Der Löwe blickt zurück

Ich habe mir vorgenommen, besondere Erinnerungsbilder aus jedem Jahr meines Lebens aufzuschreiben. Das Erinnerugsvermögen eines Menschen beginnt wohl zuverlässig erst mit dem 4 Lebensjahr. Allein schon aus dieser Zeit, mit 3 1/2 oder 4 Jahren sind mir schemenhafte Bilder aus der ersten Wohnung der Familie bewußt, die auch in keinem der Fotoalben, die meine Eltern für jedes Kind gewissenhaft anlegten, vorkommen und von daher nicht durch diese und die dazu passenden Erzählungen manipuliert worden sind.
Für jedes Jahr Erinnerungsbilder – zu viel – ich reduziere die Anzahl der Jahre auf Abschnitte in Siebenmeilenstiefeln.
1 bis 7
7 bis 14
14 bis 21
21 bis 28
28 bis 35
35 bis 42
usw.
Es heißt, dass sich die Zellen des Menschen alle sieben bis zehn Jahre erneuern. Anthroposophen haben daraus manche Theorie entwickelt, Wissenschaftler konnten vom Skelett sagen, dass es sich in zehn Jahren erneuert, die Fettzellen in acht Jahren… die Leber etwa in einem einem Jahr… Der schwedische Stammzellenbiologe Jonas Frisén hat dazu geforscht.
Die Erinnerungsbilder will ich mit meinen fünf Geschwistern kommunizieren und so einen Gedächtnisort für unsere große Familie finden.
Drei Erinnerungen mit etwa 4 Jahren:
Erstes Bild:
kleinteilig braun-weiß-blau gemusterter, wehender Vorhang am dunkelblauen Nachtfenster
Zweites Bild:
schwarzrote Flecken auf grauem Linoleum, weiße Tücher
Drittes Bild:
Sand in meinen Ohren, meiner Nase, und vor allem im Mund, fremde Kinder, graugelber Spielplatz, grüner Rasen, Teppichstangen


verwitterter Löwenkopf, unten an der Wasserseite des ehemaligen Ständehauses in Düsseldorf,
Fotografie RW, 2018

 

Korrespondenzen XXV


Gestern abend, vor dem Re-Opening des K21 in Düsseldorf, ein Blick auf den Kaiserteich unmittelbar am ehemaligen Ständehaus, in dem sich das Museum befindet.
Eine Stunde später in der Ausstellung der US-amerikanischen Künstlerin Lutz Bacher die Arbeit «Vegas Pants», mit Holzwolle ausgestopfte Billig-Schlafanzughosen und eine Besucherin, die einen Blick auf den Kaiserteich wirft.

Das K21 zeigt „What’s Love Got to Do With It“ von Lutz Bacher bis zum 06.01.2019. Einen Blick in die Ausstellung und das rundumerneuerte Museum zu werfen, lohnt sich auf jeden Fall.

Fotografie

Milliarden von Fotos schwirren durch die Welt. Nicht Milliarden, sondern fast so viele wie die Sandkörner in den Wüsten. Es lohnt sich, ein jedes Sandkorn unter dem Mikroskop anzuschauen. Ist es ein Millionen Jahre altes Quarzkorn, ein Feldspat, ein Korund, ein fossiles Überbleibsel, eine Foraminifere aus einem fernen Urmeer? Lohnt es sich auch, einen Blick auf die Fotografien der Bilderwüste zu werfen? So könnte jeder Mensch jederzeit jedes Bild betrachten. Theoretisch ja. Aber praktisch nicht, es muss eine lebensnotwendige Selektion geben.
Wenn Fotografie durch ihr momenthaftes Lichtwesen vergänglich ist, sind wir gerettet – die Bilder verschwinden wieder, so wie sie aufgetaucht sind. Aber leider ist nur der Augenblick des Fotografierens vergänglich. Das Ergebnis bleibt, zumindest für ein paar Jahrzehnte: Als Abzug oder Lichtbild, digitale Datei. Seit ich digital fotografiere, drucke ich nur wenige Bilder aus. Statt dessen existieren Riesendatenbanken auf dem PC oder in der Cloud. Die Abzüge auf Papier erhalten sich allerdings besser als die Dateien. Ich besitze alte Fotografien der Familie, die zum Teil noch aus dem 19. Jahrhundert sind.

Instagram, eine Plattform für Tausende von Fotografen – Pinterest, auch eine Plattform für Tausende von Fotografen. Diese Plattformen sind Zeiträuber, da man angesaugt wird von Bild zu Bild. Eine Auswahl trifft man als Individuum in jedem Fall, daher ist es vielleicht doch nicht so tragisch, ­– und im nächsten Moment sind die gesehenen Bilder dank schützender Funktionen unseres Gehirns vergessen .
Die moderne professionelle Fotografie ist so hässlich – sensationsheischend, überscharf, übergrell, in hohen Kontrasten, als könnten die Augen keine Zwischentöne mehr sehen, als gäbe es keine Wahrnehmung mehr für Übergänge, verhaltene Farben und Halbschattentöne.
Ihre Motive sind ebenso hässlich, weil das Übertriebene stets dominiert: der riesige Abgrund, die riesige Höhe, die riesige Entfernung, die riesige Nähe, der riesige Kontrast zwischen extremem Vordergrund und unendlicher Ferne. Flug, Sturz, Tempo, Jagd, spritzende Flüssigkeit, vernebelnde Staubwirbel und das alles eingefroren auf Nanosekunden. Exorbitanz heißt das Wort. Besonders treffende Beispiele für diese Wahrnehmungscodes sind die Red Bull Publikationen oder Abbildungen in Fachmagazinen der Fotofirmen.

Für mich ist die Arbeit von fotografierenden Künstlern wesentlich wichtiger.
Eine Künstlerin sammelt alle fotografischen Bilder, die den von ihr gemachten ähnlich sind. Daraus macht sie etwas Neues, quasi einen Haufen aus Bildern. Ein anderer Künstler traut dem behaupteten, dokumentarischen Gehalt der Fotografie nicht und untersucht und verändert gefundene Fotos durch Bearbeiten mit Computerprogrammen, bis die Bilder zu seinen geworden sind und sich von dem, was sie behaupten, entfernt haben oder sich einer anderen Wahrheit nähern. Schon zu meiner Studienzeit kannte ich einen Künstler, der weggeworfene Fotografien sammelte, die er auf der Straße fand, besonders in der Nähe von Passfotoautomaten.
So hat auch eine sehr bekannte Vertreterin der sogenannten «Inszenierten Fotografie» einen Auftritt bei Instagram, wo sie außer ihrer Fotokunst weitere, eher private Bilder postet. Man nimmt an dem teil, was sie von ihrem persönlichen Leben und ihrer Anwesenheit in der Mode- und Glamourwelt bekannt geben will. Es bleibt abzuwarten, ob das ihrer Arbeit schadet oder diese weiterbringt.
Für eine weitere Künstlerin ist Fotografie ein Medium, mit dem sie, anders als mit Worten, eine Beobachtung transformieren kann. Die Beobachtung wird fotografiert, weil diese sie zum Staunen gebracht hat. Sie schneidet dann aus den gesammelte Ansichten den Nucleus heraus oder findet ihn durch den glücklichen Augenblick schon fertig vor.

Alle Bilder sind schon gemacht – aber trotzdem ist jedes neue Foto einzigartig, durch Zeit, Ort und Individuum.

Die Harzreise

Heute in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Technik und Motor, Seite 58 «Echte Brocken», ein Bericht über die Harzer Schmalspurbahnen, dazu schöne Schwarzweißaufnahmen von Peter Thomas, dem Autor des Artikels.
In meinem Reisearchiv fand ich die beiden Fotografien, die ich auf einer Harzreise im August 2016 aufgenommen hatte. Wir bestiegen damals auch die HSB, ausgestattet mit einer schönen alten Dampflok. Aus dem Fenster der Bahn sahen wir in der Ferne den langsam näher kommenden Brocken .

Aus der Tiefe des Berges

Am 30. August vor 15 Jahren wurde bei Amsteg im Kanton Uri, CH auf der Baustelle des Gotthard Basistunnel (Neue Eisenbahn-Alpentransversale NEAT) diese Bergkristallsstufe frisch aus der Tiefe des Berges geborgen. Der Strahler und Geologe Peter Amacher, Chef der Mineralienaufsicht bei den NEAT-Bohrungen, hatte die Möglichkeit direkt bei dem riesigen Bohrkopf Gabi II das für Sammler und Wissenschaftler interessante Material aufzunehmen und unter anderem an die Besucher der Bausstelle zu verkaufen. Auch RW und ihre Schwester SW waren damals in Bussen weit in den Berg hineingefahren und bis zum Bohrkopf vorgedrungen. Ein wenig Fachsimplen mit Peter Amacher und das frische Material zu erwerben, das noch nie vorher am Tageslicht war – ein Glückstag.

Bergkristallstufe mit Amianth (feinste Fasern) und Epidot (teilweise im Bergkristall eingewachsen), Fundort im NEAT Tunnel bei Amsteg, aus der Sammlung von RW,
Einfahrt der Besucherbusse in den Baustellentunnel, 30. August 2003

 

https://www.srf.ch/sendungen/dok/peter-amacher-strahler-und-geologe