FROHE WEIHNACHTEN allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs!
Abends am Rheinfenster
Junge Leute albern im Dunkeln auf der Wiese hinunter zum Rhein. Ihre Stimmen schallen zu mir herüber. Sie rufen und lachen, machen übertriebene Bewegungen wie große Schritte mit gebeugtem Knie. Einer trägt rote Schuhe. Jetzt höre ich jemanden zählen. Eins – zwei – drei – vier – fünf –
Hunde laufen ungerührt den Weg entlang, versehen mit leuchtenden, blinkenden Halsbändern. Die Hundebesitzer bleiben im Dunkeln. Ein Kind schreit wütend auf, der Vater versucht es in einer fremden Sprache zur Ordnung zu rufen.
Dann ist alles still – ein schwarz gekleideter Mann läuft noch schweigend im Dunkel davon. Mir bleibt nur ein Rauschen in den Ohren.
Die glitzernden weißen und grünen Lichtsäulen auf dem Wasser des Flusses schlagen Brücken zum anderen Ufer. Dort fahren die Scheinwerfer der Hafenkräne noch hin und her. Ein flussabwärts kommendes Schiff trägt Lichterketten zwischen Führerkabine und Ladung.
Die lauten Weihnachtsfeiern in Firmen und Büros sind längst vorbei. Morgen am Heiligen Abend will ich ganz ruhig an die vielen Weihnachtsfeste der Kindheit denken.
Tanz an Silvester, Fotografie RW, Aachen 2003
Der kürzeste Tag des Jahres
Freunde haben uns eine irisierende Weihnachtskarte geschickt. Sie fängt jedes Licht, so sparsam es auch sein mag, reflektiert den Regenbogen im Dämmerlicht des vierten Advent. Den ganzen Tag hat es geregnet und wurde gar nicht wirklich hell. Auf der Nordhalbkugel ist heute der kürzeste Tag des Jahres, Winterbeginn und Wintersonnenwende. Da gönnen wir uns ein einfaches, aber schmackhaftes Mahl. Rosenkohl gedünstet und dazu ein Glas Riesling.
Advenire
Wie schnell nähern wir uns dem Jahr mit der außergewöhnlichen Zahl.
20 und 20
Die hundertsten Geburtstage der verstorbenen Eltern stehen unmittelbar bevor.
22 und 23
Ich sehe eine ungewöhnliche Flamme am Adventskranz.
Draußen sind es 17 Grad.
Weihnachtlich ist mir gar nicht zumute.
Adventslicht, Fotografie RW, 19. Dezember 2029
Drei Sprachen am dritten Advent
In einem alten Wörterbuch Guide de La Conversation Français-Anglais-Chinois fand ich auf Seite 26 die Begriffe für christliche Festtage. Dieses Büchlein ist 1910 in einer neunten Auflage von der Imprimerie de la Mission catholique herausgegeben worden. Auf dem Vorblatt sah ich auch das Zeichen des Jesuitenordens. Nach weiteren Vokabeln suchend entdeckte ich auf Seite 125 unter Fausses Religions, Superstitions, False Religions, Superstitions entsprechende Begriffe für Buddhismus, Taoismus, aber auch Paganismus und Geisteraustreibung.
Der Rheinländer Johann Adam Schall von Bell kam mir in den Sinn, ein Jesuit, der im beginnenden 17. Jahrhundert als Wissenschaftler und sogar als Mandarin am Hof des chinesischen Kaisers wirkte. Auch übersetzte er De Re Metallica von Agricola ins Chinesische und stellte das Buch am kaiserlichen Hofe vor. Der Agricola befindet sich ebenso wie das alte Wörterbuch in meiner Bibliothek. Ich meine, die Herkunft des Guide de La Conversation stamme aus der Familie meines Vaters. Ich erinnere mich an ein Familienfest vor vielen Jahrzehnten, als man im Esszimmer in großer Runde zusammensaß. Zur Terassentür hin saßen ältere Männer, deren Verwandtschaftsgrad ich nicht kannte. Sie erzählten von China und dem Boxeraufstand. Einer war wohl dabei gewesen.
Mit geschlossenen Augen
Wenn ich in der Nacht mit geschlossenen Augen gegen die Lider schaue, sehe ich Lichtreste. Wo kommen sie her? Ist es ein Nachhall des Tageslichtes? Sind es Erinnerungen des Gehirns? Ich bilde mir jedoch ein, wirklich Vorhandenes wie das feine Adergeflecht der Netzhaut zu sehen, dann aber auch freie Erfindungen wie runde helle Kreisflächen, die vorbeischwimmen oder größere leuchtende Wellen, die in Rhythmen wie die Gezeiten fließen. In Verwirrte Sinneseindrücke beschreibt August Strindberg, wie er im Eigenversuch durch Drücken auf den Augapfel bei geschlossenen Lidern Blitze, helle Kreise oder Wirbel und andere Licht-Phänomene sieht, denen er Ähnlichkeiten zu den Gestirnen und der Sonne zuordnet, eine für ihn zwingende Korrespondenz zwischen dem Subjekt und dem Kosmos. Auch machte er Versuche ohne Kamera und Linse mit Mond- und Sternenlicht auf lichtempfindlichen Platten, sogenannte Celestografien. Faszinierende Experimente, um sich dem Wesen des Lichts und dem Abbilden von Licht (Photographie!) zu nähern.
Schneekristalle in der Eifel 2005, invertierte und gedrehte Fotografie RW 2019,
August Strindberg: Verwirrte Sinneseindrücke. Schriften zu Malerei, Fotografie und Naturwissenschaften, hrsg. v. Thomas Fechner-Smarsly, Verlag der Kunst 1998, darin «Ein Blick zum Weltraum»(1896)
Leuchtende Augen
Der orangefarbene Spessartin gehört wie alle Granate dem kubischen Kristallsystem an und bildet erstaunliche Polyeder, im Idealfall einen Körper aus 12 oder 24 Drachenvierecken. (Rhombendodekaeder oder Ikositetraeder) Im weichen Glimmer kann er perfekte Kristalle ausbilden. Chemisch gesehen ist er ein Mangan-Aluminium-Silikat. Die Mandarin-Granate sind sehr gesucht. In Heidelberg fand ich vor 9 Jahren diese schöne Stufe bei einem Mineralienhändler. Das Stück war ziemlich teuer, ich konnte aber ein wenig handeln, vielleicht weil meine Schwester dabei war, die sich einen kostbaren Opal kaufte.
Zwei große Mandarinspessartine (circa 16 bis 20 mm) in Glimmer, Fundort Äthiopien, Sammlung RW, Fotografie RW
Der kosmische Baum
Der Baum trägt seltsame Früchte. Vier Flächen – Kreis, Dreieck, Sechseck und Viereck. Er ist auf gebrannte und glasierte Fliesen in Kobaltblau gemalt – in der Technik der Azulejos, wie man sie aus Portugal und Spanien kennt. Der wie schwebende Baum ist in Licht und Schatten illusionistisch ausgearbeitet, trägt keine Blätter, aber die Wurzeln sind sichtbar. Die Reihenfolge der Flächler in der Krone ist nicht logisch aufgefasst. Keineck, Dreieck, Sechseck, Viereck. Wobei sich alle Flächen allerdings in der Kreisfläche wiederfinden könnten und das Sechseck Dreieck und Quadrat enthält.
Ich denke natürlich an die Platonischen Körper – Tetraeder, Hexaeder, Oktaeder, Dodekaeder, Ikosaeder – deren Seitenflächen die Früchte im Baum beschreiben. Vier Elemente werden vier Körpern zugeordnet. Der Würfel, Seitenfläche Quadrat mit sechs Flächen, steht für Erde; der Tetraeder, viermal die Seitenfläche Dreieck, für Feuer; der Oktaeder, achtmal die Seitenfläche Dreieck, für Luft; der Ikosaeder, zwanzigmal die Fläche Dreieck für Wasser; der Dodekaeder, zwölfmal die Seitenfläche Fünfeck, für den Äther. Wobei im Baum kein Fünfeck, sondern ein verschobenes Sechseck zu sehen ist. Das Hexagon hat in Natur, Kunst und Zahlenmystik eine besondere Bedeutung. Dringend muss ich den Künstler befragen, was es mit diesen Früchten auf sich hat. Für mich ist es ein kosmischer Baum.
Detail einer Installation von Christoph Knecht, der in seiner Arbeit «Europa» ganze Wandflächen mit handbemalten Keramikfliesen bedeckt, die seltsam geheimnisvolle, aber auch banal alltägliche Bildzeichen und Symbole zeigen.
http://christoph-knecht.de, Fotografie im «Neuen Kunstraum» Düsseldorf aufgenommen, Ruth Weber 2019
(siehe auch meine Blog-Beiträge vom 11. Mai 2019 und vom 8. November 2018)
Das Gold des heiligen Nikolaus
Der heilige Nikolaus von Myra half den drei Töchtern eines verarmten Vaters, der keine Mitgift für sie aufbringen konnte und kurz davor stand, sie als Prostituierte arbeiten zu lassen. Nikolaus schenkte ihnen Gold, in dem er heimlich drei goldene Kugeln durch das Fenster ihres Schlafgemachs warf. Im St. Annen-Museum von Lübeck findet man auf einer Tafel (Retabel eines Altars um 1500) diese schöne Szene festgehalten. Der Heilige steht im vollen Bischofsornat neben dem Fenster eines Gebäudes, kurz davor, die letzte Kugel zu werfen. Eine der drei Töchter ist aufgewacht und scheint etwas gehört zu haben.
Gold in Matrix, West Australien, Great Sandy Desert, Sammlung RW, Fotografie RW
Bildquelle : Quelle: https://www.shz.de/26516157 ©2019
Im Museum
Reflektieren, Lesen, Leuchten, Beten.
Rijksmuseum Amsterdam, Rembrandt-Velázquez. Dutch & Spanish Masters, Dialogues on reality and eternity, religion and beauty.
11 October 2019 – 19 January 2020
Stilleben mit Büchern, Jan Lievens ca 1628,
Der heilige Paulus als Eremit, Jusepe de Ribera, 1635 – 40,
