Krieg & Frieden

Dieselbe Sonne, die ich im Osten aufgehen sehe, steht auch über der Ukraine. Schreckliche Bilder, wie dort die Menschen durch Putins Krieg leiden, sind in allen Medien. Nicht nur in der westlichen internationalen Gemeinschaft, sondern auch in Russland gibt es Stimmen, die den Angriff scharf verurteilen und sich für einen sofortigen Frieden einsetzen. So haben russische Wissenschaftler einen mutigen, beeinduckenden Aufruf gegen Putin verfasst. Aber dass das Internationale Buchforum in Lwiw, Lemberg, und der ukrainische PEN die Welt auffordert, Bücher aus Russland pauschal zu boykottieren, finde ich fatal.
Der barbarische Überfall vom 24. Februar könnte als Putins Gescheiterter-8-Tage-Krieg in die Geschichte eingehen, wenn alle Verantwortlichen in diesem Konflikt sich heute noch an einen Tisch setzten und in kühlen Verhandlungen Lösungen für das sofortige Kriegsende ausarbeiten würden!
Ein Jammer, dass diese hilflosen Überlegungen aber auch gar nichts bringen.

Morgen am Rhein, Fotografie RW, Aschermittwoch 2022,
«Dieser Krieg ist ein zynischer Verrat» Aufruf der russischen Wissenschaftler, abgedruckt in der FAZ vom 26. Februar 2022

 

Gagat von der Krim

Die Farben Gelb und Blau sind in der Mineralienwelt bei Schwefel und Lapislazuli vertreten. Schwarz ist der Gagat. Versteinerte Holzkohle, Zeuge vergangener Wälder, auch Jett genannt und im 19. Jahrhundert sehr häufig zu Trauerschmuck verarbeitet. Dieser hier ist ein wunderschönes Stück von der Halbinsel Kertsch, die gleichnamige Stadt liegt auf der Krim, gegenüber von Mariupol an der Meerenge zwischen dem Schwarzen Meer und dem Asowschen Meer. Schwefel aus Bolivien und Lapislazuli aus Afghanistan habe ich heute als Begleiter gewählt. Gelb und Blau sind die Farben der Ukraine. Gestern überfällt Putin das Land mit seinen Armeen.

Gagat, Schwefel und Lapis auf ungebrannten Tonsockeln aus der Sammlung RW, Fotografie RW

1923

Heute am 23. Februar 2022 ordnete ich in vielen Kästen untergebrachte Fotografien, Briefe und Dokumente. Zwischen alten verblassten Bildern fand ich die Zahl 23, ausgeschnitten aus einem Werbeprospekt eines Fotoladens der 1980er Jahre. Der Schnipsel war hässlich in Rot und Hellblau gedruckt auf billigem Papier. Damit gab ich mich als 23er Fundstück nicht zufrieden. Im Nachlass der Tante gab es etwas Besseres, den Ausweis von Jean Houben, ausgestellt am 22. 8. 1923. So unruhig war die Zeit in Düsseldorf. Die Stadt und auch das gesamte Ruhrgebiet waren wegen der verspäteten Reparationszahlungen besetzt von Belgiern und Franzosen. Jeden Tag gab es Kämpfe und Ausschreitungen auf den Straßen. Verwaltungsbeamte, auch Polizeibeamte wurden verhaftet. Behörden, Firmen besetzt. Geld in Millardenhöhe beschlagnahmt, die dramatische Geldentwertung hatte begonnen. Schlageter wurde zum Tode verurteilt.
Ich kann das Geburtsdatum lesen, Jean Houben ist 1869 geboren, aber seine Staatsangehörigkeit kann ich nicht entziffern. Aber ich weiß aus einem anderen polizeilichen Ausweis, dass er Belgier war. Hier nennt er sich nicht Jean, sondern Johann. Sein Beruf gibt er mit Kutscher an, später ist er Besitzer einer Spedition und der Familie gehört das Haus an der Pfalzstrasse. Eine seiner Töchter bekommt 1927 einen Sohn, der wiederum 1954 meine Tante heiratet. Den ersten Kinderschuh des Onkels versah ich im Jahre 2020 mit einer dicken Bergkristallnadel aus Brasilien, wie ein Beinchen im Schuh stehend.
In einer ganz anderen Familie, aber auch in Düsseldorf, wird 1923 mein Vater geboren.

Ausweis von Jean Houben aus dem Jahre 1923, Fotografie RW 23. 2. 22

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Was man in der Morgendämmerung nicht fotografieren kann

Heute um 8.08 Uhr stand die steinalte Sophia am Rheinfenster, sah den abnehmenden Mond, dessen Licht sich so silbrig im Wasser des Flusses spiegelte. Dämmerungsblau und Silber – das muss ich betonen, dachte sie sich, denn das Licht der Laternen und Lampen wirft ein Gelb ins Wasser. Und wie das Mondlicht in der Bewegung der Wellen so diamanten glitzert! Sie trat auf den Balkon, um noch besser sehen zu können, atmete die kalte Morgenluft ein, vernahm das Rauschen eines Schiffes und das Surren und Scheppern der Kräne im Hafen gegenüber. Aus dem Garten hörte sie eine Amsel, die ein vorsichtiges Lied sang, so fremd, dass ihr das Märchen von der Chinesischen Nachtigall einfiel. So zauberhaft die künstliche Nachtigall, besetzt mit Diamanten, Rubinen und Saphiren, auch sang, nur die graue, wirkliche Nachtigall, die die Welt außerhalb des Palastes kannte, vermochte mit ihrem betörenden Gesang dem Kaiser das Leben zurückzugeben, obwohl der Tod schon schwer auf seiner Brust saß.
22.02.2022 – wie ein rhythmisches Lied klangen die Zahlen in Sophias Ohr. Gleich 6 Zweien heute, das gibt 12, rechnete sie, und um 8.08 sah ich den Mond, gibt 16, summa summarum 28, Quersumme 10, Quersumme 1. So bin ich wieder am Anfang – beim einen, einzigartigen Mond, dessen Licht sich im Wasser spiegelt. Nun verschwunden für immer und ewig, unmöglich festzuhalten, und schon gar nicht im fotografischen Bild.

Morgen mit abnehmendem Mond am 22. Februar 22, Fotografie RW

Was hat er gesehen?

Ist das junge Paar zufällig in das Familienarchiv geraten? Was hat den Fotografen etwa 1968 bewogen, diese Szenen festzuhalten? Der junge Mann auf dem ersten Bild nimmt seine Hand zum Kinn, schaut verlegen zur Seite, auch die junge Frau hat bemerkt, dass da jemand in ihre Richtung fotografiert. Sie ist modisch gekleidet, ihre weiße Hose hat eine auffällige schwarze Knopfleiste vorne und hinten eine Schnürung. Sehr elegant hat sie rechts über dem Unterarm ein winziges schwarzes Handtäschen, die Sonnenbrille in der Hand. Passend zu ihrem orange-grün-weiß-geringelten, ärmelosen Pulli schmücken sie grüne Kugel-Ohrringe. Ihr Freund trägt zu seinem weißen Poloshirt für heutige Verhältnisse sehr kurze und knappe, hellblaue Shorts. Die beiden erinnern an französische Filme aus der Zeit, vielleicht mit Romy Schneider und Alain Delon. Warme Sommertage voller Heiterkeit, aber auch dunkler Vorahnungen.

Sommerbilder Timmendorfer Strand, Ende der 1960er Jahre, Archiv RW

Rom, Blicke

Da stand ich hoch auf der Kuppel vom Petersdom. Im Herbst 1971. Unterhalb der Laterne gibt es die Plattform, von der man auch heute noch, aber hinter hohen Gittern wie in einem Affenkäfig, auf Rom schauen kann. Der Blick geht von St. Peter auf die in der Ferne liegende Engelsburg, den Tiber, die Brücke Sant’Angelo.
Rolf Dieter Brinkmann hatte 1971 noch 4 Jahre zu leben. 1972 und 1973 war er in Rom wegen seines Villa Massimo-Stipendiums. Er schrieb dort an seinen Collage-artigen Aufzeichnungen zu «Rom, Blicke». 1971 war ich auch zum ersten Mal für wenige Tage in London. Dort starb Rolf Dieter Brinkmann am 23. April 1975 bei einem Autounfall, weil er als Fußgänger den Linksverkehr missachtete. Er wurde nur 35 Jahre alt. Seine Mutter starb, als er 17 war. Er brach das Gymnasium ab. Als Schüler spielte er jedoch erfolgreich Theater.  Sein Vater fotografierte ihn auf der Bühne. Der Vater starb, als er 27 war.
Wir wohnten 1971 im Albergo del Sole und schauten von dessen Dachterrasse auf die Kuppel von Andrea della Valle. Das Hotel gibt es heute noch. In der Nähe der Piazza Navona. Wir waren natürlich auch zu den Ausgrabungen auf dem Forum Romanum gegangen, vorbei an der Riesen-Schreibmaschine, dem kaltweißen Groß-Denkmal für Vittorio Emmanuele II, über das Rolf Dieter Brinkmann spottet, wie er sowieso nur schimpft und ätzt über das, was ihm in Rom begegnet, aber den nahe gelegenen Campidoglio lobt er:
«…Es war gegen 1 Uhr, als ich […] auf den von Michelangelo entworfenen Platz des Kapitol- Hügels kam – wirklich ein schöner, befreiender Platz, mit einem feinen Raumgefühl entworfen, denn das Gefühl des Raumes teilte sich mir sofort mit. Ich hatte das Gefühl des Raumes und nicht das eines staubigen Durcheinanders, sobald ich von den Bauten ringsum und ihrem Zustand absah. – Hier konnte ich gehen, mich bewegen, über eine gleichmäßige Fläche, die angenehm war…»
Ich war 1971 schon an der Kunstakademie eingeschrieben, hatte so wenig Ahnung vom Kunstgeschehen der Zeit. Dass 1971 Rolf Dieter Brinkmann ein Stipendium des Landes Nordrhein-Westfalen bekam, wusste ich nicht. Aber in Düsseldorf, auch sicher am Eiskellerberg, in der Kunstakademie, war er bestimmt zu Besuch. Das Heinrich-Heine-Institut besitzt eine Sammlung von seinen Briefen und andere Stücke aus seinem Nachlass.

Rom, auf St. Peter, Fotografie September 1971, Archiv RW
Rolf Dieter Brinkmann «Rom, Blicke» 1979 Rohwolt Verlag

Wimpernmond

Wenn man ganz genau hinschaut, sieht man am äußersten linken Astende der Platane die liegende Mondsichel. Wie ein winziges Wimpernblättchen hängt sie am Knauf des Astes. Entsprechend dem Positionslämpchen am Endes des Rheinschiffes. In Wirklichkeit haben wir den Mond natürlich viel größer und fein gestochen gesehen bei unserem Abendspaziergang. Ich habe gelesen, dass die Lage des Mondes von dem Winkel seiner Bahn zur Ekliptik abhängt, das heißt vom Winkel zur scheinbaren Sonnenbahn. Je steiler die Mondbahn und die Ekliptik zum Horizont verlaufen, um so mehr liegt der Mond. Dann haben wir das Mondschiffchen, die Kahnlage. Ganz verstanden hab ich’s nicht…
Der Wind bläst uns kräftig und eiskalt von Süden aus an. Dort steht auch jetzt der Mond, bald wird er im Westen untergehen. Das Restlicht der untergegangenen Sonne gibt den Baumgerippen noch eine Portion Dramatik zum Abschied. Schlaft gut und freut euch auf einen schönen Sonntag.

Abendspaziergang am Rhein, Fotografie RW, 5. Februar 22

2222

Im heutigen Datum zeigen sich angeblich vier Zweien.
02. 02. 2022 – in dieser Schreibweise sieht man allerdings drei Nullen und fünf Zweien.
Alle im Jahre 1922 Geborenen werden dieses Jahr 100.
1922 ließ eine Dame ihre teuren Seidenstrümpfe noch mit feinen Garnen in Hauttönen stopfen. Im Erbe der Tante habe ich eine alte Schachtel der Firma Ackermann’s gefunden mit 10 Garnrollen à 20 m Perlonfaden. Die Kunstfaser Nylon wurde 1935 erfunden. Und erst nach dem Krieg, in den 50erJahren, trugen die Damen in Deutschland Kunstseidenstrümpfe aus Perlon. Ich habe gedacht, die Schachtel wäre mindestens aus dem Jahre 1922.
James Joyce wurde am 2. Februar geboren, heute wäre er 140 geworden. Und an seinem 40. Geburtstag, genau vor hundert Jahren bekam er von seiner Verlegerin Sylvia Beach das erste Exemplar des Ulysses. Dies ist ein Grund zu feiern.
Doch sehr traurig ist der Tag heute auch, höre ich doch gerade eben, dass am 2.2.22 Monica Vitti gestorben ist. Entdeckt habe ich sie für mich in dem Film von Michelangelo Antonioni
Il Deserto Rosso. Ihr blasses Gesicht, ihre kastanienbraunen vollen Haare vor einer roten Wand – überhaupt die Farben in diesem Film – ich will nicht weiter beschreiben, weil es den Erinnerungszauber stört. 1964 kam der Film heraus –  Quersumme 2.
Gute Zahl, schlechte Zahl.  22222222222222222222222
Was für ein Zahlenkarussell wird am 22. 2. 22 oder anders am 22.02.2022  sein?

Ackermann’s Perlon, Fotografie RW 2. 2. 22

Blick zurück im Rund

Der indische Prinz hatte auf einer Kunstauktion in Belgien einen kostbaren Porzellanteller aus dem späten 19. Jahrhundert ersteigert, der das Porträt einer Kuh zeigt. Mit Kobaltblau und Manganrötlich bis -violett wurde er unter Glasur auf eine äußerst feine Art bemalt. Im Durchmesser etwa 23 cm groß. Natürlich kannte er den kleinen Tondo von Roelant Savery, der im März 2021 für circa 128000 Franken im Schweizer Kunsthandel verkauft worden war. Auf dieses kleine Rundgemälde von 1604, das wußte er, ging das Motiv des Tellers zurück. Auch kannte er genau diese Kuh von einem weiteren Bild Savery’s –  «Orpheus unter den Tieren» in der Kunstsammlung der Universität Göttingen. Ganz weit in der Ferne verzaubert Orpheus die wilden Tiere mit seiner Musik, im Vordergrund, in vollem Licht die Kuh zwischen anderen Artgenossen. Im Zauberbann, so erscheint sie dem Prinzen auch auf dem Tondo – und der Bann überträgt sich auf den Betrachter, Jahrhunderte danach. Ob Savery an das Porträt einer Person gedacht hat, als er die Kuh malte?
Zur Entstehungszeit des Tellers war die Fotografie schon erfunden, die Farben eines Negativs jedoch nicht bekannt. Was mochte den Porzellan-Maler bewogen haben, das beliebte Motiv in der Umkehrung zu malen? Vielleicht die in seiner Heimat traditionellen Blaus auf Porzellan? Der äußerst seelenvolle, rückwärts gewandte Blick des Tieres aus lang bewimperten Augen geht allerdings dabei fast verloren. Die Anmut in der Haltung, bei aller Schwere des Körpers, bleibt aber erhalten. Die Hörner trägt die Kuh wie eine Krone.
Erst auf dem Teller hatte der indische Prinz die drei Wasservögel im Hintergrund links von ihr entdeckt. Die zwei sich begegnenden Frösche vorne und die sich brüstende Ente kannte er auch vom Original. Anspielungen auf Geheimnisse des Lebens in Zweisamkeit?
Im Original leuchtet rechts im Hintergrund auch ein stiller, grünblauer Tümpel in einer Waldlichtung auf, geheimnisvoll und schön – leider sieht man dies bedauerlicherweise auf dem Teller durch die Umkehrung vom Dunklen zum Hellen nicht. Dafür kommen die zarten Konturen und die Eleganz der Pflanzen um so mehr zur Geltung.
2300 Euro hatte der indische Prinz für den Teller bezahlt. Er hoffte, nicht auf eine Fälschung hereingefallen zu sein – ein Teller mit fotografischen Mitteln im Siebdruckverfahren bedruckt? Das Porzellan war allerdings alt, das hatte er prüfen lassen.

Digital manipulierte Fotografie RW, 2021, nach ROELANT SAVERY (Kortrijk 1576–1639 Utrecht) Liegende Kuh in einer Landschaft. 1604, 17, 5 cm, mit Öl auf Holz gemalt.
Entdeckt in dem schönen Buch «Gemalte Tiere, Ein Bilder- und Lesebuch mit 61 Meisterwerken aus sieben Jahrhunderten und literarischen Texten von heute» Schirmer/Mosel. Hrsg. von Kirsten Claudia Voigt und Lothar Schirmer. 160 Seiten, 61 Farbtafeln, 16 Abb. Format: 26,5 x 32 cm, gebunden. Deutsche Ausgabe. 2. Auflage.