Das Buch II

In seiner neuesten Publikation will der indische Prinz besondere Stücke seiner Sammlung präsentieren. Mineralien, seien es gewöhnliche Kristalle von Quarz und Calcit, oder auch Edelsteine, wie Rubin, Smaragd, Saphir und Diamant hatte er auf improvisierte Sockel – Fundstücke von den Ufern der Meere oder Flüsse – gelegt und fotografieren lassen. Für die kostbarsten und seltensten Stücke ließ er Sockel von einem befreundeten Bildhauer formen. Diese, aus glasiertem Ton, ahmten zum Teil vegetabile Formen nach. Um die Raffinesse zu steigern, legte er ihnen gewöhnliche Flussgerölle auf. Manchmal steckte er ein Zweiglein mit Blättern oder Beeren auf eine mineralische Stufe, um das Organische mit dem Unorganischen zu konfrontieren. Er hatte Künstler und Naturwissenschaftler aufgefordert, ihm für das Buch Texte zu schreiben. Besonders freute er sich, dass auch ein junger Kunstgeschichtestudent von der Universität Bern, dem er vor einem Jahr einmal einen Praktikumsplatz am Mineralogischen Institut Monte Somma vermittelt hatte, etwas zu den Sockelstücken schreiben will. Der Frühling des nächstes Jahres ist als Erscheinungstermin für das Buch vorgesehen.

Sechs Sockel aus glasiertem Ton, Arbeiten von RW, 2019, Fotografie RW 2019

Neue Träume

Neuerdings fand ich zum ersten Mal Corona in meinen Träumen. Es war auf einem großen Fest mit vielen Freunden, eng stand ich mit ihnen zusammen, wir sprachen miteinander, lachten laut, ich ging durch viele große Räume, aß und trank, begrüßte mit Küssen, fragte dann aber plötzlich: Wieso tragen wir keine Maske?
Während ich schreibe, ist die Sonne links von mit aufgegangen, der Rhein nimmt ihr Licht auf und fließt ruhig nach Rotterdam, eine kleine Blaumeise setzt sich kurz auf das Balkongitter, schaut schnell zur Dachrinne und fliegt wieder weg. Es ist hell.

Christrose und Morgen am Rhein, Fotografie RW, 16. Dezember 2020, Beginn des zweiten Lockdowns

Dieses Jahr

Heute fand ich beim Aufräumen in einem alten Aktenschrank einige schwarze Kladden. Beim Öffnen fielen Notenblätter heraus. Die vier Singstimmen, Sopran, Alt, Tenor, Bass waren Melodien zugeordnet. Es waren Noten zu einigen Konzerten von vor etwa 18 Jahren. Meine Notenzeilen, die Altstimme, waren farbig markiert. Ich erinnerte mich an unsere Chorproben.
Vor Weihnachten hatten wir fast jedes Jahr in einer Kapelle ein adventliches Konzert gegeben. Wachet auf, ruft uns die Stimme – Es ist ein Ros entsprungenPuer natus est – Es kommt ein Schiff geladen Vom Himmel hoch da komm ich her –  Sei willkommen Herre Christ – Maria durch ein Dornwald ging – In dulci jubilo nach Michael Praetorius, zweite Strophe O Jesu parvule, nach Johann Walter, dritte Strophe Ubi sunt gaudia nach Johann Sebastian Bach.
Was für eine schöne Zeit, was für ein Erlebnis! Lange hab ich nicht mehr daran gedacht, das Auffinden der mit Notizen und Markierungen versehenen Notenblätter bringt mir alles zurück.

Ilex in einem Vorgarten am Rhein, invertierte Fotografie RW, Dezember 2020

Auf der Suche

Neulich erzählte ein Freund, dass er eine Scherbe aus dem 17. Jahrhundert am Rhein gefunden habe, das Fragment eines Bartmanns. So einen Krug mit bärtigem Gesicht aus Steinzeug mit Salzglasur habe ich in meiner Sammlung, den schätze ich wegen seiner verwunschenen Herkunft sehr. Gern hätte ich auch am Rhein ein ähnlich kostbares Stück entdeckt. Am nächsten Tag berichtete der Freund von einem neuerlichen Fundstück – dem Fuß eines Nuppenbechers aus dem 16. Jahrhundert. Antikes grünes Glas – auch dieses gehört zu meinen Leidenschaften. Unglaublich, so seltene Funde an derselben Stelle und zeitlich so nah aneinander. War ich auf ein Fake hereingefallen? Auf den Beweisfotos des Freundes konnte ich die Stelle des Rheinufers genau ausmachen. Gestern bei wunderbarem Sonnenschein und frostigen Temperaturen suchte ich den Ort auf. Man muss ein wenig hinab klettern, ziemlich steil, und auf den angehäuften Basaltblöcken einen sicheren Tritt finden. Da war mir doch ein wenig mulmig zumute und ich kehrte um. Aber ich werde wiederkommen.

Rheinufer, Fotografie RW, Dezember 2020

Öffentliche Beichte

Auf ein Interview mit Boris Groys in der Süddeutschen Zeitung vom Montag machte meine Schwester aufmerksam – ein für mich wichtiges Interview über die neuen Technologien und wie diese schon seit geraumer Zeit Menscheit, Gesellschaft und Kunst verändern. Groys spricht da auch von den Social Media als «pervertierte religiöse Praxis», die Menschen beichten «auf Social Media ihr Leben», aber ohne Aussicht auf Absolution. Mir scheint der Begriff Beichte hier nicht ganz passend, zu ihr gehört das Sich-Bekennen – in den social media handelt es um ein Sich-Preisgeben, öffentliches Zur-Schau-Stellen von Essen, Mode, Reisen, Lifestyle – das trifft in meinen Augen nicht das, was Beichte meint. Die Ohrenbeichte zum Beispiel ist das Bekennen von Verfehlungen (Sünden), es wird Wahrheit (im besten Falle) ausgesprochen vor nur einem Zeugen in einem geschützten Raum. Absolution wird erteilt. In der Historie der Kirchen hat es wohl auch öffentliche Beichten der versammelten Gemeinde gegeben, man müsste da genauer nachforschen. Das Confiteor, Schuldbekenntnis, ist in die heilige Messe integriert und die Christen beten es im Vaterunser. In modernen Zeiten kann der Papst sogar einen vollkommenen Ablass aller Sünden mit dem apostolischen Segen Urbi et Orbi über das Fernsehen und Internet aussprechen, auch ohne dass vorher der Zuschauer seine Verfehlungen auflistet.
In den Social Media geht es um das in Einsamkeit vorbereitete Sich-Zeigen vor Vielen.  Man kann ein Image aufbauen, gleichzeitig Exhibitionist und Voyeur sein. Es wird eine ausgewählte, bearbeitete Wahrheit gezeigt, die oft über den Autor, die Autorin mehr verrät, als ihm/ihr lieb ist. Das wäre dann eine unfreiwillige Entblößung, eine Beichte (?), aber kein bewusstes Schuldbekenntnis… Wie meint es Boris Groys? Er sagt: «Der Wunsch, sich die Last des Erlebten von der Seele zu reden ist sehr groß. … Das sind Glaubensbekenntnisse…» Im Glaubensbekenntnis ist von der Vergebung der Sünden die Rede, gut es ist ein Bekenntnis zum Glauben, aber eine Beichte?
Das Fatalste, wie auch im Interview angesprochen, ist der Ausverkauf der Persönlichkeit und Privatheit des Users an Tech-Großkonzerne, die sein Profil beobachten und zu ihrem Profit vermarkten, ohne dass der tägliche Ideengeber, der stundenlang ohne Lohn die Social media füttert, davon etwas abbekommt.
Das ist die eine negative Seite, die andere, für mich wertvolle, ist, über Social Media, neue Arbeiten von Künstlern weltweit zu entdecken, Ausstellungen und Museen virtuell zu besuchen und die Kunstwerke so genau wie nie zu sehen, aktuelle Forschungergebnisse der Wissenschaften zu erfahren, blitzschnell und gleichzeitig, all over the world.

«Sündenregister», Exponat aus der Ausstellung «Suisse Primitive» Geister, Bann, Magie und Sagen im zentralen Alpenraum, Schwyz, CH, 27. Juli bis 17. November 2002, Fotografie RW 2002
Süddeutsche Zeitung vom 7. Dezember 2020, Gespräch Peter Laudenbach mit Boris Groys «Social Media, die „pervertierte religiöse Praxis“»

Drei Meteore

An drei glühende Feuerbälle am gestrigen Nachthimmel konnte sich die steinalte Sophia gut erinnern. Sie leuchteten etwa 5 Sekunden lang auf und verschwanden dann im Westen über dem Rhein. Oder war dies nur ihr Traumbild der frühen Morgenstunden? Sie hatte vor ein paar Tagen von einem Meteor über Düsseldorf in der Zeitung gelesen. Feuerkugel über Deutschland war wohl Asteroidenfragment… Der größte Teil sei anscheinend zerbrochen, und es seien zwei kleinere hell leuchtende Kugeln abgegangen… hatte es in der Rheinischen Post geheißen.
Das passt ja alles wunderbar zusammen, dachte sich die steinalte Sophia, mein Traum, der Zeitungsbericht und die drei goldenen Kugeln, das Geschenk des Heiligen Nikolaus, dessen Namensfest wir morgen feiern.

Dreimal gediegen Gold, geschmolzen aus alten Schmuckstücken, digital bearbeitete Fotografie RW, 5. Dezember 2020

Saison

Nun, da das Laub der Platanen fast vollständig abgefallen und die Sicht auf den Rhein wieder frei ist, beginnt die Schiffsnamensaison. Das wird einerseits mühselig – jeder Blick zum Rhein erfordert ein genaues Schauen (Fernglas des Großvaters!) und Notieren (auf bereitgelegten Zetteln) und andererseits willkommene Abwechslung diesen Winter – in Pandemiezeiten ist mehr Zeit am Rheinfenster möglich. Die Schiffe kommen, wie untereinander verabredet in großen Verbänden, ganz dicht hintereinander, dann eine Stunde lang kein einziges. Und nun sehe ich FIDUCIA – wie passend.

Auf den Rheinwiesen im Winter, Fotografie RW 2020
Weitere Beiträge zu den Schiffsnamen (über die Suchmaske)

Das Buch

Heute habe ich ein Buch in Druck gegeben, als Prototyp. Ich habe etwa 60 Fotografien hineingesetzt, die exquisite Stücke meiner Stein- und Mineralien-Sammlungen auf besonderen, von mir gemachten oder gefundenen Sockeln zeigen, wie hier auf dem gerahmten Foto der geschliffene Prasiolith (Grünquarz) auf einem Rheingeröll: Milchquarz mit grünlichem Chlorit. Das Foto habe ich rahmen lassen und exemplarisch vor verschiedene Hintergründe gesetzt. Nur um zu prüfen, wie es an der Wand wirkt. Auf das Buch freue ich mich derart, dass ich es kaum aushalten kann, bis ich es in Händen halte. Fast alle Fotografien darin findet man auf meinem Instagram-Account ruth_und_louis.

Gerahmte Fotografie in drei verschiedenen Räumen, Fotografie RW, 2020

Grus grus


Auf einer alten Cloisonné-Vase sind Kraniche bei der Rast dargestellt. Einer putzt sein Gefieder, der andere schaut in den Himmel, um die Flugroute zu prüfen. Vorgestern, am Sonntag, den ersten Advent, flogen wieder Tausende der Vögel in unglaublich großer Höhe über das Haus am Rhein hinweg. Sie kamen am Nachmittag in Zeitabständen von Minuten, aber auch Stunden. Der Himmel war an diesem Tag klar und blau. Die schon tiefer stehende Sonne beleuchtete ihre schwarzweißen Gefieder. Immer neue riesige Verbände tauchten im Norden auf und zogen nach Süden. Dann ereignete sich Seltsames, sie lösten die Einsen auf und  kreisten scheinbar unruhig, tauchten unter und über die Gruppen, ihre lauten Rufe ständig wiederholend. Hatten sie die Orientierung verloren? Suchten sie einen Rastplatz, da der Tag sich neigte? Nein, man weiß, dass sie kreisen, um sich neu zu formatieren, günstige Warmluftschichten zu prüfen und – besonders schön – um auf Nachzügler zu warten. Herrliche Vögel, Grus grus.

Aufbau des Sammlers, Fotografie RW, November 2020

Alpha und Omega

Morgens schaut die steinalte Sophia vorne aus ihrem Fenster zum Rhein hin gen Osten und sieht, bevor die Sonne den Horizont ganz überschritten hat, die kupferfarbene Inszenierung auf der Unterseite der Wolken. Am frühen Abend schaut sie ebenfalls nach Osten aus dem Fenster, aber zur Gartenseite hin, wo der fast volle Mond groß und deutlich der Dämmerung entgegenleuchtet. Wunderbar spricht sie wie der Tag sich doch eingangs und ausgangs geschmückt hat.

Morgenrot und Mond am 28. November 2020, Fotografie RW