In einem alten Wörterbuch Guide de La Conversation Français-Anglais-Chinois fand ich auf Seite 26 die Begriffe für christliche Festtage. Dieses Büchlein ist 1910 in einer neunten Auflage von der Imprimerie de la Mission catholique herausgegeben worden. Auf dem Vorblatt sah ich auch das Zeichen des Jesuitenordens. Nach weiteren Vokabeln suchend entdeckte ich auf Seite 125 unter Fausses Religions, Superstitions, False Religions, Superstitions entsprechende Begriffe für Buddhismus, Taoismus, aber auch Paganismus und Geisteraustreibung.
Der Rheinländer Johann Adam Schall von Bell kam mir in den Sinn, ein Jesuit, der im beginnenden 17. Jahrhundert als Wissenschaftler und sogar als Mandarin am Hof des chinesischen Kaisers wirkte. Auch übersetzte er De Re Metallica von Agricola ins Chinesische und stellte das Buch am kaiserlichen Hofe vor. Der Agricola befindet sich ebenso wie das alte Wörterbuch in meiner Bibliothek. Ich meine, die Herkunft des Guide de La Conversation stamme aus der Familie meines Vaters. Ich erinnere mich an ein Familienfest vor vielen Jahrzehnten, als man im Esszimmer in großer Runde zusammensaß. Zur Terassentür hin saßen ältere Männer, deren Verwandtschaftsgrad ich nicht kannte. Sie erzählten von China und dem Boxeraufstand. Einer war wohl dabei gewesen.
Mit geschlossenen Augen
Wenn ich in der Nacht mit geschlossenen Augen gegen die Lider schaue, sehe ich Lichtreste. Wo kommen sie her? Ist es ein Nachhall des Tageslichtes? Sind es Erinnerungen des Gehirns? Ich bilde mir jedoch ein, wirklich Vorhandenes wie das feine Adergeflecht der Netzhaut zu sehen, dann aber auch freie Erfindungen wie runde helle Kreisflächen, die vorbeischwimmen oder größere leuchtende Wellen, die in Rhythmen wie die Gezeiten fließen. In Verwirrte Sinneseindrücke beschreibt August Strindberg, wie er im Eigenversuch durch Drücken auf den Augapfel bei geschlossenen Lidern Blitze, helle Kreise oder Wirbel und andere Licht-Phänomene sieht, denen er Ähnlichkeiten zu den Gestirnen und der Sonne zuordnet, eine für ihn zwingende Korrespondenz zwischen dem Subjekt und dem Kosmos. Auch machte er Versuche ohne Kamera und Linse mit Mond- und Sternenlicht auf lichtempfindlichen Platten, sogenannte Celestografien. Faszinierende Experimente, um sich dem Wesen des Lichts und dem Abbilden von Licht (Photographie!) zu nähern.
Schneekristalle in der Eifel 2005, invertierte und gedrehte Fotografie RW 2019,
August Strindberg: Verwirrte Sinneseindrücke. Schriften zu Malerei, Fotografie und Naturwissenschaften, hrsg. v. Thomas Fechner-Smarsly, Verlag der Kunst 1998, darin «Ein Blick zum Weltraum»(1896)
Leuchtende Augen
Der orangefarbene Spessartin gehört wie alle Granate dem kubischen Kristallsystem an und bildet erstaunliche Polyeder, im Idealfall einen Körper aus 12 oder 24 Drachenvierecken. (Rhombendodekaeder oder Ikositetraeder) Im weichen Glimmer kann er perfekte Kristalle ausbilden. Chemisch gesehen ist er ein Mangan-Aluminium-Silikat. Die Mandarin-Granate sind sehr gesucht. In Heidelberg fand ich vor 9 Jahren diese schöne Stufe bei einem Mineralienhändler. Das Stück war ziemlich teuer, ich konnte aber ein wenig handeln, vielleicht weil meine Schwester dabei war, die sich einen kostbaren Opal kaufte.
Zwei große Mandarinspessartine (circa 16 bis 20 mm) in Glimmer, Fundort Äthiopien, Sammlung RW, Fotografie RW
Der kosmische Baum
Der Baum trägt seltsame Früchte. Vier Flächen – Kreis, Dreieck, Sechseck und Viereck. Er ist auf gebrannte und glasierte Fliesen in Kobaltblau gemalt – in der Technik der Azulejos, wie man sie aus Portugal und Spanien kennt. Der wie schwebende Baum ist in Licht und Schatten illusionistisch ausgearbeitet, trägt keine Blätter, aber die Wurzeln sind sichtbar. Die Reihenfolge der Flächler in der Krone ist nicht logisch aufgefasst. Keineck, Dreieck, Sechseck, Viereck. Wobei sich alle Flächen allerdings in der Kreisfläche wiederfinden könnten und das Sechseck Dreieck und Quadrat enthält.
Ich denke natürlich an die Platonischen Körper – Tetraeder, Hexaeder, Oktaeder, Dodekaeder, Ikosaeder – deren Seitenflächen die Früchte im Baum beschreiben. Vier Elemente werden vier Körpern zugeordnet. Der Würfel, Seitenfläche Quadrat mit sechs Flächen, steht für Erde; der Tetraeder, viermal die Seitenfläche Dreieck, für Feuer; der Oktaeder, achtmal die Seitenfläche Dreieck, für Luft; der Ikosaeder, zwanzigmal die Fläche Dreieck für Wasser; der Dodekaeder, zwölfmal die Seitenfläche Fünfeck, für den Äther. Wobei im Baum kein Fünfeck, sondern ein verschobenes Sechseck zu sehen ist. Das Hexagon hat in Natur, Kunst und Zahlenmystik eine besondere Bedeutung. Dringend muss ich den Künstler befragen, was es mit diesen Früchten auf sich hat. Für mich ist es ein kosmischer Baum.
Detail einer Installation von Christoph Knecht, der in seiner Arbeit «Europa» ganze Wandflächen mit handbemalten Keramikfliesen bedeckt, die seltsam geheimnisvolle, aber auch banal alltägliche Bildzeichen und Symbole zeigen.
http://christoph-knecht.de, Fotografie im «Neuen Kunstraum» Düsseldorf aufgenommen, Ruth Weber 2019
(siehe auch meine Blog-Beiträge vom 11. Mai 2019 und vom 8. November 2018)
Das Gold des heiligen Nikolaus
Der heilige Nikolaus von Myra half den drei Töchtern eines verarmten Vaters, der keine Mitgift für sie aufbringen konnte und kurz davor stand, sie als Prostituierte arbeiten zu lassen. Nikolaus schenkte ihnen Gold, in dem er heimlich drei goldene Kugeln durch das Fenster ihres Schlafgemachs warf. Im St. Annen-Museum von Lübeck findet man auf einer Tafel (Retabel eines Altars um 1500) diese schöne Szene festgehalten. Der Heilige steht im vollen Bischofsornat neben dem Fenster eines Gebäudes, kurz davor, die letzte Kugel zu werfen. Eine der drei Töchter ist aufgewacht und scheint etwas gehört zu haben.
Gold in Matrix, West Australien, Great Sandy Desert, Sammlung RW, Fotografie RW
Bildquelle : Quelle: https://www.shz.de/26516157 ©2019
Im Museum
Reflektieren, Lesen, Leuchten, Beten.
Rijksmuseum Amsterdam, Rembrandt-Velázquez. Dutch & Spanish Masters, Dialogues on reality and eternity, religion and beauty.
11 October 2019 – 19 January 2020
Stilleben mit Büchern, Jan Lievens ca 1628,
Der heilige Paulus als Eremit, Jusepe de Ribera, 1635 – 40,
Der Dresdner Grüne nicht
Der Dresdner Grüne. Er glänzt temporär in New York, ausgeliehen aus dem Grünen Gewölbe in Dresden. 1768 hatte Hofjuwelier Franz Diespach den 41 Karat schweren Diamanten mit der ungewöhnlichen Farbe in eine Hutagraffe mit weiteren wunderbaren weißen Steinen in frühen Brillantschliffen umgearbeitet. Durch seine Überseereise ist das Schmuckstück unberührt geblieben von dem gestrigen schändlichen Raub in der Schatzkammer August des Starken.
In den 90er Jahren war ich etwa zweimal in der kostbaren Sammlung, damals noch im Albertinum untergebracht. Und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich das 2006 eröffnete, rekonstruierte Grüne Gewölbe im Residenzschloss noch nicht gesehen habe. Nun ist die historische Unversehrtheit der Sammlung dahin. Zehn gestohlenene Schmuckstücke werden heute im Internet veröffentlicht.
Über die Postkarte mit dem Nicht Gestohlenen, die in meinem alten Führer des Grünen Gewölbes von 1994 steckte, freue ich mich heute besonders.



Zweimal 23 Düsseldorf Oberkassel. Fotografie RW 2019