Entscheidung


An einer Stelle am Rheinufer wusste die steinalte Sophia nicht weiter. Im dichten Nebel war sie außerstande sich zu entscheiden. Sollte sie links der Reihe der Bäume folgen oder nach rechts zu den Bänken und Laternen – stand da nicht jemand, der ihr zuwinkte? Beides war ihr nicht geheuer. Was wäre, wenn sie einfach den Weg verlassen, wie früher über die Wiese nach unten laufen würde, hinein in ein unbekanntes Land voller lichter Ufer und unentdeckter Schätze?

Nebel am Rhein, Fotografie RW, 16. Dezember 2021

Versuch, Fäden zu spinnen

Ich baue mir eine Insel. Dazu nehme ich eine Apophyllitstufe, himmel- oder wasserblau. Die großen Kristalle, aus Poona in Indien, sitzen als dipyramedale Zwillinge auf dem krustigen Untergrund und wenn man konzentriert schaut, dann sieht man vorne links noch ein kleineres Kriställchen genau in gleicher Art wachsen. Die Insel ist ansonsten mit nur geringen Erhebungen versehen und läuft am östlichen Ende etwas spitz aus. Ich bepflanze die Insel mit zwei Bäumen, einer mit ausladendem Blätterdach wie eine Pinie, der andere mit hohem schmalen Wuchs. Wenn ich über die Insel hinweg aus dem Fenster schaue, sehe ich den großen Rhein vorbeifließen und kann alle Schiffsnamen wieder lesen, da die Platanen, seit ein paar Tagen beschnitten, als kahle Gerippe den Fluss nicht mehr verbergen. Die Schiffe JOHANNA, SAILING HOME, ALDABRA, CALLISTO und MATRIX spinnen Fäden von der weiten Welt zur Insel, erzählen ihr Flussaufwärtsgeschichten von den Bergen und dann Flussabwärtsgeschichten von den Meeren. Der Apophyllit gibt sein Bestes, es heißt, er verleihe Zuversicht in neuen schwierigen Lebenssituationen, gäbe innere Ruhe und Gelassenheit. Dies alles kann ein Mineral nicht leisten, für mich genügt er als Bildgeber. Das macht mich glücklich.

Apophyllit, Poona Indien, Sammlung RW, versehen mit zwei verholzten Samenständen vom Rheinufer Düsseldorf, Fotografie RW, 2021

Glittering media


Ich hörte von einem Paar, das in seinem Haus 440 Weihnachtsbäume aufgestellt hat. Voll dekoriert mit Kugeln und Glitter, so dass man kaum noch Zweige sieht. Ebenso sah ich eine Frau, in den einschlägigen Medien bekannt, die mit ihrem Töchterchen in einem Plexiglasschlitten, unter dessen Kufen lächerlich kleine Rädchen angebracht waren, von ihrem Mann auf die Bühne einer deutschen Fernsehschau gezogen wurde. Wobei sie zu singen versuchte und im Hintergrund weiß gekleidete Kinder mit Plastikflügeln unter einem Stern auf einer Showtreppe standen und Weihnachtsmänner in Kaminen dazu Glöckchen schwangen. Da fielen Kunstschneeflöckchen vom heißen Studiohimmel, bevor ich das Programm wechseln konnte. Und auch in der schönen, aus bunten Glanzpapierchen gebastelten Krakauer Krippe, die ich in einem Düsseldorfer Museum fand, war ein Fernsehteam unterwegs, um das festliche, glitzernde Türmchen-Gebäude mit Maria, Josef, dem Jesuskind und deren Riesen-Entourage zu filmen.

Adventsschau im Ersten Deutschen Fernsehen, Detail einer Krakauer Krippe, Hetjensmuseum, Fotografie RW 2021

Der Fingerabdruck

Die Geschichte hat sich folgendermaßen zugetragen: Ein Mann und eine Frau aßen und tranken zusammen. Das Smartphone war dabei. Auf dem Weinglas war ein winziger heller Fleck zu sehen, der in seinen Konturen einem fliegenden Vogel ähnelte. Sie bat ihn aufzustehen und mit seiner Silhouette gegen das Licht einen dunklen Hintergrund für das Glas zu bilden. Sie fotografierte den Heiligen Geist. Sie nahm dem Foto die Farben weg und verwandelte es in seine Umkehrung. Jetzt war das Helle dunkel und das Dunkle hell. Den Fingerabdruck und die Sternenpünktchen, jetzt Fliegendreck, hatte sie längst bemerkt. Sie notierte ein paar Sätze, die ihr nur halb gefielen.

Verschmutztes Weinglas, invertiertes Foto, RW, Nikolaus 2021

Stein des guten Glücks

In Weimar ließ Goethe 1777 bei seinem Gartenhaus den «Stein des guten Glücks» oder «den Altar der Agathe Tyche» aufstellen. Aus Stein gehauen: eine Kugel – das Unstete, Flüchtige – liegt auf einem Kubus – dem Beständigen, Ruhigen. Aus der Mythologie kennen wir die Verkörperung des Schicksals, die Fortuna als weibliche Gestalt. Sie wird auf einer Kugel oder einem Rad stehend abgebildet. Das Glück oder Unglück kann sich augenblicklich wenden und drehen. Die Tyche ist die griechische Entsprechung und Agathe ist die Gute. Die für ihre Zeit recht abstrahierte Ausformung der Skulptur wurde mit Hilfe des Künstlers Adam Friedrich Oeser verwirklicht, dem Leipziger Zeichenlehrer Goethes.
Als ich vor Jahren in Weimar durch den Park zu Goethes Gartenhaus ging, habe ich den «Stein des guten Glücks» nicht gesehen. Aber ich sah in die Schubladen seiner Mineraliensammlung und besitze auch das nach ihm benannte Mineral Goethit in meiner Sammlung.
Kugel und Kubus sind meine Lieblingselementarformen. Ich besitze zwei Rosenquarzkugeln, die auch einen Asterismus aufweisen und eine Rutilquarzkugel, die von den Proportionen her besser auf den natürlichen Kubus aus Pyrit, dem Schwefelkies, passt. So fanden die Rosenquarzkugeln auf den tönernen Bäumchen Platz, wobei ihre sternförmigen Lichtreflexe auf dem Foto nicht zu sehen sind.

Kostbare Sockel für drei Kugeln, Fotografie RW 2021, Rosenquarzkugeln, Rutilquarzkugel, Pyritwürfel, Tonobjekte, Sammlung RW 2021, Dank für die Anregung an meine Freundin M.G., die sich einen «Stein des guten Glücks» zum Geburtstag gewünscht hat.

Das Geheimnis


Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil verrät: In seinem Roman Fermer von 1979 gibt es eine Textstelle, die durch ein Foto von Imogen Cunningham inspiriert wurde und zwar ihr Porträt von August Sander vor seinem Westerwälder Haus*. Der junge Fermer, auf der Flucht vor möglicher Strafverfolgung wegen Desertierens, findet für ein paar Tage Unterschlupf bei einem Außenseiter, der in einer Mühle, weit entfernt vom Dorf, wohnt.
Ortheil schreibt:  «Die Tür öffnete sich, und der Mann, den sie im Dorf immer den <Müller> genannt hatten, stand vor ihm und schaute ihn an.»*
Sofort spürt man, dass dieses Anschauen viel mehr ist als nur ein Akt des Sehens und Wiedererkennens. Es ist die Zusage von Geborgenheit, Wärme, Gastlichkeit und wie sich herausstellt auch die Übergabe von Wissen um die Ahnen und Historien des Westerwaldes an den verirrten Jungen, der daraufhin immer mehr zu sich findet und seinen Weg weiter gehen kann.
Dass ein Foto beim Betrachter etwas Unerwartetes auslösen kann, hat Roland Barthes in «Die Helle Kammer» beschrieben. Er nennt dies das «Punctum». Etwas nicht für jeden Betrachter Sichtbares oder Beschreibbares, was aber ein Erzählen auszulösen vermag, kann sich im fotografischen Abbild verbergen. Bei mir war es die Fotografie «Ernest» von André Kertész. (Siehe mein Blogbeitrag vom 11. Februar 2018)

 
*Hanns-Josef Ortheil in «Die weißen Inseln der Zeit » S. 120 Taschenbuchausgabe 2013, BTB, *Hanns-Josef Ortheil, «Fermer» (1979/2007) S. 189, BTB
Das Geheimnis, nach der Fotografie von Imogen Cunningham, digital bearbeitete Fotografie, RW 2021

Ausbreiten des Kleides

Heute Morgen sah ich die letzten goldenen Ahornblätter sich wiegen, wollte eins filmen im Fall. Wollte das Ereignis provozieren, zupfte eins ab, ließ es los, zu spät. Es ordnete sich ein auf dem goldenen Teppich, bevor ich seinen Flug bannen konnte.
Nachsatz: Das erste Schiff heute Morgen hieß FORTUNA und das zweite DEO GRATIAS.

Ahorn auf dem Rheindeich, invertierte und digital manipulierte Fotografie RW, 26. 11. 2021

Giovanni 23


Anfang der 90er Jahre war die steinalte Sophia nach Venedig gereist. Auf dem Fondamente Nove im Sestiere Cannaregio genau gegenüber der Friedhofsinsel San Michele sah sie eine Frau in einem Café sitzen, direkt an der Haltestelle der Vaporetti. Diese Frau schien nichts zu verzehren, sondern hatte die Augen geschlossen und eine Büste von Papst Johannes dem 23. gegenüber sich positioniert. Sophia sprach die Frau an und erfuhr, dass diese gerade auf der Friedhofsinsel gewesen sei und dort in einem Blumen- und Kerzenladen die Büste des Papstes gekauft habe, da er perfekt in ihre Sammlung zur Zahl 23 passe. Sie habe die Büste aus Alabasterstaub noch heruntergehandelt, da ein Ohr des Papa Giovanni beschädigt war. Die steinalte Sophia machte noch ein Erinnerungsfoto dieser merkwürdigen Situation und fragte sich, wie die Frau die Büste nach Hause transportieren würde.

Fondamenta Nuove, Venezia, Fotografie Klaus Seitz, Herbst 1992

Spera

Der indische Prinz zählte auf, was ihm am heutigen Tag gefallen hatte:
– das erste Schiff, das morgens am Rheinfenster vorbeifuhr, trug den Namen SPERA
– die laut rufenden Kraniche am wolkigen Himmel, die sich mittags direkt über ihm in großer Anzahl wild kreisend zu neuen Formationen orientiert hatten
– das Paar am Rhein, das in der rotorangen Dämmerung stand, wobei er etwas aus einem Glas trank und sie nach Westen schaute
– der sehr klare und kalte Abend mit der ungewöhnlich groß leuchtenden Venus im noch hellen Südwesten und die bald darauf erscheinenden Sterne am dunklen Himmel

«Indischer Prinz» Collage RW 2020

Welt in Vergrößerung

Vermehrt träume ich wieder von großen Katastrophen. Riesige Tsunamis beobachte ich von einem Fenster aus, wobei alle wissen, dass das Haus einstürzen, in den Fluten versinken wird. Oder ich befinde mich auf abrutschenden, steilen Hängen, muss auf schmalsten Pfaden direkt am Abgrund gehen. Merkwürdigerweise bin ich mir bei aller Angst auch sicher, dass es immer weiter geht, die Szenarien ständig wechseln und mir eigentlich nichts passieren kann.

Chrysantheme und Heidekraut im Novemberregen. Fotografie RW, 19. 11. 2021