From outer space


Die alte Sophia hat im Traum eine andere Wirklichkeit gesehen: Vom Himmel stiegen drei Neon-Wesen herab, die sofort mit dem Kirchturm in Kontakt traten. Von dort aus kippten sie mit einem Augenschlag die gesamte Welt in ein negatives Licht, hier und da noch etwas Rosa hinzufügend.

Blick durch ein Fenster bei Kornelimünster, digital bearbeitete Fotografie RW, November 2021

St. Martin im Nebel

Heute an Sankt Martin bleibt es am Rhein lange neblig. Die Sonne lässt allerdings ein Gleißen im Dunst zu. Von Umzügen mit Laternen und Blasmusik hört und sieht man am Abend nichts. Mantelteilungen gibt es auch nicht. Menschenansammlungen werden weiter gemieden.
Vor Jahren kaufte ich einen alten Tonpfeifenkopf im Amsterdamer Pfeifenmuseum. Er trägt einen Greifenkopf, wie ich finde. Ich setzte ihn 2020 auf einen Sockel aus Selenit, das ist eine Varietät des Minerals Gips. Der Selenit hat die Farbe des Nebels. Der Pfeifenkopf erinnert an die Tonpfeifchen, die bis heute zu Sankt Martin den Weckmännern, einem Gebäck, angesteckt werden. Ich verabschiede mich an diesem Wochenende von meinem Sockelobjekt, weil es seinen Weg nach Österreich gehen wird. So darf es heute noch einmal verkehrt herum auf den Nebel schauen.

Nebel am Rhein und Sockelobjekt, Fotografie RW, Sammlung RW 2021

Schwarze Katz

Eins zwei – Polizei,
drei vier – Offizier,
fünf sechs – alte Hex,
sieben acht – gute Nacht,
neun zehn – lasst uns gehn,
elf zwölf – kommen die Wölf.

Altes Bleiglasfenster in einem Hotel in Kornelimünster, Fotografie RW, November 2021

Ein Gefühl stellt sich ein

Die Schwestern besuchten das Grab der Eltern. Der Pastor hatte es in ihrem Beisein gesegnet. Vom Friedhof aus war es nicht weit zu dem alten Häuschen, wo sie ein paar Jahre mit der Familie gelebt hatten. Von hier aus gingen sie in die Angerauen vorbei an Wiesen und Weiden neben dem alten Arm des Flüsschens. Von weitem konnte man das hässliche Hotel sehen, nicht unweit von dem anderen großen Haus am Rande des Dorfs, in dem sie Jahrzehnte gewohnt hatten. Im italienischen Restaurant des hässlichen Hotels aßen sie zu Mittag. Das, was aber besonders bemerkenswert war, als sie sich trennten, um nach Hause zu fahren, war ein sehr deutlicher Gemütszustand, der die eine Schwester überkam – das Familienbeisammengewesenzuseinallewarendagefühl.
Allerseelen, am 2. November 2021

Burg Hamm in der Eifel, nahe an Bickendorf, Geburtsort des Großvaters, Fotografie RW, 2021

Der goldene Baum

Unzählige Zeitgenossen posten gerade goldenes und rotes Herbstlaub auf Facebook, Instagram und Co. Ich auch. Wenn ich mir überlege, wie groß die Erntespeicher der virtuellen Bilder sind, wird mir schwindelig. Die Billionen ungesehener, -geposteter Bilder in den Smartphones, was ist mit ihnen? Ein gigantischer Haufen konservierter Lichtpunkte, die wie lange halten? Das digitale Bild ersetzt längst das eigentliche Sehen. Der wirkliche Augenblick des Schauens ist nichts mehr wert. Erst wenn er festgehalten ist in Pixeln, ist er betrachtenswert. So ertappt man sich beim Starren auf die kleinen Bildschirme, anstatt das zu sehen, was einen allround, viel mehr als Höhe mal Breite, umgibt.

Der Y-Ahornbaum am Biersdorfer See, Eifel, Fotografie RW, Ende Oktober 2021

Verharren

Was ich kann ist verharren
ich harre aus
fixiere minutenlang eine maserung im stein
finde dort gesichter
oder landschaften
bald kann ich die schiffe wieder sehen
vom meinem rheinplatz aus
so die bäume
ihr laub abgeworfen haben
ein paar lücken sind schon enstanden
im herbstdunkel am frühen Morgen
kann ich den Orion sehen
den treuen Wächter.

Was ich kann ist verharren
ich harre aus
fixiere minutenlang eine stufe im stein
finde dort landschaften
oder trost
hinten im chor
fixiere ich den engel
des evangelisten matthäus
er hat ein klares gesicht
löwe, adler und stier
fixiere ich nicht
während des unendlichen rosenkranzes
in memoriam parentum.

Tierschädelfragment in den Weinbergen am Mittelrhein, nahe bei der Loreley,
Fotografie RW, Loreley 2008

23 weitere Arten

Hinter einem verborgenen Felsen tief im dunklen Forst sah der Elfenbeinspecht den Waldsänger mit geschlossenen Augen auf einem Ast sitzen.  Warum hast du die Augen geschlossen?Ich versuche mich zu erinnern, antwortete der Waldsänger. Woran? – An meine Gelbstirn! Habe sie seit 1944 nicht mehr gesehen. – Wenn’s weiter nichts ist, da kann ich dir helfen. Ich habe sie 1988 noch in den Wäldern von Lousiana getroffen und soll dich schön grüßen. – Dann ist ja gut, so warte ich hier noch eine Weile, damit sie mich wiederfindet, entgegnete der Waldsänger und sang ein langes Lied zum Abschied. Der Elfenbeinspecht aber zog sich zurück in die Felsenhöhle, um seine feingeschnitzten Elfenbeinchen zu sortieren.

23 weitere Arten, Zeitungsausschnitt FAZ 29.09.2021,
Sammlung 23 RW, Fotografie RW Oktober 2021

Das Goldene Ei

Der indische Prinz wünschte sich nichts sehnlicher, als das Goldene Ei August des Starken selbst zu besitzen. Er hätte es so gerne für sein Privatmuseum in den Bergen erworben. Dieses alte Kunstkammerstück, 1705 auf der Leipziger Ostermesse für den König erworben, besteht aus einem goldenen Ei, dieses zu öffnen – hervor kommt ein kleines goldenes Hühnchen mit Rubinaugen, dieses zu öffnen – hervor kommen ein goldenes Krönchen besetzt mit Diamanten und ein goldener Ring mit einem Einkaräter im Rosenschliff. Hin und her würde der Prinz die Kostbarkeit in seinen Händen bewegen, um das reflektierende Licht auf der Oberfläche des Metalls und das Feuer der Steine zu beobachten. Er hatte zwar schon einige historische Kunstwerke aus dem Hause Fabergé in seiner Sammlung, die gewiss noch raffinierter waren, besetzt mit vielen Edelsteinen, emailliert und guillochiert auf die feinste Art. Aber dieses goldene Ei kam ihm so liebenswert vor – oder besser – er sah es als ein Liebesgeschenk, voller lustiger Anspielungen, die er in kleinen Plaudereien mit der Beschenkten hin und her fliegen lassen könnte.

Goldstanniol, Diamantkreuz und Bergkristall, Fotografie RW, Sammlung RW, 20. 10. 21
https://www.skd.museum/besucherservice/presse/2021/meisterwerk-der-schatzkunst-kehrt-an-seinen-ursprungsort-zurueck-staatliche-kunstsammlungen-dresden-erhalten-goldenes-ei-augusts-des-starken-als-dauerleihgabe/

hast du nicht dieses verspüret


Zur Zeit lese ich den neuen Roman Ombra von Hanns-Josef Ortheil. Das Buch, gerade erschienen, berichtet von seiner schweren Krankheit und deren Überwindung. Noch bin ich nicht sehr weit gekommen, aber schon jetzt geradezu beunruhigt.
In Not und Krankheit wünscht sich mancher Hilfe und Beistand von Oben. Das alte Lied von Joachim Neander Lobe den Herren (1680), besonders eindrücklich vertont von JS Bach (Choralkantate BWV 137), hilft allemal. Zwar erinnere ich mich mit einigem Unmut an vergangene Zeiten, als meist zum Schluss der sonntäglichen Messe die Gemeinde dieses schöne Lied viel zu laut mitsang und der Organist alle Register zog.
auff Reisen / zu Hauß oder bei Christen-Ergetzungen im Grünen… zu singen, heißt es im ursprünlichen Titel. Das gefällt mir sehr und hilft ruhiger zu werden und gelassener durch die weiten Heiden, Wälder und Sande der Hoge Veluwe zu wandern. Besonders morgens, wenn es sehr still ist und die übrigen Touristen noch beim Hotelfrühstück sitzen, kann man auch im Herbst ein paar Vogelstimmen hören und in der Ferne die wilden Pferde grasen sehen.
Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret,
der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet,
der dich erhält,
wie es dir selber gefällt;
hast du nicht dieses verspüret?
Als Kind wusste ich nicht genau, was Adelers Fittiche waren, und als ich es wusste, war mir die Vorstellung, auf den Adlerflügeln zu fliegen etwas unheimlich. Aber die folgenden Zeilen In wieviel Not/hat nicht der gnädige Gott/über dir Flügel gebreitet! ist mit das Schönste, was ich aus christlicher Tradition behalte.

Heidegras im Rund, Hoge Veluwe, NL, Fotografie RW, 18. Oktober 2021

Kunstakademie

Vor ein paar Tagen hatte die steinalte Sophia mit dem gerade in Düsseldorf weilenden, indischen Prinzen die hiesige Kunstakademie besucht. Sie wollten sich gemeinsam die ausgestellten Abschlussarbeiten der Studierenden anschauen. Sie begannen hoch oben unter dem Dach, dort wo früher die Maltechnik unterrichtet wurde, es einen Flur mit Gipsen der berühmtesten Skulpturen gab, vorbei an dem Raum, wo Sophia ihre ersten Aktzeichnungen versucht hatte. Um zum anderen Ende des obersten Stockes zu gelangen, gingen sie über die lange Dachterrasse hoch über der Altstadt. Es regnete an diesem Tag, Baulärm drang hinauf. Tief unter ihnen waren Bagger am Werk, ein ganzes Viertel abzureißen, um Platz für die Neubauten eines Altenheims zu machen. In der Ferne sah man die Lambertuskirche mit ihrem schiefen Turm, im Dunst den Rheinturm und die Rheinkniebrücke. Dort drüben, wo die Bäume am Ufer stehen – linksrheinisch, bin ich geboren, erzählte die steinalte Sophia dem Prinzen. Und dort unter der Brücke habe ich allerhand mineralische Schätze und archeologische Bruchstücke in den Rheinkieseln gefunden. Ihr gefiel die Aussicht bei Wolken und Nieselregen. Während ihrer Studienzeit hatte sie sich nur manche Male, etwa bei sommerlichen Akademiefesten hier hinauf auf die Terrasse begeben. Nun, beim Abstieg durch die verschiedenen Treppenhäuser, hielt sie sich an den Geländern fest, die polierten Steinflächen der Treppen schienen ihr gefährlich. Nur wenige Studenten kamen den beiden entgegen. Einer trug einen knielangen, roten Bademantel über einem Damennachthemd und seine langen blonden Locken waren zu einem Zopf zusammengebunden. Das ist der Sohn eines bekannten Rundfunk- und Fernsehmenschen, flüsterte sie dem Prinzen zu.
Weiter gelangten die beiden durch die langen hohen Flure in die verschiedenen Ateliers, in denen die Diplomanten und Meisterschüler ihre Arbeiten museumsreif präsentierten. Einige der Studierenden hatten schon Galerie- und Ausstellungserfahrung. So war das bei uns nicht, bemerkte Sophia ironisch. Den indischen Prinzen interessierte ihr Unterton nicht, sondern kaufte einer Künstlerin eine ausgestellte Arbeit ab. Für das große Acrygemälde mit den blassen Gesichtern zahlte er ihr eine hohe Summe bar in die Hand. Mich erinnert es an die Farben heller Opale und Perlmutt, sagte er, ich konnte nicht widerstehen.

Blick von der Terrasse der Kunstakademie Düsseldorf, Fotgrafie RW, Oktober 2021