Reisen nach Koordinaten

Noch nie haben wir den Äquator überschritten, noch nie waren wir in Afrika. Einmal jedoch auf Sizilien in Siracusa (37° 5′ N, 15° 17′ O), da war uns bewusst, dass wir uns auf den Breitengraden von Afrikas Nordküste befanden. Auf dem 37. Breitengrad etwa liegt Tunis. Und noch viel südlicher waren wir in Havanna auf Kuba, mit dem 23. Breitengrad. (23° 7′ N, 82° 23′ W) Dies war auch unser westlichster Ort. Welcher war der östlichste? Zunächst dachten wir an Budapest mit den Koordinaten 47° 30′ N, 19° 3′ O.
Aber mit Blick auf die Karten wurde uns klar, dass es die griechische Kykladeninsel Naxos (37° 3′ N, 25° 28′ O) war, sehr schön – auch auf dem 37. Breitengrad …
Den Nullmeridian haben wir sehr häufig überschritten, in London, dort in der Sternwarte Greenwich seine Festlegung von 1884, bis hoch nach Yorkshire. Südlicher trafen wir ihn in der Normandie und in Katalonien …

Cephalopode mit Eisenrose, Collage RW 2020, Fotografie RW 2020

 

Orangenhain

Heute im Museum DKM, am letzten Tag der Ausstellung «Ein ganzes Leben für die Kunst» von Erwin Wortelkamp, trafen wir auf gemeinsame Vorlieben mit dem Künstler – die Malerei des Hans von Marées.
«Orangen für Hans von Marées» heißt Wortelkamps Bodeninstallation (2001) mit über 180 Kugeln, so groß wie die Zitrusfrüchte, aus Eisenguss oder Gips bemalt in Orange, Rot, Gelb und Braun. Ausgehend vom Geburtsjahr (1837) Hans von Marées‘ legt der Künstler jedes Jahr eine weitere Orangenkugel hinzu. 2020 müssten es also 183 Kugeln sein. Bei seinem Neapelaufenthalt besuchte Wortelkamp sicher die Fresken Marées‘ in der Stazione Zoologica Anton Dohrn. Der deutsche Zoologe Dohrn hatte in Neapel ein Forschungsinstitut (um 1873) für Meeresbiologie errichtet und Hans von Marées wurde beauftragt, einen Freskenzykus für die Bibliothek zu schaffen. Unter anderem L’aranceto mit den drei Lebensaltern. Vorbereitende Arbeiten und Skizzen dazu kennen wir aus Berlin und München.
Wir hatten das Glück, Erwin Wortelkamp am letzten Tag in der Ausstellung persönlich zu treffen und werden sicher bald in den Westerwald fahren, um seinen Skulpturenpark Im Tal zu besuchen.

Erwin Wortelkamp, «Ein ganzes Leben für die Kunst» Museum DKM, Duisburg
(bis 26. Juli 2020) «Orangen für Hans von Marées» gehört der Stiftung DKM.
Hans von Marées, L’aranceto. Fresco. Napoli, Stazione Zoologica Anton Dohrn , Bibliothek (1873)

Shakespeare und die 23

1972 unternahm ich als junge Kunststudentin eine erste größere Reise nach Großbritannien. Auch Stratford upon Avon war das Ziel. Bis heute kann man dort das Geburtshaus von William Shakespeare besichtigen. Das unscharfe Foto, mit einer einfachen Agfamatik gemacht, beweist, dass ich da war.
Angeblich ist Shakespeare am 23. April 1564 geboren, belegt ist das nicht, wohl sein Taufdatum vom 26. April. Gestorben ist er am 23. April 1616.
Die Lebensdaten von Shakespeare werden bei den Anhängern der 23 gern zurechtgebogen, um den Kult um ihn noch zu erhöhen. Gern möchte man, dass die 23 zweimal vorkommt. Was mich aber stutzig macht sind seine Jahreszahlen. Die Quersumme seines Geburtsjahrs 1564 ist 16 und sein Sterbejahr ist 1616.
Die Quersumme seines Sterbedatums 2+3+4+1+6+1+6 ist DREIUNDZWANZIG.

In Front of Shakespeare’s Birthplace, Fotografie MH 1972, Archiv RW

Wiederum ein Märchen

Als der Geschiebesammler vor etwa zehn Jahren am Niederrhein nach Maaseiern suchte, sah er direkt am Spülsaum im flachen Wasser etwas Goldenes glänzen. Mit dem Fuß befreite er das Stück von Sand und Geröll. Dann konnte er es greifen. Es war ein goldener Ring mit einem blassblauen Stein. Der Stein hatte kleine Abplatzer an den Facetten, das Gold war an der Oberfäche zerkratzt und die Ringschiene mit der Punze 585 hatte einen Riss. Er brachte ihn zum Fundbüro und gab eine Anzeige auf: Goldener Ring mit blauem Stein gefunden. Niemand meldete sich. Nach einem Jahr erhielt er den Ring zurück und nahm ihn mit zu einem Edelsteingutachter. War es ein Topas oder ein Aquamarin? Der Gutachter schaute sich den Stein unter dem Refraktometer an und bestätigte: Das ist ein Aquamarin. Dem Finder gefiel die Ähnlichkeit des Steinnamens zum Fundort am Fluss.
Er hat den Ring nie getragen, sondern seiner Großtante Sophia geschenkt, die ihn ebenfalls nie trug und ihn in ihrem Schmuckkasten versenkte.

An einem Wintertag vor dreiundzwanzig Jahren war eine Frau nachmittags in der Dämmerung am Rheinufer spazieren gegangen. Sie hatte ihre Handschuh vergessen und wegen der Kälte ihre Hände in die Manteltaschen gesteckt. Ihr war ein wenig grau zumute, wollte sich mit dem Taschentuch die Nase putzen und die Augen trocknen. Dann bückte sie sich, um aus dem dunklen Geröll einen besonderen Stein aufzuheben, der ein helles Kreuz aus feinen Quarzadern besaß. Das nehm ich als Zeichen, dachte sie. Wieder zu Hause angekommen, bemerkte sie, dass der goldene Ring an ihrer rechten Hand fehlte. Ich vermisse Dich nicht, sprach sie und legte den Stein vom Rhein auf die Fensterbank.

Goldener Ring mit Aquamarin auf der Fossilkalkplatte des alten Likörtischchens, Fotografie RW 2020

Spiegel


An Kilometer 708 des Rheins war ich heute wieder auf der Suche. Aber es war zu heiß, nach einer halben Stunde schon gab ich auf, brauchte dringend Schatten. Die Kiesel waren auch ziemlich verschlammt und mit Algen bedeckt, so dass das Entdecken besonderer Farben und Strukturen schwer fiel. Ungewöhnlich viele Muschelschalen und Krebspanzer fand ich. Ein noch fast vollständiger schwarzer Krebs lag zwischen den grauen Geröllen und viele weiße ausgebleichte Rückenschilde dazu. Aber einer leuchtete himmelblau, mit seiner Innenseite, wie ein kleiner Himmesspiegel.

In Monheim am Rhein, Fotografie RW 2020

Jungfer im Grünen

Was hat diese Blume für zahlreiche Namen. In einem schönen Garten hinter der «Burg» eines Dorfs der Südeifel hab ich sie zwischen ultramarinblauen Akeleien entdeckt. So heißt sie Jungfer im Grünen, ihr lateinischer Name ist Nigella damascena. Nigella wegen ihrer schwarzen Samen, die man wohl auch essen kann und damascena, weil sie wohl aus dem Raum von Damaskus über Venedig in unsere Breiten eingeführt wurde. Im Englischen heißt sie Love in a mist oder Miss Jekyll. Es gibt sie nicht nur in Himmelblau, sondern auch in Weiß und Rosa. Die zarten haardünnen Hochblätter unmittelbar unter der Blüte erscheinen mir wie ein Abwehrzauber, als wolle sie sich alle aufdringlichen Bewerber vom Leibe halten.

Nigella damascena in einem Eifeler Garten, Fotografie RW 2020

Jelängerjelieber zum Zweiten


Wie schön ist eine Datenbank. Auf ihr finde ich plötzlich eine Erinnerung wieder, die ich am 24. Juni in dem Beitrag zu Jelängerjelieber schon beschrieb, ohne, dass mir klar war, wann ich zuletzt vor der «Geißblattlaube» von Rubens in der alten Pinakothek gestanden hatte. Beim Suchen nach Daten war ich, eher per Zufall, auf den Ordner vom Jahresübergang 2007 zu 2008 gestoßen und fand die Museumswand im Rubenssaal. Das Foto ist vom dritten Januar 2008. Mich überfällt augenblicklich eine Rührung. Das Betrachten von Kunst gehört zu meinen schönsten Lebenszeiten. Wieviel Zeit ist seitdem vergangen – wir hatten sehr ausgelassen Silvester bei Freunden in Oberstdorf gefeiert und waren dann noch ein paar Tage in München geblieben.

Die Geißblattlaube, Fotografie RW, Januar 2008

Verrücken

Sylvin ist ein Mineral aus der Klasse der Halogenide, ein Kaliumchlorid. Es gehört zum kubischen Kristallsystem und bildet hier einen repräsentablen Untergrund für den Blick des Schuhsammlers.

Schuhsammler mit dem Mineral Sylvin, Papiercollage RW 2020, Fotografie RW 2020

Alla maniera italiana

Wieso kann Musik (Víkingur Ólafsson spielt Bach) ein Gefühl der Liebe auslösen, ohne dass man dies einem bestimmten Menschen widmet? Oder kommt die Freude über die Wunder der Natur hinzu und nur diese Kombination vermag das Gefühl zu evozieren?
Ich blicke jedenfalls aus meiner abgedunkelten Warte auf den hellen Rhein und weigere mich zu denken.

Neue Kombination eines opalisierenden Belemnitenfossils auf weißem Carrara-Marmor mit einem wasserklaren Carrara-Diamant, Sammlung RW, Fotografie RW 13. Juli 2020
Víkingur Ólafsson spielt  die Aria variata (alla maniera italiana) in A Minor, Johann Sebastian Bach