In Weimar ließ Goethe 1777 bei seinem Gartenhaus den «Stein des guten Glücks» oder «den Altar der Agathe Tyche» aufstellen. Aus Stein gehauen: eine Kugel – das Unstete, Flüchtige – liegt auf einem Kubus – dem Beständigen, Ruhigen. Aus der Mythologie kennen wir die Verkörperung des Schicksals, die Fortuna als weibliche Gestalt. Sie wird auf einer Kugel oder einem Rad stehend abgebildet. Das Glück oder Unglück kann sich augenblicklich wenden und drehen. Die Tyche ist die griechische Entsprechung und Agathe ist die Gute. Die für ihre Zeit recht abstrahierte Ausformung der Skulptur wurde mit Hilfe des Künstlers Adam Friedrich Oeser verwirklicht, dem Leipziger Zeichenlehrer Goethes.
Als ich vor Jahren in Weimar durch den Park zu Goethes Gartenhaus ging, habe ich den «Stein des guten Glücks» nicht gesehen. Aber ich sah in die Schubladen seiner Mineraliensammlung und besitze auch das nach ihm benannte Mineral Goethit in meiner Sammlung.
Kugel und Kubus sind meine Lieblingselementarformen. Ich besitze zwei Rosenquarzkugeln, die auch einen Asterismus aufweisen und eine Rutilquarzkugel, die von den Proportionen her besser auf den natürlichen Kubus aus Pyrit, dem Schwefelkies, passt. So fanden die Rosenquarzkugeln auf den tönernen Bäumchen Platz, wobei ihre sternförmigen Lichtreflexe auf dem Foto nicht zu sehen sind.
Das Geheimnis

Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil verrät: In seinem Roman Fermer von 1979 gibt es eine Textstelle, die durch ein Foto von Imogen Cunningham inspiriert wurde und zwar ihr Porträt von August Sander vor seinem Westerwälder Haus*. Der junge Fermer, auf der Flucht vor möglicher Strafverfolgung wegen Desertierens, findet für ein paar Tage Unterschlupf bei einem Außenseiter, der in einer Mühle, weit entfernt vom Dorf, wohnt.
Ortheil schreibt: «Die Tür öffnete sich, und der Mann, den sie im Dorf immer den <Müller> genannt hatten, stand vor ihm und schaute ihn an.»*
Sofort spürt man, dass dieses Anschauen viel mehr ist als nur ein Akt des Sehens und Wiedererkennens. Es ist die Zusage von Geborgenheit, Wärme, Gastlichkeit und wie sich herausstellt auch die Übergabe von Wissen um die Ahnen und Historien des Westerwaldes an den verirrten Jungen, der daraufhin immer mehr zu sich findet und seinen Weg weiter gehen kann.
Dass ein Foto beim Betrachter etwas Unerwartetes auslösen kann, hat Roland Barthes in «Die Helle Kammer» beschrieben. Er nennt dies das «Punctum». Etwas nicht für jeden Betrachter Sichtbares oder Beschreibbares, was aber ein Erzählen auszulösen vermag, kann sich im fotografischen Abbild verbergen. Bei mir war es die Fotografie «Ernest» von André Kertész. (Siehe mein Blogbeitrag vom 11. Februar 2018)
*Hanns-Josef Ortheil in «Die weißen Inseln der Zeit » S. 120 Taschenbuchausgabe 2013, BTB, *Hanns-Josef Ortheil, «Fermer» (1979/2007) S. 189, BTB
Das Geheimnis, nach der Fotografie von Imogen Cunningham, digital bearbeitete Fotografie, RW 2021
Ausbreiten des Kleides
Heute Morgen sah ich die letzten goldenen Ahornblätter sich wiegen, wollte eins filmen im Fall. Wollte das Ereignis provozieren, zupfte eins ab, ließ es los, zu spät. Es ordnete sich ein auf dem goldenen Teppich, bevor ich seinen Flug bannen konnte.
Nachsatz: Das erste Schiff heute Morgen hieß FORTUNA und das zweite DEO GRATIAS.
Ahorn auf dem Rheindeich, invertierte und digital manipulierte Fotografie RW, 26. 11. 2021
Giovanni 23

Anfang der 90er Jahre war die steinalte Sophia nach Venedig gereist. Auf dem Fondamente Nove im Sestiere Cannaregio genau gegenüber der Friedhofsinsel San Michele sah sie eine Frau in einem Café sitzen, direkt an der Haltestelle der Vaporetti. Diese Frau schien nichts zu verzehren, sondern hatte die Augen geschlossen und eine Büste von Papst Johannes dem 23. gegenüber sich positioniert. Sophia sprach die Frau an und erfuhr, dass diese gerade auf der Friedhofsinsel gewesen sei und dort in einem Blumen- und Kerzenladen die Büste des Papstes gekauft habe, da er perfekt in ihre Sammlung zur Zahl 23 passe. Sie habe die Büste aus Alabasterstaub noch heruntergehandelt, da ein Ohr des Papa Giovanni beschädigt war. Die steinalte Sophia machte noch ein Erinnerungsfoto dieser merkwürdigen Situation und fragte sich, wie die Frau die Büste nach Hause transportieren würde.
Fondamenta Nuove, Venezia, Fotografie Klaus Seitz, Herbst 1992
Spera
Der indische Prinz zählte auf, was ihm am heutigen Tag gefallen hatte:
– das erste Schiff, das morgens am Rheinfenster vorbeifuhr, trug den Namen SPERA
– die laut rufenden Kraniche am wolkigen Himmel, die sich mittags direkt über ihm in großer Anzahl wild kreisend zu neuen Formationen orientiert hatten
– das Paar am Rhein, das in der rotorangen Dämmerung stand, wobei er etwas aus einem Glas trank und sie nach Westen schaute
– der sehr klare und kalte Abend mit der ungewöhnlich groß leuchtenden Venus im noch hellen Südwesten und die bald darauf erscheinenden Sterne am dunklen Himmel
«Indischer Prinz» Collage RW 2020
Welt in Vergrößerung
Vermehrt träume ich wieder von großen Katastrophen. Riesige Tsunamis beobachte ich von einem Fenster aus, wobei alle wissen, dass das Haus einstürzen, in den Fluten versinken wird. Oder ich befinde mich auf abrutschenden, steilen Hängen, muss auf schmalsten Pfaden direkt am Abgrund gehen. Merkwürdigerweise bin ich mir bei aller Angst auch sicher, dass es immer weiter geht, die Szenarien ständig wechseln und mir eigentlich nichts passieren kann.
Chrysantheme und Heidekraut im Novemberregen. Fotografie RW, 19. 11. 2021
From outer space

Die alte Sophia hat im Traum eine andere Wirklichkeit gesehen: Vom Himmel stiegen drei Neon-Wesen herab, die sofort mit dem Kirchturm in Kontakt traten. Von dort aus kippten sie mit einem Augenschlag die gesamte Welt in ein negatives Licht, hier und da noch etwas Rosa hinzufügend.
Blick durch ein Fenster bei Kornelimünster, digital bearbeitete Fotografie RW, November 2021
St. Martin im Nebel
Heute an Sankt Martin bleibt es am Rhein lange neblig. Die Sonne lässt allerdings ein Gleißen im Dunst zu. Von Umzügen mit Laternen und Blasmusik hört und sieht man am Abend nichts. Mantelteilungen gibt es auch nicht. Menschenansammlungen werden weiter gemieden.
Vor Jahren kaufte ich einen alten Tonpfeifenkopf im Amsterdamer Pfeifenmuseum. Er trägt einen Greifenkopf, wie ich finde. Ich setzte ihn 2020 auf einen Sockel aus Selenit, das ist eine Varietät des Minerals Gips. Der Selenit hat die Farbe des Nebels. Der Pfeifenkopf erinnert an die Tonpfeifchen, die bis heute zu Sankt Martin den Weckmännern, einem Gebäck, angesteckt werden. Ich verabschiede mich an diesem Wochenende von meinem Sockelobjekt, weil es seinen Weg nach Österreich gehen wird. So darf es heute noch einmal verkehrt herum auf den Nebel schauen.
Nebel am Rhein und Sockelobjekt, Fotografie RW, Sammlung RW 2021
Schwarze Katz
Eins zwei – Polizei,
drei vier – Offizier,
fünf sechs – alte Hex,
sieben acht – gute Nacht,
neun zehn – lasst uns gehn,
elf zwölf – kommen die Wölf.
Altes Bleiglasfenster in einem Hotel in Kornelimünster, Fotografie RW, November 2021
Ein Gefühl stellt sich ein
Die Schwestern besuchten das Grab der Eltern. Der Pastor hatte es in ihrem Beisein gesegnet. Vom Friedhof aus war es nicht weit zu dem alten Häuschen, wo sie ein paar Jahre mit der Familie gelebt hatten. Von hier aus gingen sie in die Angerauen vorbei an Wiesen und Weiden neben dem alten Arm des Flüsschens. Von weitem konnte man das hässliche Hotel sehen, nicht unweit von dem anderen großen Haus am Rande des Dorfs, in dem sie Jahrzehnte gewohnt hatten. Im italienischen Restaurant des hässlichen Hotels aßen sie zu Mittag. Das, was aber besonders bemerkenswert war, als sie sich trennten, um nach Hause zu fahren, war ein sehr deutlicher Gemütszustand, der die eine Schwester überkam – das Familienbeisammengewesenzuseinallewarendagefühl.
Allerseelen, am 2. November 2021

