Souvenir d’un lieu cher

Beim nächtlichen Betrachten seiner Schätze überfiel den indischen Prinzen eine Traurigkeit, die er nicht beschreiben konnte. Er hatte die weiten Täler und tiefen Höhlen des Himachal Pradesh seit Jahren nicht mehr gesehen, aber unerfülltes Verlangen hieß sein Zustand nicht. Hier an seinem zweiten Lebensort, den er bei Clarens am Lac Léman in der Schweiz gefunden hatte, fühlte er sich seit 23 Jahren zu Hause. Am Abend noch blickte er lange über den dunklen See, in den Bergen hatte es geschneit. In der Dämmerung leuchteten die fernen Schneekuppen hellblau. Diesen Blick nahm er mit in die Nacht. Er erinnerte sich an Tschaikowsky, der in Clarens «Souvenir d’un lieu cher» geschrieben hatte, eine Musik, die seinem nächtlichen Fühlen genau entsprach.

Cabinet of Curiosities, Sammlung RW, Fotografie RW November 2020
Tschaikowsky: Méditation from Souvenir d’un lieu cher, Op. 42, Frühling 1878

23 Chromosomen

Meine Zahl ist auch die 23 und ich bin so glücklich, dass ich schon 1997 in einem viel älteren Bericht für mich entdeckte, dass alle Menschen 23 Chromosomenpaare haben. Diese sehr elementare Tatsache nahm ich damals in meine Sammlung zur 23 auf. Den Anlass für die Sammlung erträumte ich mir 1986 (Quersumme 24! siehe Link unten) in einem Urlaub am Gardasee. Ich erinnere mich noch genau, wie ich morgens aufwachte, an den Himmel des orangegelben Zeltes starrte und die Finger zu Hilfe nahm, um Buchstaben und Zahlen des Traumes einander zuzuordnen. Noch heute überfällt mich ein Schauer, wenn ich an seine eigentliche Botschaft denke und wie ich ihn als Zeichnung noch im selben Jahr in dem Katalog zu einer Ausstellung im Kunstpalast Düsseldorf veröffentlichen konnte.

Zeitungsausschnitt Soraya de Chadarevian, FAZ, Fotografie RW, September 2020 https://ruth23weber.de/dreiundzwanzig-texte/ oder mein Eintrag vom 13. Februar 2018

Präfix VER

Heute Nacht kam mir in einer Wachphase gegen vier Uhr das Bild Het Concert von Vermeer in den Sinn. Dieses wunderbare Gemälde wurde 1990 aus dem Isabella Stewart Gardner Museum in Boston gestohlen. Der Fall ist ist bis heute ungeklärt, der Verbleib des Bildes daher unbekannt. Wo hängt es nun, in einem geheimen Privatmuseum oder liegt es im Dunkel eines Tresors? Wie gern würde ich dieses Werk von Angesicht zu Angesicht sehen! Wie außerordentlich schade, dass es der kunstwissenschaftlichen Forschung nicht mehr zur Verfügung steht! Über den Namen des Künstlers Joannis ver Meer, Joannis van der Meer schweiften meine Gedanken im Halbschlaf ab, zur Silbe Ver – kam sie kürzend aus dem van der ? Und wie ist es im Deutschen? Was bedeutet das Präfix Ver ? Verarmen, Verändern, Verlieren, Verfallen, Verbergen, Vergehen, Verirren, Verwöhnen – meist impliziert es bei den Verben Verschlechterungen einer Entwicklung, zumindest Veränderungen in deren zeitlichem Ablauf. Eine Ausnahme erschien mir Verlieben zu sein oder Versprechen und Verschenken. So konnte ich mit meinen Nachtgedanken wieder zurück zu Vermeers Bild, indem sich alle drei wiederfinden – Malerei, Liebe und Musik, sich einander verlieben, versprechen und verschenken. (Wenn man von dem ernüchternden und ermahnenden Hinweis durch das Bild an der Rückwand hinter den Konzertierenden absieht: Dirck van Baburen malt die Die Kupplerin, die das Geld des Freiers für erkaufte Liebe und Musik entgegennimmt.) Verkuppeln, Verkaufen, Verprassen, Verachten, Verraten – hier schließt sich der Kreis: ich bin wieder bei dem schändlichen Kunstdiebstahl angelangt. 1996 durfte ich im Mauritshuis in Den Haag 23 der etwa 35 bekannten Bilder von Jan Vermeer sehen. Das Bostoner Bild war damals schon nicht mehr dabei.

Jan Vermeer, Het concert, 1665/1666, Öl auf Leinwand, ehemals Isabella Stewart Gardner Museum Boston, Verbleib unbekannt

Festlich und feierlich

Zweimal hatte die steinalte Sophia während des Gebets in der Vorabendmesse einen verstohlenen Blick auf die Hand ihrer Nachbarin werfen müssen. Ich kann nicht anders, das Funkeln der Diamanten blitzt mir so deutlich in die Augen, dass ich das Credo nicht konzentriert mitsprechen kann. Die Bänke in der Kirche waren spärlich besetzt. Abstände mussten eingehalten, Mundnasenschutz getragen werden und kein Lied wurde gemeinsam gesungen. Trotz aller Befürchtungungen um Ansteckung hatte Sophia sich heute zur heiligen Messe aufgemacht. Sie betrachtete die brennenden Kerzen und die vergoldeten Schnitzereien am Altar. Sie hörte das Orgelspiel und die schöne Stimme des Organisten zum Agnus Dei. Das Funkeln der Steine an der Hand der Nachbarin nehme ich nun als ein feierliches und festliches Lob.

Funkelnde Diamantringe im Dunkeln, Filmstills RW, 2020

Sichelmond

Ein Fest am Abendhimmel
ein großes Leuchten
eine präzise Ziffer
über dunklem Grund.
Nur für mich inszeniert.
Ich nahm es auf.
Ich war dabei.
Ich sah es.

Mondsichel am Abendhimmel über dem Rhein, Fotografie RW, November 2020

Dunkeldämmerung

Neuerdings werden die Abende zu lang. Schon um 17.20 Uhr ist es fast dunkel. Die Uhrzeiten entsprechen nicht mehr der Wahrnehmung von Tag und Abend. Als hätte irgendwer die Dunkelzeit um zwei Stunden verlängert. Blickt man jetzt hinaus zum Rhein, so gleiten Schiffslichter den schwarzen Fluss hinunter. Die mit Spinnweben behängten Strassenlaternen blaken im Dunkeln blass rotgelb, dazu zappeln die Neon-Jogger ihren Weg entlang, die Hunde sind mit bunt blinkenden Lichterketten ausgestattet. Das gefällt mir alles nicht, dachte die steinalte Sophia, aber vor den hellen Fernseher will ich mich vor acht Uhr noch nicht setzen. Sie begann den zu schnellen Lauf dieses langen, eigenartigen Jahres Monat für Monat durchzugehen. Das ist schließlich meine ureigene Zeit, sagte sie sich. So will ich zufrieden sein und mich von meinen Erinnerungen nähren, indem ich sie in Lichtbilder umwandle.

Drachenfiguren im Parc de la Ciutadella, Barcelona, Fotografie RW, 2015, invertiert und bearbeitet 2020

Wolkenzeiger

Um 9.30 Uhr einen schnellen Gang von 5000 Schritten am Rhein machen.
Um 11.30 Uhr einen wichtigen Brief per mail formulieren und abschicken.
Um 12.30 Uhr ein Bild zum Künstlerverein Malkasten bringen und als Nummer 23 regristriert werden.
Um 13.10 Uhr Reste des Sonntagsmahls aufwärmen und nach dem Essen eine Stunde schlafen.
Um 16.30 Uhr eine Mandarine zum Kaffee essen, dabei Bilddateien ordnen und bearbeiten.
Um 21.00 Uhr auf einer Projektionswand Geschichten um das englische Königshaus anschauen.

Wolke, die rückwärts zeigt, Fotografie RW, November 2020

Im Inneren


In den tiefen Stein wollte der indische Prinz seine feinen Entwürfe einzeichnen. Er unternahm zahlreiche Versuche, bis das Ergebnis ihn befriedigte. Er ließ eine spezielle Farbtinktur, die er mit Manganpigmenten, ein andermal mit Eisen anreicherte, in feinste mikroskopische Bohrungen einlaufen. Dort kristallisierten die Tinkturen und bildeten zarte Verästelungen. Er experimentierte mit gelbem Kalk, hatte sich dafür exklusiv Solnhofener Plattenkalk nach Mumbai kommen lassen. Auch zeichnete er in brasilianischen Bergristall, hatte verschiedene specimens aus Corinto durch seine Verbindungsleute in Minas Gerais angefordert.
Später ließ er die Steine in passende Stücke schneiden, teils polieren, andere ließ er roh. Zum Schluss kombinierte er nach der Art der asiatischen Gelehrtensteine suiseki einige beste Stücke, um seiner Arbeit einen würdigen Abschluss zu geben.

Dendritenquarz auf Dendritenkalk, Sammlung RW, Fotografie RW, 2020