Immer in der Wunderkammer


Wunderkammer, Kunstkammer, Naturalien-Kabinett, Museumsammlung, Raritäten-Sammlung, Kuriositäten-Kabinett, Vorratskammer – das ist es, woran ich seit den 80er Jahren arbeite. Zu inflationär wird der Begriff der Wunderkammer in den letzten Jahren geteilt. Modefirmen, Künstler, Interiordesigner, Museumsleute, Medienleute, alle haben die Wunderkammer für sich gepachtet. Heute, am 4. Adventsonntag, lese ich einen Artikel «Den Wundern des Lebens gewidmet» in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Das im Artikel erwähnte Buch befindet sich natürlich schon in meinem Besitz. Vor ein paar Wochen hatte ich die zwei Diormodels, mit Glitzermaske versehen, auf eine Abbildung des Buches gelegt, auf eine Schneckensammlung des Benediktinerstifts Seitenstetten. Es sind übrigens überwiegend Exemplare der Kegelschnecke, Conidae, auf der Seite dieses Prachtbandes abgebildet und nur wenige Kaurischnecken. In der Bildunterschrift im Buch werden aber nur diese erwähnt, leider… Dabei zeichnete und radierte schon Rembrandt eine Kegelschnecke, Conus Marmoreus, ein Exemplar oben in der Mitte zwischen den beiden Models. Der linke Dior-Mann sitzt (scheinbar) auf einer Kaurischnecke…

Temporäre Collage mit zwei Cut-Outs einer Dior-Werbung auf einer Seite des Bildbandes Cabinet of Curiosities – Das Buch der Wunderkammern. Massimo Listri, Taschen Verlag, 2020, Collage RW 2020, Fotografie RW 2020

 

Das Buch II

In seiner neuesten Publikation will der indische Prinz besondere Stücke seiner Sammlung präsentieren. Mineralien, seien es gewöhnliche Kristalle von Quarz und Calcit, oder auch Edelsteine, wie Rubin, Smaragd, Saphir und Diamant hatte er auf improvisierte Sockel – Fundstücke von den Ufern der Meere oder Flüsse – gelegt und fotografieren lassen. Für die kostbarsten und seltensten Stücke ließ er Sockel von einem befreundeten Bildhauer formen. Diese, aus glasiertem Ton, ahmten zum Teil vegetabile Formen nach. Um die Raffinesse zu steigern, legte er ihnen gewöhnliche Flussgerölle auf. Manchmal steckte er ein Zweiglein mit Blättern oder Beeren auf eine mineralische Stufe, um das Organische mit dem Unorganischen zu konfrontieren. Er hatte Künstler und Naturwissenschaftler aufgefordert, ihm für das Buch Texte zu schreiben. Besonders freute er sich, dass auch ein junger Kunstgeschichtestudent von der Universität Bern, dem er vor einem Jahr einmal einen Praktikumsplatz am Mineralogischen Institut Monte Somma vermittelt hatte, etwas zu den Sockelstücken schreiben will. Der Frühling des nächstes Jahres ist als Erscheinungstermin für das Buch vorgesehen.

Sechs Sockel aus glasiertem Ton, Arbeiten von RW, 2019, Fotografie RW 2019

Neue Träume

Neuerdings fand ich zum ersten Mal Corona in meinen Träumen. Es war auf einem großen Fest mit vielen Freunden, eng stand ich mit ihnen zusammen, wir sprachen miteinander, lachten laut, ich ging durch viele große Räume, aß und trank, begrüßte mit Küssen, fragte dann aber plötzlich: Wieso tragen wir keine Maske?
Während ich schreibe, ist die Sonne links von mit aufgegangen, der Rhein nimmt ihr Licht auf und fließt ruhig nach Rotterdam, eine kleine Blaumeise setzt sich kurz auf das Balkongitter, schaut schnell zur Dachrinne und fliegt wieder weg. Es ist hell.

Christrose und Morgen am Rhein, Fotografie RW, 16. Dezember 2020, Beginn des zweiten Lockdowns

Dieses Jahr

Heute fand ich beim Aufräumen in einem alten Aktenschrank einige schwarze Kladden. Beim Öffnen fielen Notenblätter heraus. Die vier Singstimmen, Sopran, Alt, Tenor, Bass waren Melodien zugeordnet. Es waren Noten zu einigen Konzerten von vor etwa 18 Jahren. Meine Notenzeilen, die Altstimme, waren farbig markiert. Ich erinnerte mich an unsere Chorproben.
Vor Weihnachten hatten wir fast jedes Jahr in einer Kapelle ein adventliches Konzert gegeben. Wachet auf, ruft uns die Stimme – Es ist ein Ros entsprungenPuer natus est – Es kommt ein Schiff geladen Vom Himmel hoch da komm ich her –  Sei willkommen Herre Christ – Maria durch ein Dornwald ging – In dulci jubilo nach Michael Praetorius, zweite Strophe O Jesu parvule, nach Johann Walter, dritte Strophe Ubi sunt gaudia nach Johann Sebastian Bach.
Was für eine schöne Zeit, was für ein Erlebnis! Lange hab ich nicht mehr daran gedacht, das Auffinden der mit Notizen und Markierungen versehenen Notenblätter bringt mir alles zurück.

Ilex in einem Vorgarten am Rhein, invertierte Fotografie RW, Dezember 2020

Auf der Suche

Neulich erzählte ein Freund, dass er eine Scherbe aus dem 17. Jahrhundert am Rhein gefunden habe, das Fragment eines Bartmanns. So einen Krug mit bärtigem Gesicht aus Steinzeug mit Salzglasur habe ich in meiner Sammlung, den schätze ich wegen seiner verwunschenen Herkunft sehr. Gern hätte ich auch am Rhein ein ähnlich kostbares Stück entdeckt. Am nächsten Tag berichtete der Freund von einem neuerlichen Fundstück – dem Fuß eines Nuppenbechers aus dem 16. Jahrhundert. Antikes grünes Glas – auch dieses gehört zu meinen Leidenschaften. Unglaublich, so seltene Funde an derselben Stelle und zeitlich so nah aneinander. War ich auf ein Fake hereingefallen? Auf den Beweisfotos des Freundes konnte ich die Stelle des Rheinufers genau ausmachen. Gestern bei wunderbarem Sonnenschein und frostigen Temperaturen suchte ich den Ort auf. Man muss ein wenig hinab klettern, ziemlich steil, und auf den angehäuften Basaltblöcken einen sicheren Tritt finden. Da war mir doch ein wenig mulmig zumute und ich kehrte um. Aber ich werde wiederkommen.

Rheinufer, Fotografie RW, Dezember 2020