In meinen Träumen besuche ich oft große Wohnungen oder Hotels, in deren Zimmern, meist mit mehreren Betten ausgestattet, Geschwister und Freunde wohnen. Teils schlafen sie oder sprechen mit mir. Ich bin meist auf der Suche nach einem Geschwister, dabei bin ich nicht imstande, es anzurufen, weil ich alle Taschen verloren habe, in denen das Handy untergebracht war. Ich treffe dann aber unvermittelt einen Freund, zu dem ich eine übergroße Anziehung empfinde. Die Luft flirrt geradezu.
Nichts funktioniert in dem weiträumigen Haus, die Zimmer wirken unaufgeräumt, die Betten sind nicht gemacht. Helles Licht brennt, obwohl manche mit geschlossenen Augen in den Betten liegen. Ich habe keine Orientierung, wo die Flure hingehen und welche Tür man öffnen kann und welche nicht.
Das vertraute Gefühl, inmitten einer großen Familie zu sein, ist stärker als meine Unsicherheit.
Hinterlassenschaften


Gestern ging ich in Kaiserswerth an der alten Basilika St. Suitbertus vorbei auf den Stiftsplatz, ließ das schöne Kanonikerhaus von 1710 rechts liegen und stieg die Treppe zum Rhein hinunter. Am Ufer angelangt kletterte ich unterhalb der Ruine der Kaiserpfalz direkt in das Kiesbett. Hier suchte ich etwa eine Stunde lang im Rheingeröll nach besonderen Stücken. Auffällig viele rote abgerollte Ziegel- und Terrakottafragmente lagen dort neben unzähligen frischen Glasscherben, Hinterlassenschaften der Besäufnisse ausgelassener Jugendlicher. Ich war aber auf der Suche nach älteren Artefakten. Fand auch die üblichen blaugrauen Tonscherben der Westerwälder Krüge und Töpfe. Die Gerölle selbst waren hier überwiegend grau und sehr flach, ideal zum Flitschen. Die Ausbeute war heute nicht besonders, bis auf ein Stück, das ich zuletzt aufhob. Ein Limonit, ein Braueisenstein, aber mit besonderer Struktur. Ich entdeckte im Querschnitt schon mit bloßem Auge, kleine kreisförmige Löcher. Ein Pflanzenfossil?
Wieder zurück zu Hause packte ich die Beute aus, um sie zu reinigen. Die Tonscherben waren noch da, aber der Limonit war nicht zu finden. Schade, gerade das so einzigartige Stück fehlte. Ich durchsuchte das Auto, die Tasche, nichts …
Heute morgen nun, kam ich zu der Stelle, wo ich die Stücke ausgepackt hatte und fand zu meiner großen Freude das etwa Zeigefinger-große Stück wieder. Es lag auf dem Stuhl, gut getarnt durch einen bräunlich gemusterten Untergrund, auf den ich meine Tasche gestellt hatte.
Stiftsplatz Kasierswerth, Rheingeröll, Limonit, Fotografie RW, 9. Juli 2020
Schutt
Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, jeden Tag am Rhein entlang zu gehen. Nach circa 2300 Schritten betrachte ich unter einem Zubringer der Rheinkniebrücke den Boden. Hier wächst kein Gras, hier liegt kein Sand, man hat wohl beim Bau der Brücke einen Schuttbelag aufgebracht. Kleinste Glas- und Porzellanscherben finde ich hier zwischen Split, Asche und Schlacke. Ich habe zunächst nur die Scherbchen mit blauer Musterung aufgehoben. Mit inzwischen etwa siebzig gesammelten Artefakten ist ein ganzer Atlas der blauen Porzellan- und Keramikdekore entstanden. Besonders ist, dass manche Stücke sehr alt scheinen, verbacken mit Schlacke und Glas. Stammen sie aus dem Kriegsschutt? Ich weiß, dass es auch in unserer Stadt mindestens einen Monte Klamotte gab, Schuttberge aus den Trümmermassen verursacht durch die vielen Bombenangriffe des zweiten Weltkriegs.
Die schöne Schale mit dem handbemaltem, kobaltblauem Dekor, von Generation zu Generation vererbt, wurde einst auf den sorgfältig gedeckten Tisch einer Düsseldorfer Familie gesetzt.
Ich habe zweimal bei meinen Sondierungsgängen den Boden fotografiert. Auf dem rechten Bild sah ich später einen weißen Knopf, auf dem linken Bild eine hübsche Scherbe mit rosa Dekor. Man muss nur genau hinschauen… Nun gebe ich zu, dass ich auch andere Scherbenfarben sammelwürdig fand. Sogar ein goldener Ring glänzte bei einem der ersten Gänge zwischen den rostigen Farben der Kronkorken auf, leider war er nicht echt, hab ihn aber trotzdem mitgenommen, um eben dies mit der Lupe zu prüfen.
Unter der Rheinkniebrücke, Fotografie RW 2020
Aufhocken
Das Artefakt zeigt auch als vom Fluss abgerolltes Fragment immer noch die Spur der menschlichen Hand. Der Ton wurde mit dem Finger gedrückt und gemuldet, um als Henkel eines Topfes seine Funktion erfüllen zu können. Wer weiß, wie alt das Stück ist – auf der innneren Seite sind noch Reste von Glasur zu sehen. Ich habe dieses schöne Exemplar nahe Kaub am Mittelrhein gefunden, dort wo der Pfalzgrafenstein sich mitten im Strom auf einer kleinen Insel erhebt. Nun sitzt heute dem Fragment ein zackiger Zwerg auf, ein sogenannter Kaktus-Amethyst aus Südafrika. Er hat einen deutlichen Kopf und trägt einen spitzigen Mantel. Besonders die komplementäre Farbgebung hat mich zu dieser temporären Begegnung bewogen.
Kaktus-Amethyst auf Henkelfragment, Fotografie RW 2020
Fund des Artefakts 2008, Erwerb des Amethysts 2004
Ein Märchen

Die steinalte Sophia sagte sich im Stillen, wenn ich noch dreiundzwanzig Jahre zu leben habe, kann ich mich glücklich schätzen. Also versuche ich, jeden Tag so zu leben, als wär’s mein letzter.
Es gelang ihr nicht, sie sorgte sich um dieses und jenes wie eh und jeh. Sie ließ sich ein wenig gehen, schlief viel und dachte um so mehr nach. Jetzt im Sommer setzte sie sich am hellen Abend mit einem Gläschen Wein und dem Buch der alten Bilder ans Fenster, schaute auf den Fluss hinaus und beobachtete, wie ein Amselvater in den Rheinwiesen sein riesiges Junges fütterte. Das Buch der alten Bilder hatte sie von ihrem Urgroßvater geerbt. Alle längst verstorbenen Verwandten darin schauten sie ernst aus ihren feierlichen Kulissen an. Die Lore ruft mich, hatte ihr Bruder gesagt und starb darauf hin ein halbes Jahr später.
Die Welt draußen war laut und windig. Sie sah die Schiffe, beladen mit blinkenden Schrotthaufen auf dem grauen Fluss vorbeifahren. Wenn die schräge Sonne die Fenster der Häuser auf dem anderen Ufer erfasste, leuchteten kurz sie auf, als wollten sie ein SOS senden. Dort drüben beobachtete sie auch, wie die Kräne im Industriehafen hinter den hohen Mauern von unsichtbarer Hand geführt die Positionen wechselten. Manchmal hörte sie polternd Metallstücke fallen.
Im Wintergarten zur anderen Seite hin widmete sie sich jeden Tag den Schätzen der Sammlung ihres Onkels, die sie ordentlich in vielen, beschrifteten Kästen aufbewahrte. Heute Morgen hatte sie ein besonderes Stück, einen eisenhaltigen Limonit vom Rheinufer betrachtet. Den hatte der Onkel vor vielen Jahren aufgehoben, weil der Stein genau so geformt war wie Aladins Wunderlampe.
Fundstücke vom Rheinufer, Fotografie RW 2020
Unsicheres Werk
Was suchte ich in den Ruinen von Emporion hoch über dem Golf de Roses. Ich fand einen Pferdezahn, eine Austernschale, eine Turmschnecke, ein Tuffstückchen (Opus reticulatum mixtum?) zwei Ziegelfragmente, zwei Boden-Mosaikstückchen aus weißem Marmor, ein Stückchen rötlich verputztes Mauerwerk, zwei Knochenfragmente, eine Schote vom Johannisbrotbaum.
Empúries, Katalonien, invertierte Fotografie RW, 2010/2020
Korrespondenzen XXXVI

JK hatte mir zur Lektüre «Eine Handvoll Anekdoten auch Opus incertum» von Hans Magnus Enzensberger empfohlen. Heute hab ich mir das Buch gekauft und als ich las, hat es mir ausnehmend gut gefallen, wie Enzensberger erzählt. Seine vielen, die Familie betreffenden Einträge haben mich besonders getroffen. Den einzelnen Anekdoten sind Fotografien aus dem Archiv der Famile Enzensberger beigefügt. Auf der Seite 116 sah ich das Bild des großen Handatlas von Andrees. Genau diesen Atlas habe ich, allerdings in vierter Auflage, von meinen Großeltern und Eltern geerbt. Im Herbst 2019 habe ich ihn als sprechenden Sockel für die Arbeit „Tisch für Rheingeröll“ eingesetzt. Auf ihm stehen nun drei glasierte Tonfiguren bestückt mit Steinen, die der Rhein über Jahrhunderte weit von ihrem Ursprungsort wegtransportierte.
«Eine Handvoll Anekdoten auch Opus incertum» von Hans Magnus Enzensberger, Suhrkamp 2020, Seite 116, Kartographische Vorlieben…
Mein Handatlas, Fotografie RW 2020
Siehe auch den Beitrag vom 21. Oktober 2019
Köstliche Sommertage am Rhein
Wir genießen den Sommer zu Hause, gehen in einem guten Restaurant im Bergischen essen und freuen uns danach über die herrliche Beerentorte im Garten der Freundin. Dazu trinken wir ein Gläschen Cremant und legen uns später zu einem Schläfchen nieder. Die Wolken hoch über dem Rheinturm formen auf Deubel komm raus die wildesten Figuren, dazu gibt es am Abend im Osten über dem Rheinturm einen roten Widerschein des westlichen Rots. Die Fledermäuse versuchen im letzten Tageslicht die Flüge der Mauersegler zu kopieren, schaffen es aber nicht.
Vorspeise Sashimi vom Saibling im Haus Stemberg, Beeren-Torte der Freundin, Fotografie RW Juni 2020
Urlaub

In den letzten Nächten haben wir von großen Reisen geträumt, sogar an einer Flugreise haben wir teilgenommen. Abenteuerlich landete die Maschine neben einer Flussmündung. Das Land war wüst und die Erde rötlich. Weiter ging es mit einem Schiff, das in engen Flusskurven zwischen den hohen Felsen Mühe hatte nicht zu kentern. Die vielen Menschen um uns herum waren fröhlich und wir verspürten keine Angst.
Aussicht im Odenwald, Fotografie RW, Sommer 2010
Jelängerjelieber
Das echte Geißblatt oder Jelängerjelieber ist eine wunderbare Pflanze, des Abends verströmt sie einen Duft, um Insekten anzulocken. Im Englischen heißt die Pflanze sehr treffend Honeysuckle. Die Blüten sitzen im Kreis zur Krone zusammen. Wie mit Federn geschmückte Hände neigen sich zueinander.
Ich denke sofort an das schöne Bild von Rubens in der Alten Pinakothek in München. Er malt sich mit seiner Verlobten Isabella Brant in der Geißblattlaube. Ihre Hände sind zum gegenseitigen Versprechen ineinander gelegt. Prominent am Zeigefinger der Braut steckt ein Diamantring, deutlich sieht man die frühe Schliffart, den Spitzstein, die Oberseite des natürlichen Oktaeders, vielleicht der Verlobungsring? Beide Handgelenke der Isabella sind mit Armbändern aus Achatgemmen geschmückt, die im Kleinen die Farben des Bildes wiederaufnehmen. Das Geißblatt mit vielen Blüten und auch schon ein paar Beeren umrahmt das Paar im oberen Teil des Bildes, eine einzelne Blüte zwischen ihren Köpfen fällt im Dunkel der Blätter besonders auf. Wie ein kleiner Hinweis zur Verbindung der beiden. Es ist bekannt, dass das Jelängerjelieber als ein Symbol für die Treue gilt.
Für JK, der heute Namenstag hat.
Jelängerjelieber im Garten meiner Freundin, Fotografie RW, 23. Juni 2020
Peter Paul Rubens, Rubens und Isabella Brant in der Geißblattlaube, 1609/10
https://www.sammlung.pinakothek.de/de/bookmark/artwork/A9xleZEMLW



