
Am Rhein beobachte ich einen Mann, der beim Gehen öfter einmal stehen bleibt und sich dann vorsichtig umschaut. Bei ihm stets ein drahtiger Hund mit braunem Fell. Das Auffälligste aber ist, dass er von einem Schwarm lustiger Krähen begleitet wird, die zum Teil vorfliegen, zum Teil um ihn kreisen, zum Teil hinterhertrödeln. Mal landen sie auf dem Weg, mal haben sie sich zu mehreren zum Auffliegen verabredet, oder wenden und drehen sich in der Luft. Dabei rufen sie in einem fort, auffordernd und laut. Was ich vermutet habe, trifft dann auch zu: fühlt der Mann sich einen Moment lang unbeobachtet, greift er in die Tasche und wirft irgendetwas in die Luft. Das ist das Zeichen für die Vögel, in den Wiesen nach Krumen zu suchen.
Gouache von Martin Pletowski, 1984, Sammlung RW, Fotografie RW 2021

Es war sehr windig, als die steinalte Sophia sich heute einen Spaziergang am Rhein vornahm. Auf dem Deich stehend, wo es direkt hinunter zum Ufer ging, nahm eine Sturmböe ihr den Atem. Da wollte sie doch lieber zurück zur Platanenallee, gleich neben dem Deich. Hier beobachtete sie zwar auch heftig wirbelnde Baumkronen in den Vorgärten – besonders schön tanzten die Eiben und Thujen – aber der Wind war etwas schwächer. Auf dem grauen Boden der Straße sah sie eine winzige rosa Blüte. Woher hatte der Wind sie hergetragen? Etwa zweitausenddreihundert Schritte weiter entdeckte sie die Zierkirsche mit den roten Perlenknospen, den rosa Fünfblättchen, geschmückt mit zierlichen Krönchen. Blutrote Blattspitzen brachten noch ein wenig Drama in die delikate Szene.


Heute war die steinalte Sophia in ihrem Viertel eine Straße weit gegangen, um etwas frisches Brot zu kaufen. Als sie sich der Kirche näherte, dann den Markt überquerte, vorbei an dem schönen alten Blumenpavillon, sah sie, dass bei der feinen Parfümerie gegenüber die Türen offen standen. Da ging sie schnell hinein, obwohl ihre Haare nicht gekämmt, ihre lange Hose farblich nicht zur Jacke passte und der Saum am rechten Hosenbein herunterhing. Der freundliche Besitzer sprach sie gleich an und sie wusste auch sofort, was sie kaufen wollte. Da standen die schönen Parfums und Schampoos, die Cremes und Lacke nach Farben sortiert in den Regalen. Sie wählte ein besonders teures Parfum in einem weinroten Flakon, was unter anderem nach Rhabarber duftete. Sie spürte deutlich, wie eine Leichtigkeit in ihr aufstieg und sprach zu sich: Die Welt des Luxus ist mir ein wenig abhanden gekommen in diesen Zeiten. Wie anders fühlte sie sich, als sie den Weg nach Hause nahm. Am Rhein blühten gelbe Sträucher und das Licht war frisch. 

