Der Krähenmann


Am Rhein beobachte ich einen Mann, der beim Gehen öfter einmal stehen bleibt und sich dann vorsichtig umschaut. Bei ihm stets ein drahtiger Hund mit braunem Fell. Das Auffälligste aber ist, dass er von einem Schwarm lustiger Krähen begleitet wird, die zum Teil vorfliegen, zum Teil um ihn kreisen, zum Teil hinterhertrödeln. Mal landen sie auf dem Weg, mal haben sie sich zu mehreren zum Auffliegen verabredet, oder wenden und drehen sich in der Luft. Dabei rufen sie in einem fort, auffordernd und laut. Was ich vermutet habe, trifft dann auch zu: fühlt der Mann sich einen Moment lang unbeobachtet, greift er in die Tasche und wirft irgendetwas in die Luft. Das ist das Zeichen für die Vögel, in den Wiesen nach Krumen zu suchen.

Gouache von Martin Pletowski, 1984, Sammlung RW, Fotografie RW 2021

 

Kostbare Sammlungen


Der indische Prinz war sich durchaus bewusst, dass das Motiv seines Sammelns auch von Eitelkeit geprägt war. Die Aneignung der Schätze und ihr Präsentieren in nicht minder kostbaren Schränken und Vitrinen gaben ihm die Gewissheit, dass sich dadurch das Ansehen und die Wertschätzung seiner Person enorm steigern ließen. Die Farben der seltenen Exemplare seiner umfangreichen Granatsammlung liebte er so sehr – vom blutroten Pyrop über den rotvioletten Almandin bis zum Mandaringranat, eine Spessartinvariante in leuchtendem Orange, nicht zu vergessen der smaragdgrüne Uwarowit – und so dachte er bei sich: Ich lasse in dieser Farbpalette einen kostbaren Seidenstoff mit aufwendigem Dekor weben. Daraus werden Prunkgewänder geschneidert, die man zu gehobenen Anlässen tragen kann. Dicke Perlenstränge um den Hals, Diamantagraffen und Pfauenfedern auf dem Turban, an den Händen seltene zitronenfarbene und rosarote Diamanten in opulenten Ringen werden die Exklusivität des Gewandes noch steigern.
Dann hielt er plötzlich inne und wandte den Blick ab von der kostbar illuminierten Farbtafel eines altertümlichen Mineralienbuches.

Tulpen im März, digital bearbeitete Fotografie RW, März 2021

Es geht weiter

Es war sehr windig, als die steinalte Sophia sich heute einen Spaziergang am Rhein vornahm. Auf dem Deich stehend, wo es direkt hinunter zum Ufer ging, nahm eine Sturmböe ihr den Atem. Da wollte sie doch lieber zurück zur Platanenallee, gleich neben dem Deich. Hier beobachtete sie zwar auch heftig wirbelnde Baumkronen in den Vorgärten – besonders schön tanzten die Eiben und Thujen – aber der Wind war etwas schwächer. Auf dem grauen Boden der Straße sah sie eine winzige rosa Blüte. Woher hatte der Wind sie hergetragen? Etwa zweitausenddreihundert Schritte weiter entdeckte sie die Zierkirsche mit den roten Perlenknospen, den rosa Fünfblättchen, geschmückt mit zierlichen Krönchen. Blutrote Blattspitzen brachten noch ein wenig Drama in die delikate Szene.

Kirschblüte am Rhein, Fotografie RW, März 2021

sternenstaub

unsinnig zwischen tot und lebendig zu unterscheiden
alles ist
nach dem urknall in nukleosynthesen
geboren weiter bis in ewigkeit
UR MATERIE deuterium helium lithium
sich zu immer neuen verbindungen hochschwingend
bis zum pulsierenden atmenden
sauerstoff wasserstoff stickstoff kohlenstoff
bausteine des lebens immergleiche
auf dem planet der suchenden affen

Cassiopeia, Seite aus dem Sternenatlas, Fotografie RW, 6. März 2021

Tote Dinge zum Leben erwecken

Neulich habe ich mein kostbares Feueropalnüsschen aus Äthiopien in der Hand hin und her bewegt. Und das an einem sonnigen Tag Anfang Februar. Mit bloßem Auge und dann mit der Kamera des Smartphones verfolgte ich, wie die Farben im äußeren Feld wechselten, von Orange zu Grün und Rot, gegenüber blitzte zum Schluss ein kleiner eisblauer Punkt auf. Aus dem dunklen, opaken Kern der Nuss tauchte gleichzeitig ein leuchtender roter Funken auf, der sich manchmal verdoppelte, teilte und wieder verschwand.
Ich setzte das Filmchen ins Netz und ein Kommentar gefiel mir besonders gut: Es lebt.
Die Wahrnehmung des Betrachters kann demnach eine tote Materie als Lebendes sehen. Hier waren das Licht, die Farbe und die Bewegung die Kriterien für Leben.

Filmstill vom 9. Februar, Fotografie RW 2021

Infinity

To see a World in a Grain of Sand,
And a Heaven in a Wild Flower,
Hold Infinity in the palm of your hand,
And Eternity in an hour.

Die ersten vier Zeilen von «Auguries of Innocence»  von William Blake, geschrieben um 1803.

Pappelblüte am Rhein, 1. März 2021

Freude Freude Freude

Heute war die steinalte Sophia in ihrem Viertel eine Straße weit gegangen, um etwas frisches Brot zu kaufen. Als sie sich der Kirche näherte, dann den Markt überquerte, vorbei an dem schönen alten Blumenpavillon, sah sie, dass bei der feinen Parfümerie gegenüber die Türen offen standen. Da ging sie schnell hinein, obwohl ihre Haare nicht gekämmt, ihre lange Hose farblich nicht zur Jacke passte und der Saum am rechten Hosenbein herunterhing. Der freundliche Besitzer sprach sie gleich an und sie wusste auch sofort, was sie kaufen wollte. Da standen die schönen Parfums und Schampoos, die Cremes und Lacke nach Farben sortiert in den Regalen. Sie wählte ein besonders teures Parfum in einem weinroten Flakon, was unter anderem nach Rhabarber duftete. Sie spürte deutlich, wie eine Leichtigkeit in ihr aufstieg und sprach zu sich: Die Welt des Luxus ist mir ein wenig abhanden gekommen in diesen Zeiten. Wie anders fühlte sie sich, als sie den Weg nach Hause nahm. Am Rhein blühten gelbe Sträucher und das Licht war frisch.

Gelb blühender Strauch am Rhein, Fotografie RW, Februar 2021

 

Scrabble

Tein Zülpchen will ein Ilch sein
ENTZWEI
Tatz weiß ein Isschen mehr
ZWEI
Satz will ein Ratz sein
EI

Porzellanscherbe TZWEI und zwei Edelopale auf bemalter Tonplastik, Sammlung RW, Fotografie RW 2021