Unzählige Zeitgenossen posten gerade goldenes und rotes Herbstlaub auf Facebook, Instagram und Co. Ich auch. Wenn ich mir überlege, wie groß die Erntespeicher der virtuellen Bilder sind, wird mir schwindelig. Die Billionen ungesehener, -geposteter Bilder in den Smartphones, was ist mit ihnen? Ein gigantischer Haufen konservierter Lichtpunkte, die wie lange halten? Das digitale Bild ersetzt längst das eigentliche Sehen. Der wirkliche Augenblick des Schauens ist nichts mehr wert. Erst wenn er festgehalten ist in Pixeln, ist er betrachtenswert. So ertappt man sich beim Starren auf die kleinen Bildschirme, anstatt das zu sehen, was einen allround, viel mehr als Höhe mal Breite, umgibt.
Verharren

Was ich kann ist verharren
ich harre aus
fixiere minutenlang eine maserung im stein
finde dort gesichter
oder landschaften
bald kann ich die schiffe wieder sehen
vom meinem rheinplatz aus
so die bäume
ihr laub abgeworfen haben
ein paar lücken sind schon enstanden
im herbstdunkel am frühen Morgen
kann ich den Orion sehen
den treuen Wächter.
Was ich kann ist verharren
ich harre aus
fixiere minutenlang eine stufe im stein
finde dort landschaften
oder trost
hinten im chor
fixiere ich den engel
des evangelisten matthäus
er hat ein klares gesicht
löwe, adler und stier
fixiere ich nicht
während des unendlichen rosenkranzes
in memoriam parentum.
Tierschädelfragment in den Weinbergen am Mittelrhein, nahe bei der Loreley,
Fotografie RW, Loreley 2008
23 weitere Arten
Hinter einem verborgenen Felsen tief im dunklen Forst sah der Elfenbeinspecht den Waldsänger mit geschlossenen Augen auf einem Ast sitzen. Warum hast du die Augen geschlossen? – Ich versuche mich zu erinnern, antwortete der Waldsänger. Woran? – An meine Gelbstirn! Habe sie seit 1944 nicht mehr gesehen. – Wenn’s weiter nichts ist, da kann ich dir helfen. Ich habe sie 1988 noch in den Wäldern von Lousiana getroffen und soll dich schön grüßen. – Dann ist ja gut, so warte ich hier noch eine Weile, damit sie mich wiederfindet, entgegnete der Waldsänger und sang ein langes Lied zum Abschied. Der Elfenbeinspecht aber zog sich zurück in die Felsenhöhle, um seine feingeschnitzten Elfenbeinchen zu sortieren.
23 weitere Arten, Zeitungsausschnitt FAZ 29.09.2021,
Sammlung 23 RW, Fotografie RW Oktober 2021
Das Goldene Ei
Der indische Prinz wünschte sich nichts sehnlicher, als das Goldene Ei August des Starken selbst zu besitzen. Er hätte es so gerne für sein Privatmuseum in den Bergen erworben. Dieses alte Kunstkammerstück, 1705 auf der Leipziger Ostermesse für den König erworben, besteht aus einem goldenen Ei, dieses zu öffnen – hervor kommt ein kleines goldenes Hühnchen mit Rubinaugen, dieses zu öffnen – hervor kommen ein goldenes Krönchen besetzt mit Diamanten und ein goldener Ring mit einem Einkaräter im Rosenschliff. Hin und her würde der Prinz die Kostbarkeit in seinen Händen bewegen, um das reflektierende Licht auf der Oberfläche des Metalls und das Feuer der Steine zu beobachten. Er hatte zwar schon einige historische Kunstwerke aus dem Hause Fabergé in seiner Sammlung, die gewiss noch raffinierter waren, besetzt mit vielen Edelsteinen, emailliert und guillochiert auf die feinste Art. Aber dieses goldene Ei kam ihm so liebenswert vor – oder besser – er sah es als ein Liebesgeschenk, voller lustiger Anspielungen, die er in kleinen Plaudereien mit der Beschenkten hin und her fliegen lassen könnte.
Goldstanniol, Diamantkreuz und Bergkristall, Fotografie RW, Sammlung RW, 20. 10. 21
https://www.skd.museum/besucherservice/presse/2021/meisterwerk-der-schatzkunst-kehrt-an-seinen-ursprungsort-zurueck-staatliche-kunstsammlungen-dresden-erhalten-goldenes-ei-augusts-des-starken-als-dauerleihgabe/
hast du nicht dieses verspüret

Zur Zeit lese ich den neuen Roman Ombra von Hanns-Josef Ortheil. Das Buch, gerade erschienen, berichtet von seiner schweren Krankheit und deren Überwindung. Noch bin ich nicht sehr weit gekommen, aber schon jetzt geradezu beunruhigt.
In Not und Krankheit wünscht sich mancher Hilfe und Beistand von Oben. Das alte Lied von Joachim Neander Lobe den Herren (1680), besonders eindrücklich vertont von JS Bach (Choralkantate BWV 137), hilft allemal. Zwar erinnere ich mich mit einigem Unmut an vergangene Zeiten, als meist zum Schluss der sonntäglichen Messe die Gemeinde dieses schöne Lied viel zu laut mitsang und der Organist alle Register zog.
…auff Reisen / zu Hauß oder bei Christen-Ergetzungen im Grünen… zu singen, heißt es im ursprünlichen Titel. Das gefällt mir sehr und hilft ruhiger zu werden und gelassener durch die weiten Heiden, Wälder und Sande der Hoge Veluwe zu wandern. Besonders morgens, wenn es sehr still ist und die übrigen Touristen noch beim Hotelfrühstück sitzen, kann man auch im Herbst ein paar Vogelstimmen hören und in der Ferne die wilden Pferde grasen sehen.
Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret,
der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet,
der dich erhält,
wie es dir selber gefällt;
hast du nicht dieses verspüret?
Als Kind wusste ich nicht genau, was Adelers Fittiche waren, und als ich es wusste, war mir die Vorstellung, auf den Adlerflügeln zu fliegen etwas unheimlich. Aber die folgenden Zeilen In wieviel Not/hat nicht der gnädige Gott/über dir Flügel gebreitet! ist mit das Schönste, was ich aus christlicher Tradition behalte.
Heidegras im Rund, Hoge Veluwe, NL, Fotografie RW, 18. Oktober 2021
Kunstakademie
Vor ein paar Tagen hatte die steinalte Sophia mit dem gerade in Düsseldorf weilenden, indischen Prinzen die hiesige Kunstakademie besucht. Sie wollten sich gemeinsam die ausgestellten Abschlussarbeiten der Studierenden anschauen. Sie begannen hoch oben unter dem Dach, dort wo früher die Maltechnik unterrichtet wurde, es einen Flur mit Gipsen der berühmtesten Skulpturen gab, vorbei an dem Raum, wo Sophia ihre ersten Aktzeichnungen versucht hatte. Um zum anderen Ende des obersten Stockes zu gelangen, gingen sie über die lange Dachterrasse hoch über der Altstadt. Es regnete an diesem Tag, Baulärm drang hinauf. Tief unter ihnen waren Bagger am Werk, ein ganzes Viertel abzureißen, um Platz für die Neubauten eines Altenheims zu machen. In der Ferne sah man die Lambertuskirche mit ihrem schiefen Turm, im Dunst den Rheinturm und die Rheinkniebrücke. Dort drüben, wo die Bäume am Ufer stehen – linksrheinisch, bin ich geboren, erzählte die steinalte Sophia dem Prinzen. Und dort unter der Brücke habe ich allerhand mineralische Schätze und archeologische Bruchstücke in den Rheinkieseln gefunden. Ihr gefiel die Aussicht bei Wolken und Nieselregen. Während ihrer Studienzeit hatte sie sich nur manche Male, etwa bei sommerlichen Akademiefesten hier hinauf auf die Terrasse begeben. Nun, beim Abstieg durch die verschiedenen Treppenhäuser, hielt sie sich an den Geländern fest, die polierten Steinflächen der Treppen schienen ihr gefährlich. Nur wenige Studenten kamen den beiden entgegen. Einer trug einen knielangen, roten Bademantel über einem Damennachthemd und seine langen blonden Locken waren zu einem Zopf zusammengebunden. Das ist der Sohn eines bekannten Rundfunk- und Fernsehmenschen, flüsterte sie dem Prinzen zu.
Weiter gelangten die beiden durch die langen hohen Flure in die verschiedenen Ateliers, in denen die Diplomanten und Meisterschüler ihre Arbeiten museumsreif präsentierten. Einige der Studierenden hatten schon Galerie- und Ausstellungserfahrung. So war das bei uns nicht, bemerkte Sophia ironisch. Den indischen Prinzen interessierte ihr Unterton nicht, sondern kaufte einer Künstlerin eine ausgestellte Arbeit ab. Für das große Acrygemälde mit den blassen Gesichtern zahlte er ihr eine hohe Summe bar in die Hand. Mich erinnert es an die Farben heller Opale und Perlmutt, sagte er, ich konnte nicht widerstehen.
Blick von der Terrasse der Kunstakademie Düsseldorf, Fotgrafie RW, Oktober 2021
#Lifegoeson
Die steinalte Sophia hat sich, um nicht in Trübsinn zu verfallen, vorgenommen, mit ihrem wahren Alter zu schummeln. Ab jetzt werde ich vor mir und meinem tiefsten Innern behaupten, ich sei erst in der Mitte des Lebens angekommen und nicht an seinem Ende. Vor wenigen Tagen ist eine Freundin gestorben, die sie seit den Studienjahren kannte. Bei den Todesanzeigen in den Tageszeitungen nimmt die Anzahl der Personen ihres wahren Alters zu. Wie freut sie sich, wenn sie dort liest, dass ein Verstorbener in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts geboren wurde. Neulich fand sie sogar eine Frau von 1917. Seit sie ihre Eltern und deren Geschwister beerdigen musste, ist das Thema des Abschieds nicht mehr aus ihrem Kopf zu vertreiben. Da hilft auch das Fotografieren nicht. Und doch fotografiert die eine die andere auf den zahlreichen Geburts- und Festtagen und der Herbst ist sowieso die dunkle Zeit, auch wenn er golden ist und die Spinnweben fliegen durch die Luft. Altweiberfäden.
Fotografieren auf dem 65. Geburtstag der verstorbenen Freundin, Fotografie RW 2012
Die Equilibristin

Um aus Heterogenem ein Gleichgewicht auszutarieren,
bedarf es der Kombination einiger Dinge aus unterschiedlicher Herkunft.
Erstens: einer alten Garnrolle aus Frankreich
Zweitens: eines abgerollten Stiels aus Glas vom Rheinufer
Drittens: eines Korallenästchens aus dem Mittelmeer
Viertens: eines Paars von Rotwildzähnen in Silber gefasst.
Von einer überschaubaren Anzahl kleiner Eingriffe
zum Tanz aufgefordert, führt die Equilibristin ihr Kunststück vor.
Sockelobjekt RW, Fotografie RW, Oktober 2021
Gedichte, Gedichte und ein Baum
In jüngster Zeit lese ich mehr und mehr Gedichte. Und bin den Autorinnen und Autoren auf ihren Lesungen begegnet. Die großartige Nora Gomringer traf ich in Düsseldorf. Wir kommunizierten bislang nur per mail – sie hatte ja für mein im August erschienenes Buch «Kostbare Sockel für seltene Dinge» zwölf Sätze und zwei Gedichte zur Verfügung gestellt. Bei ihrer Lesung war ich tief beeindruckt von ihrer kraftvollen schönen Stimme – einmal sang sie sogar – von ihrer Wandlungsfähigkeit auf der Bühne und ihren klugen Einlassungen im Gespräch mit Christoph Buchwald. Sie signierte mir ihre «Gottesanbieterin» und unser gemeinsames Buch und wir machten mindestens hundert Erinnerungsselfies.
Den ebenso großartigen Michael Krüger traf ich am darauffolgenden Tag. Er las aus seinem Gedichtband «Im Wald, im Holzhaus». Wie er erzählen kann – an kleine Beobachtungen Großes zu binden, gelingt ihm scheinbar mühelos. Und er zeichnete mir drei Wolken mit kleinen Kernen in sein Buch als Widmung für mich.
Marion Poschmann las am gestrigen Abend aus ihrem Gedichtband «Nimbus». Hier hörte ich ihre hinreißenden «Seladon-Oden». In den Farbton Seladon habe ich mich auch verliebt, der Leinenumschlag meines neuen Buches hat genau dieses unbestimmbare Graugrünblau «…ein zaubrisches Grau…verhaltene Prachtentfaltung eines antiken Chinas».
Ich kaufte dann am Büchertisch noch das schöne Bändchen «Proben von Stein und Licht» von Anja Kampmann und ließ mir von Christoph Buchwald sein (letztes) «Jahrbuch der Lyrik» 2021 signieren. Er schrieb hinein: «Gedichte für jeden Tag».
Fußboden in Gross-St. Martin, Köln, Fotografie RW, Aschermittwoch 2013
Link zu den Lesungen im Heinrich Heine Haus Düsseldorf
https://www.youtube.com/watch?v=vm3XKVcUYLo
Macroglossum stellatarum

So einen schönen lateinischen Namen hat das Taubenschwänzchen – ein eigenartiger Schwärmer mit sehr langem Rüssel, den er dekorativ einrollt oder lang streckt, um in die schmalsten Blütenkelche zu gelangen. Wie ein Kolibri schwirrt er mit sehr schnellem Flügelschlag umher, so dass man seine prächtigen Farben nicht genau studieren kann. Seinen deutschen Namen hat er von den zweigeteilten, schwarzweißen Büscheln am Hinterleib. Auf den Flügeln leuchtet es ockerorange neben einem rosabelasteten Karamell. Unvorstellbar, wie er es vermag, die winzige Öffnung der violetten Blüten mit der Fühler-dünnen Zunge genau zu treffen. Warum er auch noch stellatarum heißt, kann ich mir nicht erklären. Dass er als Bestirnter mir aber genausoviel Freude macht wie das nächtliche Firmament, ist ja wohl sternenklar.
